Titel: Graham und Hofmann, über angebliche Verfälschung des bitteren Biers mit Strychnin.
Autor: Graham, Thomas
Hofmann, August Wilhelm
Fundstelle: 1852, Band 125, Nr. LXIX. (S. 286–291)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj125/ar125069

LXIX. Bericht über die angebliche Verfälschung des englischen bitteren Biers (pale ale) mit Strychnin; von Th. Graham und A. Hofmann.

Aus den Annalen der Chemie und Pharmacie, Juli 1852, S. 39.

Auf die Veranlassung des Hrn. Allsopp haben wir eine Reihe von Versuchen über die Reinheit des bitteren Bieres angestellt, mit besonderer Berücksichtigung der angeblichen Verfälschung dieses Getränkes durch Strychnin; die Ergebnisse dieser Untersuchung sind in den folgenden Zeilen niedergelegt.

Das angeblich als Ersatzmittel des Hopfenbitters verwendete Strychnin ist ein schöner krystallisirbarer Stoff, der aus der Nux vomica dargestellt wird. Er gehört zu derjenigen Classe von Pflanzenprincipien, welche man Alkaloïde nennt, und aus welcher das Chinin der Chinarinde und das Morphin des Opiums die bekanntesten Beispiele sind. Diese Substanzen haben in geringer Dose nicht selten bemerkenswerthe heilkräftige Eigenschaften, wirken aber in größeren Gaben häufig als energische Gifte; sie besitzen fast sämmtlich einen intensiv bitteren Geschmack. Alle diese Eigenschaften sind bei dem Strychnin in besonders hohem Grade entwickelt. In ganz geringen Dosen ist das Strychnin eines der wirksamsten Heilmittel; aber schon ein halber Gran ist hinreichend, die heftigsten Vergiftungszufälle hervorzubringen, und dieselbe Quantität ertheilt 6 bis 8 Gallons Wasser einen unverkennbar bitteren Geschmack.

Die Menge Strychnin, welche erforderlich ist, dem Bier die Bitterkeit des pale ale zu verleihen, beträgt nach unseren Versuchen einen Gran per Gallon oder das Doppelte der Quantität, welche tödlich wirkt. Der Preis des Strychnins ist etwa 16 Shilling (9 fl. 36 kr.) per Unze, wonach sich der Gran zu weniger als 1 Penny (3 kr.) berechnet. Schlägt man die jährliche Production von Bier in Burton auf beiläufig 200,000 Barrels an (1 Barrel = 36 Gallons), so würde die Menge Strychnin, welche nöthig ist, dieser Menge von Bier Bitterkeit zu ertheilen, nicht weniger als 16,448 Unzen betragen und eine Summe von Liv. 13,158 (157,896 fl.) kosten, während es sehr zweifelhaft ist, ob überhaupt mehr als 1000 Unzen Strychnin in der ganzen Welt |287| producirt werden. Die Bitterkeit des Strychnins ist von gleicher Intensität, wie die des Hopfens, allein sie besitzt einen durchaus verschiedenen Charakter; beide Bitter lassen sich leicht von einander unterscheiden, wenn man sie mit einander vergleicht. Das Hopfenbitter wird augenblicklich wahrgenommen, es ist von einem eigenthümlichen, aromatischen Beigeschmack begleitet und verliert sich ebenso schnell als es sich bemerklich machte; die Bitterkeit des Strychnins wirkt weniger augenblicklich, allein die Wirkung einmal eingetreten, verschwindet weniger schnell und ähnelt allmählich derjenigen, welche ein Metallsalz auf der Zunge hervorbringt. Hopfenbitter und Strychninbitter lassen sich in der That leicht neben einander erkennen, wenn man sie mit Aufmerksamkeit schmeckt.

