Titel: Coupette, über die irische Linnenbleiche.
Autor: Coupette, G.
Fundstelle: 1853, Band 129, Nr. VIII. (S. 17–42)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/ar129008

VIII. Ueber die irische Linnenbleiche; von dem Techniker Hrn. G. Coupette.

Geschrieben im Mai vorigen Jahres in Belfast. – Aus den Verhandl. des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen, 1853, zweite Liefer.

Mit Abbildungen auf Tab. I.

Es ist unstreitig eine undankbare Arbeit, ein durch meine Vorgänger wahrscheinlich vollständig ausgebeutetes Feld noch einmal zu durchpflügen, die lose Scholle einmal mehr zu wenden, vielleicht ohne ihre Fruchtbarkeit vermehren zu können, d.h. über irisches Bleichverfahren zu berichten. Wenn auch meine Erfahrungen in andern Etablissements gesammelt und vielleicht in verschiedenen Punkten von denen, welche Andere gesammelt und niedergeschrieben haben, abweichen, so ist doch sicherlich die Hauptsache dieselbe, besonders, da das wegen seiner Bleiche berühmte Irland sonderbarerweise kaum einen theoretisch gebildeten Bleicher aufzuweisen hat und daher die eine Bleiche gewöhnlich nach einer andern copirt ist. Neues wird selten anders als zufällig gefunden, ohne gesucht worden zu seyn, oder, wenn augenscheinlich großer Gewinn in Aussicht steht, oft nach einer Reihe nutzloser Experimente. Dann aber sind sehr oft die Vortheile einer neuen Erfindung, oder auch alten Gebrauches, sehr fraglich und daher von einem Theile der Bleicher ebenso verachtet, als von dem andern hochgeschätzt. Dadurch sind denn auch die in Einzelheiten manchmal so diametral einander gegenüberstehenden Ansichten verschiedener Bleicher zu erklären.

Zur Erläuterung ein Beispiel:

Die Anwendung der Harzseifen für die ersten Bäuchen ist eine dieser Streitfragen. Es gibt geschickte und angesehene Bleicher im Norden Irlands, welche jede Anwendung von Harz durchaus verdammen, und andere von nicht minderem Ansehen, welche behaupten, es sey nicht möglich, ohne Harzseife ein Stück Linnen rein und weiß zu bleichen. Die Wahrheit liegt zweifelsohne gleich fern von beiden Theilen, aber die Bleicher sind so überzeugt von der Wahrheit ihrer Ansicht, daß sie gar keine vergleichenden Versuche anstellen wollen, welche allein hierüber entscheiden könnten.

Ueberhaupt stehen Versuche, deren Gelingen nicht ein auf dem Fuße sichtbarer, bedeutender pecuniärer Vortheil zu folgen verspricht, in schlechtem |18| Ansehen; der englische und der irische Fabrikant lieben nicht, über anscheinend brodlose Dinge zu grübeln. Der Geldmarkt macht zu gebieterische Forderungen, die Zeit scheint ihnen zu kostbar. Wenn die rechte Hand arbeitet, ist die linke schon ausgestreckt und fordert die Bezahlung dafür; Kredite von sechs Monaten sind unerhörte Dinge. Der, ich möchte sagen, angeborne und durch die ganze Erziehung großgezogene praktische Sinn des Britten geht wirklich, so Großes er auch geschaffen hat, doch oft in ein unpraktisches Extrem über. Wenn ich z.B. sehe, daß man in vielen Bleichwerken die von den chemischen Fabriken eingesandten Stoffe nie auf ihren Procentgehalt prüft, weil man es für umständlich und zeitraubend hält, so ist dieß eine gefährliche Praxis, welche sehr bald von den Fabrikanten chemischer Producte ausgebeutet werden wird (und schon ist), trotz der allgemein gerühmten englischen Reellität, und dazu aber auch eine große Unsicherheit in der Anwendung bedingen muß.

Jedoch, um wieder zur Sache zu kommen, selbst auf die Gefahr hin, nutzlose Wiederholungen niederzuschreiben, fühle ich mich doch verpflichtet, meine Beobachtungen vollständig aufzuzeichnen.

Der Hauptzweck dieses Berichtes ist, die von unsern heimischen Bleichmethoden abweichenden Punkte in den hiesigen zu beleuchten, um daraus so viel als möglich, wo es mit Vortheil geschehen kann, Verbesserungen für uns ersehen zu können. Die Vollständigkeit der Entwickelung des irischen Verfahrens soll jedoch darunter nicht leiden, besonders um eine vielleicht meinerseits einseitige Auffassung der Uebelstände unserer Bleiche und deren möglicher Verbesserung schärfer Sehenden zur bessern Beurtheilung darzulegen. Mein Aufenthalt in Irland setzte mich in Stand, irische Waare unter dem Einflusse irischen Klimas für die von Irland beschickten Märkte bleichen zu sehen. In Preußen gilt es, unsere Linnen unter unserm Klima für unsere Märkte zu bleichen. In beiden Fällen wird eine Reihenfolge von Operationen befolgt. Suchen wir die den unsern gleichen Factoren des irischen Verfahrens, als des höher stehenden, den erstem zu substituiren, wo es geschehen kann. Wir haben ein bestimmtes Product auf den Markt zu liefern. Gegeben ist Material, Klima, Bleichpreis und Länge der Zeit. Es gilt, mit diesen Factoren obiges Product herzustellen, der Preis sey ein Minimum. Der Irländer ist im gleichen Falle, nur werden die Factoren, die ihm zu Gebote stehen, wenn zerlegt, theilweise andere Factoren zeigen. Suchen wir nun die irischen Unterfactoren in den Ausdruck, den wir für die deutsche Methode gefunden, wenn möglich, zu substituiren, ohne den Endwerth, unser zu lieferndes Product, zu stören |19| und uns einen neuen möglichst vortheilhaften Ausdruck zu verschaffen, combinirt aus beiden; das ist das Ziel, das zu erstreben meine Absicht war, indem ich in eine irische Bleiche eintrat. Wie complicirt der Endausdruck werden wird, ist vorauszusehen, aber das ist auch erst die Theorie des Auffindens. Die Praxis wird bald Vereinfachungen ausfinden und uns auf den kürzesten und einfachsten Weg führen. Kurz also, durch meinen Aufenthalt in Irland wurde ich nur erst in Stand gesetzt, vollständiges Rohmaterial zu sammeln, welches zu Hause erst noch verdaut und anwendbar gemacht werden muß.

