Titel: Ueber das preußische Zündnadelgewehr.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 123, Nr. XVIII. (S. 91–103)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj123/ar123018

XVIII. Das preußische Zündnadelgewehr.

Aus dem Practical Mechanic's Journal, Nov. 1851, S. 176.

Mit Abbildungen auf Tab. II.

Bald nach der französischen Revolution im Jahr 1830 wurde durch die Aussicht auf einen Continentalkrieg die Aufmerksamkeit auf die Verbesserung der Feuerwaffen hingelenkt. Um diese Zeit erfand Hr. Dreyse, der berühmte Zündhütchen- und Gewehrfabrikant zu Sömmerda in Preußen ein Gewehr, welches in Deutschland unter dem Namen Zündnadelgewehr bekannt ist, weil es durch Hineinstoßen einer kleinen Nadel in die zwischen der Kugel und dem Pulver befindliche Zündmasse abgefeuert wird. Obgleich jetzt veraltet, hat doch Dreyse's ursprüngliches System das Verdienst, schätzbaren Verbesserungen ein neues Feld geöffnet zu haben, und verdient daher eine nähere Beschreibung.16) Fig. 10 stellt den hinteren Theil dieses Gewehrs im Verticaldurchschnitt dar. A ist der Lauf, dessen Kaliber auf die letzten 2 1/2 oder 2 3/4 Zoll zur Aufnahme des Nadelmechanismus sich erweitert. Unmittelbar vor diesem erweiterten Theile sind zur Befestigung der Schwanzschraube B einige Schraubengänge in den Lauf geschnitten. Die Schwanzschraube ist aus Kanonenmetall. Der vor den Schraubengängen befindliche Theil der letztern ist cylindrisch und paßt genau in den Lauf, während der hinter den Schraubengängen befindliche Theil viereckig ist, um das Anlegen eines Schraubenschlüssels zu gestatten. Der vordere cylindrische Theil der Schwanzschraube ist so ausgebohrt, daß er eine Kammer zur Aufnahme des Pulvers bildet, und in der Mitte dieser Kammer befindet sich eine enge Röhre C zur Leitung der Nadel D, durch deren Bewegung aus der Röhre die Explosion der Zündmasse bewerkstelligt wird. Die Nadel ist mit dem Cylinder E verbunden, und dieser |92| enthält eine Scheibe F von solchem Durchmesser, daß sie sich in dem erweiterten Theile des Laufs frei rückwärts und vorwärts bewegen läßt. Ueber den cylindrischen Stift E ist zwischen die Scheibe F und die Schraube H, welche das Ende des Laufs verschließt, eine starke Spiralfeder G geschoben. Diese Feder drückt, wenn sie nicht gespannt ist, den andern Theil des Cylinders E gegen das Ende der Schwanzschraube, wo dann die Nadel ungefähr 3/8 Zoll aus der Mündung der Röhre C hervorragt. Die Kurbel I, welche die Stelle des Hahns vertritt, befindet sich in horizontaler Lage an der rechten Seite des Laufs. Indem man ihr eine halbe Drehung ertheilt, wirkt die mit der Kurbel excentrisch verbundene Fläche Schiene J durch einen Schlitz in der Seite des Laufs, auf die Scheibe F, bewegt sie zurück, zieht dadurch die Nadelspitze in die Röhre und drückt die Feder zusammen. An dem Ende dieser Bewegung schnappt eine mit dem Drücker verbundene Fläche Feder in den unteren Theil der Scheibe und hält die Spiralfeder zurück. Durch diese Bewegung der Kurbel wird der mit ihr verbundene Stift K, welcher durch die Schraube bis ins Innere des Laufes reicht, gleichfalls zurückgezogen, und dadurch das Gewehr zum Laden in Bereitschaft gesetzt. Die Patrone unterscheidet sich von der gewöhnlichen insofern, als sie nicht nur das Pulver und die Kugel, sondern auch die Zündmasse enthält. Ein cylindrischer Pfropf L aus Pappdeckel oder Papier und von etwas geringerem Durchmesser als das Innere des Laufs, ist an dem einen Ende zur Aufnahme der Kugel ausgehöhlt; an dem andern Ende enthält er eine Vertiefung, in welche die Zündmasse M zu liegen kommt. Der Pfropf wird in das Papier der Patrone geleimt, dann das Pulver eingeschüttet und das Papier wie bei einer gewöhnlichen Musketenpatrone gefaltet. Um nun das Gewehr zu laden, öffnet man die Patrone, und schüttet das Pulver von der Gewehrmündung aus in die Kammer, dann dreht man alles lose Papier ab und läßt den Pfropf mit der Kugel in den Lauf hinabgleiten. Nachdem die Kurbel nun in ihre ursprüngliche Lage gebracht worden ist, drückt der Stift K auf die Seite des Pfropfs und verhindert zugleich das Herausfallen der Kugel aus dem Lauf. Inzwischen ist die Nadel durch das Einschnappen der Flächen Feder zurückgehalten werden. Sobald man aber den Drücker anzieht, wird die Nadel durch die Spiralfeder vorwärts geschnellt, wobei sie in den Zündspiegel eindringt und ihn durch Friction entzündet.

