Titel: Ueber die Flachszubereit- und Spinnmaschinen auf der Londoner Industrieausstellung; von Hrn. Mechaniker F. X. Wurm in Wien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 123/Miszelle 1 (S. 320–323)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj123/mi123mi04_1

Ueber die Flachszubereit- und Spinnmaschinen auf der Londoner Industrieausstellung; von Hrn. Mechaniker F. X. Wurm in Wien.

Die vorragenden Leistungen Englands in der Leinwandfabrication liegen nicht so sehr in den besonderen Fortschritten des Maschinenbaues, als vielmehr in der Erbauung und ersten Vorbereitung des Materiales selbst – denn die ausgestellten Maschinen sind von den ersten Grundprincipien keineswegs so wesentlich verschieden, als es die Beschaffenheit des Materiales ist, dessen Vortrefflichkeit in der Stärke und Feinheit der Faser liegt.– Die ausgestellten Flachsgattungen, bestehend in gerösteten Leinstengeln, gebrochenem, geschwungenem, gebürstetem und gehecheltem Flachse, lassen durchaus einen vollkommen gleichartigen Röstungsproceß erkennen, wobei die Holztheile mürb und spröde, die Flachsfasern fest, vom Stengel leicht löslich, und selbst mit der Bürste schon theilbar sind – welches bei uns leider sehr selten der Fall, sondern meistens umgekehrt, die Fasern grob, steif, spröde und mürbe, der Stengel hingegen zähe an die Faser gebunden, mit einem Worte durch die Unwissenheit der Erbauer, wie durch die Zufälle der Witterungsverhältnisse in der üblichen Röstungsmethode meistens verdorben zu Markte gebracht wird.

Ohne mich über den Bau, die Pflege und die neue Röstungsmethode des Flachses zu verbreiten, gehe ich zu der Darstellung der Maschinen über, womit der geröstete Flachs gebrochen, geschwungen, gebürstet, sortirt, gehechelt, zur Maschinenspinnerei vorbereitet und endlich versponnen wird.

In dieser Reihenfolge steht zuerst eine Brechmaschine nach der Erfindung des Hrn. Plummer in Newcastle (polytechn. Journal Bd. CXXI S. 270) ausgestellt, welche nach dem schon seit mehr als 30 Jahren bekannten Walzenprincip, jedoch mit dem Unterschiede construirt ist, daß die über eine geneigte Fläche zwischen die Quetschwalzen eingeführten Flachsstengel zuerst zwischen zwei Riffelwalzen gebrochen, sich dann ungehindert um die Hälfte der Mittelwalze frei bewegen, dann von der Unterwalze neuerdings ergriffen der Auszugswalze zugeführt, von dieser abermals gebrochen, und nachdem die Flachsstengel bei diesem Durchgange die Operation des Brechens dreimal erlitten haben, von der Hand des Arbeiters noch zweimal diesen Weg wiederholt eingeführt, welches in einer Zeit von höchstens 5 bis 6 Secunden geschehen ist, wonach das gebrochene Flachsbündel zur weitern Bearbeitung auf die Seite gelegt wird. – Der alte Vorwurf, daß das Material auf dieser Maschine wohl gebrochen, aber ein großer Theil der Stengel von den Fasern noch unausgeschieden bleibe, trifft zwar auch diese Maschine; allein da Hr. Plummer mit dieser Maschine auch seine Schwing- und Bürstmaschine in Verbindung bringt, so erscheint die mangelhafte Entfernung der Holztheile bei der ersteren von keiner Bedeutung, da die Flachsfasern auf dieser zweiten Maschine von denselben nicht nur vollständig gereinigt, sondern auch auf die schonendste Weise abgetrennt werden.