Der Bleicher, welcher in Bielefeld, ohne der Verschiedenheit der Verhältnisse Rechnung zu tragen, gerade so operiren wollte, wie er es in Belfast gesehen und gelernt hat, würde sehr bald auf unangenehme Weise von der Unrichtigkeit seiner Operationsweise überzeugt werden. Jetzt aber kategorisch über den besten Combinationsgang von irischem und einheimischem Verfahren zu entscheiden, ohne vorher Gelegenheit gehabt zu haben systematische Versuche zu machen, würde voreilig und unverantwortlich seyn. Das, was ich also nur thun kann und will, ist das irische Verfahren, hauptsächlich wie es in den Werken der HHrn. H. Bragg und Sohn in Anwendung ist, einer detaillirten Betrachtung zu unterwerfen und gelegentlich Bemerkungen über möglicherweise einzuführende Theile desselben in unsere Industrie zu machen.

Das Hauptobject meiner Besprechung werden die glatten Linnen seyn; ich werde jedoch, wo die Bleiche der Drelle, Schleiertücher und Battiste von der der erstem abweicht, derselben Erwähnung thun, so wie auch kurz die Garnbleiche berühren.

1) Das Grau-Leinen-Zimmer (Brown room).

Die grauen Linnen, so wie sie von dem Fabrikanten oder Linnenhändler zur Bleiche geschickt werden, sind in halber Breite gefaltet und aufgerollt. Sie werden entrollt, gebucht und dann mit krapprother Baumwolle gezeichnet, nachdem sie in passenden Quantitäten von möglichst gleicher Qualität (lot, parcel oder steep genannt), vorher abgetheilt worden. Glatte Linnen werden gewöhnlich 200 Stücke 52 Yards ( = 71 1/3 pr. Ellen) lang, 1 Yard (1,37 pr. Ellen) breit in ein steep gethan; Drelle 3/4 Yards breit 120, und Schleiertücher 22–30 Zoll englisch (21,37–29,14 pr. Zoll) breit, 300. Diese Zahlen sind an und für sich gleichgültig und nur in Cotton-Mount so adoptirt, weil gerade diese Anzahl in einen Bäuchkessel auf einmal eingebracht werden kann. |20| Das Zeichnen besteht im Aufnähen der Steep-Nummer, der Länge, Breite, des Firmazeichens und etwaigen Buchnummer des Kaufmannes oder der Bleiche. An einem Ende ist die laufende Steep-Nummer allein, um Verwirrungen zu vermeiden, an dem andern alle andern Zeichen, natürlich in den kürzesten Abbreviaturen.

Das krapprothe Garn ist nicht zufällig zum Zeichnen gewählt, es dient zugleich als Reagens auf freien Kalk in einem der angewandten Bleichagentien, d.h. nach vollendeter Bleiche muß die rothe Farbe kaum merklich angegriffen seyn, wenn die Soda und Chlorflüssigkeit keinen freien Kalk enthielten. Der Linnenhändler sieht auf dieses Zeichen, indem Kalk als der Stärke und besonders der öligen Geschmeidigkeit der Faser sehr nachtheilig angesehen wird.

Nachdem die Waare gezeichnet, wird sie in den auf allen Bleichen gebräuchlichen Bündel aufgemacht und ist dann zum Einbringen in die Fermentirbehälter fertig.

2) Das Einweichen (Steeping), Fermentiren.

Dieser Operation scheint mir bei weitem nicht, weder auf irischen noch auf deutschen Bleichen, der Grad von Beachtung zugewendet zu werden, den sie verdient. Es dünkt mich eine der Vorarbeiten zu seyn, deren unvollständige oder nachlässige Ausführung später nur durch bedeutende Opfer an Zeit und Material gesühnt werden kann. Ihr Zweck ist, die Linnenfaser von den ihr mechanisch anklebenden Verunreinigungen, welche sie in den verschiedenen Bereitungsstadien ansammelte, zu befreien und dadurch später den angewandten chemischen Oxydations- und Auflösungs-Mitteln des oxydirten Farbestoffes eine intensivere und nachhaltigere Wirkung zu ermöglichen.

Die Hauptverunreinigung, deren Beseitigung durch diesen Gährungsproceß beabsichtigt wird, ist die Weberschlichte und dann noch einige andere zufällige Verunreinigungen, als z.B. solche durch die Unreinlichkeit der Hände der Weber, oder durch den Webestuhl verursachte.

Die Schlichte besteht gewöhnlich aus Getreide- oder Kartoffelstärke, oder noch gewöhnlicher Mehl, in welchem letztern Falle also außer der Stärke auch noch der Kleber zu berücksichtigen ist, welche Stoffe jedoch alle der zersetzenden Wirkung der Gährung unterliegen, wenn dieselbe vorsichtig geleitet und nicht zu frühe unterbrochen wird. Es herrscht hier, wie in Westphalen, der Gebrauch, die verbrauchte, durch die aufgelöste färbende Substanz der Linnen ganz dunkelbraun gefärbte Lauge als Flüssigkeit |21| zum Gährungsproceß zu benutzen – ein Gebrauch der, obgleich ich ihm früher nie einen logischen Grund beimessen konnte, mir doch durch seine Allgemeinheit beachtenswerth dünkte. Der von manchem gebildeten Bleicher angeführte Grund einer erleichterten Gährung unter Gegenwart eines freien Alkalis, abgesehen von der wenigstens durch meine Erfahrungen, wie näher unten erläutert, nicht bewahrheiteten Behauptung, ist durch obiges Verfahren, in einer guten Bleiche wenigstens, nur in äußerst geringem Maaßstabe erreicht, indem die alkalische Reaction einer vollständig verbrauchten Lauge sehr schwach ist.

