Titel: Die mikroskopischen Kennzeichen der für die Technik wichtigeren Bastzellen (des Leines, Hanfes etc.).
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 125/Miszelle 7 (S. 77–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj125/mi125mi01_7

Die mikroskopischen Kennzeichen der für die Technik wichtigeren Bastzellen (des Leines, Hanfes etc.).

Eine Zusammenstellung mikroskopischer Kennzeichen der wichtigeren zu Geweben u.s.w. benutzten Bastfasern möchte vielleicht manchem willkommen seyn, da neben der von Dr. Elsner vorgeschlagenen Farbeprobe, dergleichen der Säureprobe (polytechn. Journal Bd. CV S. 189 u. 192) in wichtigen Fällen das Mikroskop (man s. die Abhandlung von Dr. Oschatz über den Bau der wichtigsten in der Technik angewandten Faserstoffe, im polytechn. Journal Bd. CX S. 342) immer als letzte Instanz entscheiden wird. Die Bastfasern des Leines und Hanfes erscheinen unter dem Mikroskop rund, ihre Wandung ist stark verdickt, sie sind, unter Wasser gesehen, nicht um sich selbst gewunden. Die in der Wandung dieser Zellen vorkommenden Porenkanäle wurden bisweilen irrthümlich als Gliederungen angesehen. Die Hanffaser ist weniger biegsam als die Leinfaser, die natürlichen Enden der Zelle sind in der Regel gabelförmig getheilt. Jod und Schwefelsäure bewirken bekanntlich eine blaue Färbung des Zellstoffs; die Wand aller biegsamen Bastzellen, aus ihm bestehend, wird blau gefärbt. Die Leinfaser verhält sich bei solcher Behandlung anders als die Hanffaser; erstere zeigt ein zierliches dunkelblau gefärbtes Spiralband oder Ringe, die Schichten welche die Wand der letzteren bilden, quellen dagegen ohne Spiral- und Stützbildung auf; in der Regel erscheinen die innersten Schichten wagrecht gestreift. Die Baumwolle und die Fasern der Brennessel sind unter Wasser gesehen plattgedrückt und um sich selbst gewunden, ihre Wand ist schwächer verdickt als bei der Lein- und Hanffaser. Die Baumwollenzelle ist ihrer ganzen Länge nach von gleicher Breite, die Bastzelle der Nessel zeigt dagegen abwechselnd Erweiterungen und Einschnürungen, wie selbige bei der Bastzelle der Vinca längst bekannt sind. Unter Jod und Schwefelsäure verhält sich die Baumwolle der Leinfaser ähnlich: sie zeigt Spiralen oder Ringe, während die Nesselfaser in der äußersten Schicht ein sehr weit gewundenes Spiralband, in den inneren Schichten dagegen sehr zarte auf einander folgende Spiralen entfaltet. Die Bastzelle des neuseeländischen Flachses (Phormium tenax) gleicht unter Wasser gesehen der Leinfaser, unterscheidet sich jedoch durch ihre Starrheit augenblicklich von derselben. Ihre Wandung ist verholzt; sie wird deßhalb durch Jod und Schwefelsäure nicht blau gefärbt. Durch Kochen mit Aetzkalilösung entfernt man den Holzstoff, die vorher starre Bastfaser wird biegsam; mit Jod und Schwefelsäure behandelt, verhält sich dieselbe jetzt genau wie die Baumwolle ohne Anwendung von Kali; doch wirkt die Schwefelsäure etwas heftiger, die Faser wird sehr bald zerstört. Die Gegenwart an Holzstoff im neuseeländischen Flachs bedingt wahrscheinlich die größere Haltbarkeit desselben und seinen Werth zur Herstellung von Schiffsseilen. Will man irgend ein Gewebe auf den Ursprung seiner Bastzellen untersuchen, so zerfasere man eine kleine Probe desselben nach der Richtung der beiden sich kreuzenden Fäden, und bringe dieselbe in einen Wassertropfen, mit einem Deckglase belegt, unter das Mikroskop; eine 200malige Vergrößerung ist ausreichend. Man erkennt auf diese Weise bei sorgfältiger Betrachtung die Natur einer jeden im Gewebe vorhandenen Faser, während die Farbeprobe, wenn der Faden selbst gemischt ist, z.B. aus Leinen und Baumwolle besteht, schwerlich ausreichen wird. Ausführliche Beschreibungen der genannten, so wie vieler anderen Bastzellen, nebst mikroskopischer Abbildung derselben, sowohl unter Wasser als unter Jod und Schwefelsäure gesehen, finden sich in dem so eben bei G. W. F. Müller in Berlin, Linden Nro. 23, erschienenen Buche, unter dem Titel:

Schacht, Dr. Herm., Physiologische Botanik. Die Pflanzenzelle, der innere Bau und das Leben der Gewächse. Für Botaniker. Anatomen, Chemiker, Forst- und Landwirthe, sowie für Naturkundige überhaupt. Nach eigenen vergleichenden mikroskopisch-chemischen Untersuchungen bearbeitet. Mit 390 |78| mikroskopischen Abbildungen auf 20 Tafeln, deren 9 in Farbendruck, nebst einem Anhange über polarisirtes Licht und einer tabellarischen Uebersicht der Anatomie einiger Coniferenhölzer. 30 Bog. Imp. Lex. 8. (60 Bog. kl. 4.) n. 6 Thlr. 20 Sgr.

Die Beschreibungen und Abbildungen befinden sich daselbst:

a) des Leines (Linum usitatissimum) p. 216 und Taf. VIII. Fig. 3. 4. – b) des Hanfes (Cannabis sativa) p. 216 und Taf. VIII. Fig. 5. c) der Baumwolle (Gossypium) p. 214. und Taf. VIII. Fig. 1. 2. – d) der Brennessel (Urtica dioica p. 217. und Taf. VIII. Fig. 13. – e) des neuseeländischen Flachses (Phormium tenax) p. 97 und Taf. X. Fig. 7–8. – f) der Vinca minor p. 217. und Taf. VIII. Fig. 6–8.

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