Titel: Kurzer Bericht über die Londoner Industrieausstellung; von Professor Dr. Bolley.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1851, Band 122/Miszelle 1 (S. 152–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj122/mi122mi02_1

Kurzer Bericht über die Londoner Industrieausstellung; von Professor Dr. Bolley.

1. Mercer's Behandlung der Baumwollfaser, um Gewebe daraus dichter und zum Zurückhalten der Farbstoffe geeigneter zu machen. John Mercer von Oakenshaw, Lancashire, stellte eine große Auswahl von Baumwollgeweben, glatten, gemusterten, gefärbten und gedruckten, aus, die sämmtlich theilweise in ihrem natürlichen Zustande belassen, zum andern Theil durch chemische Einwirkung in ihrer Dichte und Feinheit, sowie in ihrer Färbung verändert sind.

Das Patent, welches derselbe nahm, besteht, wie auf einem neben den Waaren befestigten Schilde zu lesen ist, darin, „daß Baumwolle und andere Faserstoffe der Einwirkung von Aetznatron von passender Stärke und passendem Wärmegrad ausgesetzt werden, wodurch sich die Faser zusammenzieht, so daß lockere Gewebe in stärkere und feinere verwandelt werden und zu gleicher Zeit die Fähigkeit erlangen, Farbstoffe durch Färben oder Aufdrucken leichter aufzunehmen und fester zurückzuhalten.“

Die Temperatur der Lauge ist Lauwärme und der Stärkegrad ist 30° des Baumé'schen Aräometers, wie der Verf. mit Sicherheit vernahm. Die ausgestellten Stoffe zeigen wirklich ganz auffallende Veränderung der Theile, die der Lauge ausgesetzt waren. Der Patentträger taucht z.B. weiße Calicots oder Strumpfweberwaaren in Eisenbrühen, um ihnen einen gelblichen Ton zu geben, dann bedruckt er oder weicht |153| gewisse Theile davon in die Lauge ein. Die von anhängendem Natron befreiten getrockneten Stücke sind sichtbar dichter und feiner als die nicht so behandelten Theile, und deutlich fällt an den gefärbten oder gedruckten die Gränze zwischen dem in Lauge gewesenen und dem andern Theil auf. Mercer soll Versuche gemacht haben, die ergeben, daß die eingetauchten Fäden mehr Tragkraft haben, als die nicht eingetauchten. Zu dieser in der Ausstellung Aufsehen erregenden Erfindung ist historisch zu bemerken, daß in Persoz's Handbuch des Zeugdrucks beim Capitel von der Pflanzenfaser zu lesen ist, daß Laugen verschiedener Concentration verschieden einwirken auf die Fasern, daß starke Laugen sie condensiren, und daß die Farben dann tiefer erscheinen. Mercer's Verdienst ist also nur die Generalisation und Anwendung dieses merkwürdigen chemischen Verhaltens. Auf die Ansichten Mercer's, daß sich eine Art Salz bilde oder Wasser ausgetreten und dafür Natron eingetreten sey, dürfte kein Gewicht zu legen seyn. Eigenthümlich bleibt, daß die Verdichtung der Faser auch nach Ausziehen des Natrons mittelst Schwefelsäure Stand hält. Daß die Farben dichter erscheinen, will man ganz einfach physikalisch erklären; wie man beim Anstrich durch zweimaliges Bestreichen tiefere Töne bekommt, so solle hier mehr Farbstoff auf einer gewissen Fläche zusammengehäuft werden. Allerdings scheint chemische Anziehung hier außer Betracht zu kommen, da das Verhalten allen Farbstoffen ohne Ausnahme gilt. (Die Beschreibung von Mercer's Patent und Grünne's Versuche über seine Behandlung der Gewebe wurden im polytechn. Journal Bd. CXXI S. 438 mitgetheilt. Die Redact.)

2. Alpacawoll- und Mohairverarbeitung von Walter Milligan und Sohn, Harden-Mills. Bingley. Der Aussteller gibt Muster von peruanischer Alpacawolle und von türkischem Ziegenhaar, im rohen Zustande, sortirt, gekämmt, als Vorgespinnst und Feingespinnst bis zum Einschlaggarn. Ferner eine große Reihenfolge von Geweben, daraus diejenigen, welche Grogram coatings, Alpaca-cord, Princettas, Albert-cords, Alpaca mixtures, Imperials u.s.w. benannt werden. Die gekämmten Mohairflocken haben einen wahren Seidenglanz, lange Haare, wenig kraus und gleichmäßig rund. Unter den Geweben zeichnet sich ein Stoff aus, den der Aussteller patent embroidered Alpaca nennt. Es ist keineswegs ein gestickter Stoff, sondern ein Alpacawollegrund und Mohaireinschlag. Letzterer ist mit der Broschirmaschine gemacht. Der Einschlag hat einen schönen Glanz und ist verschiedenfarbig. Die Farben sind aufgedruckt. Das Ansehen täuscht sehr. Jedermann würde es für im Faden gefärbt halten. Es sind Muster mit sieben und acht Farben da. Der Rapport der durch Weben hervorgebrachten Zeichnung und der Farben ist bewunderungswürdig. Es kann in dieser Art kaum etwas schöneres gemacht werden und wird, falls der Stoff selbst nicht etwa wegen seiner Schwere nur langsam Eingang findet, gewiß den jetzt stark in Aufschwung gekommenen verwischten Zetteldruck wohl bald aus dem Felde schlagen. Es geht die Absicht des Verf. dahin, mit dieser Notiz zu versuchen, aufzumuntern, ob nicht ein ähnliches Verfahren, d.h. Druck auf broschirten einfarbigen Einschlag, für Seidenstoffe anwendbar wäre.