Ich hatte nämlich mehrfach Gelegenheit zu finden, daß unter übrigens gleichen Umständen, ein Zusatz von freiem Alkali immer den Eintritt der Gährung um einen dem Quantum des Alkalis proportionellen Zeitraum verzögerte, wie mir dieß auch in der Natur der Sache zu liegen scheint, indem die ersten Quantitäten von gebildeter Essig- und Milchsäure sofort durch das überschüssige Alkali neutralisirt wurden und daher die eigentliche allgemein eintretende Gährung erst dann erfolgen konnte, nachdem alles freie Alkali gebunden war. Auch ein anderer Versuch, nämlich Essigsäure in geringem Ueberschuß, d.h. bis zur eben markirten Säurereaction am blauen Lackmuspapiere, der Gährflüssigkeit zugesetzt, verkürzte augenscheinlich die Zeit bis zum Eintritte der Gährung, was übrigens von den anorganischen Säuren, wenigstens von Schwefel- und Salzsäure, welche ich in verschiedenen Quantitäten versuchte, so wie auch von einem großen Ueberschusse von Essigsäure keineswegs gesagt werden kann, indem in diesen letzten Fällen die Gährung vollständig verhindert wird. Indem also eine durch einen Zusatz von freiem Alkali erleichterte Gährung eine vorgefaßte Meinung zu seyn scheint, welche mir grundlos dünkt, ist auf der andern Seite ein evidenter Nachtheil in dem Gebrauche der unreinen schwarzbraun gefärbten Flüssigkeit als Gährungsflüssigkeit, da dieselbe die darin einige Tage lang liegenden Linnen vollständig mit allen ihren Verunreinigungen durchdringt, unter einer durch die Gährung erhöhten Temperatur, und deren Reinigung nachher sehr erschwert. Soll also nun der allgemeine Gebrauch ein vollständig grundloser und nachtheiliger seyn? Das kann ich und will ich nicht annehmen, will aber versuchen, ihm seinen wahren Stand anzuweisen.

Die Weber gebrauchen oft, wenn die Kettenfäden hart und storrig werden, schlechtes Oel oder irgend eine andere billige fettige Substanz, um dieselben zu erweichen, wodurch das Gewebe stellenweise fettig wird; läßt man es nun in diesem Zustande in einer aus reinem Wasser bestehenden Flüssigkeit gähren, so zeigen sich ganz besonders in nicht vollständig ausgebleichter |22| Waare, z.B. solcher, welche zum Drucken oder Färben benutzt wird, Flecken, welche nach Dr. Ure dadurch entstehen, daß die in der Gährung entwickelte Essig- und Kohlensäure mit der fettigen Substanz Verbindungen eingehen, welche nachher kaum in irgend einem der in der Bleiche angewandten Agentien löslich sind. Hierin also würde der Vortheil und wahrscheinlich also auch der den meisten davon Gebrauch machenden unbekannte Grund des Verbrauchens der schmutzigen Lauge zu suchen seyn. Dann aber denke ich noch immer, selbst im Falle man solche schwer zu beseitigenden Flecken in den zu bleichenden Linnen vorfinden sollte, Würde ein geringer Zusatz von reiner Lauge sich viel besser lohnen. Eine sehr geringe Menge von Alkali hilft obigem Uebelstande ab, indem es die fettige Substanz verseift und sie löslich macht. Es sind mir übrigens in den voll weißgebleichten Linnen nie solche Flecke aufgefallen, nachdem man bei Hrn. Bragg angefangen in reinem Wasser fermentiren zu lassen, wohl aber in den zum Färben nur durch einen Durchgang unter den Rubbing boards und ein warmes Säurebad vorbereiteten Linnen- und Baumwollenwaaren.

Eine andere Verleitung zu der Benutzung der braunen Lauge mag ein Ersparniß an Brennmaterial seyn, indem die abfließende verbrauchte Lauge warm ist und das Wasser erst vorgewärmt werden müßte. Es ist dieß aber eine übertriebene Aengstlichkeit, denn wenn man bedenkt, wie oft überspannter Dampf zischend unter den aufgehobenen Ventilen hervorstürzt und zwar in solcher Masse, daß dessen latente Wärme mehr als hinreichend gewesen wäre, um 150 Kubikfuß Wasser von 45° auf 90° F. (von 6° auf 26° R.) zu erwärmen, so muß man erstaunen, daß man auf der einen Seite so ängstlich ist, während auf der andern, wenn auch oft in kaum zu vermeidender Weise, verschwendet wird. Jedenfalls ist der Kostenaufwand ein geringer, denn ist einmal der Gährungsproceß in einer Kufe unter Dach eingeleitet, so erhält sich die Temperatur durch die frei werdende Wärme von selbst. Ganz zweckentsprechend schien mir die Einrichtung eines Theiles der Kufen in Cotton-Mount. Es waren viereckige oder auch runde Behälter von Holz mit einem doppelten Boden und einer quer zwischen beiden Böden durchgehenden Dampfröhre, vermittelst welcher die Temperatur vollständig nach Bedürfniß regulirt werden konnte.

Eine Sache von großer Wichtigkeit ist, die Gährung nicht zu sehr zu verlängern und so der faulen Gährung Zeit zu lassen sich zu entwickeln und zerstörend auf die Faser zu wirken. Es ist dieß jedoch ein Fehler, der hier verhältnißmäßig äußerst selten vorkommt; man verfällt gewöhnlich in das andere Extrem, d.h. man unterbricht die Operation zu |23| frühe, nämlich ehe die saure Gährung vollständig eingetreten ist. Der richtige Zeitpunkt ist leicht zu finden, wenn man auf die Erscheinung des Zusammensinkens der Linnen achtet, nachdem sie beim Eintritte der Gährung sich gehoben, dann hört auch die Gasentwickelung auf und die Flüssigkeit reagirt vollständig sauer. Dieser Zeitpunkt tritt desto eher ein, je vorsichtiger man die Fermentirbehälter den wechselnden Temperaturen der Jahres- und Tageszeiten entzieht und sie auf einem so viel als möglich gleichmäßigen Wärmegrade erhält. Dazu erscheint es besonders vortheilhaft, sie unter Dach und in der Erde zu haben. Die Beschaffenheit der Waare hat ferner großen Einfluß auf die Dauer der Operation. Leichte offene Waare gährt eher, als schwere. Die Maxima und Minima der Zeitdauer, welche ich beobachtete, waren 84 und 36 Stunden. Die Gewichtsverluste durch die Gährung, welche ich sehr oft bestimmte, variirten von 13 bis 18 Procent des Waarengewichtes, die besten Linnen verloren am wenigsten.

