Titel: Ueber die Anwendung des Salzes zur Viehfütterung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 123/Miszelle 11 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj123/mi123mi01_11

Ueber die Anwendung des Salzes zur Viehfütterung.

Im polytechn. Journal Bd. CXIV S. 224 wurde ein Circular des französischen Handelsministeriums, die Anwendung des Kochsalzes in der Landwirthschaft betreffend, mitgetheilt, welches die Anleitung dazu enthält. Der Nutzen des Salzes als Zusatz für das Viehfutter wird darin als noch keineswegs erwiesen betrachtet, und das Gouvernement fordert die Oekonomen zu entscheidenden Versuchen über diese wichtige Frage auf. Auch nach den neuesten Verhandlungen des Agriculturraths von Belgien soll der Nutzen der Salzfütterung sehr zweifelhaft seyn. Dieß veranlaßt uns auf die bezüglichen Bemerkungen von J. Liebig in der dritten Auflage seiner „chemischen Briefe“ (Heidelberg bei C. F. Winter 1851) aufmerksam zu machen, weil sie die vorliegende Frage aufhellen und die Widersprüche lösen, welche die seither gemachten Erfahrungen anscheinend darbieten.

Im 27sten seiner „chemischen Briefe“ führt Liebig zunächst aus, welche große Bedeutung das Salz für den Lebensproceß der Thiere hat, und weist sofort auf die Versuche hin, welche von Boussingault über die Verwendung des Salzes zur Viehfütterung angestellt wurden (polytechn. Journal Bd. CVII S. 304). Nach demselben blieb der Zusatz von Salz zum Futter ohne Einfluß auf den Fleisch-, Fett- oder Milchertrag; aber, sagt Boussingault, „das Salz schien auf das Ansehen und die Beschaffenheit der Thiere eine günstige Wirkung zu haben; nach den ersten 14 Tagen bemerkte man zwischen den beiden Losen (jedes von drei Stieren) keinen bemerklichen Unterschied, aber im Laufe des darauf folgenden Monats war der Unterschied im Ansehen selbst für ein wenig geübtes Auge offenbar; bei den Thieren beider Lose zeigte das Befühlen eine feine, markige Haut, aber die Haare der Stiere, welche Salz bekommen halten, waren glatt aufliegend und glänzend, die der andern matt |80| und in die Höhe stehend. Mit der Verlängerung dieses Versuches wurden die Kennzeichen noch hervorstechender. Bei den Thieren des zweiten Loses, welche während eines Jahres kein Salz bekommen hatten, war das Haar durcheinander und die Haut war hie und da nackt und ohne Haare. Die des ersten Loses hingegen behielten das Ansehen von Stallthieren; ihre Lebhaftigkeit und häufige Anzeichen des Bedürfnisses zu bespringen stachen auffallend ab gegen den trägen Gang und das kalte Temperament, welche man an den Thieren des zweiten Loses wahrnahm. Es ist kein Zweifel, fährt Boussingault fort, daß man für die Stiere, welche man unter dem Einflusse des Salzes erzogen hatte, auf dem Markte einen vortheilhafteren Preis erhalten haben würde.“

„Diese Versuche,“ setzt nun Liebig weiter hinzu, „sind in hohem Grade lehrreich. Bei den Stieren, welche nur so viel Salz empfangen hatten, als im Futter enthalten war, war diese Salzmenge unzureichend für den Secretionsproceß; einer Menge von Stoffen, die außerhalb des Körpers Ekel erwecken, fehlte das Transportmittel; ihr ganzer Körper, das Blut. Fleisch und alle Säfte waren damit angefüllt; denn die äußere Haut ist der Spiegel für die Beschaffenheit des Innern. Die andern Stiere, welche täglich Salz bekommen hatten, blieben selbst in der ihrer Natur sehr wenig entsprechenden Lebensordnung, der sie ausgesetzt waren, bei einem Uebermaß von Nahrung und Mangel an Bewegung, gesund, ihr Blut blieb rein und geeignet für alle Zwecke der Ernährung; sie empfingen mit dem Salze ein mächtiges, in den gegebenen Verhältnissen unentbehrliches Mittel des Widerstandes gegen äußere Störungen ihrer Gesundheit. Der Körper der andern war in Hinsicht auf Krankheiten einem Herde gleich, angefüllt mit dem leicht entzündlichsten Brennmaterial, dem nur ein Funke fehlte, um in Flamme auszubrechen und verzehrt zu werden.“

Das Salz wirkt nicht fleischerzeugend, sondern es hebt die Schädlichkeit der Bedingungen auf, welche sich in dem unnatürlichen Zustande der Mästung vereinigen müssen, um Fleisch zu erzeugen, und es kann der Nutzen seiner Anwendung nicht hoch genug angeschlagen werden.“

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