Titel: Ueber Gebrechen und Uebelstände der bestehenden dampfconsumirenden Apparate; von Carl Kohn, Civilingenieur.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 123/Miszelle 1 (S. 243–245)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj123/mi123mi03_1

Ueber Gebrechen und Uebelstände der bestehenden dampfconsumirenden Apparate; von Carl Kohn, Civilingenieur.

Fast in allen Fabriken, in denen Dampf zur Verrichtung verschiedener Manipulationen verwendet wird, kann jeder unbefangene sachverständige Beobachter Gebrechen und Uebelstände wahrnehmen, welche theils in der Art den Dampf zu erzeugen und fortzuleiten, theils in der Benützung der abgehenden Dämpfe ihren Grund haben. Das Vorkommen solcher Uebelstände kann aber nicht überraschen, wenn man den gewöhnlichen Vorgang bei der Anlage und dem Bau der Dampf erzeugenden und consumirenden Apparate näher ins Auge faßt.

In der Regel hängt schon die Wahl der Form des Dampfkessels, sowie seiner Dimensionen, von dem zufälligen Wunsche des Fabrikherrn oder von dem Gutdünken des die Fabrik einrichtenden Ingenieurs ab; und es wird selten schon beim Beginne der Anlage darauf hingearbeitet, die Größe der Feuerfläche der Dampfkessel mit der bei den einzelnen Manipulationen benöthigten Dampfmenge und mit dem für diese Dampfmenge erforderlichen Wasserquantum in ein richtiges Verhältniß zu bringen. Die natürliche Folge dieses zufälligen, ohne bestimmte Anhaltspunkte gewählten Größenverhältnisses der Dampfkessel, ist die schon bald nach dem Beginne der Fabrication fühlbare Unzulänglichkeit der Dampferzeugungsapparate, welchem Mangel man durch die neuerliche Aufstellung eines oder noch mehrerer Kessel abzuhelfen sich bemüht, und so kommt es, daß man oft statt der ursprünglichen 2 Dampfkessel, 4, 6, 12, ja selbst 16 Dampfkessel von je 12 bis 24 Pferdekräften in einem Kesselhaus unterbringen muß, deren sämmtliche Feueressen in den ursprünglich erbauten Schornstein zusammengeführt werden. Nickt weniger unsicher und willkührlich ist die Art der Einmauerung des Kessels, die Bestimmung der Anzahl der durch die Kessel gelegten Feuerröhren, sowie die Anordnung der Hauptdampfleitungsröhren mit ihren Absperrvorrichtungen. Bedenkt man aber, daß die Menge des zur Erreichung eines bestimmten Zweckes verwendeten Brennmaterials, nicht nur von der vortheilhaftesten und zweckmäßigen Benützung des Brennmaterials selbst und somit von der Einmauerung des Dampfkessels, sondern auch von dem richtigen Verhältnisse der Dampfspannung zu der gewünschten Leistung abhängt, so wird man zugeben müssen, daß in allen diesen Richtungen sichere Anhaltspunkte fehlen und leider auch nicht gesucht werden.

Schreiber dieses deutete auf diesen Umstand bereits in einer (im polytechnischen Journal Bd. CXX S. 233 aufgenommenen) Miscelle unter dem Titel: Kleine Dampfkessel mit sehr hohem Druck hin, und indem er sich erlaubt hier denselben Gegenstand in Erinnerung zu bringen, will er sich vorläufig darauf beschränken, einen sehr oft vorkommenden Fehler der gewöhnlich im Gebrauch stehenden Absperrvorrichtungen und ein nicht minder wichtiges und nachtheiliges Versehen, das bei Benützung der abgehenden Dämpfe häufig bemerkt werden kann, zu besprechen, und späteren Mittheilungen die Angabe der Mittel, wie seiner Meinung nach den bei dampfconsumirenden Apparaten gerügten Mängeln abgeholfen werden könnte, vorbehalten.