3) Das Waschen (Washing.)

Das Waschen geschieht gewöhnlich mittelst Waschhämmer, einer Vorrichtung, welche ganz in derselben Weise wie auf der neuen Bleiche in Bielefeld angewendet wird, nur dort zu sparsam. Jeder Hammer macht etwa 30 Schläge in der Minute. Zur Bestimmung der Länge der Zeit zum Waschen findet man in Irland allgemein Sanduhren in Anwendung. Ich glaube jedoch, daß diese vielleicht letzte Anwendung des einstmals höchst nützlichen Zeitmessers verworfen werden muß, indem verschiedene Waaren, so wie auch verschiedene vorhergegangene Operationen, die Länge der Waschzeit bis ins Unendliche variiren lassen. Nach einem Säurebad wird nahezu doppelt so lange gewaschen, als nach einer Bäuche. Nach dem Fermentiren werden gewöhnliche Linnen etwa eine halbe Stunde lang gewaschen, Schleiertücher 20 Minuten.

Außer den Waschhämmern, welche für schwere Sorten von glatten Linnen jedenfalls als die beste bekannte mechanische Vorrichtung angesehen werden müssen, sind in Cotton-Mount die sogenannten Waschräder (wash wheels) in Gebrauch. Wenn auch ursprünglich zum Waschen von Baumwollenwaaren bestimmt, so werden sie doch sehr vortheilhaft zum Waschen von sehr leichten Linnengeweben, als Schleiertüchern und Battisten angewendet, wo sie den großen Vortheil haben, die rechtwinklige Lage der Ketten- und Schußfäden des offenen Gewebes weniger zu verändern, und auch weniger an Breite verlieren zu lassen als die Hämmer, und sonderbarerweise |24| auch für sehr schwere Gewebe, als Drelle und Damaste, wenn diese eine schöne Appretur erhalten sollen. Diese schweren Waaren, ganz besonders die Drelle, erhalten nämlich durch das große Gewicht der auffallenden Hämmer Brüche, welche nachher nie ganz unsichtbar gemacht werden können und daher den Anschein der sorgfältigsten Appretur verderben. Es ist dieß für feine Hosendrelle wohl zu beachten. Dann werden ferner die Räder sehr zweckentsprechend zu den letzten Waschungen vor dem Stärken gebraucht, indem sie, ohne daß ich eigentlich je den Grund dafür ausfinden konnte, die Linnen, besonders die leichtern Sorten, klarer und weißer erscheinen lassen. – Eine Geschwindigkeit von etwa 25 Umdrehungen in der Minute für die Räder ist die vortheilhafteste. Zu geringe Geschwindigkeiten lassen die Linnen nur an den Seiten der Abtheilungen herunterrutschen, anstatt daß zu einer wirksamen Arbeit dieselben von einer Wand auf die andere fallen müssen, was auch sogleich durch den dadurch hervorgebrachten tactmäßigen Schlag den richtigen Gang angibt. Zu große Geschwindigkeiten lassen den Linnen nicht Zeit, von der einen Wand zur andern zu fallen, sie bleiben an der Stelle wo sie liegen, rutschen nur etwa durch die Centrifugalkraft getrieben an den äußern Rand des Rades und die Wirkung ist Null.

Für das Waschen von Drellen, für deren Bleiche und Appretur die Bragg'schen Etablissements einen besonders guten Namen hatten, wurden sogar in der letzten Zeit diese Räder als zu sehr Bruchstreifen verursachend angesehen; man ließ die empfindliche Waare durch einen aus zwei zwölfzölligen cylindrischen Holzwalzen mit darunter befindlichem Wassertroge, ähnlich den Stärkemaschinen, bestehenden Waschapparat laufen. Die untere Walze allein wird durch ein auf ihrer Achse befindliches conisches Rad in Bewegung gesetzt, welches nach beiden Seiten hin eingehängt werden und dadurch auch nach Belieben die untere Walze vor- oder rückwärts treiben kann. Die obere Walze in losen Lagern bewegt sich, durch Reibung mitgenommen, im entgegengesetzten Sinne. Das beim Arbeiten beobachtete Verfahren ist folgendes:

Erst wird ein Stück Drell auf die untere vier Zoll tief im Wasser befindliche Walze in seiner ganzen Breite aufgewickelt, dann während das zweite Stück zum Aufwickeln fertig gemacht wird, wird die Bewegung umgekehrt, und so das erste Stück von der untern auf die obere Walze aufgebäumt. Nun bringt der Arbeiter das zweite Stück auf die untere Walze, nachdem er derselben wieder die anfängliche Bewegung gegeben; ein auf der andern Seite des Apparates stehender Arbeiter faltet auf einem an die Walzen stoßenden Tischbrette das von der obern Walze sich |25| abrollende Stück auf. Die Bewegung wird wieder umgekehrt, der Zeug geht von der untern auf die obere Walze u.s.w. Diese Art zu waschen eignet sich für Drelle sehr gut; sie werden nicht streifig, stets in ihrer Breite gehalten und, was eine Hauptsache für Drelle ist, nicht so sehr reducirt, als durch die andern Waschmethoden. Ein Uebelstand, welcher der Construction dieses Apparates, der in Barnsley, welches durch seine Drellbleiche weltberühmt ist, überall angewendet wird, anklebt, ist der, daß das schon gereinigte Stück der obern Walze sich auf das erst zu reinigende untere rollt und so durch dieses wieder verunreinigt wird. Dem möchte wohl nicht schwierig abzuhelfen seyn, wenn die Forderung gebieterisch wäre.

4) Das Bäuchen (Boiling).

