Titel: Bestrebungen, die Zeit für ganze Länder zu reguliren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 126/Miszelle 2 (S. 236–237)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj126/mi126mi03_2

Bestrebungen, die Zeit für ganze Länder zu reguliren.

Hinsichtlich der Annahme der mittleren Zeit von Greenwich durch die Städte Exeter, Plymouth, Devonport und Bristol erhoben sich zwei Schwierigkeiten. Es fragte sich zuerst, ob die Tafeln der Fluthhöhen dann nicht zu beschwerlich anzuwenden seyen, woraus große Uebelstände entstehen könnten; zweitens wurde die Frage aufgeworfen, was alsdann die gesetzliche Zeit sey. Der königl. Astronom, Hr. Airy, hob die erste Schwierigkeit ohne Mühe, indem er bemerkte, daß man nur bei einer neuen Auflage jener Tafeln die Differenz der alten und neuen Zeit zu berücksichtigen brauche. Anderseits hat einer der ausgezeichnetsten Richter Englands erklärt, daß er keinen Nachtheil darin sehe, eine Zeit durch eine andere zu ersetzen, weil als gesetzliche Zeit die an dem fraglichen Ort angenommene Zeit zu betrachten sey. Es ist also höchst wahrscheinlich, daß die große Reform durchgeführt werden wird. (Cosmos, revue encyclopédique, 1852, Nr. 25.)

Die Methode, die Zeit für ein ganzes Land zu reguliren – durch die Wahl eines bestimmten Meridians und Anzeigen der Stunden mittelst der elektrischen Telegraphen – ist auch in Deutschland in Ausführung begriffen. Hr. Dr. Erb, Professor der Astronomie zu Heidelberg, erhielt von der Stadtgemeinde Bamberg ein kreisrundes Stück Land von 240 bayer. Werkschuh Durchmesser auf dem Tabor neben |237| der Altenburg zugewiesen, um daselbst eine Sternwarte zu errichten, auf welcher er eine elektrische Uhr aufstellen wird. Die Stadt Bamberg ist der geeignetste Ort zur Regulirung der Zeit von Einem Meridian-Punkte aus; sie liegt fast im Mittelpunkt von Deutschland, ist durch die Leipziger Bahn mit den nördlichen und östlichen Eisenbahnen verbunden; durch die Augsburger Bahn communicirt sie mit Stuttgart, München und dem Bodensee; die Frankfurter Bahn verbindet sie mit allen Städten des Rheins von Basel bis Düsseldorf; endlich hat sie durch ihre Lage am Ludwigs-Canal, zwischen der Donau und dem Rhein, den Vortheil in der Nähe der großen Wasserstraßen Mitteleuropa's zu seyn. – Hr. Dr. Erb gründete in Bamberg eine chrono-astronomische Anstalt, welche sich mit ihrer künftigen Sternwarte als Aufgabe stellt: Durchführung der Gleichzeitigkeit des bürgerlichen oder Kalendertages ohne Unterscheidung der geographischen Länge, gleichzeitigen Anfang, gleichzeitiges Ende, gleichbenannte Eintheilung in Stunden; dabei ist natürlich gar nicht ausgeschlossen, daß zum Behuf derjenigen Verrichtungen des gemeinen Lebens, welche sich nach dem täglichen Stande der Sonne zu richten haben, die örtliche Differenz zwischen beiderlei Zeit bemerklich gemacht wird. Es soll durch den gleichzeitigen Kalendertag, von Einem Meridiane und Meridian-Punkte der Erdoberfläche aus regulirt, einem für Chronologie und Rechtsordnung in Folge der elektrischen Telegraphen, des Eisenbahnwesens, der Dampfschifffahrt, der zunehmenden Auswanderung über den Ocean, der Todesfälle und Geburtsfälle von Erblassern und Erben in fernen Ländern etc. sich fühlbarer machenden Bedürfniß abgeholfen werden.

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