Titel: Die Weberei, Wollwaaren- und Linnen-Fabrication auf der Londoner Industrie-Ausstellung; aus dem Berichte des Professors v. Volz in Tübingen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 127/Miszelle 2 (S. 461–463)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj127/mi127mi06_2

Die Weberei, Wollwaaren- und Linnen-Fabrication auf der Londoner Industrie-Ausstellung; aus dem Berichte des Professors v. Volz in Tübingen.

Die Weberei hatte den Jacquard mehrfach in das Auge gefaßt; allein von wahrhaft praktischer Bedeutung dürfte nur der, schon früher auch in Deutschland bekannt gewordene, nun wesentlich vereinfachte Jacquard-Aufsatz von Goose gewesen seyn, welcher geradlinige Aus- und Einführung des Kartenprisma, mit trefflicher Drahtleitung der selbst federnden Platinen verbindet, und so die Hauptquelle der Unregelmäßigkeit der Hebungen verstopft. In der That waren auch die mit diesem Aufsatz von Walmesley aus Failsworth bei Manchester gewobenen Tafeltücher ganz geeignet, denselben zu empfehlen. Dieser Aufsatz wurde für drei Pfund Sterling erkauft, er ist sogleich in Tübingen nachgefertigt worden |462| und in Anwendung gekommen und kann bei Schlossermeister Genkinger daselbst bezogen, auch bei der Centralstelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart eingesehen werden.

In Manchester wird bei der Baumwollenweberei kochende Stärke, ohne allen mineralischen Zusatz, als Schlichte angewendet. Eine große Grobspinnerei daselbst hat bei ihren 600 Webstühlen, auf welchen sie bloß Shirtings und Druckkattune erzeugt, zwanzig Schlichtmaschinen mit heißen Walzen und Ventilation.

Die Tuchfabrication bedient sich in größestem Maaßstabe der Kraftstühle (power-looms); bei Starkey und Comp. zu Huddersfield sind nur diese Kraftstühle, welche seit 13 Jahren ohne alle Schwierigkeit arbeiten, in Anwendung, und zwar wird damit ein 3 1/4 bis 3 1/2 Ellen breites Tuch, mit sehr hohem Fach und etwa 36 Schützenwürfen in der Minute, gewoben.

In dieser mäßigen Anzahl der Schützenwürfe, welche ebenfalls der amerikanischen Construction entspricht, und einen sehr energischen Wurf gestattet, sowie in der Construction der Schützen und der Treiber, mag der Hauptgrund der stetigen Arbeit dieser Kraftstühle, im Gegensatze der auf dem Continente üblichen und in noch sehr untergeordneter Weise benützten, liegen. Die neueste power-loom Schütze in Leeds hat nämlich Seiten-Frictionsrollen, nebst ihren gewöhnlichen Laufrollen erhalten, wodurch ihr Gang ungemein erleichtert wird, sie hat einen Federhaken, und am Rande ihrer Spule Bügel, zu dessen Eingriff, dadurch aber vollkommene Festhaltung auf der Zwecke; auch sind die Treiber, welche bei der mechanischen Tuchweberei so schwer haltbar gemacht werden konnten, nun zur erwünschten Dauerhaftigkeit gelangt, indem man sie von ungegerbter Ochsenhaut anfertigte. Die Handschützen für Tuch haben durch einen Seitenschienenbeschlag ebenfalls eine Bewaffnung gegen Abnutzung und gegen Rauhwerden, und die Spulen Federhakenhalter. Beide Schützen und die Treiber besitzt die Mustersammlung der königl. Centralstelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart.

Hinsichtlich des Walkens ist zu bemerken, daß eine Combination der Cylinderwalke mit der Hammerwalke in England üblich ist. Starkey und Comp. bedienen sich der ersteren, mit oscillirenden Seitenbacken, zum Vorwalken, während die Hämmer das Auswalken bewerkstelligen. Die Hammerwalken arbeiten mit zwei Hämmern in der Grube.