Die Schwing- und Bürstmaschine, welche ebenfalls in Thätigkeit zu sehen war, besteht in der Wesenheit aus zwei Schwungscheiden von 8 Fuß Durchmesser, welche auf einer horizontal eingelagerten Stelle befestigt sind, und mittelst Riemscheiben ungefähr 180mal in der Minute umgetrieben werden. Zu beiden Seiten dieser Scheiben sind ungefähr 12 bis 16 Schwinghölzer und eben so viele Bürsten angeschraubt, welche den Zweck haben, die eingehaltenen Flachsbündel sowohl durch die raschen Schläge der Schwinghölzer, als durch die Wirkung der Bürsten, von den anhängenden Stengelsplittern zu reinigen und die Fasern zu zertheilen. Um sowohl das Einhalten des Flachses zu erleichtern, als den Luftzug der Schwing- und Bürstscheiben unschädlich zu machen, sind diese durch Holzwände eingeschlossen, so daß nur |321| die Einhaltöffnung freigelassen, und dazwischen nur ein Spielraum von höchstens 12 Zoll bleibt, innerhalb welchem die Operation des Schwingens und Bürstens erfolgt.

Der auf dieser Maschine bearbeitete Flachs erscheint von seinen Holztheilen vollkommen gereinigt, die Fasern getheilt und parallel gelegt, jedoch nicht klar genug, um der Spinnerei übergeben zu werden, indem die Verzweigung der Fasern erst durch die Hechel getrennt und in Haarform gebracht werden kann.

Diese Maschine hatte meine Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich gezogen, indem der vorher bloß zerquetschte Flachsstengel schon durch diese einfachen Operationsmittel, nämlich das Schwingholz und die Bürste, seine erste Reinigung und Verfeinerung auf eine so überraschend schonende Weise für die Faser erhält, daß sie parallel nebeneinandergeordnet, mit sehr unbedeutendem Abgange an Werg gehechelt werden kann, welches Resultat jedoch nur bei einem Materiale möglich wird, das nach der neuen Röstungsmethode behandelt worden ist.

In der Ordnungsfolge der Vorbereitungsmaschinen kommt nun eine Maschine in die Reihe, welche in ihrer Art ebenso originell, als ihre Bestimmung neu genannt werden muß, denn sie allein bietet den großen Maschinenspinnereien das Mittel, die Verschiedenheit der Fasern zu separiren, die Ausscheidung der feinen Fasern von den gröberen zu bewirken, und aus den ersteren die Erzeugung der höhern Garnnummern zu ermöglichen.

Sorgfältige Prüfungen hatten Hrn. Plummer die Ueberzeugung gegeben, daß die Faser der Flachspflanze nicht in der ganzen Länge des Stengels von gleicher Zartheit und Gleiche, sondern vom Wurzelende bis über die Hälfte des Stengels am feinsten und gleichsten, von da an aber bis zu der Verästung der Samenknoten bedeutend gröber, spröder und ungeschmeidiger sey, und daher nur die untere Hälfte der Fasern zu ganz feinen, die obere Hälfte hingegen nur zu mittelfeinen und gröberen Gespinnsten tauglich sey, mithin bei der Verspinnung der unseparirten Faser nur Mittelgarne erzeugt werden können. Durch diese Ueberzeugung geleitet, hatte Hr. Plummer nun eine Maschine erfunden, wodurch der Flachs ungefähr in der Hälfte seiner Länge dergestalt auseinandergesprengt wird, daß die Fasern vom Wurzelende bis zur Mitte für feine, und jene von der Mitte bis zum Gipfel der Aeste und Samenknoten für gröbere Garne ausgeschieden werden, und bei diesem Abriß wie feine Haarpinsel auslaufen, mithin auch in der Spinnmanipulation die vollkommenste Gleichheit der Garne erzielen lassen, welches eine Unmöglichkeit seyn würde, wenn man diese Trennungsoperation durch einen Schritt erreichen wollte.

Um die Beschreibung dieser Maschine zu erleichtern, und ihre Construction begreiflicher zu machen, habe ich alle auf die Flachsbereitung Bezug habenden Maschinen gezeichnet, und bin auf jedesmaliges Verlangen bereit, darüber nähere Aufklärung zu geben.

