Titel: Die Luftdruckmaschinen des amerikanischen Capitäns J. Ericsson.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 126/Miszelle 3 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj126/mi126mi02_3

Die Luftdruckmaschinen des amerikanischen Capitäns J. Ericsson.

Joh. Ericsson, im J. 1803 in Schweden geboren, wanderte vor ungefähr 20 Jahren nach den Vereinigten Staaten von Amerika aus, und hat daselbst seit den letzten zwei Jahrzehnten sich durch Entdeckungen und Verbesserungen in der Mechanik ausgezeichnet; ihm verdankt unter anderm die Schifffahrt die Unterwasser-Schraube, welche, wenigstens bei Kriegsdampfschiffen, die Ruderräder gänzlich verdrängen wird.

Schon seit vielen Jahren ist Ericsson mit Versuchen beschäftigt, um die durch Erhitzung ausgedehnte Luft mit großer Ersparniß an Brennmaterial anstatt des Dampfes als Motor anzuwenden. Seit einem Jahre sind in der Eisengießerei der HHrn. Hogg und Delamater in New-York zwei Maschinen dieser Art, die eine von fünf, die andere von sechzig Pferdekräften im Gange. Die günstigen Leistungen dieser Maschinen veranlaßten einen unternehmenden Kaufmann, Hrn. John B. Kitching, in Verbindung mit einigen Freunden, 300,000 Dollars auf den Bau eines Schiffes von 2000 Tonnen zu wenden, um die neue Kraftmaschine in großem Maaßstab auf die Probe zu stellen. Dieses Schiff, welches am 1 November in New-York vom Stapel gelaufen seyn wird, hat 250 Fuß Länge, 40 Fuß Breite und 27 Fuß Tiefe; seine Räder haben einen Durchmesser von 32 Fuß und eine Breite von 11 1/2 Fuß; die Luftmaschine (caloric engine) hat 600 Pferdekräfte; und diese Riesenmaschine consumirt in 24 Stunden nicht mehr als 8 Tonnen Anthracitkohlen, bedarf nur zehn Mann zur Bedienung, steht in der Mitte des Schiffes, und nimmt nicht mehr Raum ein als 76 Fuß Länge und 18 Fuß Breite.

Vier Cylinder, jeder von 13 Fuß Durchmesser, stehen in einer Längsreihe im Kiel, unter jedem ein kleiner Ofen, der nur 3 bis 4 Bushels Kohlen faßt. Jedes |154| Cylinderpaar bildet eine Maschine, welche mit der andern verbunden werden kann. In dem Cylinder strömt die durch die erwähnten Oefen erwärmte Luft ab und zu, so daß das Ganze wie eine Dampfmaschine construirt ist, nur daß sie Niederdruck hat und statt des Dampfes erwärmte Luft ihr Agens ist. Aus diesem Grunde müssen so ungeheure Cylinder verwendet werden, denn die Kolbenfläche, worauf die ausgedehnte Luft drückt, muß in entsprechendem Verhältniß größer seyn, als die Druckkraft der erwärmten Luft geringer als diejenige des Wasserdampfs ist. Es läßt sich nicht läugnen, daß das Princip richtig ist, daß die Maschine, weil die großen Kessel mit dem großen Heizraum wegfallen, einen kleineren Raum als die gewöhnlichen Dampfmaschinen beansprucht, daß die Kosten der Heizung verhältnißmäßig sehr gering sind und die Gefahr einer Explosion fast ganz beseitigt ist. Es kommt aber alles darauf an, ob die Seele der Maschine, der sogenannte Regenerator, den Erwartungen entspricht. Wenn bei einer Dampfmaschine ein Theil des Dampfs seinen Dienst verrichtet, nämlich dem Kolben Bewegung ertheilt hat, so entweicht dieser Dampf und wird zu Wasser condensirt, es muß also neuer Dampf erzeugt werden, um ihn zu ersetzen: daher der große Brennmaterial-Verbrauch bei den Dampfmaschinen. Bei der Luftmaschine ist es aber anders; nachdem die heiße Luft den Kolben gehoben hat, entweicht sie nicht, sondern wird wieder gesammelt, und gibt dem Regenerator ihre Wärme zurück, so daß ihr nur etwa nur 30° F. von den 480° F. verbleiben, welche sie beim Eintritt in den Cylinder besaß. Daher die Ersparung von drei Vierteln an Brennmaterial im Vergleich mit den Dampfmaschinen. Der Regenerator besteht aus einer mehrere Zoll dicken Schicht enger Drahtgeflechte, welche die heiße Luft nach ihrem Austritt aus der Maschine zu passiren hat, und durch welche sie gezwungen wird ihre Wärme größtentheils abzugeben; das Princip dieser Vorrichtung ist also das von Davy's Sicherheitslampe.

