Titel: Ueber den Einfluß des bewaldeten und des nicht bewaldeten Bodens auf das Klima.
Autor: Becquerel, Alexandre Edmond
Fundstelle: 1853, Band 127, Nr. CI. (S. 459–461)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj127/ar127101

CI. Ueber den Einfluß des bewaldeten und des nicht bewaldeten Bodens auf das Klima; von Hrn. Becquerel.

Nach den Comptes rendus, Januar 1853, Nr. 1.

Hr. Becquerel überreichte der französischen Akademie der Wissenschaften sein Werk: Des climats et de l'influence qu'exercent les sols boisés et non boisés. Die Veranlassung zu demselben gab die beabsichtigte Wiederherstellung der Sologne (ein unfruchtbarer Strich Frankreichs voller Haiden und Sümpfe).

Becquerel erhielt im J. 1848 von dem Generalrath des Loiret den Auftrag diesem großen Unternehmen seine Studien zu widmen; nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese Gegend früher beholzt war, erforschte er die Hauptursache ihrer Entholzung und den Einfluß derselben auf ihr Klima. Bei dieser Arbeit sammelte er ein sehr bedeutendes Material über diesen Gegenstand, aus welchem er Schlüsse von allgemeinem Interesse zog.

Er beweist aus der historisch-geographischen Statistik aller Zeiten und Länder durch zahlreiche Beispiele, daß der Mangel von Waldungen, in einer Gegend welche früher mit Holz bedeckt war, das sicherste Zeichen der Durchzüge großer Eroberer, einer vorgeschrittenen Civilisation, politischer Stürme oder fehlerhafter Verwaltung ist.

Becquerel weist durch viele Belege nach, daß in Frankreich seit Karl dem Großen bis auf unsere Zeit die Regierungen immer nur Verordnungen ergehen ließen, welche die Zerstörung der Wälder verboten und deren Erhaltung bezweckten, keineswegs aber die Urbarmachung und Wiederbeholzung der Gebirge, kurz, das Wiedergutmachen dessen anordneten, was Kriege, die Fortschritte der Civilisation und andere Ursachen zum Untergang der Wälder beigetragen hatten. Im Jahr 1804 ließ Napoleon eine Statistik der Departements drucken, worin sich die Klagen der Districtsräthe und Municipalitäten über die traurigen Folgen der Abholzung befinden; diese Klagen waren damals in ganz Frankreich allgemein.

Die Hauptfolgerungen, zu welchen ich gelangte, sagt Becquerel, sind folgende:

„Die Wälder wirken auf das Klima eines Landes als erkältende Ursachen, als Schutz gegen die Winde, sie dienen zur Unterhaltung der Quellwasser und widersetzen sich dem Verfall der Berge.

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Es ist noch nicht erwiesen, daß die Entholzung ausgedehnter Strecken die mittlere Temperatur verbessert, wie die Beobachtungen Jeffersons in Virginien und Pensylvanien darzuthun scheinen, denn v. Humboldt, welcher die an verschiedenen Punkten Nordamerika's gemachten Beobachtungen sammelte und erörterte, gelangte zu dem entgegengesetzten Schluß. Anderseits beweisen die Beobachtungen welche Boussingault, Hall, Rivero und Roulin in den Tropenländern machten, vom Meeresniveau an bis zu Höhen, wo man gemäßigte und kalte Klimate findet, daß ein Ueberfluß von Waldungen und die von solchen herrührende Feuchtigkeit das Klima kälter macht, und daß die Trockenheit und Dürre die entgegengesetzte Wirkung hervorbringen.

Um diesen Widerspruch zu erklären, müßte man annehmen, daß die von Hrn. v. Humboldt aufgeführten Beobachtungen erst nach den großen Entholzungen angefangen haben. Es wäre jedoch möglich daß, indem die mittlere Temperatur dieselbe bleibt, die Vertheilung der Wärme im Lauf des Jahres sich ändert, und in diesem Falle würde das Klima modificirt. Die historischen Aufzeichnungen hinsichtlich der Cultur-Veränderungen in den verflossenen Jahrhunderten reichen zur Lösung dieser Frage nicht hin.

Der Einfluß der Wälder als Schutzwände ist heutzutage erwiesen; dieser Schutz ist jedoch kein absoluter, sondern er hängt von der Höhe ab, in welcher der Wind zieht. Wenn diese Höhe unter derjenigen des Waldes bleibt, so wird der Wind jeden Augenblick von den Bäumen aufgehalten; er verliert immer mehr an Geschwindigkeit, so daß, wenn der Wald dicht genug ist, der Wind, bis er an dessen Gränze gelangt, ganz aufgehört hat. In dem Falle wo der Wind oberhalb der Bäume hinzieht, äußert der Wald nur auf den Strom der untern Luft einen Einfluß; über den Wald hin verfolgt die obere Luftmasse, welche keinem Hinderniß begegnet, ihren Lauf mit gleicher Geschwindigkeit, wobei sie jedoch die untere Luftschicht erschüttert. Oft wirkt schon ein einfacher Waldstreif als Schutz; so schützt im Rhonethale, wo der Mistral bläst, eine zwei Meter hohe Hecke die Culturen in einem Abstand von 22 Metern.

Ein Wald, welcher den Zug eines feuchten, mit verpesteten Miasmen beladenen Luftstroms unterbricht, schützt manchmal alles, was hinter ihm liegt, gegen die Wirkungen dieses Luftstroms, während die frei vor ihm liegenden Strecken Krankheiten ausgesetzt sind. Die Bäume sieben also die inficirte Luft und reinigen sie, indem sie ihr die Miasmen entziehen.

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Daß durch den Einfluß der Wälder die Quellwasser in einer Gegend conservirt werden, unterliegt keinem Zweifel; zahlreiche Thatsachen beweisen dieses.

Das Vorhandenseyn von Waldungen in Gebirgsgegenden verhindert das Kahlwerden der Gebirge, die Bildung von Strömen, die Verheerungen der Thäler durch Gußregen und deren Verschüttung durch Felsentrümmer, so wie auch die Ueberschwemmung von Gegenden durch welche Flüsse ziehen.

Endlich wird durch Urbarmachung der Haiden, Trockenlegen des Sumpflandes und Beholzung der Gebirge und des nicht cultivirten Bodens, das Klima eines Landes verbessert.“

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