Titel: Schlumberger, über die sogenannten Krappblumen.
Autor: Schlumberger, Heinrich
Fundstelle: 1852, Band 126, Nr. XXXIX. (S. 206–210)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj126/ar126039

XXXIX. Ueber die Krappblumen der HHrn. Julian und Roquer; Bericht von Heinrich Schlumberger.

Aus dem Bulletin de la Société industrielle de Mulhouse, 1852, Nr. 117.

Im Februar 1852 haben die HHrn. A. Julian und Roquer zu Sorgues (Vaucluse) unserer Industriegesellschaft angezeigt, daß sie sich um den Preis bewerben wollen, welcher nach dem Programm lautet: „Eine goldene Medaille wird für ein Krappextract ertheilt, welches beim Färben eine beträchtliche Ersparniß gewährt und eben so lebhafte und ächte Farben wie der Krapp selbst liefert. Dieses Product muß schon in den Handel gebracht seyn.“

Das Patent welches sich Hr. Julian (in Frankreich) ertheilen ließ, enthält im Wesentlichen folgendes:

„Ich behandle die französischen oder ausländischen Alizaris, nachdem sie vorher zu Pulver gemahlen worden sind. Dieser Krapp wird in großen Kufen mit kaltem oder warmem Wasser gehörig angerührt; das Wasser muß, je nach dem Grade seiner Reinheit, vorher mit einer Säure behandelt worden seyn, um ihm den Kalk zu entziehen. Alsdann lasse ich das Ganze in Filtrirkufen laufen.“

„Mit Rücksicht auf die Farben, welche man beim Färben mit diesem Product zu erzielen beabsichtigt, lasse ich das so eingeweichte Krapppulver in den Filtrirkufen einen bis fünf oder sechs Tage lang verweilen, je nachdem ich will daß eine geistige Gährung stattfindet oder nicht. Nachdem dann die Filtrirkufe vollkommen abgetropft ist, bringe ich diesen gleichartigen Teig (in Säcke eingeschlossen) in die hydraulische Presse.“

„Der ausgepreßte Krapp wird in Trockenstuben ausgetrocknet, dann zerrieben und in Fässer verpackt. Durch diese Behandlung verliert der gewöhnliche Krapp 50 bis 60 Proc. an Gewicht.“

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„Falls man den Krapp in den Filtrirkufen mit oder ohne Zusatz von Bierhefe gähren ließ, sammelt man das in Berührung mit dem Krapp gegohrene Wasser, welches von den Filtrirkufen und den hydraulischen Pressen ablauft, in hölzernen Kufen, um dann den Weingeist daraus abzudestilliren.“

Wir wollen hier nicht näher untersuchen, was an dem beschriebenen Verfahren Neues ist, sondern sogleich auf die Frage übergehen, ob das von den HHrn. Julian und Roquer in den Handel gebrachte Product allen Bedingungen unseres Programms entspricht.

Im Januar 1851 schickte Hr. Julian die ersten Proben seiner Krappblumen (fleur de garance) nach Mülhausen; nach den günstigen Resultaten, welche man damit erhielt, lieferte er im darauf folgenden Monat April einige Probefässer, welchen beträchtlichere Sendungen nachfolgten. Schon im Februar 1852 hatten die HHrn. Julian und Roquer 300,000 Kilogr. ihrer Krappblumen versendet, davon 200,000 Kilogr. nach Mülhausen und dessen Umgebung. Alle Fabrikanten, welche dieses Product anwandten, erklären daß es in der Qualität sich stets vollkommen gleich blieb, und gegen die Anwendung des gewöhnlichen Krapps einen auffallenden Vortheil darbietet.

