Titel: Die Papiermaché-Fabrication in Birmingham; von Professor Dr. v. Volz in Tübingen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 127/Miszelle 9 (S. 157–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj127/mi127mi02_9

Die Papiermaché-Fabrication in Birmingham; von Professor Dr. v. Volz in Tübingen.

Die älteste Methode der Papiermaché-Fabrication, das eigentliche Papiermaché, einen Teig in Formen zu drücken, wird in England nur noch für die wohlfeileren Artikel angewendet, wie dieß überhaupt schon über ein Jahrhundert, seitdem nämlich |158| im Jahre 1740 Martin in Paris die geklebte Masse erfunden und angewendet hatte, in dem Vaterlande des Artikels der Fall war. Diese geklebte Masse ist allein im Stande, die Schärfe der Formen anzunehmen, welche für die Befriedigung höherer Forderungen unerläßlich ist.

In der Fabrik von P. Moore und Comp. in Birmingham finden wir folgenden Fabricationsgang. Die Masse wird durch einfaches Aufeinanderleimen von einer Art feinerem, wenig geleimtem, grauem, nicht sehr festem Packpapier gebildet. Das Bindemittel besteht aus Zusammengekoch von Leim und Stärke. Pressung findet nicht statt, dagegen bei den großen Platten ein Zusammenstreichen, Glattstreichen, mit einer Art kalten Plätteisens, einer Eisenplatte von etwa 0,001 Meter Dicke, mit aufwärts gekrümmtem Griff. Um Röhren, Stuhlfüße mit Kröpfung etc. zu bilden, werden hölzerne Formen, oder vielmehr Dorne, gedreht, das Papier nach einer geeigneten Schablone geschnitten, die erste Schichte um den Kern gelegt, die folgende darüber geleimt, dabei aber jede Lage sorgfältig glatt gestrichen. Die Form oder der Dorn ist von gut ausgedörrtem Holz: man erhält den erforderlichen Vorrath an solchem, indem man den oberen Theil der Masse-Trockenöfen immer mit Holz belegt. – Die Masse, welche plattenförmig gegen 0,025 Meter dick wird, kommt nun in den Trockenofen; die geformten Gegenstände bleiben im Ofen auf ihren Dornen. Die Trockenöfen sind parallelepipedische Steinkasten mit die Vorderseite einnehmenden, eisernen Doppelthüren, und unterer Plattenfeuerung; sie sind mit eisernen horizontalen Stangen durchzogen, auf welche längliche, in Form von Kettengliedern gebildete Unterlagsringe kommen, die bestimmt sind, die geformten Gegenstände aufzunehmen, während die ungeformten Massenstücke auf besondere Trockenplatten gelegt werden. Nach der Trocknung, welche in zwölf Stunden beendiget wird, ist die Masse wie das härteste Holz, und nun geeignet, allen Operationen, welche zur Formung dieses Stoffes angewendet werden, mit noch vollkommenerem Erfolge unterworfen werden zu können, da hier eine Gleichartigkeit des Materiales erlangt ist, wie sie niemals ein Holz darbieten kann. Die Hohlkörper werden nach ihrer Trocknung auf ihren Dornen auf der Drehbank abgedreht; um sie aber von dem Dorn zu nehmen, werden sie, wenn erforderlich, auf der Drehbank in Theile, oder auch wohl longitudinal in zwei symmetrische Hälften geschnitten, dann wiederum zusammengeleimt, abermals getrocknet und letztlich abgedreht. Die Masse erhält durch die gewöhnlichen Mittel den Schliff. Sie wird zuerst gebimst, geschmirgelt, dann lackirt und mit den gehörigen Decorationen versehen. Perlmutter und Malerei spielt dabei die Hauptrolle. Die Perlmutter trifft man auf dem Continent selten in der gehörigen Schönheit; die besten in England verarbeiteten Sorten kommen von den Sulainseln, sodann aus dem persischen Meerbusen.

Um die Perlmutter anzuwenden, schneidet man dieselbe, nachdem sie im Wasser erweicht wurde, von freier Hand in die rohe Form, welche das Bild einnehmen soll, so zwar, daß das Stück jeden Falles größer bleibt, als die Theile, welche als Perlmutter erscheinen, und welchen dieser Stoff als Grundlage lichter Malerei, oder als schimmernde Unterlage dienen soll.23) Diese Stücke werden hierauf vollkommen eben und glatt gerieben. Sodann werden sie in den, in Honigsubstanz befindlichen Grundlack des Arbeitsstückes an die gehörige Stelle eingedrückt, hierauf in den Lacktrockenofen gebracht, nach der Trocknung nochmals mit Grundlack ganz überstrichen, so daß man die Perlmutterauflage nur noch als Unebenheiten und ohne alle unterscheidende Farbe erblickt, wiederum getrocknet, und nun wird Alles abgeschliffen und abpolirt, so daß durch Hinwegnahme des Lackes die Perlmutter wiederum, und zwar genau in der Ebene des Lackes, zum Vorschein kommt. Jetzt beginnt die Malerei mit den schönsten Lacken und die Vergoldung. Die Schönheit der letzteren hat besonders |159| die Aufmerksamkeit deutscher Techniker auf sich gezogen, und den Wunsch erregt, das hierbei beobachtete Verfahren kennen zu lernen; es ist sehr einfach und zweckmäßig. Um Ränder zu vergolden, und namentlich um vergoldete Zeichnungen aufzutragen, wird zuerst der ganze zu decorirende Theil, wenn der Lack noch nicht ganz trocken ist, so daß er gerade den Goldschaum gut aufnimmt, mit letzterem überzogen, nämlich mit dem Vergolderpinsel mit Eiweiß der Schaum ergriffen und aufgelegt, sodann werden die Zeichnungen mit einem rothen Deckfirniß – einem Copalfirniß – von der gehörigen Dicke, welcher dem Wasser, nicht aber dem Terpenthinöl widersteht, aufgetragen, und hierauf ehe der Firniß so getrocknet ist, daß er zu viel widersteht, und doch so trocken, daß er nicht durch einfaches Wischen hinweggenommen wird, das Ganze mit einem in Wasser getauchten Läppchen abgewaschen. Der nicht gedeckte Goldschaum geht dadurch ab, die gedeckten Stellen bleiben roth. Es kommt nun der Terpenthin darauf, der Deckfirniß weicht und die Goldzeichnung tritt hervor.

Bei dem weitläufigen und mühsamen Proceß der Bereitung dieser Masse können nur besondere Vorzüge sie im Gebrauche erhalten; sie sind: große Leichtigkeit, ungemeine Bearbeitungsfähigkeit, besonders aber eine Dauer im Trocknen, welche diejenige des Holzes weit übertreffen muß, und wobei die Dauer der Form, das Stehen derselben, das Sichnichtwerfen, große Aufmerksamkeit für den Modellbau sowohl, wie für das Fach der Meßinstrumente, verdient. (Tübinger staatswiss. Zeitschrift.)

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Das patentirte Verfahren von Jennens und Bettridge, Perlmutterstücke für eingelegte Arbeit anzufertigen, besteht darin, daß die einzulegenden Stückchen ihre Form nicht durch die Säge, sondern durch Abätzung der hinwegzunehmenden Theile erhalten. Die Form, welche man wünscht, wird mit einer den Säuren widerstehenden Deckung auf Perlmutterblättchen gemalt und das außer ihr Liegende durch Säuren abgeätzt.

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