Diese Erfindung scheint aus dem Bedürfniß entstanden zu seyn, die Unbequemlichkeit und den Zeitverlust zu vermeiden, der stets mit der besonderen Handhabung eines so kleinen Gegenstandes, wie das gewöhnliche Zündhütchen, verbunden ist; und es ist nicht zu läugnen, |93| daß sie diesen Zweck nicht nur vollständig erreicht hat, sondern daß es auch ein weit rationelleres System ist, die Zündmasse im Innern des Laufes in unmittelbarer Berührung mit dem Pulver zu haben und dieses durch das beinahe unfehlbare Mittel der Friction zu entzünden, als die Explosion durch einen Schlag in einiger Entfernung zu bewirken, und das Feuer durch einen engen Canal dem Pulver mitzutheilen. Dieses ist aber ziemlich Alles was zur Empfehlung des Systems gesagt werden kann. Um rasch laden und feuern zu können, wurde das große Princip eines gezogenen Laufs und einer genau in denselben schließenden Kugel geopfert; wie konnte man einen genauen Schuß thun mit einem Gewehr, dessen Kugel von so kleinem Durchmesser war, daß sie durch ihr eigenes Gewicht von der Mündung des Laufs bis zur Schwanzschraube herabsank? Einmal geladen, konnte das Gewehr nicht in die Ruhelage gebracht werden, und zeigte sich daher hinsichtlich der Sicherheit höchst mangelhaft.

Nach einer Reihe mühevoller und kostspieliger Versuche, worin er auf die liberalste Weise von der preußischen Regierung unterstützt wurde, brachte Hr. Dreyse ein für militärische Zwecke in der That brauchbares Zündnadelgewehr zu Stande, welches mit einem gezogenen Laufe versehen ist, an der Schwanzschraube geladen wird, und durch das rasche Feuern, die bedeutende Schußweite und die Genauigkeit des Schusses sich auszeichnet. Längere Zeit wurde über die Construction dieser Gewehre und die Einrichtung der Patronen ein tiefes Geheimniß beobachtet. Wenige Personen waren damit näher bekannt, obgleich in der preußischen Armee bereits ungefähr 50,000 Stück mit dem besten Erfolge eingeführt waren.

Die Hauptpunkte, welche bei der Construction eines wahrhaft zweckmäßigen und wirksamen Gewehrs ins Auge gefaßt werden müssen, sind folgende:

1) Das Gewehr muß einen genauen Schuß gestatten; deßwegen muß der Lauf gezogen und die Kugel auf das genaueste nach demselben geformt und in denselben eingepaßt seyn. Um aber Zeitverlust zu vermeiden, sollte dieses Einpassen nicht durch äußerliche Mittel, wie durch den Ladstock, sondern durch die Explosion der Ladung selbst geschehen.

2) Mit einem gewissen Pulverquantum muß die Kugel die größtmögliche Geschwindigkeit erlangen. Deßwegen sollte nicht nur die Kugel so beschaffen seyn, daß sie von der Luft den geringsten Widerstand erfährt, sondern die explosive Gewalt der Ladung, d.h. des Pulvers und der Zündmasse, sollte ganz auf die Forttreibung der Kugel verwendet |94| Die Handhabung des Gewehrs muß vollkommen sicher seyn. Es sollte unmöglich seyn, dasselbe mit einer stärkeren Ladung zu versehen als es auszuhalten vermag, oder es zu laben, ehe die beweglichen Theile des Schlosses in eine solche Lage gebracht sind, daß sie nicht auf die Zündmasse wirken können, oder bevor die letzte Ladung abgefeuert oder herausgezogen ist. Aus diesem Grunde sollte es auch sehr leicht seyn, den Hahn in Ruhe zu setzen.