Die wesentliche Eigenschaft dieses Products, welche am meisten zu seiner schnellen Verbreitung beitrug, besteht darin, daß es beim Färben das schönste und reinste Violett liefert, welches dessenungeachtet eben so ächt wie das mit Krapp dargestellte ist. Dieß erklärt sich dadurch, daß in den Krappblumen der Farbstoff von den schleimigen, zuckerigen, sauren und allen übrigen auflöslichen Bestandtheilen des Krapps befreit ist; beim Färben mit gewöhnlichem Krapp verbinden sich diese Substanzen mit den Eisenbeizen und trüben das Violett mehr oder weniger. Die Krappblumen liefern auch mit den Thonerde- und Eisenbeizen dunklere Farben als der Krapp unter denselben Umständen; diese Thatsache erklärt sich dadurch, daß die auflöslichen Bestandtheile des Krapps während des Färbens auf die Beizen auflösend wirken. Da diese Schwächung der Beizen durch den gewöhnlichen Krapp beim Färben mit dem neuen Product nicht statt findet, so kann man um 15 bis 20 Proc. schwächere Beizen anwenden, um Farben von gleicher Intensität zu erhalten. Das Roth und Rosenroth bekommt man so lebhaft wie mit Krapp, und eher noch ächter.

Beim Färben mit Krappblumen bleibt der weiße Grund reiner, daher man die Seifenpassagen und Avivagen vermindern kann. Ueberdieß |208| kann man eine größere Anzahl von Stücken in demselben Bad färben, wodurch an Zeit und an Brennmaterial erspart wird.

Auch ist zu bemerken, daß das Färben mit Krappblumen regelmäßiger von statten geht, und daß man dabei keinen Verlust an Farbstoff erleidet, wie es bisweilen mit gewöhnlichem Krapp der Fall ist, wenn nämlich die Temperatur des Bades sinkt.

Dieses neue Product, welches von den auflöslichen Bestandtheilen des Krapps befreit ist, gestattet während des Färbens ein neues Quantum Krappblumen zuzusehen, wenn man findet, daß das Bad zu schwach ist; mit gewöhnlichem Krapp kann dieses nicht geschehen. Man vermeidet so ein neues Färben derselben Stücke, welches immer mit Verlust an Zeit, an Brennmaterial, und selbst an Farbstoff verbunden ist.

Hinsichtlich des Versendens und des Aufbewahrens in den Magazinen gewähren die Krappblumen ebenfalls Vortheile, weil sie in demselben Gewicht zweimal soviel Farbstoff als der Krapp enthalten und der Gewichtsverlust in Folge der Einwirkung der Feuchtigkeit auf die löslichen Bestandtheile des Krapps bei ihnen nicht zu befürchten ist.

Aus diesen Gründen hat der Ausschuß für Chemie beschlossen, die goldene Medaille den HHrn. Julian und Roquer zuzuerkennen, deren Product den verschiedenen Bedingungen unseres Programms vollkommen entspricht.

Allerdings wäre ein Product zu wünschen, welches einen größeren Theil des im Krapp enthaltenen Farbstoffs zu benutzen gestattete; denn beim Färben mit den Krappblumen des HHrn. Julian und Roquer geht noch ein beträchtlicher Theil dieses Farbstoffs verloren, abgesehen von dem Pigment welches vielleicht während der Bereitung des Products verloren geht.

Nach Versuchen welche in der Fabrik von Dollfus-Mieg und Comp. mit mehreren tausend Kilogr. Krappblumen gemacht wurden, können wir den Verlust an Farbstoff, welcher beim Färben mit denselben statt findet, annähernd in Zahlen bestimmen.

100 Theile Krappblumen hinterließen nach dem Färben 165 Theile nassen Rückstand, welchen man in der hydraulischen Presse auspreßte, und der 62,4 trocknen Rückstand gab. Dieser Rückstand, mit Säure behandelt, lieferte 135 Theile feuchtes Garancin, dessen Färbevermögen 1/6 von demjenigen des käuflichen Garancins betrug, und das folglich 22,5 Theilen Garancin entsprach. Da letzteres das vierfache Färbevermögen des gewöhnlichen Krapps besitzt, so würde es folglich 90 Theile Krapp repräsentiren.

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Aus diesen Versuchen folgt, daß 100 Theile Krappblumen, welche 200 Theile Krapp repräsentiren, durch die Rückstände beim Färben einen Verlust an Farbstoff geben, welchen man auf 90 Theile Krapp schätzen muß; der Verlust beträgt also 45 Proc. des Farbstoffs, ohne zu rechnen was durch die Flotten weggeführt wurde, welche man nicht sammelte, und ohne den durch die Garancinfabrication verursachten Abgang zu berücksichtigen, sowie denjenigen Farbstoff welcher nach dem Färben mit Garancin im Rückstand verblieb.

