Titel: Die Holzgasbeleuchtung in Heilbronn.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 127/Miszelle 7 (S. 154–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj127/mi127mi02_7

Die Holzgasbeleuchtung in Heilbronn.

Die alte Reichsstadt Heilbronn ist die erste deutsche Stadt, welche mit Holzgas beleuchtet ist. Bei der Neuheit dieser Beleuchtungsmethode wird es für einen größern Leserkreis von Interesse seyn zu hören, ob das Holzgas sich hier als brauchbar bewährt hat. Es ist natürlich, daß jede neue Erfindung mit Mißtrauen, zuweilen mit Widerstreben aufgenommen wird; es ist nothwendig, daß es mit Vorsicht geschieht. Aengstliche Gemüther, oder solche die eine Beeinträchtigung von Privat- und allgemeinen Interessen durch Einführung des Holzgases fürchten, haben manche Behauptungen vorgebracht, die zum Theil schon früher (polytechn. Journal Bd. CXXI S. 141), und besonders auch durch die fast zweijährige Praxis des Münchner Bahnhofs widerlegt sind. Namentlich ist wiederholt behauptet, das Holzgas lasse sich ohne Verlust in seiner Leuchtkraft nicht leiten. Diese Behauptung, die jeder Sachverständige schon von vornherein als eine grundlose bezeichnen konnte, die jedoch bei Laien Eindruck machte, ist nun in Heilbronn thatsächlich widerlegt, da nicht nur die Stadt, sondern auch der vor der Stadt liegende Bahnhof mit Holzgas beleuchtet sind.

Die Holzgas-Fabrication ist dort von Gustav Schäuffelen, dem thätigen Chef der bekannten großen Papierfabrik gleichen Namens, eingerichtet, seit dem 1. December im Gange, und die Stadt seit dieser Zeit mit Holzgas beleuchtet. In den ersten Tagen zeigte sich eine große Bestürzung auf der einen Seite, ein Zufriedenseyn daß der Erfolg der vorausgesagte sey, auf der andern, denn siehe da! das Gas leuchtete schlecht. Bei näherer Untersuchung zeigte sich nun sogleich, daß die Ursache in den Reinigern liege, die nicht sorgfältig genug gearbeitet waren, und in denen das Gas, statt mühsam sich durch die Kalkmilch durchzuzwängen, ohne allen Widerstand nur über die Kalkmilch hinstrich, daher ungereinigt und mit einem Gehalt von 20 Proc. Kohlensäure in den Gasometer gelangte. Durch Ausbesserung |155| und Vermehrung der Reinigungsapparate ist es jedoch gelungen die Kohlensäure zu entfernen und ein Leuchtgas zu erhalten, welches dem Leuchtgas aus den besten Saarer Steinkohlen jedenfalls gleichsteht. Dieses Resultat ergibt sich aus einer Reihe von Versuchen, welche am 7. und 8. Januar in Heilbronn angestellt wurden. Die Versuche wurden auf Anordnung des Magistrats von Ulm vorgenommen, und zwar in Gegenwart einer gemeinschaftlichen Commission des Stadtraths und Bürgerausschusses von Ulm; der Unterzeichnete, von dem Magistrat mit diesen Versuchen beauftragt, stellte sie in Gemeinschaft mit den zwei sachverständigen Mitgliedern der Ulmer Commission, Rector Dr. Nagel und Apotheker Dr. Leube von dort, an. In Auftrag des Gasfabrikanten Schäuffelen nahm Professor Dr. Pettenkofer von München, der Erfinder des Holzgases, an diesen Versuchen Theil.

Zuerst ward die Kohlensäure im Leuchtgas bestimmt; das Gas, wie es gerade aus der Reinigungsmaschine kam, war ganz frei von Kohlensäure, das Leuchtgas im nahezu gefüllten Gasometer enthielt 2,6 Proc. Kohlensäure. Bei Bestimmung der Lichtstärke wurde der Verbrauch an Gas wie gewöhnlich durch einen Compteur bestimmt, der in der Minute den Verbrauch pro Stunde angibt. Die Intensität des Lichts wurde mittelst eines Bunsen'schen Photometers abgelesen; als Einheit diente eine Wachskerze, deren 4 auf 1 Pfund gehen, wie sie auch in Stuttgart als Norm gebraucht wird. Bei unsern Versuchen wurde möglichst dafür gesorgt, daß die Höhe der Flamme immer 2 Zoll württemb. (57 Millimeter oder etwas mehr als 25 Lin. rhein.) betrug, und der Docht wurde stets von gleicher Höhe gehalten, und darauf geachtet, daß kein Luftzug die Flamme bewegte.

Die Kerze befand sich an einem, das Gaslicht am andern Ende einer 9 Fuß langen Meßstange. Unter den erwähnten Vorsichtsmaßregeln wurden bei den gleichen Flammen bei wiederholten Versuchen immer dieselben Resultate erhalten.

