Titel: Dampfmaschine mit einem einzigen Cylinder, mit variabler Expansion und Condensation, von den HHrn. Thomas und Laurens, Ingenieuren zu Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 127/Miszelle 1 (S. 73–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj127/mi127mi01_1

Dampfmaschine mit einem einzigen Cylinder, mit variabler Expansion und Condensation, von den HHrn. Thomas und Laurens, Ingenieuren zu Paris.

Wir theilen hier einen Brief der beiden genannten ausgezeichneten Ingenieure an den Secretär der Société d'Encouragement zu Paris mit, welcher die Resultate der Versuche enthält, die mit einer Dampfmaschine angestellt wurden, welche Hr. Farcot, Maschinenbauer zu St. Ouen, nach ihrer Angabe construirt und in der Fabrik des Hrn. Darblay aufgestellt hat.

|74|

Dieser Brief enthält sehr interessante Notizen über die horizontalen Maschinen mit einem einzigen Cylinder und mit einer großen variablen Expansion.

„Paris, den 19. Mai 1852.

Herr Secretär! „Wir bitten Sie, der Société d'Encouragement die ökonomischen Resultate mitzutheilen, die mit einer Dampfmaschine mit einem einzigen Cylinder bei zwei Versuchen mit dem dynamometrischen Zaum erhalten wurden. Diese Maschine, welche das vorhergehende Jahr in der großen Oelfabrik des Hrn. Darblay zu Corbeil aufgestellt worden ist, wurde von uns combinirt. Der Dampfcylinder liegt horizontal, und dieselbe Lage hat die doppeltwirkende Luftpumpe. Die ganze Maschine ruht auf einem einzigen gußeisernen Gerüst, wodurch sie eine ganz besondere Festigkeit erhält. Die Maschine wurde nach unserer Angabe in der Werkstatt des Hrn. Farcot erbaut. Wir dürfen sagen, daß ihre Ausführung nichts zu wünschen übrig läßt.

Die Versuche mit dem dynamometrischen Zaum oder dem Dynamometer wurden am 2 Mai nach einem ununterbrochenen Gange der Maschine seit dem November 1851 angestellt. Die Maschine war daher weder ganz neu, noch war sie zu einem Versuch vorbereitet, denn es wurden bei den Versuchen dieselben Kohlen angewendet wie bei dem gewöhnlichen Betrieb, d.h. gemischte Kohlen mittlerer Qualität von Charleroy.

Bei dem ersten Versuch, der mit dem Dynamometer angestellt wurde, welcher eine Belastung von 35 Pferdekräften hatte, überstieg der Verbrauch nicht 1,43 Kilogr. Steinkohlen per Pferdekraft in der Stunde; der Dampf hatte eine Pressung von 4 3/4 bis 5 Atmosphären und wurde in den Cylinder während 1/17 Theil des Kolbenlaufes zugelassen.

Der zweite Versuch wurde mit einer Belastung des Dynamometers von 50 Pferdekräften angestellt, und gab ein noch weit vortheilhafteres Resultat. Der Verbrauch verminderte sich auf 1,30 Kilogr. per Pferdekraft. Man hatte denselben Dampfdruck beibehalten, allein wegen der größern Kraftentwicklung mußte die Expansion von 1/17 auf 1/13 reducirt werden. Man begreift, daß dadurch ein Vortheil veranlaßt wurde, indem die passiven Widerstände der Maschine mit der Kraft nicht zunehmen; wenn man daher einen gewissen Grad der Expansion übersteigt, so kann eine Ersparung daraus nicht hervorgehen.

Wir müssen bemerken, daß während beider Versuche, wegen der Bedienung und Beaufsichtigung des Dynamometers, die Thüren des Maschinen- und des Kesselhauses stets offen stehen mußten, wodurch, da die äußere Temperatur ziemlich gering war, jedenfalls ein Wärmeverlust veranlaßt wurde. Ein anderer ausnahmsweiser Umstand verhinderte ebenfalls die Realisirung einer bedeutenden Brennmaterialersparung während der Versuche; gewöhnlich liefert der Kessel der Maschine zu gleicher Zeit auch Dampf zu andern Benutzungen; so daß bei den Versuchen der Rost eine übermäßige Oberfläche hatte, und es daher für die Heizer schwierig war, ihn immer bedeckt zu erhalten.

Wir haben die gewisse Ueberzeugung, daß, wenn bei den Versuchen diese beiden Umstände nicht einen nachtheiligen Einfluß ausgeübt hätten, sowie, wenn die Luftleere wegen der Gase, die sich aus dem zum Einspritzen angewendeten unreinen Wasser entwickelten, nicht etwas gering gewesen wäre, der Brennmaterialverbrauch 1,25 Kilogr. nicht überstiegen und sich selbst auf 1,15 oder 1,20 vermindert haben würde, wenn man, statt der sehr mittelmäßigen Steinkohlen, ausgesuchte hätte benutzen können, wie es gewöhnlich bei derartigen Versuchen geschieht.

