Titel: Niepce, über photographischen Stahlstich.
Autor: Niépce de Saint‐Victor, Claude M.
Fundstelle: 1853, Band 128, Nr. XC. (S. 371–373)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj128/ar128090

XC. Ueber photographischen Stahlstich; von Hrn. Niepce aus Saint-Victor.

Aus den Comptes rendus, Mai 1653, Nr. 21.

Ich habe in Verbindung mit dem Kupferstecher Hm. Lemaitre eine neue Anwendung von den Verfahrungsarten meines verstorbenen Onkels (Joseph Nicephorus Niepce) gemacht.55) Derselbe löste Asphalt in Lavendelöl auf, wodurch ein Firniß entsteht, welcher im Aussehen dem Firnißgrund der Kupferstecher ähnlich ist. Mit diesem Firniß überzog er mittelst eines Tupfbällchens eine Kupfer- oder Zinnplatte, legte dann die rechte Seite eines gefirnißten Kupferstichs auf die präparirte Platte, bedeckte sie mit einem Glase, und setzte sie eine oder zwei Stunden lang dem Licht aus; hierauf hob er den Kupferstich ab, und bedeckte die Platte mit einem Auflösungsmittel, welches in Steinöl und Lavendelöl bestand. Diese Operation hatte zum Zweck, das unsichtbare Bild zum Vorschein zu bringen, indem jene Mischung den Firniß an allen denjenigen Stellen auflöste, welche gegen die Einwirkung des Lichts geschützt blieben; wogegen alle diejenigen Stellen, auf welche das Licht gewirkt hatte, unauflöslich geworden sind; das Metall wurde folglich an allen den Schatten des Kupferstichs entsprechenden Theilen bloßgelegt. Er vertrieb hierauf das Lösungsmittel mechanisch, indem er Wasser auf die Platte goß; dieselbe wurde nun getrocknet, womit die Operation beendigt war.

Mein Onkel hatte anfangs bloß den Zweck, eine Platte durch das Licht so zu präpariren, daß sie nachher mit Scheidewasser geätzt werden konnte; später änderte er seine Ideen, und suchte ein directes Bild auf |372| Metall hervorzubringen, den jetzigen Daguerre'schen Lichtbildern analog. Deßhalb vertauschte er die Kupferplatte mit einer Zinnplatte und endlich die Zinnplatte mit einer Silberplatte.

Neues Verfahren. – Ich komme nun auf die Abänderungen, welche ich mit Hrn. Lemaitre an dem beschriebenen Verfahren gemacht habe.

Nachdem die anzuwendende Stahlplatte mit Kreideweiß von Schmutz gereinigt worden ist, gießt man auf die polirte Oberfläche derselben Wasser, welches mit ein wenig Salzsäure versetzt ist (1 Thl. Säure auf 20 Thle. Wasser), damit der später aufzutragende Firniß dem Metall vollkommen anhaftet. Die Platte muß dann sogleich mit reinem Wasser gut gewaschen, hierauf getrocknet werden. Man trägt nun mittelst einer mit Leder überzogenen Walze auf die polirte Fläche den in Lavendelöl aufgelösten Asphalt auf; der so aufgetragene Firniß wird einer mäßigen Wärme ausgesetzt, und nachdem er trocken ist, die Platte gegen Licht und Feuchtigkeit geschützt aufbewahrt.

Auf die so präparirte Platte legt man die rechte Seite des Lichtbildes, welches auf einer mit Eiweiß überzogenen Glasplatte oder auf mit Wachs getränktem Papier dargestellt wurde, und setzt dem Licht während mehr oder weniger langer Zeit aus, welche von der Art des zu copirenden Bildes und von der Stärke des Lichts abhängt; meistens reicht eine Viertelstunde im Sonnenlicht und eine Stunde im zerstreuten Licht hin. Zu lange darf man dem Licht nicht aussetzen, weil sonst das Bild schon vor Anwendung des Auflösungsmittels sichtbar wird, letzteres also keine Wirkung mehr hervorbringt.

Als Auflösungsmittel wenden wir eine Mischung von 3 Theilen rectificirtem Steinöl und 1 Theil Benzin an. Dieses Verhältniß gibt meistens gute Resultate; man kann es aber nach der Dicke der Firnißschicht und nach der Zeit welche dieselbe dem Licht ausgesetzt war, abändern, denn je mehr Benzin das Lösungsmittel enthält, desto wirksamer ist es. Die ätherischen Oele bringen dieselbe Wirkung hervor wie das Benzin, d.h. sie lösen diejenigen Theile des Firnisses auf, welche von der Einwirkung des Lichts verschont blieben. Der Schwefeläther wirkt hingegen im umgekehrten Sinne.

Um die Einwirkung des Lösungsmittels schnell aufzuhalten und dasselbe vollständig von der Platte zu entfernen, richten wir auf letztere einen Wasserstrahl; wir trocknen hierauf die Platte, womit die photographischen Operationen beendigt sind.

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Nun folgen die Operationen des Kunststechers.

Zusammensetzung der Beize:

Salpetersäure von 36° Baumé 1 Maaßtheil;
destillirtes Wasser 8 Maaßtheile;
Alkohol von 36 Procent nach Tralles 2 Maaßtheile.

Die in diesem Verhältniß zusammengesetzte Beize äußert ihre Wirkung sogleich, nachdem sie auf die wie angegeben präparirte Stahlplatte gegossen worden ist; dagegen wirkt verdünnte Salpetersäure ohne zugesetzten Alkohol erst nach einer Berührung von wenigstens zwei Minuten; wir lassen die Beize nur sehr kurze Zeit auf der Platte, ziehen diese heraus, waschen sie, und trocknen den Firniß mit dem Stich gut, um dann das Aetzen weiter fortsetzen zu können, ohne die photographische Schicht zu verletzen. Hierzu benutzen wir sehr fein gepulvertes Harz, welches auf den Boden einer dazu bestimmten Büchse gebracht und mittelst eines Blasebalgs in Bewegung gesetzt wird, so daß sich eine Art Staubwolke bildet, die man auf die Platte fallen läßt, wie man es für die getuschte Manier zu thun pflegt. Die Platte wird dann erwärmt; das Harz bildet auf dem gesammten Stich ein Netz, durch welches der Firniß in Stand gesetzt wird längere Zeit der ätzenden Wirkung der Beize (mit Wasser verdünnte Salpetersäure ohne Zusatz von Alkohol) zu widerstehen. Dadurch entsteht in den Schatten ein feines Korn, welches die Druckschwärze zurückhält, so daß man zahlreiche gute Abdrücke erhalten kann, nachdem der Firniß und das Harz durch die bekannten Mittel beseitigt worden sind.

Man kann sonach alle auf Glas und auf Papier dargestellten Lichtbilder ohne Anwendung der camera obscura auf Stahl copiren und einätzen.

Die Proben welche wir der Akademie vorlegen, sind noch unvollkommen, aber nicht retouchirt; wir hoffen übrigens bald den gewünschten Grad von Vollkommenheit erreichen zu können.56)

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Beschrieben in den Comptes rendus, 1839, t. IX p. 255.

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Die Erfinder wurden zur Mittheilung ihres Verfahrens durch die Veröffentlichung von Talbot's Methode des photographischen Stahlstichs (S. 296 in diesem Bande des polytechn. Journals) veranlaßt.

A. d. Red.

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