Titel: Hipp's neuester Schreibtelegraph.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1851, Band 121/Miszelle 1 (S. 234–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj121/mi121mi03_1

Hipp's neuester Schreibtelegraph.

Von den bis jetzt in Anwendung gekommenen elektromagnetischen Telegraphen haben die Zeiger-Telegraphen, bei denen ein Zeiger Buchstabe um Buchstabe auf einer das Alphabet enthaltenden Rundtafel anzeigt, den Vortheil daß sie ohne besondere Geschicklichkeit oder Uebung zu handhaben sind, weßhalb sie, trotz dem Uebelstand daß nur langsam auf ihnen telegraphirt werden kann, doch noch sehr viel im Gebrauch sind. Die Zeichen-Telegraphen, welche statt der Buchstaben mit besonderer, aus Strichen und Punkten zusammengesetzter Schrift die Worte auf einen Papierstreifen schreiben oder drucken. und unter denen der Morse'sche immer noch den ersten Rang behauptet, zeichnen sich, neben großer Einfachheit in der Construction, noch dadurch aus, daß sie viel rascher arbeiten. daß ferner die telegraphische Depesche auf Papier fixirt ist, und auch nachher noch abgelesen werden kann. Sie haben aber den Nachtheil, daß eine zweckmäßige Handhabung derselben natürliche Geschicklichkeit und viele Uebung erfordert, und zwar in dem Grade, daß schon manche darauf verzichten mußten die nöthige Fertigkeit auf denselben zu erlangen. Bakewells Copir-Telegraphen, die Ende vorigen Jahrs mit großem Lärm von Amerika in die Welt ausgingen, haben das bis jetzt nicht geleistet, was man anfänglich von ihnen erwartete. Die Fertigung der Originalschrift mit nicht leitender Dinte auf leitender Unterlage (Staniol) erfordert schon zu viel Mühe und zu viel Zeit. Da ferner in der Copie die Buchstaben nicht durch fortlaufende Linien, sondern nur durch parallel über einander gereihte kleine Striche gegeben werden können, so müssen die Buchstaben nicht unbedeutend groß seyn, wodurch die Schrift sehr erlangsamt wird. Ein weiterer Uebelstand liegt im Copirpapier; dieses wird nämlich mit einer Jodkaliumlösung getränkt, aus welchem durch die Elektricität, so oft der Strom hergestellt ist, Jod ausgeschieden wird, das dann mit der im Papier enthaltenen Stärke schwarze Striche gibt. Dazu ist nothwendig daß das Papier die Elekricität gut leite, also feucht sey, aber nicht naß, weil sonst die Buchstaben fließen und das Papier leicht zerreißt; hier nun den richtigen Grad von Feuchtigkeit zu erhalten, bietet weitere besondere Schwierigkeiten. Hr. M. Hipp, Uhrmacher und Mechaniker in Reutlingen, durch seine Chronoskope, welche den tausendsten Theil einer Secunde noch mit Genauigkeit angeben, dem Publicum längst rühmlich bekannt, hat diesem Uebelstand durch Einführung einer Glasfeder abgeholfen, welche die Depesche mit gewöhnlicher Dinte auf gewöhnliches Papier copirte (worüber im polytechn. Journal Bd. CXX. S. 103 Nachricht gegeben wurde). Es war dieß eine wesentliche Verbesserung des amerikanischen Copir-Telegraphen, ohne daß jedoch für die Geschwindigkeit dadurch etwas gewonnen worden wäre. Noch weiter zurück stehen in dieser Hinsicht die Druck-Telegraphen, mit welchen zwar die leserlichsten Zeichen gegeben werden können, da sie die Nachrichten mit gewöhnlichen Lettern abdrucken, vermittelst deren aber, da sie auf ähnlichem Princip beruhen, in keinem Fall schneller telegrapirt werden kann als mit dem Zeiger-Telegraphen.

Es kam nun darauf an, die leichte Handhabung des Zeichen-Telegraphen mit der Geschwindigkeit des Morse'schen und der bequemen Lesbarkeit des Schreib- oder Druck-Telegraphen zu verbinden. Diesen Anforderungen entspricht ein neuer, von |235| Hipp erfundener und bereits ausgeführter Schreib-Telegraph. Auf diesem wird durch Anschlagen von Tasten, die mit den einzelnen Buchstaben bezeichnet sind, telegraphirt, und gleichzeitig auf der andern Station von einer Feder mit gewöhnlicher Dinte und den Buchstaben des lateinischen Schreibe-Alphabets auf gewöhnliches Papier, das um eine Walze gelegt ist, geschrieben. Nach Morse's Angaben können seine Telegraphen 60, die Zeiger-Telegraphen dagegen nur 10 bis 15 Buchstaben in der Minute telegraphiren. Dagegen können durch Hipp's neuen Schreib-Telegraphen jetzt schon 120 Buchstaben in der Minute telegraphirt werden. Eine Geschwindigkeit die derjenigen des gewöhnlichen Schreibens gleichkommt, und nach der Construction des Apparats noch höher gesteigert werden kann. Die sinnreiche Maschinerie selbst, die sich übrigens ohne Zeichnungen nicht wohl näher beschreiben läßt, ist natürlich etwas complicirter als die des Morse'schen Apparats, aber die Handhabung derselben, das Telegraphiren ebenso wie das Ablesen, ist so einfach und leicht, daß jeder wie beim Zeiger-Telegraphen ohne alle Vorbereitung denselben gebrauchen kann. Dadurch eignet sich dieser Telegraph auch für geheime Nachrichten, da die eingeweihten Personen dieselben selbst geben und in Empfang nehmen können. Da der Telegraph in gewöhnlicher Schrift schreibt, so wird durch denselben, dem Morse'schen gegenüber, die Zeit des Abschreibens der telegraphischen Depesche erspart. Seine Einrichtung ist ferner der Art, daß man durch Einschaltung weiterer Schreibapparate dieselbe Depesche gleichzeitig in zwei oder mehr Exemplaren schreiben lassen kann. Ja es wäre sogar möglich ihn als Schreibmaschine zu benützen, wo man sich von einem Gegenstand schnell mehrere Abschriften machen will. Möge Hrn. Hipp diejenige Anerkennung werden, die eine so sinnreiche und so wichtige Erfindung verdient! (Allgemeine Zeitung, 1851 Nr. 229.)

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