Dieselben Versuche wurden vergleichsweise mit gewöhnlichem Krapp gemacht. 100 Theile guter Krapp (garance rosée) hinterließen nach dem Färben 84,9 Theile nassen Rückstand, welchen man in der hydraulischen Presse auspreßte, und der 32,26 Theile trocknen Rückstand gab. Dieser Rückstand, mit Säure behandelt, gab 69,6 Theile feuchtes Garancin, welches 1/6 seines Gewichts, also 11,60 Theile käufliches Garancin repräsentirt, das 46,4 Theilen Krapp entspricht. Der Verlust mit solchem Krapp betrug also 46,4 Proc., während er mit den Krappblumen 45 Proc. betrug.

Man sieht, daß der Rückstand welchen die Krappblumen beim Färben hinterließen, nicht ganz das Doppelte von demjenigen beträgt, welchen der Krapp lieferte. Der geringe Unterschied mag daher rühren, daß das Krappblumen-Pulver sich wegen seiner größeren Feinheit mehr an die Stücke anhängt, und daß es leichter durch die Filter geht.46)

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Hr. Julian ließ sich seine Bereitung der Krappblumen auch in England patentiren; wir haben die Patentbeschreibung im polytechn. Journal Bd. CXXIV S. 201 mitgetheilt. In derselben ist, ohne Zweifel absichtlich, nicht erwähnt, daß das Wasser in welches man das Krapppulver einweicht, um die löslichen Bestandtheile desselben auszuziehen, zuvor mit einer Säure versetzt werden muß, und zwar nicht nur um den kohlensauren Kalk zu zersetzen oder zu fällen (wie in dem französischen Patent erwähnt ist), sondern hauptsächlich auch, um die theilweise Auflösung des rothen Farbstoffs durch vorhandene freie Mineralsäure (Schwefelsäure) zu verhüten. Ferner ist in der Specification des englischen Patents nicht erwähnt, daß der eingeweichte Krapp in den Filtrirkufen einer Gährung unterzogen wird nöthigenfalls mittelst Hefe.

Das Einweichen des Krapps in Wasser und Auswaschen desselben, um ihn von den löslichen Bestandtheilen zu reinigen, wurde schon längst und namentlich von dem französischen Maler Merimée bei der Darstellung von Krapplacken angewandt; da man aber dem Wasser keine Schwefelsäure zusetzte, so verlor man dabei einen großen Theil des rothen Farbstoffs.

Schon im Jahr 1827 empfahl Hr. Dr. von Kurrer (polytechn. Journal Bd. XXIII S. 74) den Krapp von den zuckerigen, schleimigen etc. Theilen dadurch zu reinigen, daß man ihn in Wasser eingeweicht bis zur eintretenden geistigen Gährung disponirt und hierauf alsbald auswascht. Dieses Verfahren konnte jedoch |210| nicht in die Fabrikpraxis übergehen. Heinrich Schlumberger bemerkt in einer Abhandlung über den Krapp (polytechn. Journal Bd. LVII S. 478): „wenn man der Gährung des Krapps Meister wäre, könnte man in der Praxis daraus mehrere Vortheile ziehen; aber die Temperatur, die Dauer des Einweichens, und besonders die Menge des angewandten Wassers, haben einen so großen Einfluß auf die Resultate, daß man bei einer unbedeutenden Veränderung derselben einen Krapp erhalten kann, der gar nicht färbt.“

Offenbar hat Hr. Julian dadurch, daß er den in säuerlichem Wasser eingeweichten Krapp der Gährung unterzieht, alle praktischen Schwierigkeiten beseitigt.

Wir bemerken schließlich, daß Heinrich Schlumberger, unseren Lesern durch seine zahlreichen Arbeiten über den Krapp bekannt (er war geboren in Mülhausen am 11. April 1805), obigen Bericht in den letzten Tagen seines Lebens niederschrieb.

A. d. Red.

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