4) Das Gewehr sollte nicht leicht schmutzen. Da aber das explodirte Schießpulver stets einen Rückstand läßt, so sollte im Innern des Gewehrs ein Raum seyn, wo dieser Rückstand sich ansammeln kann, ohne der Wirksamkeit des Gewehrs Eintrag zu thun.

5) Das Gewehr sollte so construirt seyn, daß es mit der größten Leichtigkeit und Geschwindigkeit in jeder Lage des Körpers, stehend, sitzend, liegend, geladen werden kann. Ein Ladstock sollte daher überflüssig seyn. Pulver, Zündmasse und Kugel sollten einen Körper bilden, welcher mit wenigen leichten Bewegungen der rechten Hand in den Lauf gebracht werden kann.

6) Die Reinigung und Reparatur sollte leicht und wohlfeil auszuführen seyn.

7) Das Gewehr sollte bei gehörig vertheiltem Gewichte so leicht seyn, als es mit seiner Sicherheit und Wirksamkeit sich verträgt.

8) Die Anfertigung der Patronen sollte mit keiner Gefahr oder Schwierigkeit verbunden seyn.

Ein Gewehr, welches alle diese Bedingungen erfüllt, dürfte wohl der Vollkommenheit nahe kommen; es mögen daher die bezeichneten Punkte bei der Beurtheilung der in Rede stehenden Erfindung als Richtschnur dienen.

