Titel: Niepce, über die Heliochromie.
Autor: Niépce de Saint‐Victor, Claude M.
Fundstelle: 1852, Band 126, Nr. LIV. (S. 295–299)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj126/ar126054

LIV. Ueber die Heliochromie; von Hrn. Niepce aus Saint-Victor.

Aus den Comptes rendus, Novbr. 1852, Nr. 19.

In dieser dritten Abhandlung über die Heliochromie71) werde ich hauptsächlich die optischen Erscheinungen behandeln, welche ich beobachtete als ich die Farben in der camera obscura zu fixiren suchte.

Nachdem ich durch Contact – indem ich nämlich die rechte Seite eines colorirten Kupferstichs auf eine empfindliche Platte legte, und sie mit einem Glas bedeckte um sie dann dem Licht auszusetzen – Alles erzielt hatte, was bei der gegenwärtigen Sachlage möglich war, suchte ich zu denselben Resultaten in der camera obscura zu gelangen. Ich erwartete dabei auf große Schwierigkeiten zu stoßen, welche es mir gelang, bis zu einem gewissen Punkt, zu überwinden.

Ich habe mich überzeugt, daß die Reproduction aller Farben möglich ist; daß es sich hierzu blos darum handelt, die Platte gehörig vorzubereiten.

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Ich begann damit, in der camera obscura zuerst gemalte Kupferstiche, dann künstliche und natürliche Blumen zu copiren; endlich die todte Natur, nämlich eine Puppe, welche ich mit verschiedenfarbigen Stoffen ankleidete, und immer mit goldenen und silbernen Tressen versah.

Ich erhielt alle Farben, und merkwürdiger Weise bilden sich das Gold und Silber mit ihrem Metallglanz ab, sowie das Krystallglas der Alabaster und das Porcellan mit dem ihnen eigenthümlichen Glanz.

Ich habe auch Bilder von Edelsteinen und Glasflüssen gemacht. Bei diesen Versuchen konnte ich eine merkwürdige Eigenthümlichkeit beobachten: ich hatte vor meinem Objectiv ein dunkelgrünes Glas angebracht, welches mir ein gelbes Bild anstatt eines grünen Bildes gab; ein hellgrünes Glas, neben dem dunkelgrünen angebracht, bildete sich hingegen vollkommen mit feiner Farbe ab.

Die große Schwierigkeit, welche mich bis jetzt am meisten hinderte, besteht darin, mehrere Farben zugleich zu erhalten; dieß ist jedoch möglich, weil es mir oft gelang.

Alle hellen Farben bilden sich viel schneller und viel besser ab, als die dunkeln Farben, d.h. je mehr sich die Farben dem Weiß nähern, desto leichter bilden sie sich ab, und je mehr sie sich dem Schwarz nähern, desto schwerer ist es ihr Abbild zu erhalten. Dieß muß seyn, denn je heller die Farben sind, desto größer ist ihre photogenische Wirkung; die Körper, welche am meisten weißes Licht reflectirten, sind auch diejenigen, welche sich am besten abbilden.

Das weiße Licht, weit entfernt der Reproduction der Farben zu schaden, erleichtert sie also, wie wir gesehen haben.

Nachdem ich gefunden hatte, daß die hellen und glänzenden Farben sich viel besser abbilden als die matten Farben (vorausgesetzt jedoch, daß erstere nicht den directen Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, weil sie in diesem Falle das Licht wie ein Spiegel reflectiren und das Bild an gewissen Theilen verderben würden), kam ich auf den Gedanken eine Kammer anzuwenden, welche im Innern so viel als möglich erhellt ist. Zuerst benutzte ich eine mit weißem Papier tapezirte Kammer; die Resultate waren hinsichtlich der Reproduction der Farben denjenigen wenigstens gleich, welche mir die schwarze Kammer gab.

Ich bekleidete dann das Innere einer camera obscura mit belegten Spiegelgläsern, und erhielt gegen alle Regeln der Photogenie doch dieselben Resultate.

Ich kann dessenungeachtet nicht positiv behaupten, daß es wirklich vortheilhaft ist, sich vorzugsweise dieser zwei Kammern zu bedienen (um entweder einen größern Effect oder denselben schneller zu erzielen), |297| weil ich bisher noch keine entscheidenden vergleichenden Versuche anzustellen im Stande war.

Ebendeßhalb weil die hellen Farben sich leichter und hauptsächlich schneller reproduciren als die dunkeln Farben, ist es sehr wichtig, daß die Farbenabstufungen des Modells (Originals) solche von gleichem Ton sind, wenn man sie gleichzeitig reproduciren will, weil sonst die hellen Farbenabstufungen verschwinden würden, bevor die dunkeln entstanden.

Man kann jedoch Farben von verschiedenen Tönen fixiren, wenn man besorgt ist, matte helle Farben und glänzende dunkle Farben zu nehmen, was ich mit Erfolg gethan habe.

Die Farbe, welche man am schwierigsten mit allen anderen erhält, ist das Dunkelgrün des Laubwerks, weil die grünen Strahlen wenig photogenische Wirkung haben, und fast so träge sind wie das Schwarz; das Hellgrün bildet sich jedoch sehr gut ab, besonders wenn es glänzend ist, wie bei dem geglätteten grünen Papier.