Zum Absperren der verschiedenen Dampfleitungen bedient man sich entweder der Sperrventile, die auf mannigfache Art construirt seyn können, oder der Hähne. In den meisten Fabriken in Oesterreich ist der Gebrauch der Hähne vorherrschend, obwohl die Sperrventile unstreitig den Vorzug verdienen. Die Hähne nützen sich sehr leicht ab und lassen im geschlossenen Zustande beinahe stets etwas Dampf oder Wasser durch. Besonders schwer sind Hähne bei hochgespannten Dämpfen zu schließen und zu öffnen, und es kommt nicht selten vor, daß die Handhaben derselben abgewürgt werden.

Ist auch der Grund eines Theils dieser Uebelstände in der Construction der Hähne selbst zu suchen, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß die Hauptursache |244| der bei Hähnen in österreichischen Fabriken vorkommenden Uebelstände in der unvollkommenen Ausführung derselben liegt, und daß man bei weitem nicht so oft diesen Gebrechen in französischen oder belgischen Fabriken begegnet. – In Oesterreich werden nämlich die Hähne in der Regel von Gelbgießern fertig gekauft oder bestellt; selten wird von diesen darauf gesehen, daß der Querschnitt der Hahnmündung mit dem Querschnitte des Rohrs übereinstimme, sondern in der Regel ist die Hahnmündung kleiner als die Oeffnung des Rohrs, für welches der Hahn bestimmt ist. Liegt also schon in diesem Mißverhältnisse eine Ursache für sehr fühlbare Uebelstände bei der Anwendung von Hähnen, so wird der daraus entstehende Nachtheil beinahe noch öfter durch den Fehler vergrößert, daß die Metallmasse der Hahnhülse zu der des Hahndornes in gar keinem Verhältnisse steht. Beide Metallkörper dehnen sich nun ungleichförmig aus, sobald sie warm werden, und der Hahn kann, selbst wenn er noch so fleißig ausgearbeitet wäre, nicht mehr dicht seyn.

Diese Uebelstände kommen bei unsern in Gebrauch stehenden Hähnen vor, selbst wenn sie gut gearbeitet sind; in den seltensten Fällen sind sie das aber, und die Uebelstände vermehren sich daher noch. In der Regel werden nämlich die Hahnhülsen mit Rundfeilen ausgefeilt oder im günstigsten Falle mit einer Reibahle ausgerieben, welche mit der Feile nach dem Augenmaaße zugearbeitet wurde; der Dorn wird so gut es gehen will, hineingepaßt und zuletzt mit Schmirgel eingeschliffen. Daß mit der Rundfeile selbst der geschickteste Arbeiter den Conus der Hahnhülse nicht genau ausarbeiten kann, braucht Wohl kaum einem Sachverständigen auseinander gesetzt zu werden; es ist aber eben so wenig möglich die Reibahlen mit der Feile so genau zu bekommen, wie es die Ausarbeitung der Hahnhülsen erfordert, und es muß fürwahr streng gerügt werden, daß bei der Ausarbeitung dieser Reibahlen nicht schon lange die viel sicherere Arbeitsmethode der französischen und belgischen Werkstätten auch bei uns Eingang gefunden hat. In Frankreich und Belgien werden nämlich die Reibahlen erst genau gedreht, dann auf Hobelmaschinen gerieft und zuletzt die Schneiden auf einem Plan-Schleifsupport mit Schmirgelscheiben genau geschliffen, während bei uns gewöhnlich das Schleifen der Reibahlen auf dem Schleifsteine nach Augenmaß vorgenommen wird und man sich wenig darum bekümmert, ob die Schneide der Reibahle gerade bleibt oder nicht.

Untersucht man die große Menge der in den meisten Fabriken vorräthigen und als unbrauchbar zurückgelegten Hähne, so wird man zur Ueberzeugung kommen, daß die hier gerügten Mängel wirklich von großem Einflusse sind, und daß mancher Aufwand an Zeit, wegen der hierdurch bestehenden Betriebsunterbrechungen und der daraus folgenden Vergeudung von Arbeitskräften, daher auch von Geld, zu ersparen wäre, wenn man dem besprochenen Gegenstande die nöthige Aufmerksamkeit schenken wollte.