Fig. 11 zeigt das für den Militärdienst bestimmte neue Zündnadelgewehr 17) im Längendurchschnitte. Das Gewehr ist in der |95| Ruhelage und geladen dargestellt. A ist der Schaft; B der Lauf, welcher bei a conisch gedreht und bei b mit Schraubengängen versehen ist. Innen ist dieser Theil des Laufs zur Aufnahme der Patrone C eilt wenig erweitert. Der Lauf ist in eine starke, sehr genau ausgebohrte Röhre oder Hülse D geschraubt. Diese Hülse ist oben mit einem ungefähr 4/10 Zoll breiten Schlitz c versehen, welcher sich von hinten bis zu dem Punkte e erstreckt. Aber zwischen den Punkten d und e ist so viel von der Hülse weggeschnitten, daß dadurch für die Aufnahme der Patrone eine längliche Oeffnung entsteht. E ist ein Cylinder, welcher sehr sorgfältig nach dem inneren Durchmesser der Hülse D ausgebohrt ist, worin er mit möglichst geringer Reibung gleitet. Dieser Cylinder, welcher eigentlich die Schwanzschraube des Gewehrs bildet, enthält alle übrigen beweglichen Theile des Schlosses mit Ausnahme des Drückers. Oben ist der Cylinder E mit einer prismatischen Hervorragung f und einer Handhabe g versehen, mit deren Hülfe er in der Hülse D rückwärts oder vorwärts bewegt gegen den conischen Theil des Laufes B geschlossen werden kann. Die Bewegung der Länge nach wird bewerkstelligt, indem man die Handhabe g in senkrechter Lage hält, und den Theil f in dem Schlitze c zurückzieht, wodurch die zwischen d und e befindliche und zum Laden dienliche Oeffnung frei wird. Um im Gegentheil diese Oeffnung zu schließen und die conische Mündung des verschiebbaren Cylinders E mit dem Ende des Laufs in Berührung zu bringen, muß die Handhabe so weit wie möglich vorwärts gestoßen und dann nach der rechten Seite des Gewehrs herunter gedreht werden. Bei dieser in der Abbildung dargestellten Lage schließt sich der hintere Theil der Hervorragung l an eine schwach geneigte Ebene, welche den Rand der Ladeöffnung bildet. Es erhellt aus dieser Beschreibung, daß die Hülse D genau genommen keinen andern Dienst zu verrichten hat, als den Cylinder E in seinen Bewegungen zu leiten und ihn, nachdem er gegen den Lauf gedrückt worden ist, sicher und fest an seiner Stelle zu erhalten. Der Cylinder E ist ausgebohrt; die Bohrung hat jedoch stellenweise verschiedene Durchmesser. Die Ausmündung dieses Cylinders ist conisch, so daß sie an das conische Ende des Laufs, wie das Ventil auf seinen Sitz paßt, nur daß noch ein kupferner oder messingener Ring zwischengeschoben ist, welcher gewaltsam gegen die hintere |96| Fläche des Laufs gedrückt wird, und somit eine dichte Fuge bildet, selbst wenn die conischen Flächen in Folge der Ausdehnung des Metalls durch die Wärme, die Gasentweichung an dieser Stelle nicht vollständig verhindern sollten. Die conischen Theile des Laufs und des Cylinders E, sowie der erwähnte Ring müssen möglichst genau auf einander passen. Hinter dem Ring i befindet sich in dem Cylinder E ein Raum k, die sogenannte Hinterkammer. Sie dient zur Aufnahme des Pulverrückstandes und zugleich als Behälter zur Aufnahme einiger Luft, welche durch ihre Elasticität den Rückstoß des Gewehrs erleichtert, und zugleich der Kugel einen weiteren Impuls ertheilt, indem sie in Folge der Explosion stark erhitzt und daher ausgedehnt wird. In das Innere der Hinterkammer ragt von einer Scheidewand des Cylinders E die Nadelführung I, eine dünne Röhre. Sie ist von außen viereckig, um mittelst eines kleinen Schlüssels in den Theil E geschraubt werden zu können. Der hinter der Scheidewand befindliche Theil des Cylinders E enthält eine andere hinten geschlossene, vorn aber offene Röhre F, das sogenannte Federrohr, worin die Spiralfeder, die Nadelstange n mit der Nuß o und der Nadel p liegen. Die untere Seite des Federrohrs ist zum Theil flach gefeilt und mit einem Schlitz versehen, worin die beiden unteren Zähne der Nuß o vor- oder rückwärts gleiten, je nachdem die Spiralfeder zusammengedrückt oder freigelassen wird. Der größere Theil der oberen Seite ist gleichfalls flach, wodurch in Verbindung mit einer kleinen Aushöhlung an der oberen Seite des Inneren des Cylinders E Raum gewonnen wird für eine Feder r, welche den Zweck hat, das Federrohr F in den verschiedenen Lagen, die es etwa annimmt, zurückzuhalten. Die Feder r ist unten flach, oben abgerundet, und wird vermittelst eines Hakens und Stiftes an dem vorderen Theile des Federrohrs festgehalten; weiter hinten, gegen das Ende des Schlosses, ist sie mit zwei Haken s versehen, welche in einer Vertiefung im Inneren des Cylinders E wirksam sind; ihr hinteres Ende aber ist bei v aufwärts gebogen, so daß es über die Hülse D hervorragt. Dieser Theil der Feder r ist durch eine Hervorragung w des Federrohrs gegen Beschädigungen geschützt. Die Hervorragung v kann mit dem Daumen der rechten Hand niedergedrückt, und wenn dieses geschehen ist, so kann das Federrohr unabhängig von dem Cylinder E herausgezogen werden, soweit dieses eine kleine Schraube und ein Schlitz gestattet. Ein ähnlicher Schlitz mit einer Schraube verhindert den Cylinder E weiter aus der Hülse herauszuziehen, als nöthig ist um die Ladeöffnung aufzumachen. Die Spiralfeder sollte stark genug seyn, um ein Gewicht von ungefähr 16 engl. Pfunden (13 bayer. Pfunden) zu tragen, auch |97| sollte sie etwas länger seyn, als der Raum zwischen dem engen Theil des Federrohrs F und der Nuß o, wenn die letztere nicht durch den Einfallhebel x zurückgehalten wird, sondern vermittelst des Messingringes y mit der Scheidewand des Cylinders E in Berührung ist. Mit andern Worten, die Feder sollte so lang seyn, daß sie nicht ohne einige Gewalt in ihre Kammer gebracht werden kann; in dieser wird sie nach Zurückziehung des Federrohrs dadurch zurückgehalten, daß der an dem vorderen Theil der Flächen Feder r befindliche Haken in den oberen Zahn der Nuß o greift. Der Einfallhebel x dreht sich um einen kleinen in einer Vertiefung des Cylinders E befindlichen Stift, und nimmt daher an den Bewegungen des letzteren Theil. Um diesen Hebel mit einem der unteren Zahne der Nuß o in Eingriff zu bringen, ist eine kleine Feder z an ihn genietet. Der Mechanismus des Drückers bedarf keiner besondern Erläuterung, indem er aus der Abbildung hinreichend deutlich ist.