Das Ergebniß der Versuche selbst mit verschiedenen Brennern und bei verschiedenem Gasverbrauch ist nun folgendes:

Textabbildung Bd. 127, S. 155

Die vorstehenden Resultate wurden bei Versuchen in der Gasfabrik selbst erhalten. Es wurden dann noch weitere ähnliche Versuche im Bahnhof, als dem von der Gasfabrik entferntesten Punkt, angestellt. Wir waren genöthigt, da die Brenner zu hoch angebracht waren, das Gas aus einem von diesen durch ein längeres Kautschukrohr in den auf dem Tisch stehenden Compteur zu leiten; dadurch war der Druck so verringert, daß er nur für Flammen von einer Consumtion unter 3 1/2 Kubikfuß hinreichend war.

Bei Anwendung kleinerer Brenner waren die Resultate:

Die Frankfurter Brenner Nr. 1 und Nr. 2 gaben bei 2,3 Kubikfuß Gas 5,4 und 6,0 Lichtstärke; bei 3,3 Kubikfuß Gas 8,0–7,1–8,0–6,4 Lichtstärke, also Zahlen, die von den in der Gasfabrik erhaltenen nicht mehr differiren als diese unter einander auch; somit war durch Messung dargethan, was auch mit freiem Auge bereits zuvor wahrgenommen werden konnte, daß das Holzgas am Ende der |156| Röhrenleitung so hell brennt wie unmittelbar in der Nähe des Gasometers. Aus dieser Reihe von Versuchen ergibt sich unzweifelhaft, daß das Holzgas ein hinreichend helles Licht gibt, daß der Gasverbrauch im Verhältniß zur Lichtstärke nicht zu groß ist, und daß seine Lichtstärke durch die Leitung in entfernte Theile nicht abnimmt. Daß die Lichtstärke genügend sey, ergibt sich aus dem Vergleich mit Steinkohlengas, dessen Lichtstärke bei 4 1/2 Kubikfuß Gasverbrauch per Stunde von guten Saarer Kohlen meistens zu etwa 12 bis 14 Kerzen angegeben wird; Frankland fand bei 5 Kubikfuß Gas bester Newcastle-Kohle 14,5 Wallrathkerzen, dieses Kohlengas steht aber dem Saarer Kohlengas weit vor. Nach dem Vertrag der Gasbeleuchtungs-Gesellschaft in Stuttgart, Heilbronn und wahrscheinlich in vielen andern Städten soll in den Straßenlaternen das Gas bei 4 1/2 Kubikfuß Verbrauch wenigstens die Helligkeit von 7 Wachskerzen haben; wir fanden nach dem obigen bei etwas weniger als 4 1/2 Kubikfuß Holzgas 13 1/5 Kerzen, also fast das Doppelte. Bei 5 Kubikfuß gab ein Straßenbrenner 16, und der Argand'sche Brenner nach Dumas 24 Kerzen. Nach den Messungen die über das Steinkohlengas zu München angestellt worden sind, früher von Ohm, Schafhäutl und Alexander, in neuester Zeit wieder von Steinheil (einigen dieser Messungen wohnte Liebig bei), ebenso von Rector Dr. Nagel von Ulm, schwankt dessen Helligkeit bei 4 1/2 Kubikfuß Consumo zwischen 8 und 10 Stearinkerzen, von denen 6 Stück 1 Pfund wiegen.

Was den Verbrauch von Gas betrifft, so muß dieser immer größer seyn sobald die Helligkeit größer seyn soll; daß die Consumtion an Holzgas nicht zu groß ist, daß sie namentlich nicht größer ist als bei Steinkohlengas, ergibt sich aus den angeführten Zahlenresultaten. Ich will noch anführen, daß im Gasthof zum Falken 9 Flammen in Speisesaal, Küche und Diele 30 Kubikfuß Holzgas per Stunde consumirten, gewiß nicht zu viel, indem sich für Stunde und Flamme nur 3 1/3 Kubikfuß ergeben. Es geht weiter aus der obigen Tabelle hervor, daß ein jeder sich für seinen Bedarf seinen Brenner selbst wählen muß, „eines schickt sich nicht für alle.“ Wer eine große Flamme braucht, in Gasthöfen, Magazinen u.s.w., muß einen andern Brenner haben, als wer eine kleine Flamme haben und möglichst wenig Gas verbrauchen will.