Der folgende Versuch, welcher mit Unterstützung des Hrn. Darblay Sohn angestellt wurde, bestätigt diese Ueberzeugung. Die Expansion, der Dampfdruck und der Gang der Maschine wurden so regulirt und auf dem Punkt erhalten, wie es gewöhnlich der Fall beim Betriebe der Oelfabrik ist; der Dynamometer wurde alsdann mit 60 Pferdekräften belastet. Indem man den wirklichen Steinkohlenverbrauch während eines Betriebstages der Fabrik auf diese Kraft vertheilte, ergab sich nach den Berechnungen des Hrn. Darblay, daß dieser Verbrauch von 1,25 Kilogr. per Pferdekraft in der Stunde, welcher bei den Versuchen erlangt wurde, gegen den gewöhnlichen Verbrauch beim Betriebe der Fabrik eher zu hoch als zu niedrig sey.

Die vorhergehenden Verbrauchsziffern sind eben so klein als die günstigsten von denen, welche bei den dynamometrischen Versuchen mit den kostspieligen und complicirten zwei-cylindrigen Maschinen erlangt wurden. Bekanntlich gaben die Versuche, |75| welche von Seite der Société d'Encouragement mit den zwei-cylindrigen Maschinen von Farcot und von Le Gavrian und Farinaux im Jahre 1847 angestellt wurden (polytechn. Journal Bd. CXIII S. 1), einen Verbrauch von 1,326 bis 1,257 Kilogr. per Pferdekraft in der Stunde.

Die Versuche mit der neuen Maschine beweisen, daß es möglich ist, Maschinen mit einem einzigen Cylinder zu construiren, welche die größte Brennmaterialersparung veranlassen, die bis jetzt nur mittelst der besten zwei-cylindrigen Maschinen erlangt wurde. Obgleich nun diese Versuche nach einem fünfmonatlichen ununterbrochenen Betriebe angestellt wurden, so könnten doch Zweifel entstehen, ob die horizontale Lage des Cylinders dieser Maschine nicht Veranlassung zu Dampfverlust gibt, weil bei den liegenden Cylindern eine Abnutzung erwartet werden muß. Die meisten Maschinen, welche wir seit 15 Jahren construirt haben, hatten solche liegende Cylinder, und wir können daher sehr bestimmte Mittheilungen in dieser Beziehung machen. Außer einigen von den zuerst gebauten Maschinen, bei denen noch nicht alle Vorsichtsmaßregeln angewendet worden waren, deren Nutzen und Nothwendigkeit uns die Praxis seitdem gelehrt hat, zeigten die übrigen, deren Anzahl sich auf mehr als 70 belief, keine wesentliche Abnutzung, nachdem sie fünf bis sechs Jahre betrieben worden waren. Unter den letzteren sind aber einige von 70 bis 100 Pferdekräften, welche Eisen-Walzwerke direct bewegen, und daher dieselbe Geschwindigkeit haben wie diese. Außerdem unterstützen die an den Locomotiven seit langer Zeit gemachten Erfahrungen die unsrigen. Nur nach einer sehr großen Anzahl von Umdrehungen, welche sich auf 60 Millionen belaufen, erfordern die Locomotiv-Cylinder ein Nachbohren. Diese Anzahl von Radumläufen und daher doppelten Kolbenzügen entspricht dem zehnjährigen Betriebe einer Fabrikmaschine, unter den gewöhnlich vorkommenden Bedingungen. Es ist ganz offenbar, daß eine feststehende Maschine nicht solchen Einflüssen der Abnutzung unterworfen ist, wie eine Locomotive, und daß folglich die Geschwindigkeit der Fabrikmaschinen viel höher gesteigert werden kann.

Das, was uns unter den meisten Umständen bestimmt hat, vorzugsweise Maschinen ohne Balancier anzuwenden, war die Möglichkeit sie ohne Zwischenkunft eines Räderwerkes auf die Werkzeug- oder Arbeitsmaschinen wirken zu lassen, welche sie in Betrieb setzen sollen. So bewegt die Maschine zu Corbeil die Hauptwelle der Oelfabrik unmittelbar mittelst einer Kurbel und einer Kurbelstange, welche letztere mittelst eines Gelenkes mit der Kolbenstange verbunden ist. Hätte der Fabricant eine Maschine mit zwei Cylindern und mit Balancier angewendet, wie ihm gerathen wurde, um einen gewissen Brennmaterialverbrauch nicht zu übersteigen, so würden ein Räderwerk und mehrere andere Theile zur Bewegungsmittheilung unvermeidlich gewesen seyn.

Aus den mitgetheilten Thatsachen und Beobachtungen läßt sich folgern, daß die Bedingung der größten Brennmaterialersparung sehr füglich mit den geringsten Anlage- und Unterhaltungskosten zusammenfallen kann. Wir haben dieß schon wiederholt bewiesen.

Thomas und Laurens, Ingenieure.“

Hr. Jobard fügt bei, daß nach den Berichten, die ihm aus der Fabrik selbst zukamen, diese Maschine eine tägliche Leistung von 70 Pferdekräften hat, und daß ihr gewöhnlicher Brennmaterialverbrauch 1,25 Kilogr. Steinkohlen von mittelmäßiger Beschaffenheit nicht übersteigt. Es ist bemerkenswerth, daß sich das Minimum des Verbrauchs nur bei der geringeren und nicht bei der höchsten Expansion von 1/17 gezeigt hat. – Die HHrn. Thomas und Laurens nehmen an, daß bei ihren Maschinen die geringste normale Expansion 1/10 nicht übersteigen dürfe. (Aus Jobard's Bulletin du Musée de l'Industrie, Juli 1852, S. 39.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: