Titel: Die Rosenöl-Fabrication im Balkan.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 126/Miszelle 7 (S. 78–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj126/mi126mi01_7

Die Rosenöl-Fabrication im Balkan.

Die „Austria“ bringt einen interessanten Artikel über die Rosenpflanzungen im Balkan, welche dem europäischen Handel die Rosenessenz liefern. In den Balkanniederungen zwischen Selimno und Carlova, ja sogar bis nach Philippopel, befassen sich die größtentheils christlichen Einwohner des Landstrichs mit der Pflege dieser Blume, die nirgends so gut gedeiht als unter diesem Himmelsstrich, wo die Nähe der frischen Bergluft und das eigenthümlich kesselartig geformte Terrain ihrem Fortkommen besonders zuträglich sind. Die Gattung der Rose die hier gezogen wird, ist die sogenannte gemeine, Rosa centifolia provincialis. In der heimathlichen Erde wird die Staude wohl nie sehr hoch, dafür aber buschig und kräftig; die Stengel und Stiele sind stark stachelig und borstig, die Blüthen nicht sehr groß, blaßroth, schwach gefüllt und sehr wohlriechend. In fremden Boden verpflanzt läßt die Ueppigkeit nach, nur der Geruch bleibt derselbe.

In guten Jahren, d.h. wenn die Witterung nicht zu heiß und mehr mild und feucht ist, kann das Gesammterzeugniß 400,000 Meticals10) erreichen. Dann geben 8 Oke Rosen wovon 400 beiläufig eine Oka bilden, ein Metical der Essenz. In schlechten Jahren erzeugt man in jenem Umkreise nur 100,000 bis 150,000 Meticals. Im verflossenen Jahr bildete das Erträgniß 300,000 Meticals, wovon 1 Metical um den Preis von 14 bis 18 Piaster verkauft wurde. Für das heurige Jahr wo die Ernte – wie alljährlich – gegen Ende Mai's begonnen hat, verspricht man sich ein gleich günstiges, wenn nicht besseres Ergebniß.

Die Essenz- und Rosenwasser-Bereitung ist sehr einfach. Nachdem die Blumen knapp am Kelche abgebrochen wurden, legt man sie in große kupferne Retorten, die beiläufig 30 Oke Rosen und ebensoviel Wasser fassen, und läßt sie über einem mäßigen Feuer langsam abdampfen. Nach einigen Tagen gibt die bezeichnete Quantität ungefähr 4 bis 5 Oke Rosenwasser, welches nochmals auf obige Weise destillirt, sich bis auf die Hälfte vermindert und die ebenso geschätzte als sehr flüchtige Essenz aufwirft, welche daher schnell eingesammelt und sorgfältig verwahrt werden muß. Die auf diese Weise gewonnene Substanz ist, ohne daß man die Ursache davon anzugeben weiß, von doppelter Qualität. Einige Kasás bringen eine Essenz hervor die sehr schnell stagnirt, so daß 3 Meticals davon im Wasser von 10° Réaumur schon stocken, während das Product der andern Ortschaften weit länger und in niederer Temperatur flüssig bleibt. Die erstere Gattung wird im Handel stark gesucht, indem sie sich zu verschiedenen Mischungen besonders eignet; die letztere ist jedoch gehaltvoller und hat auch einen feinern Geruch. Nachdem der ganze Destillirungsproceß beiläufig 25 Tage in Anspruch genommen, wird die Rosen-Essenz in besondere kupferne Gefäße, „Kunkumas“ genannt, gefüllt, gut verlöthet und dann versendet. Ein Kunkuma faßt 100 bis 1000 Meticals in sich. Das dabei erzeugte und im Preise weit niedriger stehende Wasser wird in kleine Fässer und andere Behälter vertheilt, und bildet sowohl als Heil- und Schönheitsmittel, wie auch als Bestandtheil |79| für Spirituosen einen gesuchten Verkaufsartikel. Kasanlik ist der Ort von wo aus die Versendung der eingesammelten Partien über Konstantinopel besorgt wird.

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1 Metical = 1 1/2 Drachme.

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