3. Thomas Crabtree's Kardmaschine. Eine kleine höchst compendiöse Maschine von T. Crabtree in Godley Lane Mill bei Halifax arbeitet auf der Ausstellung. Sie wickelt Eisendraht von einer Spule ab, zerschneidet ihn, biegt ihn, durchsticht ein Lederband, setzt den Draht ein, schiebt den Lederstreif in vier verschiedene Stellungen der Breite nach, und bewirkt dessen Vorwärtsschreiten der Länge nach. Es soll in Rouen eine ähnliche Maschine in Gebrauch seyn, die hier ausgestellte aber genauer und behender arbeiten. Sie liefert in 10 Stunden 15 Yards fertigen Kardenbandes mit vier Häkchen in der Breite. Dieselbe wird geliefert zum mäßigen Preise von 40 Pfd. Sterl.

4. Zwei Riesenspiegel von geschliffenem Glase finden sich in der Ausstellung. Jeder davon ist 18' 8'' englisch hoch und 10' breit. Gefertigt sind sie bei Thomas Black, Glaswerke in Blackwall. Das Glas ist tadelfrei.

5. Neue Zeugdruckmaschine. Wichtig und gewiß Epoche machend in der Geschichte des Zeugdruckes ist die 1851 patentirte Cylinderdruckmaschine. John Dalton ist der Erfinder derselben; gemacht wird sie nur in der Werkstätte von James Houtson und Comp., Minshullstreetworks, Manchester. Dieselbe hat als Eigenthümlichkeit zwei große etwa 2 1/2 Fuß Durchmesser haltende Gutta-percha-Cylinder; an diese lehnen sich wie bei gewöhnlichen Walzendruckmaschinen die Modelcylinder |154| an, und zwar rechts zwei solche an den oberen, links zwei an den unteren. Das Stück Calico läuft in Form eines S um die beiden Gutta-percha-Cylinder, und wird am untern derselben auf der einen Seite, am obern auf der Rückseite mit zwei Farben bedruckt. Die Maschine eignet sich darum besonders für Nastücher etc., die auf beiden Seiten gedruckt werden müssen. Mit dem Gutta-percha-Ueberzug wird die Möglichkeit, eine sehr dicke Walze herzustellen, gegeben, die nicht die bekannten Schwierigkeiten mit sich bringt wie bei anderm Material. Es wird ferner ebenfalls wegen der Weichheit der umhüllenden Gutta-percha das Chassistuch ohne Ende erspart. Auf der obern Walze läuft nur ein leeres Calicostück mit, um zu vermeiden, daß die unten bedruckte Seite abfärbe und den Cylinder beschmiere. Der Theil des Apparats, der die Aufnahme der Farbe zu besorgen hat, hat nichts ungewöhnliches. Die bei der Maschine liegenden Muster sind ganz gelungen zu nennen. Es ist ausdrücklich verboten, eine Zeichnung davon zu nehmen.

6. Bücherdruck auf trockenem und geglättetem Papier. G. A. Buchholz ist im Begriff eine Buchdruckerpresse aufzustellen (Walzendruck), bei welcher die Form aus Gutta-percha gemacht ist. Er erläutert die Maschine durch Zeichnungen und legt ein gedrucktes Blatt vor, worauf in dreierlei Schrift und Holzschnittbildern der Grad der Leistungen der Maschine dargethan ist. Der Aussteller beschreibt das Verfahren folgendermaßen: Die Gutta-percha-Matrix wird von Metalltypen, Holzschnitten u.s.w. abgeformt und in die Cylinderpresse gelegt, worauf der Gutta-percha-Stereotypcylinder geformt wird, welcher innerhalb einer Viertelstunde zum Drucken bereit ist und durch den Gebrauch nicht abgenutzt wird. Die cylindrische Stereotypschnellpresse gestattet die Anwendung von trockenem, glattem und geglanztem Papier. Damit in Verbindung ist zugleich eine Falz- und Schneidmaschine. Die vorliegenden Proben haben zwar die Schärfe wie guter Letterndruck, allein wenn man genug Abzüge nehmen kann und alle so gerathen wie diese, so ist nicht zu läugnen, daß die Maschine schwierige Probleme der Technik des Bücherdrucks gelöst hat. Die Gutta-percha fängt an praktischer zu werden; man sieht übrigens in der Ausstellung sehr vielerlei Anwendungen, die man auf dem Continent noch nicht hat.

