Titel: Ueber Weinveredlung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 123/Miszelle 7 (S. 166–167)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj123/mi123mi02_7

Ueber Weinveredlung.

In der jüngsten Vorstands-Versammlung der Trier'schen Localabtheilung des landwirthschaftlichen Vereins für Rheinpreußen, kam ein Gegenstand zur Sprache, dessen Bedeutung für die Weinbau-Bezirke gar nicht zu hoch angeschlagen werden kann. Um der Versammlung Gelegenheit zu geben, über den Werth oder Unwerth der von Dr. Gall empfohlenen Weinveredelungsmethode32) zu urtheilen, wurden nämlich drei, mit Nro. 1, 2 und 3 bezeichnete Weinproben zur Prüfung vorgesetzt. Nach Verkostung dieser Weine wurde von sämmtlichen Anwesenden, zwölf an der Zahl, worunter mehrere Weingutsbesitzer, den Proben Nr. 1 und 3 einstimmig und unbedingt der Vorzug vor Nr. 2 zuerkannt und eben so einstimmig Nr. 3 der Probe Nr. 1 vorgezogen.

Dr. Gall theilte hierauf mit:

1) Nr. 2 sey unveredelter 1848er Saarwein, aus einer der vorzüglichsten Lagen von Wiltingen, wofür erst vor wenigen Tagen 130 Thlr. per Fuder, ohne Faß, gefordert, und 120 Thlr., die ein renommirter Weinhändler dafür geboten, ausgeschlagen worden seyen;

2) Nr. 1 und 3 aber seyen 1850r Weine, ebenfalls von Wiltingen, aber aus einer der schlechtesten, an den Canzemer Berg gränzenden Lage; diese Weine seyen im December v. J., nicht etwa von einem armen Winzer, sondern von einem reichen Gutsbesitzer zu 20 Thlr. per Fuder, also zu ihrem wahren damaligen Handelswerth, gekauft und nach seiner, Gall's Methode, durch nochmaliges Gährenlassen, unter Zumischung entsprechender Zuckerlösungen veredelt worden;

3) durch die Veredelung sey:

a. der Weingeistgehalt beider Proben (1 u. 3) von 3 3/4 Proc. auf 8 1/4 Proc. erhöht.

b. der Säuregehalt dagegen von 11 8/10 pro Mille in dem Weine Nr. 1 auf 7 1/2, in dem Weine Nr. 3 aber auf 7 pro Mille reducirt worden;

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4) die Probe Nr. 2, unveredelter 1848r, enthalte nur 4 3/4 Proc. Weingeist, hingegen über 9 1/2 pro Mille freie Säuren; endlich

5) die veredelten Weine kämen ihrem Eigenthümer bis zum heutigen Tage 60 bis 63 Thlr. das Fuder (872 Quart) zu stehen, würden aber nur etwa 42 Thlr. gekostet haben, wenn zu deren Aufbesserung Fruchtzucker (Kartoffel-Stärke-Zucker) statt Melis hätte verwendet werden können.

Nach diesen Mittheilungen wollte ein verehrliches Mitglied – ohne in Abrede zu stellen, daß der veredelte 1850r durchaus reinschmeckend und lieblicher und feuriger, als der 1848r sey – dennoch gefunden haben, daß letzterer mehr Weingeschmack habe. Insofern dieß Geschmackssache eines Einzelnen ist, läßt sich darüber nicht streiten. Im vorliegenden Falle dürfte aber, ganz abgesehen von der großen Majorität von eilf Stimmen gegen Eine, das Urtheil jener um so wahrscheinlicher den allgemeinen Geschmack der Weintrinker repräsentiren, als sämmtliche Anwesende auch der Probe Nr. 1 die Probe Nr. 3 vorgezogen hatten, welche, durch ihren um 1/2 pro Mille geringern Säuregehalt, in der That den quantitativen Verhältnissen, in welchen Weingeist und Säure in den besten Weinen zu einander vorkommen, ganz nahe kommt, Während der 1848r (Nr. 2) durch seinen geringen Weingeist- und übermäßigen Säure-Gehalt sich am meisten davon entfernt.

Wenn nun aber der veredelte 1850r jetzt schon, nachdem er kaum ein Jahr alt ist, sehr gutem 1848r vorgezogen wird, so weiß jeder Weinkenner auch, wie sehr derselbe Während seiner, jetzt erst eintretenden Entwickelungs-Periode an Güte noch zunehmen wird. Besonders aber zum Verschneiden älterer Weine – was, bei der herrschenden Vorliebe für junge Weine, einmal nicht zu umgehen ist – werden die nach einem richtigen Verfahren veredelten Weine, vermöge ihrer mit Feuer gepaarten Lieblichkeit, einen weit größern Werth haben, als Weine von der Beschaffenheit der 1848r und 1849r.

So viel darf, nach dem Mitgetheilten, jedenfalls als ganz ausgemacht angesehen werden, daß durch eine rationellere Behandlung des Mostes (oder des jungen Weines) selbst in den schlechtesten Jahren, wie 1850 und 1851, ein dem 1848r wenigstens gleichkommender Wein dargestellt werden kann. Ist dem aber so, welche wirksamere und schnellere Aufhülfe für die Saar- und Mosel-Winzer – und zugleich für den Hochwald und die Eifel, die den Kartoffelzucker zur Aufbesserung des sauren Mostes liefern könnten – wäre dann wohl denkbar, als man sich von der möglichst allgemeinen Anwendung der in Rede stehenden, durchaus naturgemäßen Weinveredelungsmethode versprechen dürfte? Alle andern Verbesserungen im Weinbau, wie wünschenswerth sie auch bleiben, müssen neben der Möglichkeit, stets, welches auch der Reifegrad der Trauben seyn möge, gute verkäufliche Weine zu produciren, als unbedeutend erscheinen.

Sollten daher, wenn noch irgend ein Zweifel, etwa an der Haltbarkeit, der veredelten Weine besteht, nicht von dem landwirthschaftlichen Verein ohne Zeitverlust Einleitungen getroffen werden, um, unter genauer Controle, einige Fuder 1850r und 1851r Weine nach der angegebenen Methode veredeln und einige Jahre unter sicherem Verschluß aufbewahren und alljährlich den Befund, nach dem Urtheil einer unparteiischen Prüfungscommission öffentlich mittheilen zu lassen?

Noch ist es Zeit, uns einen neuen Industriezweig – den der Veredlung geringer Weine – zu erhalten, dessen sich sonst der Norden, mit seinem regern Unternehmungsgeist und seinen Fruchtzucker-Fabriken, sicher in Kurzem bemächtigen wird. (Beiblatt zum Trier'schen Anzeiger, 1852 Nr. 2).

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In der Schrift: „Ueber Darstellung sehr guter Mittelweine aus unreifen Trauben.“ Trier, bei F. A. Gall.

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