Die Benützung der abgehenden Dämpfe ist ein weiterer Punkt, dem bisher in den wenigsten Fabriken die nöthige Aufmerksamkeit geschenkt wird, der aber für die haushälterische und sparsame Benützung des Dampfes und daher auch des Brennmaterials von der höchsten Bedeutung ist. Man muß sich wundern, daß in so vielen Fabriken auf Verbesserung der zur Verrichtung von speciellen Manipulationen verwendeten Apparate so viele Mühen und Kosten verwendet werden, während auf diesen Umstand wenig oder gar nicht Rücksicht genommen wird.

In der Regel läßt man nämlich die abgehenden Dämpfe, nachdem selbe unzweckmäßig und hindernd verwendet wurden, in die freie Luft entweichen, bevor sie bis zum Aeußersten ihrer Leistungsfähigkeit benützt wurden. In vielen Fabriken, wo die abgehenden Dämpfe auch benützt werden, verfällt man wieder in einen anderen Fehler. Man leitet nämlich sehr oft von sämmtlichen verschiedenartigen dampfconsumirenden Apparaten der Fabrik den abgehenden Dampf in Ein Hauptleitungsrohr von einem Durchmesser, dessen Ziffer gewiß nicht durch Rechnung ermittelt wurde, und verwendet diesen Dampf zur Bodenheizung oder mm Vorwärmen des Speisewassers u.s.w. Nun wird aber in den einzelnen Apparaten Dampf von verschiedener Spannkraft verwendet, daher auch der abgehende Dampf keine gleichförmige Spannkraft hat. Da nun der Dampf mit der größeren Spannkraft den kürzesten Weg sucht, so kommt er sehr häufig durch die Rohrleitung für den abgehenden Dampf in einen Apparat oder zur Maschine, wo er dem directen Dampfe dann entgegenwirkt und nicht selten bedeutende Störungen verursacht. Ja es gibt Fälle, wo |245| dieser zurückwirkende Dampf die Maschine zum Stehen bringt. Kann man sich in einem solchen Falle von der Ursache dieser Wirkung keine genügende Rechenschaft geben, so sucht man natürlich den Fehler anderswo und vergeudet auf diese Art viel Zeit und Geld, ohne dem Uebel gründlich abzuhelfen; nicht selten verzichtet man unter solchen Umständen gänzlich auf die Benützung des abgehenden Dampfes und läßt denselben wieder in die freie Luft strömen. Wenn man auch in den einzelnen Apparaten Dampf von gleicher Spannkraft ursprünglich verbraucht, so sind doch häufig die Dimensionen der Röhren, welche den Dampf von den Apparaten wegleiten, ungleich und verursachen dann die störende Wirkung des aus einem dieser Apparate kommenden Dampfes auf den andern Apparat, so zwar, daß man beide nicht gleichzeitig in regelmäßige Thätigkeit bringen kann. Nur zu oft wird in solchen Fällen die Schuld auf die Apparate geschoben, es wird über schlechte Bedienung von Seite des Lieferanten geklagt, Abänderungen werden gemacht, und gewöhnlich ist dem Uebel nicht zu steuern, wenn nicht zufällig bei diesen Abänderungen das Mißverhältniß bei den Röhrenleitungen des abgehenden Dampfes aufgehoben wird. – Diese und ähnliche Fehler würden leicht zu vermeiden seyn, wenn man mit den nöthigen physikalischen Lehren bekannt, die Wechselwirkungen des dienstbar zu machenden Dampfes gehörig berücksichtigt und schon bei der ersten Anlage einer Fabrik den Naturgesetzen entsprechend, die einzelnen Anordnungen macht. Schreiber dieses will es sich zur Aufgabe machen, in folgenden Artikeln den hier angeregten Gegenstand noch ausführlicher zu besprechen. (Notizen- und Intelligenzblatt des österr. Ingenieur-Vereines, August 1851, Nr. 8.)

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