Nichtsdestoweniger würde es gewagt seyn, auf den bloßen Geschmack hin über die Gegenwart oder Abwesenheit von Strychnin in einem verdächtigen Biere abzusprechen, und die wirkliche Abscheidung der giftigen Substanz und ihre Identificirung mittelst eines untrüglichen chemischen Reagens schien unumgänglich nothwendig, um eine so ernste Frage zu entscheiden. Glücklicherweise besitzen diejenigen Substanzen, welche sich durch die Heftigkeit ihrer Einwirkung auf den thierischen Organismus auszeichnen, nicht selten auch die charakteristischesten Reactionen; ihre physiologischen und chemischen Eigenschaften sind gleich bestimmt ausgesprochen. Arsenik und Blausäure gehören zu den am leichtesten erkennbaren chemischen Körpern, und die Auffindung des Strychnins bietet keine größeren Schwierigkeiten.

Strychnin, selbst wenn es in nicht größerer Menge vorhanden ist, als 1/1000 Gran, kann auf folgende Weise erkannt werden. Das Pulver wird mit einem Tropfen unverdünnter Schwefelsäure befeuchtet und der Flüssigkeit ein Paar Krystallfragmente von chromsaurem Kali zugesetzt. Sogleich erscheint eine äußerst intensive, schönviolette Färbung an den Berührungspunkten, verbreitet sich schnell durch die ganze Flüssigkeit, und verschwindet nach einigen Augenblicken wieder. Die Gegenwart selbst von kleinen Mengen fremder organischer Substanzen verhindert jedoch das Gelingen dieser Reaction.

Um das Verfahren auf die Prüfung einer so complexen Flüssigkeit, wie Bier, anzuwenden, ist es nöthig, das Strychnin zuvörderst aus der Mischung abzuscheiden und im reinen oder nahezu reinen Zustande darzustellen. Diese Aufgabe, welche auf den ersten Blick große Schwierigkeiten zu bieten scheint, läßt sich jedoch leicht erfüllen, und |288| das Strychnin, wenn es wirklich im Bier vorhanden ist, absondern und mit der größten Sicherheit erkennen, wie der folgende Versuch zeigt.

Ein halber Gallon Bier, dem absichtlich 1/2 Gran Strychnin zugesetzt worden war, wurde mit etwa zwei Unzen Thierkohle geschüttelt und die Flüssigkeit über Nacht stehen gelassen. Am anderen Morgen war das Bier beinahe vollständig entbittert, indem die Kohle der Flüssigkeit den ganzen Strychningehalt entzogen hatte. Die Kohle wurde nunmehr auf einem Filter gesammelt und ein- oder zweimal mit Wasser gewaschen. Die nächste Aufgabe war, das Strychnin von der Kohle abzuscheiden; dieß läßt sich mit Leichtigkeit bewerkstelligen, indem man die Kohle eine halbe Stunde lang mit etwa 8 Unzen gewöhnlichen Weingeists auskocht, während das Verdampfen desselben durch eine geeignete Vorrichtung verhindert wird. Der von der Kohle abfiltrirte Alkohol wurde demnächst der Destillation unterworfen, wobei eine wässerige Flüssigkeit in der Retorte zurückblieb, in welcher das Strychnin gelöst war, jedoch noch nicht hinreichend rein, um schon jetzt die Anwendung des beschriebenen Reagens zu gestatten. Eine weitere Reinigung ließ sich leicht durch Zusatz einiger Tropfen Kalilauge und Schütteln mit etwa einer Unze Aether bewerkstelligen. Ein Theil der Aetherlösung auf einem Uhrglase abgedampft, hinterließ eine weißliche feste Masse von intensiver Bitterkeit, welche sich leicht durch das oben angeführte Verhalten zu Schwefelsäure und chromsaurem Kali als Strychnin erkennen ließ.

Nachdem wir uns durch wiederholte Versuche mit Bieren, welchen absichtlich Strychnin zugesetzt worden war, von dem unfehlbaren Gelingen dieser Methode überzeugt hatten, gingen wir zur Untersuchung einer Reihe von Bieren über, wie sie der Handel bietet. Zu dem Ende wurden verschiedene Proben ohne besondere Auswahl aus den Lagerkellern einer beträchtlichen Anzahl von Londoner Häusern (bottlers) genommen, welche das Publicum mit Allsopp's pale ale versorgen. Wir erwähnen Bierproben von den folgenden Firmen, von denen wir zuverlässige Documente über den Ursprung des Biers und das Datum seiner Ankunft in den bezüglichen Lagerhäusern aus Hrn. Allsopp's Brauerei in der Hand haben.