Wenn das Gewehr in seiner Ruhelage (Hahn in Ruhe) sich befindet, und der Rand f des Cylinders E mit der Schulter e in Berührung ist, so sind sämmtliche Theile in der durch die Abbildung dargestellten Lage, mit Ausnahme der in dem Federrohr befindlichen Theile; denn die Spiralfeder ist noch nicht gespannt, die Nuß o ist vermittelst des Ringes y mit der Scheidewand des Cylinders E in Berührung und der dünnere Theil der Nadel p ragt aus der Führung I hervor. Man fasse nun das Gewehr mit der linken Hand an der Stelle, wo Lauf und Hülse zusammenstoßen, halte es in horizontaler Lage rechts vom Körper, wie wenn man ein Zündhütchen auf die Warze eines gewöhnlichen Percussionsgewehres setzen wollte, und führe folgende Manipulationen aus:

1) Man drücke die Feder r nieder, indem man den Daumen der rechten Hand auf die Hervorragung v legt, und ziehe das Federrohr F so weit wie möglich heraus. Beide Haken s, s werden alsdann auf der äußeren Seite des Cylinders E sichtbar.

2) Man mache den Theil E mittelst eines kräftiges Schlages der rechten Hand gegen den Knopf der Handhabe g los und ziehe ihn so weit als es geht durch den Schlitz c der Hülse D zurück, wodurch die Ladeöffnung zwischen d und e frei wird.

3) Man nehme die Patrone zwischen den Daumen und die beiden Vorderfinger und schiebe sie an die gehörige Stelle in den Lauf.

|98|

4) Man schließe die Ladeöffnung, indem man die Handhabe g vorwärts schiebt und dann mit mäßiger Kraft nach der rechten Seite drückt.

5) Man schiebe das Federrohr F ganz in den Cylinder E hinein.

6) Man schultere das Gewehr, oder mache sich fertig, lege an und feure. Soll nicht sogleich gefeuert werden, so schiebe man das Federrohr nur so weit zurück, bis der erste der Haken s in die Vertiefung des Cylinders E greift, ziehe dann den Drücker und schiebe endlich das Federrohr ganz an seinen Platz. Diese Bewegung bringt das Gewehr „Hahn in Ruhe,“ so daß es nicht losgehen kann.

Um das Gewehr zu laden, ohne die Absicht zu haben unmittelbar darauf Feuer zu geben, ziehe man das Federrohr nur so weit heraus, daß der vordere Haken s in diejenige Lage kommt, welche in der Abbildung der hintere Haken einnimmt, und vollführe die Bewegungen 2 bis 5. Will man das Gewehr ganz schußfertig machen, so ziehe man das Federrohr so weit wie möglich zurück, so daß beide Haken s frei werden, und schiebe es vollends an seinen Ort. Jede der genannten Manipulationen von 1 bis 5 kann leicht in einer Secunde vollbracht werden, nur die sechste erfordert etwas längere Zeit. Bei keiner dieser Bewegungen ist die geringste Gefahr zu befürchten; denn die Handhabe kann nicht losgemacht, mithin auch die Ladeöffnung nicht geöffnet werden, bevor das Federrohr und mit ihm die Nadel zurückgezogen ist, und das Federrohr mit der Nadel kann nicht eher ganz an seinen Ort geschoben werden, als bis der Cylinder E ganz an die Hülse schließt. Mit andern Worten, man kann das Gewehr nicht laden, während der die Explosion veranlassende Mechanismus wirksam seyn kann, und man kann es nicht abfeuern, so lange irgend eine der mit dem Laden verbundenen Bewegungen noch zu vollbringen ist. In gespanntem Zustande geht das Gewehr sehr leicht los, weil es alsdann durch den Einfallhebel x gehalten wird, indem dieser in den vorbersten von den unteren Zähnen der Nuß o greift, welcher gerade und glatt ist; aber der zweite Zahn ist unter einem solchen Winkel geschnitten, daß es unmöglich ist, der vereinigten Kraft der Spiralfeder und der Feder z gegenüber, ihn auszulösen, ohne den Hacken des Einfallhebels abzubrechen.

