Titel: Ueber verschiedene Rohstoffe aus dem Glaspalast.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 123/Miszelle 7 (S. 404–406)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj123/mi123mi05_7
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Ueber verschiedene Rohstoffe aus dem Glaspalast.

Hr. Professor Dr. Th. Martins in Erlangen hat unlängst die mannichfachen Gegenstände, welche er sich bei seiner längeren Anwesenheit in London verschaffte, und welche zu erhalten wohl nur ihm wegen seiner weit verbreiteten Verbindungen, als einem der ausgezeichnetsten Pharmakognosten möglich war, im Harmoniesaal zu Erlangen mehrere Tage lang zur Schau aufgestellt und vor einem gewählten Publicum Erläuterungen darüber gegeben.

Wir begnügen uns hier auf einige neue und der vaterländischen Industrie noch nicht zugängige Gegenstände aufmerksam zu machen. So fanden wir die verschiedenen Sorten von Cacao, wobei uns namentlich die Proben der durch Dampf gerösteten Bohnen auffielen, welche unseren Chocolade-Fabrikanten sehr zu empfehlen seyn dürften; neben diesen Sorten fanden wir auch die schönsten Exemplare der Cacaofrüchte in Salzwasser aufbewahrt. Ferner bemerkten wir eingetrocknete Milch in festem und in mit Zucker verdicktem Zustand, wie dieselbe jetzt häufig auf Seereisen gebraucht wird. Dann fanden wir Paraguay-Thee; ferner die verschiedenen Reissorten, auch den Reis vermicelle, welcher in einer eigenthümlichen, bis jetzt noch geheim gehaltenen Zubereitung des Reises besteht, er besitzt Aehnlichkeit mit unsern Fadennudeln und wird auf Reisen genossen.

Das meiste Interesse boten aber die Flecht- und Webstoffe dar, und unter diesen wieder das Chinagras, welches von Boehmeria nivea und der noch wenig gekannten Boehmeria Puya abstammt. Dieser neue Webstoff fand sich von seinem natürlichen Zustand durch alle Phasen seiner Bearbeitung bis zur feinsten seidenartigen Faser in gefärbtem und ungefärbtem Zustand. Die Blätter dieser Pflanze, welche Hr. Professor Martius der Güte des berühmten Botanikers Dr. Hooker in Kew verdankt, sind von einem Strauch genommen, der im October noch im Freien aushielt und Aehnlichkeit mit dem Eibisch hat. Die Fasern des Stengels besitzen eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit. Nachdem sie nämlich vorbereitet und gebleicht worden sind, gleichen sie an Weiße dem Schnee und besitzen den vollständigen Glanz der Seide. Durch besondere Bearbeitung läßt es sich in einen der feinsten Schafwolle ähnlichen Stoff umwandeln, welche sich ebenso wie diese zu den feinsten Schawls und Kleiderstoffen verarbeiten läßt, und sich nur durch ihren großen seidenartigen Glanz von den Wollenstoffen unterscheidet. Es befand sich bei den Mustern ein gewirktes Sacktuch, an welchem die Fasern jedoch nicht gedreht (also auch nicht gesponnen) waren, und welches von einem seidenen Tuch nicht zu unterscheiden war. Ebenso würde man auch die zum Spinnen fertige Faser für Seide halten. Ganz vorzüglich läßt sich dieser neue Faserstoff zu Mischzeugen mit großem Vortheil verwenden, was durch vorliegende Proben von Sommerzeugen, die aus 3/4 Wolle und 1/4 Chinagras bestanden, bewiesen wurde. Noch besser wird er sich aber zu Mischzeugen mit Seide eignen, durch welche der Preis der Seide sehr herabgedrückt werden dürfte. Mir scheint das Chinagras überhaupt einen entschiedenen Vorzug vor der Seide zu haben, welcher darin besteht, daß sich die Stoffe aus jenem viel leichter waschen lassen, ohne dadurch an ihrer Güte zu verlieren wie die Seidenstoffe. Da diese merkwürdige Pflanze im nördlichen China, also in einem ähnlichen wie dem Clima Deutschlands wachsen soll, so wäre es gewiß von Bedeutung diese Pflanze bei uns sobald wie möglich versuchsweise einheimisch zu machen, wobei zu bemerken ist, daß dieses durch Stecklinge eher zu bewerkstelligen seyn dürfte als durch Samen, welche bis jetzt noch nicht zum Keimen gebracht werden konnten; sie würde die Seide ersetzen können, deren Einheimischmachen in Deutschland, trotz vielfachen Versuchen, immer nicht recht glücken will. Die gefärbten Muster des Chinagrases zeigten daß sich die Farbstoffe mit demselben ebenso gut und schön wie mit der Schafwolle verbinden.