Die Anwendung der Alkalien, sey es im ätzenden oder im kohlensauren Zustande, als eines Hauptbleichagens ist so alt als die Bleichkunst selbst, indem die ersten Versuche zu bleichen durch abwechselndes Kochen in Holzaschenlauge und Auslegen auf dem Rasen gemacht wurden und für lange Zeit das ausschließliche Privilegium „einer der Haltbarkeit des Gewebes unschädlichen Anwendung“ genossen. Nach und nach wurde der Asche das eigentlich in ihr wirksame Princip, d.h. das Kali und Natron in der Potasche und Soda substituirt; und je reiner und reicher diese letztern im Verhältnisse des Procentgehaltes angewendet werden können, selbst mit in arithmetischer Proportion steigender Preiserhöhung, desto vortheilhafter für den Bleicher, indem nur die Alkalien einen wirksamen Einfluß auf das Bleichen haben können, alle Verunreinigungen hingegen mehr oder weniger schädlich sind, obgleich viele der ältern Bleicher sich von der Wahrheit dieser Behauptung nicht überzeugen können und die sogenannte Barilla-ash, kaum 15–25 Procent Natron enthaltend, der reichsten Soda vorziehen! Aber durch Schaden wird man klug und so zweifle ich nicht, daß dereinst diese Halsstarrigen von ihrem Irrthum zurückkommen werden.

In Cotton-Mount und Hyde-Park wurde vor längerer Zeit ausschließlich mit kohlensaurer Soda gebäucht, indem man gefunden haben wollte, daß die ätzenden Alkalien die Linnen zu sehr angriffen und sie zu sehr an Gewicht verlieren ließen. Der Kostenpunkt nöthigte jedoch zuletzt zur Rückkehr auf den frühern Weg, und in der letzten Zeit waren alle Bäuchen vor dem ersten Chlorbade mit zu zwei Drittel ätzender Sodalauge bereitet. Die angewendete Soda-ash (calcinirte Soda) wurde, |26| nachdem sie in einem mit Dampfrohr versehenen runden, sieben Fuß im Durchmesser und vier Fuß in der Tiefe messenden, gußeisernen Kessel aufgelöst worden, durch einen Zusatz von gebranntem Kalk ätzend gemacht. (Besser ist es, beide Stoffe einzeln in verschiedenen Kesseln aufzulösen und die klaren Flüssigkeiten zu mischen.) Man blieb jedoch mit dem zugesetzten Kalkquantum immer ein Drittel bis ein Viertel unter dem Aequivalente des in der Soda-ash enthaltenen Natrons, weil man sich nicht den nachtheiligen Folgen eines Kalküberschusses aussetzen wollte, welcher die Linnen hart und trocken macht.

Von dem Auflösekessel, der drei Fuß über dem obern Rande der Bäuchkessel stand, wurde die Lauge in zwei viereckige, schmiedeeiserne Behälter (5' lang, 3 1/2' breit und 4' hoch) durch ein 6 Zoll vom Boden des erstem abstehendes Rohr mit Hahn klar abgezogen. In diesen Behältern war an einer der Wände ein verticaler Maaßstab angebracht, welcher direct die Anzahl der Gallons angab, die der Behälter enthielt. Da man immer mit gleichen Gewichten und Maaßen der verschiedenen Stoffe operirte, so hatte auch die Lauge, mit sehr geringen Abweichungen, dieselbe Stärke am Aräometer und gestattete daher den Arbeitern mit Sicherheit nach dem Maaße der angewendeten Lauge von gegebener Stärke zu operiren, ohne jedesmal die im raschen Betriebsgange lästige Bestimmung der Stärke der Lauge im Bäuchkessel vornehmen zu müssen. Die Stärke der angewendeten Laugen wechselte von 2–5° am Twaddel'schen Aräometer ( = 1,010–1,025 spec. Gewicht), je nach der Beschaffenheit der Waare. Die schwächsten Laugen erhielten die leichtesten Stoffe, wie Battiste und Schleiertücher, die stärksten die Garne, manchmal selbst bis zu 7° Tw. ( = 1,035 spec. Gewicht). Dafür dauerte das Kochen für die Garne auch nur 3 Stunden und für die andern Waaren 6 bis 12 Stunden, je nach Umständen, und daher oft über Nacht. Für die glatten Linnen variirte die Stärke nach ihrer Schwere von 3 bis 4° Tw. (1,015–1,020 spec. Gewicht). In Cotton Mount wurden für die ersten beiden Bäuchen für eine Partie von etwa 200 Stück 52 Yards1) langer mittelschwerer Linnen 25 bis 30 Gallons2) selbstgemachter Harzseife zugesetzt.

Die Harzseife wurde folgendermaßen bereitet: man füllte in einen mit Dampfrohr versehenen Kessel 80 Gallons reines Wasser, erhitzte es bis zur Siedewärme, setzte dann 2 Centner = 224 Pfd.3) krystallisirter Soda |27| und 140 Pfund Harz zu, kochte unter stetem Umrühren etwa 8 Stunden lang. Anstatt der 2 Centner krystallisirter Soda nahm man manchmal 60 Pfd. Soda-ash.

Man war in den Bragg'schen Bleichen für die Anwendung dieser Harzseife sehr eingenommen. Mir schien der Vortheil sehr überschätzt zu seyn, indem ich in den wenigen Fällen, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, in welchen ohne Harzseife gebleicht wurde, die Bleiche nicht weniger vollständig finden konnte als gewöhnlich. Die Darstellung einer schlechten Seife mit theurem Materiale muß in jedem Falle nicht a priori als eine große Verbesserung angesehen werden. Es wird auch von einer großen Anzahl von irischen Bleichern jeder Anwendung von Harzseife die entschiedenste Opposition gemacht.

Die Bäuchen nach dem ersten Chlorbade werden von den frühern mit dem Namen scald unterschieden; die dazu nöthige Flüssigkeit wird aus Sodalauge, krystallisirter Soda und Seife gefertigt. Die Quantitäten dieser verschiedenen Stoffe sind nach der Schwere und Qualität der Linnen verschieden, sie nehmen an Stärke ab, je weiter die Linnen vorangeschritten sind. Folgendes mag als Durchschnittsverfahren angesehen werden: für 200 Stück sogenannter medium-linen, 52 Yards lang, in der ersten scald 84 Pfd. krystallisirter Soda, 10 Gallons Lauge, zeigend 16° Tw. mit 12–14 Pfd. brauner Stangenseife, 3–4 Stunden gekocht; in der zweiten scald 56 Pfd. krystallisirter Soda, 5–7 Gallons Lauge von 16° Tw. und 10 Pfd. weißer Seife. Die letzte scald, ehe die Linnen gestärkt werden, wird mit Seife allein gegeben.