7. Legget's selbstschwärzende Buchdruckerpresse. Eine nicht unwichtige Partie der englischen Maschinenabtheilung in der allgemeinen Industrieausstellung machen die Buchdruckermaschinen aus. Die Buchholz'sche Maschine gehört schon hierher. Vor allen aus in die Augen fallend sind die großen Walzdruckmaschinen, z.B. die mit stehenden Cylindern, welche die London illustrated News im Ausstellungsgebäude selbst druckt. Diese zu beschreiben, würde tüchtige Zeichnungen nothwendig machen. Dagegen sind kleinere Maschinen für Buchdrucker da, welche, kleineren Geschäften dienend, und das alte Princip des Druckes mit ebener Form beibehaltend, als wesentliche Verbesserungen der gewöhnlichen angesehen werden können. So die genannte von Legget, in England patentirt. Sie besteht aus Wagen und Preßvorrichtung wie eine andere Buchdruckerpresse; an letzterer ist nichts besonderes Neues herauszuheben. Aber der Wagen ist etwas geändert. Es fährt nämlich nicht die Form aus, sondern der Tiegel mit dem Rahmen und Bogen. Dieselben legen sich durch eine eigene Führung in einer Curve, auf beiden Seiten des Wagengestelles angebracht, auseinander, so daß der Bogen erneuert werden kann. Während des Ausfahrens des Wagens läuft die Schwärzwalze über die Form und theilt ihr die Farbe mit. Beim Zurückgehen des Wagens bewegt sich die Walze über das Chassis und nimmt neue Farbe auf. Der Mechanismus ist einfach und gewiß nicht theuer. Das Geschäft des Druckers bleibt das gleiche in Bezug auf Leistung und Kraftaufwand, und unter den selfinking presses, wie mehrere in England patentirt sind, scheint diese sich besonders zu empfehlen. Die Maschine ist verfertigt bei Ransomes und May in Ipswich.

8. Tragbare Schmiede. Eine mehr compendiöse Feldschmiede, als die von Benj. Hick und Sohn, Soho Ironworks in Bolton, Lancashire, jetzt in London ausgestellte, wird schwerlich je gemacht werden. Sie verdankt Einfachheit und Zweckmäßigkeit der Ersetzung des Blasebalgs durch einen Windflügel. Der letztere, sehr klein, wird zudem mittelst einer kleinen Kurbel bewegt, es bedarf also der Tretvorrichtung nicht. Der Windflügel wird unmittelbar durch eine Saite, die über zwei Rollen geht, umgedreht.

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9. Als Adresse für feuerfeste Tiegel darf die von N. T. Deyeux in Liancourt (Frankreich) empfohlen werden. Derselbe stellt mehrere Sorten aus mit darin befindlichen Proben geschmolzenen Schmiedeisens, Nägeln u.s.w.

10. Eine lithographische Presse von Brisset, rue des martyrs, 13 in Paris, patentirt am 21. Juni 1850, unterscheidet sich von den gewöhnlichen Pressen dadurch, daß der Preßbalken, anstatt in der verticalen Ebene, in der horizontalen zurückgelegt wird. Das dem Drucker zugewendete Ende hat ein Oehr, in das ein Stift paßt. Der Stift sitzt auf einem verticalen Scheit, das durch einen Hebel mittelst des Fußtritts des Druckers niedergezogen wird. So wird dem Gefühl des Druckers eine Willkür in der Stärke der Pressung eingeräumt. Das hintere Ende des Preßbalkens sitzt auf einem runden verticalen Eisenstab und ist um diesen drehbar und mittelst Stellschraube verschiebbar, auf- oder abwärts. Der verticale Stab hat ein Scharnier, in dem er sich gegen den Drucker hinneigen kann, so daß beim Schluß des Preßbalkens und erfolgtem Tritt der Preßbalken etwas nach der vordern Seite hin gezogen wird. Die geringe schiefe Stellung desselben gegen den Stein wird durch eine Feder ausgeglichen, die auf den mittlern des in drei Stücke der Länge nach getheilten Preßbalkens aufdrückt und dadurch diesem genau horizontale Stellung ertheilt. Die Einrichtung ist darauf berechnet, dem System der passenden Theile die Unnachgiebigkeit zu benehmen.

An Ort und Stelle ist das Aufnehmen von Zeichnungen verboten, ohne Zweifel läßt sich, da die vorliegende Einrichtung patentirt ist, eine Zeichnung aus Frankreich erhalten; die kurze Beschreibung soll nur, was der Verf. überhaupt mit diesen Notizen bezweckt, das Neue andeuten und mit Hülfe der gegebenen Adressen weitere Nachforschungen möglich machen. (Schweizerisches Gewerbeblatt 1851, Nr. 12 u. 13.)

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