Titel: Eine neue Seite der Natur; von Joh. Carl Leuchs.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1851, Band 121/Miszelle 10 (S. 397–398)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj121/mi121mi05_10

Eine neue Seite der Natur; von Joh. Carl Leuchs.

In meinem Handbuch für Fabrikanten und meiner Lehre der Aufbewahrung aller Körper (erste Auflage 1820, zweite 1829), wurde wiederholt darauf aufmerksam gemacht, welche wichtige Beobachtungen und Anwendungen aus der bekannten Thatsache abzuleiten wären, daß verschiedene Körper, namentlich aber poröse, eine große Menge verschiedener Luftarten in sich zu ziehen, in ihren Zwischenräumen aufzuhäufen und zu verdichten vermögen. In der That dürfte eine Mutter vielfacher Erscheinungen, eine Werkstatt der Natur in dieser einen Beobachtung zu finden seyn.

Mehr als 30 Jahre sind seitdem verflossen, aber nur wenige neue Beobachtungen sind in dieser Hinsicht gemacht worden, und noch ungleich weniger Anwendungen derselben haben das praktische Leben bereichert. (Wir erwähnen von diesen Döbereiners Zündlampe, auf die Sauerstoffanziehung des Platinstaubs gegründet, Schneiders Schwefelsäurefabrication, bei der die sauerstoffverdichtende Eigenschaft des Bimssteins benutzt wird.) Doch lassen sich viele bereits ahnen, andere mit Gewißheit ableiten.

Ein Kubikzoll Kohle zieht 9¼ Kubikzoll Sauerstoffgas, 35 Kubikzoll Oelgas, 40 Kubikzoll oxydirtes Stickgas, 90 Kubikzoll Ammoniakgas in sich, ohne daß dadurch ihr äußeres Ansehen, ihre mechanische Beschaffenheit die geringste Aenderung erleidet. Ein Kubikzoll Bimsstein 800; ein Kubikzoll Baryt 2000; ein Kubikzoll Platinstaub 1500 Kubikzoll Sauerstoffgas.

Aber ihre chemische Wirkung, oder wenigstens ihre chemische Nutzbarkeit muß dadurch eine Aenderung erlitten haben. Es ist natürlich, daß eine Maaß Kohlenpulver, die 9 Maaß Sauerstoffluft oder 90 Maaß Ammoniakgas enthält, in manchen Fällen anders wirken muß, als eine solche, die nicht mit dieser großen Menge eines fremden Stoffes geschwängert ist.

Und wenn ein poröser Körper die Fähigkeit hat so viel Luft einzusaugen, und unter den Luftarten zu wählen, d. h. von einer viel, von einer andern weniger aufzunehmen, eine dritte und vierte aber ganz abzustoßen, ist dann nicht der Schluß ganz vernünftig, daß alle porösen Körper diese Eigenschaft haben werden, oder richtiger gesagt, alle Körper überhaupt, da die Natur keinen Körper aufzuweisen hat der nicht Poren hätte, der nicht porös wäre, und der Unterschied bloß in dem „mehr oder weniger“ liegt.

Geben wir aber das zu, so haben wir hier ein noch unbebautes Feld zu zahlreichen Beobachtungen, zu wichtigen Schlüssen und Erklärungen.

Die Poren der Körper sind für das Auge des Chemikers eben so viel „Munde,“ durch welche die Körper andere Körper in sich aufnehmen, eine Aufnahme, die früher oder später irgend einen Zweck, irgend eine Wirkung haben muß.

Der Mund eines Thieres nimmt Nahrungsmittel auf, die, in den Verdauungswerkzeugen weiter verarbeitet, zur Ausbildung des Thieres dienen. Die Poren eines porösen Körpers, die z. B. den achthundertfachen Umfang einer Luftart in sich aufnehmen und verdichten, müssen von eben dieser verdichteten Luftart mit der Zeit Veränderungen erfahren, denn nichts ist in der Natur ohne Zweck und ohne Folge.

