Titel: Einiges aus der Gruppe der Chemikalien auf der Londoner Industrie-Ausstellung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 126/Miszelle 6 (S. 156–158)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj126/mi126mi02_6

Einiges aus der Gruppe der Chemikalien auf der Londoner Industrie-Ausstellung.

Den Mittheilungen des Hrn. Dr. Bolley hierüber in seinem Schweizerischen Gewerbeblatt, 1852 Nr. 16, entnehmen wir folgendes:

Longmaid's Verfahren Glaubersalz nebst Chlorgas zu gewinnen.

Longmaid hat eine Reihe von Präparaten ausgestellt, welche unter Anwendung seines neuen Verfahrens gewonnen sind, schwefelsaures Natron aus Kochsalz und Schwefelkiesen unter Entwicklung von Chlor darzustellen. Er bringt seit neun Monaten diese Producte auf den englischen Markt; die Ansicht, daß er auf die Dauer daselbst nicht concurriren könne, scheint aber nicht unbegründet. Dessenungeachtet möchte das Verfahren doch die größte Aufmerksamkeit verdienen, da es zu einer Benutzung in Gegenden, wo die chemische Fabrication im Allgemeinen noch nicht weit gediehen ist, und wo Schwefelsäure, Braunstein etc. nicht billig und leicht zu haben sind, sich außerordentlich vortheilhaft erweisen kann.

Longmaid gibt an, daß, wenn man Schwefelkiese, am besten kupfer-, blei- und silberhaltige, in Apparaten die eine genaue Regelung des Luftzutrittes zu verschiedenen Zeiten der Operation gestatten, mit Kochsalz gemengt erhitzt, der Proceß so geleitet werden könne, daß sich zuerst nur schwefelsaures Eisenoxyd bilde, daß bei erhöhter Temperatur die frei werdende Schwefelsäure aus dem Kochsalz das Chlor entbinde, und sich des, durch Einfluß des Eisenoxydes oxydirten Natriums bemächtige. Das Chlor wird zur Chlorkalkbereitung verwendet. Der geglühte Rückstand wird durch Auslaugen vom Glaubersalz befreit, und der Rest wie geröstete Kiese auf Kupfer, Blei und Silber verarbeitet.

Es ist allerdings zu bezweifeln, daß man mit Chlor, welches eine große Menge anderen Gases beigemengt enthält, einen Chlorkalk von gleicher Reinheit, wie ihn heutzutage der Handel zu fordern gewohnt ist, darstellen könne; es entsteht ferner die Frage, wie groß die Kosten der Eintrocknung der Glaubersalzlösung sich stellen, wie viel Eisenchlorid gebildet wird, und wie vollkommen die Umwandlung des Kochsalzes erfolgt ist? Aber die Betreibung einer solchen Fabrik in der Gegend von London, wenn auch ohne Rentabilität, scheint doch zu beweisen, daß die Verfolgung dieses |157| Principes in Gegenden, wo große Schwierigkeiten der Erbauung und Betreibung von Schwefelsäurekammern, oder dem Transport entgegenstehen, und andere ähnliche Hindernisse als Begünstigungen für jenen Betrieb betrachtet werden müssen, lohnende Erfolge zu erreichen stehen.

Young's Bereitung des krystallisirten zinnsauren Natrons.

Bisher bestand die beste Art der Bereitung des Zinnoxyd-Natrons darin, daß man reines Zinn mit Chilisalpeter verquickte, die erhaltene Masse auflöste und zur Krystallisation abdampfte; der Proceß welchen sich J. Young in Manchester patentiren ließ (polytechn. Journal Bd. CXVIII S. 204), macht die Reduction des Metalles aus seinen Erzen überflüssig. Er schmilzt den in sehr reinem Zustande in Cornwallis vorkommenden Zinnstein (Zinnoxyd), in fein gepochtem Zustande mit caustischem Natron zusammen, und läßt die klare Lösung der Masse krystallisiren. Eisen, Kupfer etc., die sich in kleiner Menge stets in dem Erze vorfinden, werden durch das Natron, welches im Ueberschuß vorhanden ist, als Oxyde im unauflöslichen Zustande erhalten und leicht vollständig getrennt.

Darstellung von Glaubersalz und Chlorkalium aus dem Meerwasser.