Fig. 12 stellt das nämliche Gewehr mit etwas verändertem Mechanismus weder geladen noch gespannt dar. A ist der Schaft, B der Lauf, welcher bei a conisch zuläuft und bei b in die Hülse oder Röhre D geschraubt ist. Diese Hülse ist mit einem länglichen rectangulären Schlitz c und einer Ladeöffnung versehen, die sich jedoch nicht an der |99| oberen, sondern an der unteren Seite zwischen d und e befindet; der Schlitz konnte in der Abbildung nicht sichtbar gemacht werden, weil er sich unten an der rechten Seite der Hülse befindet. Das Gewehr wird demnach von unten anstatt von oben geladen, und um die Einschiebung der Patrone an dieser Stelle zu erleichtern, ist eine Vertiefung h aus dem Schaft geschnitten. Der verschiebbare Cylinder E, welcher die Stelle der gewöhnlichen Schwanzschraube vertritt, ist ungefähr eben so wie in Fig. 11 eingerichtet, er braucht jedoch nicht so lang zu seyn und läßt sich leichter anfertigen. Er hat in seinem Inneren feine Vertiefungen zur Aufnahme einer Feder, die wie in Fig. 11 mit Haken versehen ist, er kann sogar mit dem Federrohr F aus einem Stück verfertigt werden. Die hinter e befindliche prismatische Hervorragung f, welche den Zweck hat, den verschiebbaren Cylinder an die geneigte Ebene oder Schulter der Hülse anzuschließen, ist an der unteren Seite von E angebracht, und an diese Hervorragung ist eine krumme Platte g geschraubt oder genietet, welche durch einen in dem Schafte an der rechten Seite der Hülse befindlichen Einschnitt in die Höhe geht, und als Handhabe zur Bewegung des verschiebbaren Cylinders dient. Der hintere Theil des Federrohrs ist durch eine Schraube I geschlossen, welche in der Mitte durchbohrt ist, um der Nadelstange n den Durchgang zu gestatten, wenn diese beim Spannen des Hahns zurückgezogen wird. Besteht das Federrohr nicht aus einem Stück mit dem verschiebbaren Cylinder, so muß es mit dem letzteren durch eine kleine Schraube t verbunden werden. Die zwei unteren Zähne der Nuß o, in welche der Haken des Einfallhebels x einzugreifen bestimmt ist, sind eben so wie in Fig. 11 beschaffen; dieses ist auch mit dem ganzen unteren Theile des Federrohrs der Fall. An jeder Seite der Nuß o befindet sich ein Zahn, mit dessen Hülfe die Nuß und die Nadelstange zurückgezogen und somit die Spiralfeder zusammengedrückt werden kann, wenn das Gewehr „Hahn in Ruhe“ gebracht oder ganz gespannt werden soll. Der Mechanismus zur Ausführung dieser Bewegungen besteht aus einem an der äußeren Seite der Hülse angebrachten Ring L, einer Scheibe K und zwei flachen Stäben, welche an ihren vordern Enden mit Haken versehen sind und in die erwähnten Zähne der Nuß o greifen. Um diese Stäbe zwischen den verschiebbaren Shell E und das Federrohr F zuzulassen, sind die Seiten des letzteren durchaus flach und vorn mit Schlitzen versehen. Der Mechanismus des Drückers ist wie in Fig. 11 beschaffen.

Nachdem man das Gewehr in die linke Hand gefaßt hat, führe man folgende Manipulationen aus:

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1) Man lege den Vorderfinger der rechten Hand in den Ring L und ziehe die Radelstange n und die Nuß o in die Ruhe oder bis zur völligen Spannung zurück.

2) Man mache den Theil E durch einen kräftigen Schlag mit der rechten Hand gegen die untere Seite der ringförmigen Handhabe los, und ziehe ihn so weit wie möglich zurück.

3) Man nehme die Patrone zwischen den Daumen und die beiden Vorderfinger und stecke sie durch die Ladeöffnung in den Lauf.

4) Man schließe die Ladeöffnung und schiebe das Spanngestell hinein.

5) Man schultere das Gewehr, oder mache sich zum Anschlagen fertig und feuere. Beim ersten Anblick möchte es scheinen, als ob es schwieriger und folglich zeitraubender sey, die Patrone von unten statt von oben einzuschieben; in der Wirklichkeit ist dieses jedoch nicht der Fall. Die Vertiefung h in dem Schaft leitet die Patrone und die Finger so gut, daß die Ladeöffnung nicht verfehlt werden kann. Beim Laden von unten kann daher das Object mit den Augen sicherer fixirt werden; auch ist der vordere Theil des verschiebbaren Cylinders gegen äußere Beschädigungen, z.B. gegen Säbelhiebe, in einem Handgemenge besser geschützt u.s.w. Die Art des Spannens gibt diesem Gewehr hinsichtlich der Zeitersparniß einen kleinen Vortheil dem Fig. 11 abgebildeten Gewehr gegenüber; dagegen erfordert die sichere und rasche Handhabung desselben mehr Uebung.