In der amerikanischen Abtheilung der Londoner Ausstellung war eine Ericsson'sche Luftmaschine ausgestellt. In England ist die Erfindung für Ed. Dunn patentirt; wir haben die Beschreibung der patentirten Maschine im polytechn. Journal Bd. CXXIII S. 86 mitgetheilt.

Maschine des Amtmanns Prehn in Lauenburg. – Hr. L. Stein vindicirt in der Allgemeinen Zeitung vom 24. Oktober d. J. die Ericsson'sche Erfindung einem unserer Landsleute; er sagt: „Der Amtmann Prehn in Lauenburg, im engern Kreise als ein tüchtiger Mathematiker bekannt, indem er von der theoretisch längst festgestellten Thatsache ausging, daß die Expansivkraft der atmosphärischen Luft durchaus genügend sey den Dampf für die Bewegung von Maschinen zu ersetzen, kam durch eine lange Reihe der schwierigsten und kostspieligsten Versuche dahin, die atmosphärische Luft in so raschem Wechsel abzukühlen und zu erhitzen, daß eben dieser Wechsel das bewegende Element seiner Construction wurde. Seine Hoffnung nach Verlust seines ganzen Vermögens war die, diese Maschine in England patentiren zu lassen. Aber es ergab sich, daß die englische Patentgesetzgebung ihn einer Reihe von Processen mit ähnlich lautenden, aber nicht ausgeführten Erfindungen aus Gesetzt hätte; vor allem aber zeigte sich daß er die Kosten nicht würde tragen können. Er theilte seine Erfindung den ersten englischen Ingenieurs, namentlich Macpherson und Stevenson, mit, und alle waren von der vollkommenen Ausführbarkeit überzeugt; er ging fort von England mit den brieflichen Zeugnissen dieser Männer, aber ohne ein Patent. Jetzt wandte er sich nach Berlin; da kam er an gerade im Jahr 1848. Die Leser werden begreifen, daß in diesem Jahre keine Maschine der Welt in Berlin zu einem neuen weitaussehenden Unternehmen gereizt hätte. Allerdings erhielt er ein Patent, aber mit dem Zusatz: daß er in dem ersten halben Jahr auch wirklich eine Maschine ausstellen solle. Allerdings gaben ihm dafür die ersten Männer Deutschlands, Alexander v. Humboldt, Repsold in Hamburg, Schumacher in Altona, das Zeugniß daß seine Erfindung die Frage vollständig gelöst habe. Allein nach so vieljährigen Versuchen nichts erzielt zu haben als eine solche vage Ausficht auf Erfolg neben so ernsten Enttäuschungen, das war ihm zu viel. Es brach ihm das Herz. Er starb. Indessen hatte die Sache doch selbst in dieser wüsten Zeit Theilnahme erweckt. Der Erfinder hatte vor seinem Tode seine Erfindung dem Kieler Professor der Physik, G. Karsten, vorgelegt, und dieser überzeugte sich sofort nicht bloß von der Richtigkeit der Prehn'schen Berechnungen, |155| sondern er stellte auch Versuche an, durch welche die Hauptfrage, die Ausführbarkeit der praktischen Grundlage der Erfindung, vollkommen festgestellt ward. Professor G. Karsten kam durch weiteres Eingehen auf die Sache zu der entschiedenen Ueberzeugung, daß diese Maschine ihren Zweck erfüllt, mit einer Ersparung von ungefähr zwei Drittel Brennmaterial im Vergleich mit der Dampfmaschine. Er verwandte sich aufs eifrigste für die Angelegenheit, und auf seine Veranlassung steht die Wittwe des Erfinders in diesem Augenblick mit der dänischen Regierung in Unterhandlung über den Verkauf der Erfindung.“

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