Titel: Ueber Besen und Bürsten aus der brasilianischen Piassava.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1852, Band 126/Miszelle 7 (S. 314–315)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj126/mi126mi04_7

Ueber Besen und Bürsten aus der brasilianischen Piassava.

Ueber die neue merkwürdige Substanz, welche unter dem Namen Piassava (Piacaba) im Handel vorkommt und zu mancherlei Zwecken den Bürstenfabrikanten als Ersatz der Schweinsborsten zu empfehlen ist, enthält die Beilage zu Nr. 296 der Allgemeinen Zeitung folgende interessante Notiz:

„Seit dem Jahr 1844 kennt man die Piassava in England. Ihre Einfuhr hat sich seit dieser Zeit ungeheuer gesteigert, und soll sich in London allein auf 1500 bis 2000 Tonnen jährlich belaufen. Die daraus gefertigten Bürsten, welche allen Abwechselungen von Trockenheit und Feuchtigkeit widerstehen und eine erstaunliche Dauer zeigen, werden, da keine andere Art von Bürsten so gut und vollkommen reinigt wie die aus diesen Fasern gefertigten, vorzüglich von Schlächtern, Brauern etc. verwendet. Auch bei uns, wo in vielen Gegenden noch die Gewohnheit herrscht die Fußböden zu fegen, werden Bürsten aus Piassavafasern sich sehr empfehlen. Nur |315| dürften dieselben nicht so kurz wie bei den Borstenbürsten geschnitten werden, wenn die Einwirkung auf die Bretter des Fußbodens eine nicht zu kräftige werden sollte.

Wer als Fremder Morgens in den Straßen Londons den Kehrmaschinen begegnet, wird sicher die Frage stellen: welches Material ist es das zu ihrer Anfertigung dient. Da jene Stoffe die wir vielleicht in Deutschland zu dem fraglichen Zweck gebrauchen würden, wie Besenreisig, Ginster, zur Besetzung der in diesen Kehrmaschinen wirkenden Walzen nimmermehr verwendet werden können, so glaubten viele die Walzen seyen mit Fischbeinstäbchen besetzt. Allein die in den Londoner Kehrmaschinen befindlichen Walzen sind mit etwa 8 bis 10 Zoll langen Stücken der Piassava bürstenartig besetzt. Nach den Mittheilungen des Erfinders jener merkwürdigen Straßenkehrmaschinen des Hrn. Whitworth, dauern solche Bürstenwalzen, wenn gepflasterte oder macademisirte Straßen damit gekehrt werden, über ein Jahr. Auch die Kehrmaschine, welche von dem Erbauer des Glaspalastes Paxton zur staublosen Reinigung jenes wunderbaren Gebäudes verwendet wurde, soll mit Piassavawalzen versehen gewesen seyn.

Früher hat man die Piassava für eine brasilische Grasart gehalten, allein vor zwei Jahren zeigte der berühmte Botaniker Sir William Hoocker daß es die Attalea funifera Mart. sey, welche diese werthvolle Substanz liefere. Es sind nämlich die in den Blattwinkeln befindlichen Fasern des genannten schönen Baumes. Bei der Zurichtung der Piassava zu Zwecken der Bürstenfabrication bedient man sich eiserner Rechen aus ziemlich starken Stäben, die etwa 2 bis 2 1/2 Zoll von einander stehen, als Hecheln; die dadurch von einer äußern Oberhaut befreiten Fasern werden sortirt, geschnitten und zu den verschiedenen Zwecken verwendet. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß eine im Verhältniß große Quantität Kieselerde, welche sich in der Asche der Piassava nachweisen lassen wird, die Eigenthümlichkeit dieser Faser bestimmt. Es gibt kaum eine vegetabilische Substanz welche an Elasticität, Biegsamkeit, Festigkeit und Straffheit mit der Piassava concurriren könnte. Da diese Palmenfasern in einer Länge von 10 bis 16 und mehr Fuß vorkommen, so müssen sie sich vortrefflich zu niedlichen Flechtarbeiten verwenden lassen. Auch wird uns die Nürnberger Industrie, wenn ihr einmal die Piassava verfallen ist, allerlei niedliche Spielereien damit verfertigen. Es gibt noch eine andere, jedoch nicht so straffe brasilische Palmenfaser, die unter dem Namen Monkey bekannt ist. Außerdem liefert die Stammpflanze der Piassava noch jene kleinen festen Cocosnüsse, deren sich die Knopfdreher, Beinarbeiter und die Verfertiger kleiner Galanteriewaaren so häufig bedienen. Die Cocos-Eierbecher, welche uns das betriebsame Berchtesgaden liefert, sind aus diesen Früchten gedrechselt, und die Samen welche in ihnen befindlich sind, brennen entzündet längere Zeit fort. Die Frucht ist sehr lange bekannt, und schon Gärtner hat sie als Cocos lapidea beschrieben.“

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