Ueberhaupt ist zu bemerken: wer nur auf die absolute Wohlfeilheit sieht und die Lichtstärke gar nicht in Anschlag bringt, der wird Gaslicht bei uns in Deutschland noch immer theurer finden als eine gewöhnliche Talgkerze. Weiter ist wohl zu beachten, daß nicht alle einzelnen Brenner derselben Art ganz gleich sind, einer mag etwas besser brennen als ein zweiter; ein großer Unterschied wird hier jedoch nicht seyn. Für kleineren Verbrauch eignen sich besonders die Fischschwanzbrenner, welche zwei unter 45° gegeneinander geneigte Löcher haben. Für größere Flammen sind jedenfalls die Argand'schen Brenner die vortheilhaftesten, die aber nur mit Cylinder gebrannt werden können. Bei jedem Brenner ist darauf zu sehen, daß der Hahn nicht zu weit geöffnet sey, damit nicht mehr Gas ausströmt als vollständig verbrennt, sonst kann man allerdings den Gasverbrauch bedeutend steigern, und dabei an Licht merkbar verlieren. Auf dem Bahnhof zu Heilbronn wird jetzt nur 2/5 des Gases verbraucht, seitdem der Haupthahn nicht ganz zur Hälfte geöffnet wird, und die Flammen brennen seit der Zeit ruhiger und schöner als anfangs, wo der volle Druck der Röhrenleitung auf der Mündung der Brenner lastete. Es wäre aber unbillig dem Gas und dem Fabrikanten einen Vorwurf zu machen, wenn unnöthigerweise der Gasverbrauch sich steigert; es fällt niemanden ein, den Kerzenfabrikanten zu beschuldigen, daß seine Kerze im Luftzug abfließt, oder daß sie ungeputzt dunkel brennt.

Nach diesen Ergebnissen unserer Versuche sind wir der Ansicht, daß die Holzgasbeleuchtung in keiner Beziehung der Steinkohlengas-Beleuchtung nachsteht, sowohl was die Fabrication selbst als was die Güte des Gases betrifft. Die Commission des Ulmer Magistrats zeigte sich höchst befriedigt, und wir fanden auch in Heilbronn vielfach vollständige Anerkennung der Holzgasbeleuchtung, namentlich sprach sich die Bahnhof-Inspection sowohl in Bezug auf Lichtstärke wie auf den Gasverbrauch durchaus befriedigt aus. Daß es im Anfang bei Einführung der Beleuchtung in Heilbronn einige Schwierigkeiten zu überwinden gab, ist gar keine Frage; diese Anstände hat die Energie des Hrn. Schäuffelen, unterstützt von Hrn. Rudörfer, sehr rasch überwunden. Nach diesen Thatsachen ist es unzweifelhaft, daß bald viele deutsche Städte Holzgasbeleuchtung einführen werden, da Holz in manchen Gegenden |157| unseres Vaterlandes ungleich wohlfeiler als Steinkohlen ist, und da Holzkohlen und Holztheer, die Nebenproducte des Holzgases, jedenfalls werthvoller und unentbehrlicher sind als Kohks und Steinkohlentheer. Daß bereits in Heilbronn von dem Gasfabrikanten das Holzgas dem Steinkohlengase vorgezogen wird, ist gewiß ein empfehlendes Zeugniß für die ökonomische Tragweite des Holzgases. Ueberdieß ist noch wesentlich, daß das Holzgas absolut schwefelfrei ist, was beim Steinkohlengas wohl nicht ganz zu erreichen ist, wenigstens ist man hier nie sicher. Daß übrigens das Holzgas geruchlos sey, daß daher die Gefahr darin zu ersticken größer sey als bei Steinkohlengas, ist eine unrichtige Angabe; das Holzgas riecht jedenfalls anders als angenehm, und nicht schwach; es hat allerdings nicht den Geruch des Steinkohlengases, aber dieser Geruch des letztern wird wohl wenig dazu beitragen einen Schlafenden zu wecken, und die Gefahr in Steinkohlengas zu ersticken, ist wohl eben so groß wie beim Holzgas; das beweist der Umstand, daß in England wiederholt schon Erstickungen in Steinkohlengas vorgekommen sind, wenn man hier nicht annehmen will, daß die Engländer weniger empfindliche Nasen haben.

Wer bedenkt, wie viel Holzgas in unsern Wäldern bei der Meilerverkohlung verloren geht, kann nicht zweifeln, daß die Holzgasbeleuchtung für viele Gegenden eine wichtige Zukunft hat.

Einen Theil der Holzkohlen, welche jetzt von unsern Köhlern im Walde gebrannt werden, machen wir später in unsern Gasfabriken; und sowie fast jedes Städtchen Englands von 4000 oder mehr Einwohnern jetzt mit Gas beleuchtet ist, so werden wir durch das Holzgas auch allgemeine Gasbeleuchtung haben, wenn auch vielleicht erst in 40 oder 50 Jahren, alles Neue bricht sich mit Recht nur langsam Bahn. Daß das Holzgas sich so gut wie Steinkohlengas zur Beleuchtung von Städten eignet, beweist mm das Beispiel von Heilbronn; ob ein oder das andere Gas vorzuziehen sey, hängt allein von Nebenrücksichten, zunächst auch vom Preis der Rohmaterialien ab. Für manche Gegenden, z.B. Norddeutschlands, wird es wichtig seyn, Torf als Material zur Gaserzeugung zu verwenden, und es ist nicht zu bezweifeln, daß das Torfgas so brauchbar seyn wird wie das Holzgas, jedoch fehlen darüber, so viel bekannt, noch nähere Versuche.

Stuttgart, 12. Januar 1853.

Dr. H. Fehling.

(Aus der Beilage zu Nr. 25 der Allgem. Zeitung.)

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