Die auf die beschriebene Weise geschiedenen Flachsfasern werden im Fabriksbetriebe jede Sorte für sich auf die Hechelmaschine gebracht, in Spannkloben aus Gutta-percha eingelegt, und in die Bahn der Hechelmaschine geschoben, von welcher diese Kloben nach und nach durchgetrieben und die abwärts hängenden Fasern durch die zu beiden Seiten einwirkenden Hecheln von zunehmender Feinheit ausgehechelt, und das sich verhältnißmäßig unbedeutend ergebende Werg, durch eine Stabhorde ohne Ende ausgeschieden wird.

Die Hechelmaschine ist so construirt, wie sie in den meisten Werken über Flachsspinnerei abgebildet zu finden ist, und auch in unseren Spinnereien existirt, und unterscheidet sich nur dadurch, daß die Hecheln in haspelförmigen Cylindern angebracht, und das Werg, durch bewegliche Bürsten aus den Hechelzähnen ausgeschoben, der Abstreifung einer Bürstenspirale zugeführt wird, wodurch die Wergfasern in vollkommener Reinheit und ohne Knoten gewonnen werden.

Der gereinigte Flachs wird nach der Hechelung auf die Band- und Duplirmaschinen gebracht, welche nach bereits bekannter Art mit dem Schraubensystem construirt sind, daher also nicht mehr neu, wohl aber durch die Anwendung weit größerer Druckwalzen von den früheren Maschinen verschieden erscheinen.

Die in der Exposition ausgestellten und auch in Gang gesetzten Vorspinnmaschinen unterscheiden sich von den früheren dadurch, daß die für gröberes Garn bestimmten |322| Vorgespinnste aus den Flachs zweigen ganz unbefeuchtet und etwas gedreht, die feineren Vorgespinnste aus dem Stammflachs hingegen befeuchtet und über einer mit Dampf geheizten Trockenwalze getrocknet, ungedreht auf Spulen gewickelt zum Vorgespinnste gebildet werden.

Die Fasern des feinern Vorgespinnstes werden durch die Befeuchtung ganz leicht aneinander geklebt, in diesem Zustande durch die geheizte Trockenwalze wieder vom Wasser befreit, und in Form eines 1 1/2 Linien breiten Fasercontinuums ohne alle Drehung von der Vorspinnspule aufgenommen.

Durch dieses Verfahren, das Vorgespinnst nach der Zusammenklebung der Fasern sogleich wieder zu trocknen, wird das große Gebrechen umgangen, welches früher dem nassen Vorgespinnste auf den Spulen durch die eingetretene Gährung widerfahren ist, wo nicht selten ein großer Theil des Vorgespinnstes verdorben worden ist, wenn im Sommer Feiertags über ein größerer Vorrath stehen geblieben ist.

Sowie die Vorspinnmaschine, sind auch die Feinspinnmaschinen für feinere und gröbere Garne etwas verschieden, indem auf der für gröbere Garne construirten Maschine das trocken gedrehte Vorgespinnst gleich von der Vorgespinnstspule unmittelbar durch einen mit Wasser gefüllten Näßkasten geleitet, von der Einzugswalze ergriffen und von der sechs- bis achtmal schneller laufenden Ausstreckwalze der Drehung der gewöhnlichen Waterspule zur Aufnahme zugeführt wird, und ein Gespinnst von Nr. 40 bis 80 erzeugt.

Die feinfaserigen ungedrehten Vorgespinnste werden auf eine ähnliche Feinspinnmaschine gebracht, welche jedoch nebst einem Wasserkasten auch mit einer darin umlaufenden glatten Schleppwalze versehen ist, um welche das zarte Faserband geschlungen und befeuchtet den Streckwalzen zugeführt wird, wobei eine Ausstreckung um die acht- bis zehnfache Länge stattfindet, und die feingezogenen Fasern der Wirkung von Spulen zugeführt werden, welche um die Hälfte kleiner und feiner construirt sind, so daß auf der in der Ausstellung aufgestellten Feinspinnmaschine dieser Art Gespinnste von 90 bis Nr. 100 gesponnen werden konnten; doch der Umstand, daß ungeachtet nur einige Spindeln in Thätigkeit gesetzt waren, dennoch das Steigen der Fäden ausfallend war, und auf den Gallerten unter der Nr. 45 Flachsgespinnste Nr. 140, 150, 160, 170, 180, 190 und Nr. 200 in ganzen Packen ausgestellt waren, mußte der Vermuthung Raum geben, daß uns die Industriellen Englands die vollkommneren Mittel zur Erzielung solcher Resultate absichtlich vorenthielten, und uns nur Maschinen in das Auge stellten, aus denen wir nichts lernen, und nur durch die Eleganz ihrer schönen Außenseite angelockt, zu unserem Gebrauche von ihnen das Schlechtere kaufen sollen.