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Niemand, der die Berührungsfläche, welche die Wurzel einer Pflanze, eines Baumes mit den sie unmittelbar umgebenden Körpern hat, mit ihrem ungeheuren Bedarf an Feuchtigkeit und Nahrungsstoff vergleicht, wird wohl im Ernste glauben, daß zunächst an diesen Wurzeln so viel Nahrungsstoffe liegen können, oder, daß die durch den Boden sickernde Feuchtigkeit, so viel dahin führt, als die Pflanze, der Baum bedarf. Wo und wie der ungeheure Bedarf zugeführt wird, erscheint daher unerklärbar. Es ist aber leicht erklärbar, wenn wir uns die ganze Pflanze als ein mit lauter Poren erfülltes Gebilde denken. Diese Poren haben die Fähigkeit, nicht nur Luftarten und Dünste, in wahrscheinlich noch ungleich größerer Menge als es bis jetzt bei der Kohle, dem Baryt, dem Bimsstein beobachtet worden ist, einzuziehen, sondern sie ziehen vorzugsweise nur diejenigen an, die ihnen passend sind, und erregen, da in der Natur kein leerer Raum bestehen kann, eine fortwährende Strömung der Luftarten und Dünste nach ihren Zellen (Wurzeln, Blättern etc.), durch welche allein ihnen die Masse Nahrung zugeführt werden kann, deren sie bedürfen. Das mit Bewegung begabte Thier läuft seiner Nahrung nach, und erhält sie dadurch. Die unbeweglich an einen Ort festgebannte Pflanze hat in sich Organe, welche bewirken, daß ihr gleichsam die Nahrung zulauft. Nur dadurch ist die Möglichkeit ihrer Erhaltung gegeben. Wir wollen damit nicht sagen, daß diese Erscheinung nicht auch im Thierreiche stattfindet. Jedermann weiß, daß z. B. viele Thiere, wie Mäuse, Schafe und besonders alle in trocknen Hochebenen lebenden Thiere, den größten Theil des Wassers, dessen sie bedürfen, aus der Luft erhalten, durch Haare und Haut einziehen. Aber sie ist doch im Pflanzenreiche entschiedener ausgesprochen, und ohne sie könnte z. B. eine Eiche, tausend Jahre in demselben Boden festgebannt, auch wenn sie jährlich ihre Wurzeln weiter treibt, unmöglich die Masse von Nahrungsstoff finden, die sie zur Bildung von Millionen Blättern, Blüthen, Früchten verwendet.

Betrachten wir die Natur von dieser Seite, so erklärt sich manches, was bis jetzt mehr oder weniger dunkel war. So der Nutzen des Auflockerns der Erde, da diese dadurch poröser wird, und folglich im Stande ist mehr Luftarten in sich zu ziehen; der Nutzen des Brennens des Erdreiches — das ebenfalls die Poren und die Anziehungskraft der Erde für die Luftarten vermehrt, und bisher noch nicht genügend erklärt wurde, da die dabei stattfindende Zerstörung organischer Stoffe eher von Nachtheil zu seyn schien; der Nutzen der Beimischung von Thon zu den Brennmaterialien, zur Vermehrung der Hitze, da dieser Thon wahrscheinlich früher eingesaugte Sauerstoffluft von sich gibt, und dadurch die Hitze vermehrt; der Nutzen der (porösen) Hobelspäne bei der Schnellessigfabrication, da diese Späne wahrscheinlich Sauerstoffluft in großer Menge einsaugen, und diese dann an den mit Wasser versetzten Weingeist abgeben, daher die anfangs für nothwendig gehaltene Luftströmung bei der verbesserten Schnellessigfabrication in der That als entbehrlich befunden wurde; der Nutzen des öfteren Auskochens bei dem Bleichen der Leinwand, da die dadurch offener werdenden Poren der Fasern dann mehr Sauerstoff in sich aufzunehmen im Stande sind, der zur Zerstörung der farbigen Theile mitwirkt; der Nutzen der vielen Zellen und schwammigen Theile im thierischen Körper, und die Stoffumbildungen, die gerade in ihnen auf eine so einfache und merkwürdige Weise stattfinden, daß der Chemiker darüber staunen muß, der indessen vielleicht in einigen Jahrhunderten auch dahin gelangt, in künstlich gebildeten Zellen und Poren ebenfalls Stoffe verschiedener Art entstehen zu machen.

Selbst die Bildung von Metallen und Erden im Innern der Gebirge hat vielleicht, neben elektrischen Strömungen, auch ihre Erklärung in den Stoffeinsaugungen und Anhäufungen, die durch die hunderttausend Mäuler oder Poren der Felsen stattfinden. Die anscheinende Härte und Festigkeit derselben ist kein Hinderniß, denn trotz ihr bestehen Zwischenräume in Menge. Ist das Eichenholz, das Ebenholz nicht auch von außerordentlicher Festigkeit und Dichte, und bewegt sich nicht trotz dem der Saft des Baumes mit Leichtigkeit und Schnelligkeit durch dasselbe. (Leuchs' polytechn. Zeitung, 1851 Nr. 25.)

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