(Folgen die Firmen der verschiedenen Häuser.)

Es verdient bemerkt zu werden, daß, mit Ausnahme von fünf Bieren, die Fässer, von welchen die 26 Proben genommen wurden, |289| sämmtlich vor dem 26. März, dem Tage, an welchem die Anschuldigung des Gebrauchs von Strychnin in der Production von bitterem Bier in die Welt gesendet wurde, in London angelangt waren.

In keinem dieser Biere ergab sich bei der sorgfältigsten Prüfung nach dem oben angeführten Verfahren auch nur eine Spur von Strychnin.

Die Anschuldigung der Verfälschung des Biers mittelst Strychnin ist in einer so vagen Weise vorgebracht worden, daß es schwer ist dieselbe zu fixiren und auf ihren Werth zu prüfen. Es wird weder angegeben, daß einem besonderen, näher bezeichneten Bier Strychnin zugesetzt worden, noch ein bestimmter individueller Brauer oder Bierwirth dieser Fälschung bezichtigt. Ein englischer Journalist adoptirt diese Anschuldigung auf die Angabe hin, daß eine solche Ansicht von einem bekannten französischen Chemiker, Hrn. Payen, in einer seiner öffentlichen Vorlesungen in Paris ausgesprochen worden sey. Hr. Payen, mit dem wir uns zu dem Ende in Beziehung gesetzt, hat uns alsbald einige Erläuterungen gegeben, welche die von ihm erhobene Beschuldigung näher präcisiren. Bei dem verstorbenen Hrn. Pelletier, dem berühmten Fabrikanten organischer Producte in Paris, war in einem Auftrage eine ungewöhnlich große Quantität Strychnin bestellt worden, dessen Bestimmung ihm damals unbekannt geblieben war; später erfuhr er, daß diese ganze Sendung nach England gegangen und dort – so erzählte er Hrn. Payen – verwendet worden sey, um die Bitterkeit gewisser Biere zu vollenden.

Wir haben Gründe zu glauben, daß sich diese Bemerkung Pelletier's auf eine Periode bezieht, die etwa 10 bis 12 Jahre zurückgeht, obgleich Hr. Payen selbst sich über diesen Punkt nicht ausspricht; wir können ferner, obwohl unbekannt mit der Größe der gedachten Bestellung, dennoch auf gute Autorität hin versichern, daß 50 bis 100 Unzen Strychnin zu jener Zeit als eine ungewöhnlich große Bestellung erschienen seyn würde. Die oben gegebene Berechnung zeigt, wie unbedeutend eine solche Einfuhr von Strychnin für die imaginäre Verwendung dieser Substanz in den pale ale Brauereien gewesen wäre. Es ist ferner bekannt, daß die Strychninfabrication in den letzten Jahren in Frankreich nicht im Steigen begriffen war.

Hr. Payen entschuldigt seine Bemerkungen durch die Anführung desselben Verdachtes, welcher in einem französischen Werke von Chevallier : Altérations et falsifications etc. enthalten sey. Dieses |290| Werk sey bereits ein Jahr publicirt, und noch habe diese Anschuldigung keine formelle Widerlegung in England gefunden. Trotz dieses Umstandes schließt unser gelehrter Korrespondent mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß er jemals gesagt habe, daß die Fälschung vorgekommen zu seyn scheine,“ obwohl er gleichzeitig die Bemerkung hinzugefügt habe, daß diese Fälschung ohne Zweifel aufgehört habe.“

Es scheint hiernach, daß die Anschuldigung, welche man Hrn. Payen in den Mund gelegt hat, von diesem Chemiker in der That niemals geäußert worden ist, wenigstens soweit sich dieselbe auf die gegenwärtige Praxis dieser Fälschung bezieht, und daß sie in Bezug auf frühere Zeiten sich einzig und allein auf die privatim ausgesprochene Meinung eines verstorbenen Chemikers stützt, dessen Gründe der Welt vollkommen unbekannt sind und immer bleiben müssen.