Von den andern Faserstoffen erwähne ich nur noch den neuseeländischen Flachs, welcher von Phormium tenax kommt, dessen Faser mit dem Hanf viele Aehnlichkeit hat, und sich insbesondere zu gröberen Geweben wie Segeltuch, dann zu Stricken und Schiffstauen eignet. Dann sahen wir die Piasara (von Attalea funifera Mart.), deren lange Fasern zu Besen und Bürsten verarbeitet werden, namentlich bestehen daraus auch die Bürsten der Kehrmaschinen durch welche die Reinigung der Straßen Londons bewerkstelligt wird; ferner den Chinahanf (Jute), welcher eines der dauerhaftesten Gewebe liefert.

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Außer den genannten Faserstoffen bemerkten wir noch den Pita-Hanf von Agave americana, die Daguilla von Lagetta lintearia; die Ananasfaser, die Cocosnußfaser oder Coir, welche gegenwärtig in England eine sehr häufige Anwendung zur Darstellung von Stricken, Fußdecken etc. findet; endlich verschiedene Seidensorten, Kamelhaare, Ziegenhaare etc. Von den ausgestellten Getreidearten führe ich nur eine Reihe ägyptischer Weizensorten und eine neue Weizenart aus Australien an.

Nächst diesen Gegenständen interessirte uns insbesondere die Gutta-percha (von Isonandra Gutta), resp. deren neue Verarbeitung zu Belegungen der Fußböden. Bekanntlich besitzt diese dem Gummielasticum ähnliche Substanz, welche seit ihrer kurzen Bekanntwerdung eine so vielfache Anwendung gefunden hat, die Eigenschaft im heißen Wasser weich zu werden, und sich dann in alle Formen pressen zu lassen. Das neue Artefact besteht aus erweichter Gutta-percha, in welche eine gewisse Menge geraspelter Kork eingeknetet ist, und welche zu Tafeln ausgewalzt wird. Diese sind ganz unverwüstlich, nehmen keine Feuchtigkeit und keinen Schmutz an, sind elastisch, halten den Boden warm, lassen sich sehr leicht reinigen, und eignen sich insbesondere zum Belegen des Bodens von Gemäldegalerien, Gesellschaftssälen etc. Bereits sind damit die Fußböden des neuen Parlamentshauses belegt. Unter den Stoffen, welche zur Beleuchtung dienen, bemerkten wir den Wallrath, der als rohe Substanz, wie er aus den Schädelhöhlen des Cachelots kommt und im verarbeiteten Zustand als ausgepreßte Masse, als Oel, und in vollkommener Reinheit in schneeweißem krystallinischem Zustand aufgestellt war; dabei fanden sich auch vortreffliche Lichter aus Wallrath und aus einer Mischung von chinesischem Pflanzenwachs und andern Leuchtstoffen. Ferner bemerkten wir noch eine Suite von mehr als dreißig verschiedenen Gerbstoffen, von denen vielleicht auch manche für unsere Gerbereien mit Vortheil anzuwenden wären. (Allg. Zeitung, 1852, Nr. 64.)

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