Das Rauhgeschäft bedient sich am häufigsten der Karden, welche in Yorkshire aus deutschem Distelsamen, der dort mit zwei Shilling das Pfund bezahlt wird, gewonnen werden. Das Bürsten geschieht abwechselnd trocken und mit Dampf. Das Tuch geht nämlich bei Starkey über einen oben offenen Kasten von 0,5 Meter Tiefe und 0,3 Meter Breite, über dessen Boden ein durchlöchertes Dampfrohr gelegt ist, welchem nach Belieben Dampf zugeführt werden kann; es gelangt sodann unter einer dünnen Richtungswalze hindurch auf den oberen Quadranten des Bürstencylinders, von welchem es über zwei weitere Richtungswalzen wiederum oberhalb seines Ausgangspunktes zurückkehrt. Starkey hat die eingeführt gewesenen Longitudinalscheren gänzlich aufgegeben, und ist durchaus zu den transversalen zurückgekommen. Das Pressen geschieht hier noch zwischen eisernen Heizplatten, jedoch in der hydraulischen Presse, während man sich in Devonshire der hohlen, mit Dampf geheizten Platten bedient.

Das Decatiren besteht im Dämpfen und Kochen. Das Tuch wird um einen nicht durchlöcherten kupfernen Cylinder gelegt, mit Leinwand umwickelt und in den Dampfkasten gestellt. Nach geschehener Durchdämpfung wird der Cylinder durch einen Krahnen in einen nebenstehenden Kochtrog gesenkt, und dieser mit eisernem Deckel geschlossen. Hier hängt er 4–6 Stunden, worauf er in einen Schoppen, von allen Seiten frei, aufgestellt wird, bis das Tuch getrocknet ist. Diesem Verfahren wird ein großer Werth beigelegt, indem man die Ueberzeugung gewonnen hat, daß hierdurch der matte Glanz fixirt werde, welchen das englische Publicum an den Tüchern wünscht. Von hoher Wichtigkeit aber ist für uns die Thatsache, daß die englischen Tücher, bei gleicher wesentlicher Qualität, durchschnittlich um 1/8 theuerer sind, als die unserigen, so daß die Concurrenz unserer Tücher in England selbst, sobald sich die Appretur dem englischen Geschmack fügt, und solange die wohlfeilen australischen Wollen die deutschen theuereren, nicht |463| entbehrlich gemacht haben, schönen Lohn verspricht. Daß die Continentaltücher die englischen auf fremden Märkten besiegt haben, ist bekannt.

Es sey hier bemerkt, daß die australische Wolle, welche durch das Packen sehr fest geworden ist, dadurch wesentlich gelockert wird, daß man sie ausgezupft auf einen eisernen Wärmtisch legt, der durch 12–16 Gasflammen in zwei Reihen erhitzt wird.

Die englischen Flanelle sind weitaus die besten der Welt; sie sind es nur durch den, alle Fabricationsmomente umfassenden, und vorzüglich die Appretur beachtenden Fleiß der Fabrication. In Merinos haben die Engländer die Franzosen als Meister zu erkennen, in gemischten Zeugen behaupten sie abermals den Vorrang, in Damasten aber steht der Continent in gleicher Linie. Es ist dieß ein schon länger bestehendes Verhältniß, welches durch die Ausstellung nur neue Bestätigung erlangt hat.

Das ausgedehnte Gebiet der gemeinen, oder Familien-Leinwand wird von dem power-loom ausgebeutet, alle feineren Linnen werden von Hand gewoben. In der Bleiche stand Irland oben an, kein Land der Welt hatte sie in solcher Schönheit aufzuweisen. Es wird Soda zur Bleiche verwendet, und was unseren Bleichern sehr zu empfehlen ist, die Chlorbäder werden sehr kühl gegeben, überhaupt wird aber, nachdem das Garn gehörig gewaschen und gelaugt ist, sehr bald Chlor und schwache Soda genommen. Auch die brittische Appretur war die schönste; ein 4–6 Stunden langes Bearbeiten mit Stärken, Stampfen, Einfeuchten, Aufhängen, abermaliges Stampfen u.s.f. führt sie zum Ziel. (Württembergisches Gewerbebatt, 1852, Nr. 40.)

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