Von Soda-ash, welche in Cotton-Mount gebraucht wird, machte ich einige Analysen, deren Resultat folgendes ist:

Soda-ash von Belfast. Soda-ash von Glasgow.
kohlensaures Natron 75,41 73,77
schwefelsaure und salzsaure Alkalien etc. 14,69 16,63
in Wasser Unlösliches 1,30 0,60
Wasser 8,60 9,00
––––––– –––––––
100,00 100,00
Natron-Procente 44,68 43,71.

Diese Soda wurde als 52 Procent haltend verkauft und bezahlt!

Eine den Bragg'schen Werken mit nur wenigen andern gemeinschaftliche Vorrichtung sind deren Bäuchkessel; ich will damit nicht sagen, daß sie eine Neuheit der Erfindung in Anspruch nähmen, im Gegentheil, die Idee ist sehr alt, Dr. Ure gibt sie schon in seinem Dictionary of |28| Arts vom Jahre 1821. Die Vorrichtung erhellt am besten aus der Zeichnung, und ich will nur einige kurze Erläuterungen geben.

Der Wasserzufluß muß von einem über dem Niveau des obern Kesselrandes sich befindenden Behälter entnommen werden, um nöthigenfalls von unten nach oben durch die Linnen filtriren zu können. Lauge und Wasser haben nur eine Einflußöffnung in den Kessel, indem sich die beiden Zuflußröhren, deren jede natürlich mit einem besondern Hahne versehen ist, erst kurz vor ihrem Eintritt, der wie gesagt gemeinschaftlich ist, vereinigen. Dann hat der Kessel eine Abflußöffnung und eine Dampfzuflußöffnung. Nachdem die Lauge vermittelst der verschiedenen Hähne auf den richtigen Grad ihrer Stärke gebracht worden, wird der Dampfhahn geöffnet, der Dampf stürzt durch zahllose kleine Oeffnungen, welche sich in dem zwischen den beiden Böden befindlichen Rohre befinden, und wärmt in Kurzem das Laugenbad zum Sieden, natürlich mit einem entsprechenden Quantum condensirten Dampfes, dem Rechnung getragen werden muß. Hierauf werden die Linnen eingebracht und der Deckel niedergelassen, welcher mit seinem regenschirmartigen innern Ansatze gerade über das im Mittelpunkt des Kessels sich befindende, auf einem Untersatze angeschraubte, verticale Rohr zu liegen kommt. Die Lauge, durch den Dampf zum Sieden gebracht, findet natürlich mehr Widerstand durch das auf dem durchlöcherten obern gußeisernen Boden liegende Linnen aufzusteigen, als durch das offene Rohr in der Mitte. Die Lauge stürzt daher mit einer der Spannung des Dampfes im Kessel entsprechenden Kraft gegen den Schirm, welchem die angedeutete Form deßhalb gegeben ist, damit er dieselbe über die ganze Oberfläche der Linnen ausbreite. Ehe der fortwährend, nach dem Anschrauben des Deckels, einströmende Dampf die Spannung erhalten hat, um die Lauge durch das verticale Rohr herauszuwerfen, hat der gespannte Dampf sich auch durch die aufgethürmten Linnen Bahn zu brechen gesucht, was durch deren außerordentliches Steigen nach oben deutlich bemerkbar ist. Die ganze Masse wird dadurch, ehe die Lauge über sie herstürzt, für eine gute gleichmäßige Filtration vorbereitet. Für den eintretenden Fall einer zu hohen Spannung im Innern der Bäuchkessel sind am Deckel Ventile angebracht. Man arbeitete in Cotton-Mount mit zwei bis drei Pfund Ueberdruck auf den Quadratzoll, d.h. bei dieser Spannung öffneten sich die Ventile. Der Dampfzufluß wurde nach diesem Maaßstabe regulirt. Ein großer Vortheil scheint mir in der sorgfältigen Anpassung des Druckes zu der Art und dem Grade des Vorangeschrittenseyns der Waare zu liegen, welchem Umstande man jedoch in Cotton-Mount, als viel zu umständlich und zeitraubend (!), keine Aufmerksamkeit schenken wollte. Wenn Dauer der Bäuche, Spannung des |29| Dampfes und Stärke der Lauge im Kessel von dem kundigen Bleicher sorgfältig beachtet werden, so werden sie ihn ohne Zweifel bald für seine Mühe reichlich belohnen.

Der Bragg'sche Kessel scheint mir unstreitig Vortheile zu besitzen, welche keiner der andern, die ich gesehen, besaß, und so weit meine Erfahrungen gehen, würde ich ihn unbedingt adoptiren. Manche irische Bleicher sind sehr gegen diese Kessel, indem sie behaupten, daß sie die Linnen durch unregelmäßiges Kochen und ungleichmäßiges Filtriren fleckig machten. Mir ist das jedoch nie aufgefallen und erscheint selbst nicht wahrscheinlich. Es wurde der Deckel beim Bäuchen immer geschlossen, aber nicht bei dem Garnkochen, indem in diesem Falle es von der größten Wichtigkeit ist, den Gang der Operation zu beobachten und nach Bedürfniß zu reguliren.

Ehe man die Lauge in den Kessel einließ, legte man auf den obern Boden desselben ein starkes Seilnetz, dessen vier Enden, so lange man die Linnen eintrug, über den obern Rand des Kessels hinaushingen; wenn der Deckel geschlossen wurde, legte man sie oben auf. Sobald die Bäuche beendigt war, wurden dann die vier Enden des Netzes an den Kreuzhaken eines Krahnes gehängt und so mit einem Male der Kessel seines Inhaltes entledigt, welcher letzterer dann mit einem Karren auf einem Schienenwege zur Waschmaschine gebracht wurde. Dieser Weg zu operiren erleichtert sehr die Praxis des mehrmaligen Gebrauches derselben Lauge, indem die theilweise erschöpfte Flüssigkeit mit frischer Lauge zur nöthigen Stärke aufgemacht wird. Ist die Lauge zum letztenmal gebraucht, so läßt man sie nach beendigter Operation abfließen, öffnet dann den Wasserhahn und läßt das Wasser von unten herauf durch die Linnen filtriren und über den obern Rand, bis es klar ist, abfließen.4)

5) Der Rasen (grass), klimatische Verhältnisse und Wasser.