Um dunkelgrüne Nüancen zu erhalten, muß man die Platte kaum erhitzen, ehe man sie dem Licht aussetzt, während man, um die meisten anderen Farben zu erhalten, und namentlich ein schönes Weiß, nothwendig die empfindliche Schicht erhitzen muß bis sie eine kirschrothe Farbe angenommen hat.72) Dieses starke Erhitzen hat aber seine großen Uebelstände, das Schwarz und die Schatten bleiben fast roth; bisweilen gelingt es jedoch das Schwarz gut zu erhalten, hauptsächlich wenn man durch Contact operirt.

Ich habe schon sehr viele Versuche angestellt, um diese Vorbereitung der Platte durch Erhitzen entbehrlich zu machen, es gelang mir aber bis jetzt nicht.

Die folgenden Versuche führten mich auf den Weg, auf welchem ich das Problem der Heliochromie vollständig zu lösen hoffe.

Wenn man die Platte beim Herausnehmen aus dem Bad blos trocknet, ohne sie soweit zu erwärmen, daß sie ihre Farbe ändert, und dieselbe so dem Licht aussetzt, mit einem colorirten Kupferstich bedeckt, so erhält man wirklich nach sehr kurzer Exposition ein Abbild dieses Kupferstichs mit allen seinen Farben; die Farben sind aber meistens nicht sichtbar, bloß einige derselben erscheinen, falls man ziemlich lange Zeit dem Licht ausgesetzt hat, nämlich die grünen, die rothen und bisweilen |298| die blauen. Die anderen Farben, und häufig alle Farben, obgleich sicher erzeugt, verblieben im latenten Zustande, wie sich leicht nachweisen läßt. Wenn man nämlich ein mit Ammoniak getränktes Baumwollenbällchen nimmt, welches schon zum Reinigen einer Platte gedient hat, und gelinde auf der Platte reibt, so kommt nach und nach das Bild mit allen seinen Farben zum Vorschein; es mußte hierzu die oberflächliche Schicht des Chlorsilbers entfernt und folglich die untere tiefere Schicht bloßgelegt werden, welche unmittelbar der Silberplatte anhaftet und auf der sich das Bild erzeugte.

Daraus ersieht man, daß es sich bloß noch darum handelt, eine Substanz zu finden, welche das Bild entwickelt und vielleicht gleichzeitig die Farben fixirt; das Problem wäre dann vollständig gelöst.

Bei den zahlreichen Versuchen, welche ich zu diesem Zweck anstellte, habe ich folgendes beobachtet. Wenn man den Quecksilberdampf anwendet, so entwickelt man das Bild sehr gut, es hat aber einen gleichförmigen grauen Ton, ohne eine Spur von Farbe; es sieht anders aus als das Daguerre'sche Bild, obgleich es, wie letzteres in einer Richtung betrachtet, sich positiv zeigt, und in der andern Richtung negativ.

Wenn man eine schwache Auflösung von Gallussäure mit Zusatz einiger Tropfen Ammoniak anwendet, so bringt man ebenfalls das Bild zum Vorschein, besonders wenn man ein wenig erhitzt, und nachher die Platte trocknet ohne sie zu waschen. Das Bild, welches dann erscheint, ist dem durch Quecksilber hervorgebrachten sehr ähnlich, und wenn man der Gallussäure einige Tropfen essig-salpetersaures Silber zusetzt, so wird es fast schwarz.

Die Zeit, welche zur Exposition erforderlich ist, um die Farben hervorzubringen, ist je nach der Vorbereitung der Platte sehr verschieden; ich habe sie schon sehr verkürzt, denn ich habe Bilder in der Sonne mit einem deutschen Objectiv für Halbplatten in weniger als einer Viertelstunde gemacht, und in weniger als einer Stunde im zerstreuten Licht. Je empfindlicher die Platte ist, desto schneller vergehen die Farben, und bis jetzt gelang es mir nur, die Farben für einen Augenblick zu fixiren; es handelt sich also noch darum, die Farben bleibend fixiren zu können, was, wie ich oben andeutete, vielleicht durch eine Substanz geschehen könnte, welche das Bild aus dem latenten Zustand in den sichtbaren Zustand überzuführen vermag.

Ungeachtet dessen, was noch zu thun übrig bleibt, glaube ich schon außerordentliche Resultate erhalten zu haben, welche alle Personen in Erstaunen setzten, denen ich Bilder meiner Puppe zeigte, worauf die |299| Gold- und Silbertressen mit ihrem Metallglanz reproducirt und die Figur nebst allen Farben der Kleiber sehr scharf gezeichnet war.

Meine besten Bilder realisiren schon zum Theil die Hoffnungen meines Onkels (Daguerre), welcher einem seiner Freunde sagte, daß er eines Tags sein Bild so copiren würde, wie er es in einem Spiegel sehe. Dieser ungeheure Fortschritt ist leider noch nicht ereicht, aber man kann hoffen, eines Tags dahin zu gelangen; und obgleich die zu überwindenden Schwierigkeiten noch zahlreich und bedeutend sind, so glaube ich doch die Möglichkeit des Gelingens außer Zweifel gesetzt zu haben.

Dieses sind die Thatsachen, welche ich jetzt schon zur Kenntniß der (französischen) Akademie der Wissenschaften bringen zu müssen glaubte, indem ich mir vorbehalte, später das Verfahren zum Vorbereiten der Platten zu veröffentlichen, welches die erwähnten Resultate liefert.

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Die früheren Abhandlungen des Verfassers wurden im polytechn. Journal Bd. CXVIII S. 196 und Bd. CXXI S. 206 mitgetheilt.

A. d. Red.

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Polytechn. Journal Bd. CXXI S. 211.

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