Die Patrone, welche die Pulverfüllung, die Zündmasse und das Spitzgeschoß enthält, ist in Fig. 13, das Spitzgeschoß selbst in Fig. 14 dargestellt. Das letztere ist vorn zugespitzt; sein hinterer Theil aber ist cylindrisch und von solchem Durchmesser, daß er gerade das Caliber des Gewehrs ausfüllt. An dem cylindrischen Theile befinden sich drei Ringe, welche so weit hervorragen, daß sie die innere Fläche der in den Lauf geschnittenen Züge überall berühren. In Folge dieser Construction verhindert das Geschoß bei seinem Durchgang durch den Lauf nicht nur jeden Verlust des aus dem Pulver entwickelten elastischen Gases, sondern erlangt auch auf das vollkommenste jene rotirende Bewegung um seine Achse, welche zu seiner Leitung während seines Fluges so wesentlich ist. Vermöge seiner Zuspitzung bietet es aber der Luft den geringsten Widerstand dar. Was die Anzahl der dem Lauf zu gebenden Spiralrinnen (Züge) betrifft, so sind vier genügend; doch sollten sie gerade die Hälfte der inneren Fläche des Laufs einnehmen, also |101| einen halben Drall bilden, weil sonst das Geschoß abspringen könnte. Die Zündmasse der Patrone besteht aus einer Composition von Knallquecksilber18), welche in eine kleine Fläche Kapsel von dünnem Kupferblech eingeschlossen ist. Um die Kapsel genau in der Mitte der Längenachse der Patrone zu erhalten, so daß sie sicher von der Spitze der Nadel getroffen wird, befestigt man sie durch einige Schläge mit einem hölzernen Hammer in ein Loch, das in die Mitte eines ungefähr 1/15 Zoll dicken Spiegels von Pappdeckel oder Holz geschlagen wurde, welcher mit dem cylindrischen Theil des Geschosses gleichen Durchmesser hat.

Die Patronen werden auf folgende Weise angefertigt. Man schneidet dünne Papierbögen, die jedoch eine feste Textur besitzen, in kleine Quadrate, und bildet aus ihnen mit Hülfe eines eisernen Cylinders und Anwendung von Leim Hülsen 1 1/2 Zoll lang und so weit, daß das Geschoß gerade hineinpaßt. Man schneide nun Scheiben von gleichem Durchmesser aus und leime sie in das eine Ende der Hülsen, so daß sie Böden von der einfachen Pappscheibendicke bilden. In diese Papierhülsen schütte man zuerst das Pulver, decke auf dieses die Pappdeckelscheibe mit der Zündmasse, und setze endlich das Geschoß darauf. Die Hülse wird an das Geschoß befestigt, indem man einen Baumwollenfaden zwischen dem ersten und zweiten Ring um das Papier knüpft. Zuletzt schneidet man alles über den ersten Ring der Kugel hervorstehende Papier weg und schmiert die Außenseite der Patrone mit heißem Talg oder einer Mischung von Talg und Schweinefett. Patronen, auf solche Weise angefertigt, können ohne Nachtheil monatelang an feuchten Orten aufbewahrt und ohne alle Gefahr gehandhabt werden.

Untersuchen wir nun, ob das Zündnadelgewehr alle oben ausgesprochenen Bedingungen erfüllt.

1) und 2) Der Erfahrung gemäß ist der Schuß mit diesem Gewehr sehr genau und wirksam. Da bei dem Geschoß die richtigen Verhältnisse genau beobachtet sind, so folgt es den Spiralrinnen (Zügen) ohne aus diesen auszuspringen; dasselbe formt sich von selbst nach dem Lauf einzig durch die Explosion des Pulvers, und da zu seinen Seiten |102| kein Gas entweichen kann, so stiegt es mit besonderer Kraft und Geschwindigkeit seinem Ziele zu. Da ferner das Pulver an seiner vordersten Stelle entzündet wird, so kann kein Körnchen unverbrannt entweichen, während bei der gewöhnlichen Methode das Pulver von hinten zu entzünden, eine gewisse Quantität unvermeidlich ohne zu verbrennen herausgeschossen wird.

3) Allen in diesem Paragraphen bezeichneten Bedingungen entspricht das Gewehr Fig. 11 und eben so die Modifikation Fig. 12 in vollem Maaße.

4) In der Hinterkammer k befindet sich ein expreß zur Aufnahme des Pulverrückstandes dienlicher Raum. Der Lauf wird durch das Geschoß selbst rein erhalten, indem dieses bei seiner Fortbewegung die innere Fläche überall berührt und allen Schmutz entfernt.

