Titel: Ueber den nachtheiligen Einfluß des Gaskalkes auf die Gesundheit der Menschen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 125/Miszelle 8 (S. 159–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj125/mi125mi02_8

Ueber den nachtheiligen Einfluß des Gaskalkes auf die Gesundheit der Menschen.

Bei der Bebauung eines Theils von London, welcher den Namen Pimlico führt (in der Nähe von Green- und St. James-Park, südlich davon gelegen), hat man zum Ausfüllen des morastigen Bodens Gaskalk verwandt. Im October 1849 ereignete sich das Unglück, daß 5 Menschen, welche in der Kenilworth Street in den Abzugscanal der Straße, um dort Arbeit zu verrichten, gegangen waren, plötzlich erstickten. Die Leichname hatten eine bronzeblaue Farbe, besonders am Munde, Nacken und Brust. Der Canal ist 418 Fuß lang, 4 Fuß hoch, 2 1/2 Fuß weit, aus Ziegelsteinen erbaut; am südlichen Ende der Straße ist derselbe einstweilen zugeschüttet, da in der Straße erst 3 Häuser erbaut sind, das nördliche Ende steht dagegen mit andern Straßen-Canälen in Verbindung. Es konnten nur Tagewasser durch das aufgeschüttete Erdreich hindurch in diesen Canal dringen, da außer jenen 3 Häusern noch keine Rinnsteine in den Canal geleitet sind.

Auf dem Boden dieses Canals fand man bei der Untersuchung eine etwa 1 Fuß mächtige Schicht einer grüngefärbten erdigen Materie, mit einer ebenso gefärbten stinkenden Flüssigkeit bedeckt. Eine gleiche Masse wurde über dem Canalgewölbe in dem dortigen Erdreich gefunden. Es blieb daher kein Zweifel übrig, daß sich aus dem Gaskalk tödtende Gase entwickelt haben mußten. Es wurden, um Gewißheit darüber zu erhalten, von Ure und einigen anderen Chemikern Analysen der in dem Canale vorgefundenen flüssigen und festen Niederschläge vorgenommen, welche folgende Resultate ergaben.

Man erkannte die feste Substanz für Gaskalk, durchdrungen von Schwefelwasserstoffgas, Schwefelammonium und Cyanverbindungen. Tritt nun kohlensaures Gas (aus der atmosphärischen Luft) hinzu, so werden die schädlichen Gase entbunden und vom Regenwasser verschluckt; dadurch wird es erklärlich, wie die grünlich gefärbte höchst stinkende Flüssigkeit jene der Gesundheit schädlichen Gase enthalten konnte.

Man verschaffte sich aus einem Londoner Gaswerke frischen Gaskalk, laugte ihn mit Wasser aus, untersuchte dann das letztere und fand in einem Gallon (nahe 4 Quart) desselben: 1911 Grän aufgelöste Substanzen, als 1330 Kalk, 301 Ammoniak, 280 Schwefel. Ein Gallon entband, mit Salzsäure behandelt, 803 Kubikzoll schädlicher Gasarten, d. i. ungefähr 3 Gallons dem Volum nach. 3 1/2 Gallons dieser Flüssigkeit gaben 1 Unze (2 Loth) Berlinerblau, ein Beweis von dem beträchtlichen |160| Gehalte an Cyanverbindungen. 2 Unzen Berlinerblau geben 50 Unzen flüssige Blausäure derjenigen Stärke, wie sie die Londoner Pharmakopöe vorschreibt, durch welche Menge mehr als Hundert Menschen getödtet werden können.

Um die Leichen der Arbeiter aus dem Canal zu schaffen, wurde derselbe von oben von Erde entblößt und aufgebrochen. Man mußte eine Schicht Gaskalk von 2 1/2 Fuß hoch, 4 Fuß breit, 18 Fuß lang, im Gewicht etwa an 240 Centner wegnehmen, um zum Canalgewölbe zu gelangen.

Hieraus kann man ermessen, von welchem Nachtbeile für die Gesundheit der Anwohner solch eine Anhäufung von Gaskalk seyn muß. (Aus Ure's Broschüre The general Malaria of London 1850, durch die Verhandl. des Vereins für Gewerbfleiß in Preußen, 1851, 5te Liefer.)

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