Was übrigens den Artikel der feinen Maschinenflachsgarne betrifft, so hat Frankreich unter Nr. 137, und zwar die HHrn. Dautremor u. Comp. aus Lille, in der Feinheit und Gleichheit der Gespinnste die englischen Aussteller noch übertroffen, indem sie Garne von der Feinheit von 200 bis Nr. 300 ausgestellt, und dadurch den Beweis geliefert haben, daß sie in diesem wichtigen Zweig der Industrie den Engländern nicht nur gleich, sondern wirklich zuvorgekommen sind.

Der Widerspruch der Erscheinung bei den ausgestellten Flachsspinnmaschinen mit hölzernen Druckwalzen, wo an einigen Spulen nur mit Mühe grobe Faden gesponnen werden konnten, indem die Fasern an der rauhen Walzenfläche immer hängen blieben und keine größere Feinheit erreichen ließen – und andererseits die unwiderlegbare vor Augen liegende Thatsache, daß Garne bis zur Feinheit von 200 bis 300 im Großen erzeugt werden, mußte meine Vermuthung endlich zur Ueberzeugung steigern, daß Englands Politik uns das wahre Mittel verheimlicht, wodurch man so günstige Resultate erreicht.

Der sicherste Weg mir von diesem Räthsel eine Lösung zu verschaffen, war eine Reise nach Leeds und die Besichtigung der dortigen großen Spinnereien, zu welchem Behufe mir Hr. Kraus in Wien ein Empfehlungsschreiben an Hrn. Marschall in Manchester mitgab, allein es war eben so erfolglos als alle Empfehlungen, mit welchen Hr. Pimont aus Rouen seine Neugierde zu befriedigen suchte, denn man bekam dort Alles zu sehen, nur das nicht, was man zu sehen wünschte. – Ich faßte daher einen andern Ausforschungsplan, nämlich auf den Gallerien alle Expositionen von Fabrikatensilien und Maschinenbestandtheilen zu durchmustern, wobei ich |323| bei der großen Ausdehnung des Gebäudes über fünf Tage zubrachte, jedoch so glücklich war auf einer Gallerte des nordwestlichen Endes des Krystallpalastes die Fabricate der patentirten Gutta-percha-Compagnie zu finden, und unter den vielen seltenen Fabricaten auch Druckwalzen für Flachsspinnmaschinen zu entdecken. – Es war nur ein einziges Exemplar, aber genug das Räthsel zu lösen – welches ich sogleich unserm Wiener Gutta-percha-Fabrikanten, Hrn. Dinste, mittheilte, und aus der Fabriksniederlage dieser Compagnie Nr. 18 Wharf Road, City Road, London, den Ankauf eines Musters veranlaßte – welches aber weder mir noch Hr. Dinste, sondern nur der Bemühung des Hrn. Rummler gelungen ist, da die Gutta-percha-Fabrik die Verpflichtung auf sich genommen hat, außer den englischen Flachsspinnfabriken sonst an Niemanden solche Walzen auszufolgen – Im Besitze dieses Musters sind wir nun in der Lage, uns diesen wesentlichen Bestandtheil zu feinen Flachsspinnereien selbst machen und unsere Fabriken damit versehen zu können. (Zeitschrift des niederösterreichischen Gewerbvereins, 1851, Nr. 48.)

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