5) Die Geschwindigkeit und Leichtigkeit, womit dieses Gewehr geladen werden kann, steht unübertroffen da.

6) Das Federrohr mit Zugehör, und eben so der die Schwanzschrauben ersetzende verschiebbare Cylinder kann zum Behuf der Reinigung durch einfaches Abschrauben einer kleinen Schraube herausgenommen werden. Was die Abnützung anbelangt, so sind ihr keine anderen Theile des Schlosses, wenn sie nur von Anfang an gut gearbeitet sind, unterworfen, als der Ring i und vielleicht die Spiralfeder; beide können augenblicklich herausgenommen und mit sehr geringen Kosten durch neue ersetzt werden.

7) Das Gewehr wiegt nicht mehr als 10 1/4 engl. Pfd. (8 Pfd. 9 1/2 Loth bayer.), und dieses Gewicht ist auf eine zweckmäßige Weise vertheilt.

8) Aus obiger Beschreibung erhellt, daß die Anfertigung der Patronen weder mit Gefahr noch mit Schwierigkeiten verbunden ist.

Es wird nicht nöthig seyn, auf alle einzelnen Vortheile speciell hinzuweisen, welche das Zündnadelgewehr für militärische Zwecke darbietet. Die in der preußischen Armee gemachte Erfahrung spricht für diese Erfindung besser als ganze Bände theoretischer Deductionen. Im preußischen Dienste führt jeder mit dem Zündnadelgewehr ausgerüstete Soldat 120 Patronen, nämlich 40 oder 60 in dem Tornister und die übrigen in zwei Patronenbüchsen, welche zu beiden Seiten des Körpers an den Säbelriemen befestigt sind. Beim Feuern in ununterbrochener Linie stehen die Soldaten nicht weiter auseinander, als wenn sie mit gewöhnlichen Musketen bewaffnet wären; beim Tirailliren jedoch stellen |103| sie sich acht bis zehn oder mehr Schritte von einander auf. Im letzteren Falle sind sie angewiesen, sich durch jedes in ihrem Wege befindliche Object zu decken und nie zu feuern, ohne aufs Korn zu nehmen; feuern sie im Liegen, so pflanzen sie ihre kleinen Säbel in den Boden und benutzen den Quergriff zum Auflegen des Gewehrs. Alle Exercitien mit diesem Gewehre sind äußerst vereinfacht, und jede Sorgfalt ist darauf verwendet, den Soldaten zu einem guten Schützen zu machen, der vollkommen fähig ist, alle durch die Vorzüge dieses Gewehres dargebotenen Vortheile zu verwirklichen.

|91|

Sämmtliche Figuren sind in der Hälfte der natürlichen Größe gezeichnet.

|94|

Man verdankt die Erfindung desselben dem Hrn. Dr. L. Kufahl in Berlin; für England wurde sie am 11. Januar 1850 auf den Namen des Hrn. Sears in London patentirt. Am 26. Februar 1850 ließ das brittische Artilleriecollegium die erste Reihe von Versuchen mit diesem Gewehr zu Woolwich von einem dazu gewählten Prüfungsausschuß anstellen, über deren glänzenden Erfolg damals die englischen Zeitungen berichteten. Das 1 1/2 engl. Unzen (2,43 Loth bayer.) schwere Spitzgeschoß lieferte mit bloß 2 1/4 Drachmen (nahezu 1 bayer. Quentchen) Pulvers – die Hälfte der gewöhnlichen engl. Musketenladung – bei einer Visirschußweite |95| von 400 Yards (486 Militär-Schritte) ein Resultat, wie es mit keinem bisherigen Gewehr erreicht werden konnte. Um die größte Schußweite der Zündnadel-Muskete zu erfahren, feuerte man einmal ein Geschoß über die Themse bei Gravesend ab, eine Entfernung von mehr als einer engl. Meile (1138 1/2 Schritte).

|101|

Der Satz für die Percussionszündung der preußischen Zündnadelgewehre soll gegenwärtig folgender seyn:

4Loth chlorsaures Kali,
2 – Schwefelantimon,
1 – Schwefelblumen,
1Quentchen feines Kohlenpulver

werden mit ein wenig Gummiwasser oder Zuckerwasser angefeuchtet, worauf man noch fünf Tropfen Salpetersäure zusetzt.

A. d. Red.

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