Der Rasen, dieses mächtige Bleichagens, ist unstreitig ein eben so lästiger, als bis jetzt unumgänglich nöthiger Factor in der Reihe der Bleichoperationen. Wie mächtig die bleichende Wirkung des Rasens ist, weiß Jeder, da ein eintägiges Ausliegen eines grauen Linnengewebes unter günstigen Umständen dem Auge des aufmerksamen Beobachters eine unverkennbare |30| Aenderung zeigt. Die Wissenschaft zeigt uns auch das Quantum des unter Einfluß von Licht und Wärme frei werdenden Sauerstoffgases, wenn auch leider bis jetzt nur sehr unvollständig, wie sich das Gewebe unter diesem Oxydationsprocesse verhält; auch gibt sie die Sauerstoffmenge nicht an, welche dasselbe assimiliren kann. Daß aber durch die Oxydation des Farbstoffes, wie dieß die zeither allgemein angenommene Theorie des Bleichprocesses behauptet, das ganze Gewebe nicht das Quantum des durch das Pflanzenleben in Freiheit gesetzten Sauerstoffes sich zu Nutze macht, scheint offenbar zu seyn.

Wie gefährlich ein rascher Oxydationsproceß der Linnenfaser ist, davon hat jeder Bleicher wahrscheinlich mehr oder weniger traurige Erfahrungen gemacht. Daher auch die große Sorgfalt, welche in allen gut geleiteten Bleichanstalten auf die Bereitung der theilweise die langsamere aber gefahrlosere Rasenbleiche ersetzenden Chlorflüssigkeit verwendet wird. Welches ist das Verhältniß an Sauerstoff, das in der Chlorflüssigkeit dem Stücke von 60 preuß. Ellen zur Oxydation dargeboten wird, zu dem, welchen der Rasen bietet?

Das Quantum von Sauerstoff, welches in den unterchlorigsauren Salzen der Linnenfaser geboten wird, in der Stärke, wie durchschnittlich die Bäder bei uns und hier im Gebrauche sind, beträgt weniger als 1/2 Kubikfuß auf das Stück (60 preuß. Ellen) für ein achtstündiges Eintauchen, während das Quantum desselben Gases, welches von der Wiese dem Gewebe geboten wird5), wenn ich mich auf Davy's Angaben stützen darf, nicht weniger als 23mal in derselben Zeit größer ist. Ich weiß, daß das Chlorbad gewöhnlich nach dem Auswerfen der Linnen noch beinahe seine halbe Stärke besitzt, daß aber dafür die Linnen auf dem Rasen auch zwei bis drei Tage liegen, also 6 bis 9mal so lange, als sie im Chlorbade liegen. So viel steht unter allen Umständen fest, daß, wenn wir den Linnen dasselbe Quantum freien Sauerstoffes im Chlorbade zur Verfügung stellen wollten, was ohne den geringsten Nachtheil auf dem Rasen geschieht, wir nach kurzer Zeit einen vollständig zerstörten Körper als Resultat haben würden.

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Dadurch ist nun die geringere Aufnahme von Sauerstoff auf der Wiese, selbst wenn der letztere im Uebermaaße dargeboten wird, bewahrheitet, zugleich aber auch ein Feld zu interessanten Arbeiten eröffnet, deren Resultate hierher gehören möchten, nicht aber die Vorarbeiten. Ich spreche von Arbeiten über die Verschiedenheit der beiden Oxydationsprocesse, deren einer der Natur der Sache nach langsam und gefahrlos ist, indem der Sauerstoff als Gas erst frei wird und sich dann unter dem die Pflanzenfaser prädisponirenden Einflusse von Licht und Wärme mit derselben verbindet, während der andere unter der überaus energischen Wechselwirkung einer doppelten Wahlverwandtschaft mit aller ungehinderten Vehemenz der Affinitäten vor sich geht.

Sehr zu bedauern ist die große Unvollständigkeit unseres Wissens in Betreff der Theorie der Rasenbleiche, indem dieselbe höchst wahrscheinlich neben der, der künstlichen Chlorbleiche ähnlichen Wirkung der Oxydation des Farbstoffes und des dadurch theilweisen directen Bleichens, einer theilweisen Verharzung und spätem Lösung in den Alkalien, eine andere vielleicht sehr wichtige Einwirkung der auf dem Rasen, unter dem Einflusse von Licht, Wärme und Feuchtigkeit das Gewebe influencirenden Stoffe anzuführen hätte. Dieses Thor muß erst die abstractere analytische Chemie für den Techniker öffnen, er wird dann nicht zögern, sich und andern die etwaigen Schätze zu Nutze zu machen. Erst nachdem die analytische Chemie einiges Licht über die Wirkungen der Rasenbleiche gebracht und sie unter die Verbrennungsprocesse geordnet hatte, fand der denkende Berthollet, entwasserstoffende Chlorpräparate anwendend, in ihnen für die durch ihre Langsamkeit unzeitgemäß gewordene Rasenbleiche ein fabrikmäßiges, von äußern Umständen unabhängiges Ersatzmittel.

Indem ich behauptete, wir kennten nur theilweise die Wirkungen der Rasenbleiche, so ist die Veranlassung dazu die, daß ich Augenzeuge zahlloser Versuche war, welche zum Zweck hatten, die Rasenbleiche durch die Chlorflüssigkeit vollständig zu ersetzen und daß deren Resultate immer sehr viel zu wünschen übrig ließen. Es blieb den Geweben immer, selbst wenn sie durch einen Ueberschuß von Chlor schon bedeutend an Haltbarkeit verloren hatten, eine eigenthümliche gelbliche Färbung, welche allen Angriffen trotzte, während andere, mit Hülfe des Rasens gebleichte, davon frei waren. In den hiesigen Bleichen, z.B. in Cotton-Mount, wurden auch eine Art sehr offener, ganz Linnengewebe, Nettings genannt (nach Süd-Amerika verschifft zum Schutze gegen die Mosquitos), vollständig ohne Rasen gebleicht, aber auch hier konnte nie eine blendende Weiße erzielt werden.