Prat und Agard aus Aix, Bouche du Rhone, stellten die Salze aus, welche sie nach einem Verfahren, das Balard, der bekannte Entdecker des Broms, ihnen angegeben hat, aus dem Meerwasser erhalten (man s. die Abhandlung von Usiglio über die Gewinnung der Salze aus dem Meerwasser, im polytechn. Journal Bd. CXVIII S. 39). Man hat bereits 1846 Versuche im Großen anzustellen begonnen, die politischen Stürme von 1848 hinderten die Fortsetzung bis dieses Jahr. Es stehen große Erfolge zu erwarten. Auf den unfruchtbaren Meeresküsten mancher Gegenden von Südfrankreich und von Algerien werden bereits seit lange große Massen von Kochsalz durch freiwillige Verdunstung des Wassers bekanntlich auf die Weise gewonnen, daß man das Meerwasser bei der Fluthzeit in sehr ausgedehnte flache Bodenvertiefungen treten läßt, die man durch Schleußen verschließen kann. Wenn so viel Wasser verdampft ist daß das Salz zu krystallisiren beginnt, läßt man die concentrirte Flüssigkeit in weitere ähnliche Vertiefungen ab und füllt die ersteren aufs neue mit Seewasser. Sobald eine hinreichende Menge Salz auskrystallisirt, krückt man es aus und läßt der Mutterlauge Zeit aus den bedeckt gehaltenen Haufen abzufließen. Die Mutterlauge ließ man bisher wieder ins Meer laufen; im Winter krystallisirt daraus sehr viel schwefelsaures Natron, indem, wie bekannt, dieses Salz sehr viel weniger löslich in der Kälte als in der Wärme ist. Nach der Entfernung dieses Salzes, was in großer Menge gewonnen wird, und dessen Preis für den Centner des trocknen Salzes nicht über 1 1/2 – 2 Fr. zu stellen seyn möchte, krystallisirt aus der an Chlormagnesium sehr reichen Mutterlauge ein Doppelsalz von Chlormagnesium und Chlorkalium. Durch Wiederauflösung dieses Doppelsalzes in Wasser zerfällt es, und es krystallisirt beim Abdampfen nur das Chlorkalium. Bringt man darauf die Mutterlauge zur Trockne, so erhält man Chlormagnesium. Balard meint, dieses könne eine werthvolle Verwendung als Quelle für Salzsäure finden. Es sey im festen Zustande leicht zu versenden, liefere die Hälfte seines Gewichtes reiner Salzsäure, wenn man es unter Zutritt von Wasserdämpfen erhitze, und die rückständige Magnesia möge sich auch noch verwerthen lassen. Er berechnet ferner, daß zu jedem anderen Gebrauch unverwendbare Länderstriche an der französischen und algerischen Küste gefunden werden, welche so ausgedehnt sind, daß wenn auch nur ein größerer Theil derselben zu der Seewasserverdampfung benutzt werde, man aus dem Seewasser alles Kali gewinnen könne, was heutzutage in der Welt verbraucht werde. Das erhaltene Chlorkalium müßte für die meisten Zwecke in schwefelsaures Kali und dann in kohlensaures verwandelt werden; dem letzten Proceß würde man auch das erhaltene schwefelsaure Natron unterwerfen, und dabei die Schwefelsäure sparen, welche sonst zur Zersetzung des Kochsalzes bei der Sodafabrication erforderlich ist. Man berechnet ferner, daß wenn auch die ganze Menge des zuerst gewonnenen Kochsalzes vollständig unverwerthbar seyn sollte, was keines Falles angenommen zu werden braucht, dennoch die ganze Fabrication lediglich auf die Erzielung der Potasche und |158| des schwefelsauren Natrons gerichtet werden könne und noch sehr lucrativ sehn müsse. Zu erwähnen ist noch, daß selbst die bei der Verdunstung zuletzt übrig bleibende, größtentheils nur Chlormagnesium enthaltende Flüssigkeit noch eine sehr nützliche Verwendung finden kann. Wenn man sie nämlich zu einer concentrirten Kochsalzlösung oder zu Meerwasser hinzufügt, was so weit verdunstet wurde, daß das Kochsalz zu krystallisiren beginnen will, so scheidet sich ein sehr großer Theil desselben in Pulverform aus, weil es in starker Chlormagnesiumlösung wenig löslich ist. Läßt man das Pulver gut abtropfen und wäscht es mit gesättigter Kochsalzlösung, so erhält man es natürlich fast ganz rein.

Wenn die Praxis auch erst die ganze Bedeutung des Verfahrens bewahrheiten muß, so leuchtet doch ein, welch hohes Interesse dieser Vorschlag bietet. Es wird eine neue Quelle für die Gewinnung von Kali werden, eines Stoffes, den wir bisher lediglich durch Beihülfe der Vegetation der Pflanzen zu gewinnen vermochten, und der, wenn auch vielfach mit Erfolg durch die Soda ersetzbar, doch nicht in allen Fällen entbehrt werden kann.

Die Agricultur, namentlich aber auch die Glasfabrication und andere Industrien würden von billigerem Kali wesentlichen Nutzen zu ziehen vermögen, und man kann nicht läugnen daß Rußland und Amerika, welche allein heutzutage noch große Mengen von Potasche durch Niederbrennen von Waldungen liefern, nicht lange mehr sich dazu verstehen werden. Das Holz wird bei rasch verbesserter Communication theurer bezahlt werden als die daraus gewonnene Asche, und wir können den Verbrauch an Potasche nur in wenigen Fällen vermindern.

Obige Angaben sind nur auf mündliche Mittheilungen gegründet, verdienen aber gewiß aufmerksame Beachtung.

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