Schließlich ist es kaum mehr nöthig, auf die sorgfältige chemische Prüfung hinzuweisen, welcher wir so mannichfaltige Proben von Bieren aus Hrn. Allsopp's Brauerei unterworfen haben; diese hat die vollkommene Reinheit der gedachten Biere auf das unwiderleglichste bekundet.

In der That, wer so wie wir den kolossalen Maaßstab zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, in welchem sämmtliche Operationen dieses merkwürdigen Etablissements ausgeführt werden, muß sich ohne Weiteres überzeugen, daß jedes Verfahren, welches Verheimlichung erheischt, in einem solchen Geschäfte absolut unmöglich ist. Aber selbst in Abwesenheit aller dieser Gründe, schließt die Annahme, daß Biere irgendwo und unter irgend welchen Umständen mit Strychnin verfälscht worden, einen solchen Grad von Unwahrscheinlichkeit ein, daß man sich jeden Argwohns in dieser Beziehung füglich entschlagen darf.

Unter der Regierung Heinrich des VII. wurde eine Verfügung erlassen, welche die Verfälschung des Ale mittelst Schwefel oder Hopfen verbietet. Statt des Hopfens wurden damals Salbei, Andorn (Marrubium vulgare), Kamillen und andere einheimische Pflanzen verwendet. Seit jener Zeit muß das englische Nationalgetränk eine völlige Umwandlung erfahren haben, denn alle Sorten Bier, blaß oder braun, verdanken gegenwärtig ihren eigenthümlichen Charakter dem Hopfen, welchen der Brauer in seiner Malzinfusion abkocht und damit gähren läßt, und zwar ist diese Eigenthümlichkeit von den Bestandtheilen des Hopfens ebenso direct abhängig, als der Geschmack und das Aroma des |291| Weins von der Traube bedingt wird. Man nehme ein anderes als Hopfenbitter, und die gegohrene Würze würde sich nicht länger mehr als Bier erkennen lassen.

In der That handelte es sich nur um Bitterkeit, so sieht Jedermann ein, daß Quassiaextract ein vollkommen harmloses und angenehmes Surrogat des Hopfens zu einem unendlich geringeren Preise liefern würde.

Allein zur Herstellung eines guten pale ale kann kein anderes Material als Wasser, bestes Malz und Hopfen von der ausgezeichnetsten Güte verwendet werden, und die richtige Verarbeitung dieser Stoffe erfordert die größte Sorgfalt und Umsicht. Strychnin, selbst wenn kein anderer Grund vorhanden wäre, welcher seine Anwendung verböte, wird schon wegen der widerlichen metallischen Natur seines Bitters unfehlbar verworfen werden. Diese Eigenthümlichkeit seines Geschmackes würde überdieß die Gegenwart dieses Giftes im Bier schnell verrathen. So gering auch die Menge Strychnin ist, welche erforderlich ist, dem pale ale den nöthigen Grad von Bitterkeit zu ertheilen, sie steigt schon in einem halben Gallon zur tödlichen Dose. Da ferner bekannt ist, daß das Strychnin zu den Giften gehört, welche in dem Organismus accumuliren, so leuchtet ein, daß Vergiftungserscheinungen gelegentlich selbst dem Genuß viel kleinerer Mengen, wenn derselbe mehrere Tage ohne Unterbrechung andauerte, hätten folgen müssen. Auch die heftigen tetanischen Symptome, die bei Vergiftungen mit Strychnin eintreten, hätten nicht verfehlen können Verdacht und Argwohn zu erregen. Rechnet man hierzu noch die Sicherheit, mit der das oben angegebene Verfahren – welches von jedem Arzte und Apotheker mit Lichtigkeit ausgeführt werden kann – die kleinste Menge von Strychnin im Bier erkennen läßt, und die Annahme daß eine so gefährliche Substanz aus betrügerischer Absicht jemals dem Biere zugesetzt worden sey, verliert ihren letzten Halt.

Thomas Graham.
A. W. Hofmann.

London, den 26. April 1852.

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