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Ich nannte oben den Rasen aus dem Grunde einen lästigen Bleichfactor, weil er eben den methodischen raschen Geschäftsgang so sehr verzögert. Auf allen hiesigen Bleichen wird an der, wo möglich, gänzlichen Umgehung des Auslegens auf die Wiese gearbeitet. Der Bleicher, welcher das Glück hat es zuerst zu finden, ohne die Haltbarkeit der Faser in Frage zu stellen, wird sich nicht umsonst bemüht haben. Manchmal werden Schreckschüsse gethan, so z.B. wollte vor etwa 9 Monaten die Firma Richardson Sohn und Owden das Geheimniß einer ungefährlichen vollständigen Bleiche in 10 Tagen aufgefunden haben. Diese Abkürzung sollte, soviel ich darüber erfahren konnte, durch ein im Ganzen nur 36stündiges Ausliegen auf dem Grase und durch energischere Laugen, Säure- und Chlorbäder ermöglicht werden. Ich kann nur nach dem sichtbaren Resultate, d.h. nach dem in dieser Zeit gebleichten Linnen, welches ich sah, urtheilen, es hatte unter dem Einfluß des Chlors gelitten und war in Weiße ungefähr, was man eine gute Halbbleiche nennen würde. Das Verfahren wird daher auch nur, wie mir der Director der Bleiche in Glenmore sagte, angewendet, wenn es gilt, ausnahmsweise rasch zu bleichen. Das sagt Alles. So wurden in den letzten Monaten in Cotton-Mount Tausende der schönsten und feinsten Drelle gebleicht ohne je auf den Rasen zu kommen; aber sie waren alle mehr oder weniger angegriffen. Die blendende Weiße ist für Drelle nicht so unumgänglich nöthig erachtet. – Welch ungeheuren Vortheil diese abgekürzte Dauer des Bleichprocesses, im Minimum um 14 Tage, dem consumirenden und handeltreibenden Publicum gewähren würde, zeigt uns die Schwester-Industrie, die Baumwollenbleiche. In 8 Tagen werden die leichten Muslins gesengt, gebleicht, appretirt und aufgemacht.

Nachdem wir so dem Rasen im Allgemeinen seinen Platz angewiesen, sprechen wir von dem irischen Rasen und dessen Verwendung. Unter dem wechselnden Klima Irlands hat sich das bei uns übliche Begießen der Linnen auf dem Rasen als vollständig überflüssig erwiesen. Der überaus mächtige Morgen- und Abendthau, so wie die häufigen Regenschauer und der große Wassergehalt der Atmosphäre lassen die Linnen nie trocken werden, sie haben immer den Grad von Feuchtigkeit, welcher sie in Stand setzt, von der bleichenden Wirkung der auf sie einwirkenden Stoffe Vortheil zu ziehen. Dieser Umstand ist die Ursache, daß auch alle unsere zum Begießen nöthigen Vorrichtungen wegfallen und damit ein großer Capitalaufwand in der Anlage der Bleiche. Irlands Feuchtigkeit ist sprichwörtlich geworden. Das ganze auf die Insel im Jahr niederfallende Wasserquantum würde dieselbe, wenn gesammelt, 36 Zoll hoch überfluthen, und von dieser Fülle finden nur 12 Zoll Tiefe ihren Weg zur See. Die Anzahl |33| der Tage, an welchen in Irland Regen fällt, ist großer als auf dem Continente und in England; Irland hat im Durchschnitt nur 150 Tage im Jahre, an welchen kein Regen fällt. Der durchschnittliche Regenfall im Jahr ist in London 21,71 Zoll, in Dublin 30,87, in Belfast 34,96 in Cork 40,20 Zoll. – Der Rasen ist schön und üppig, und wie hervorragend diese Eigenschaft sehn muß, geht daraus hervor, daß „grün“ ein stehendes Epitheton für Irland geworden ist. Wer hat Irland nicht von Schriftstellern des In- und Auslandes „das grüne Erin“, „die grüne Insel“ etc. nennen hören?

Auf guten Bleichwerken wird der Instandhaltung des Rasens große Sorgfalt zugewendet; er wird oft und nicht zu kurz gemähet, die Lücken nachgesäet. Selbst im Winter, den man in Irland übrigens besser vorzugsweise die Regenzeit nennen könnte, nimmt der Rasen nie die braungelbe Farbe des unserigen an, welche so deutlich zeigt, daß alles Leben der Pflanze sich in den schützenden Schooß der Erde zurückgezogen hat; er ist freilich auch gelblichgrün, hat aber augenscheinlich seine Ernährungsorgane oberhalb der Erde, wenigstens theilweise in Thätigkeit. Es ist wahr, ein Maitag wiegt vier Januartage an Wirkung auf, aber die Wirkung des Rasens im Winter ist nicht Null. Der hiesige Bleichrasen ist also ein gewöhnliches Stück Wiese ohne die geringste andere Vorbereitung, gewöhnlich am Abhange eines Hügels oder Berges gelegen, auf welchen daher auch die Stücke Linnen in irgend einer beliebigen Richtung aufgelegt werden können.

Die Art, die Stücke an die Erde zu befestigen, weicht von der unserigen ab. Ich halte die hiesige für billiger, einfacher und besser. Die ganze hier gebrauchte Vorrichtung ist ein Stückchen Eschenholz, 5 Zoll lang, 1/2 Zoll Durchmesser, unten spitz; 1000 Stück davon kosten 7 1/2 Sgr. (9 Pence). Nachdem die Stücke der Länge nach auf dem Plane ausgezogen, werden sie von je zwei Arbeitern an den Enden und zwei in der Mitte, für 52 Yards Länge, ausgebreitet; die beiden Männer an den Enden stecken dann mit diesen Stäbchen, pins genannt, die vier Ecken an die Erde, indem sie die Ecke in der Richtung der Kette zweimal um den obern Theil des endpins wickeln, es stark an sich ziehen und dann etwa 2 Zoll tief in den Rasen stecken. Dadurch ist zugleich eine freie Luftcirculation unterhalb des Gewebes ermöglicht. Sind so die Enden und dadurch die Lage des Stückes gesichert, dann werden andere pins, crosspins genannt, angesteckt. Diese haben denselben Zweck, den in Bielefeld die Kreuzhölzer haben, d.h. sie sollen die Linnen soviel als möglich in ihrer Breite halten. Um sie anzustecken, nimmt man die Saalbänder zweier |34| neben einander liegenden Stücke, legt die beiden dem Grase zugekehrten Seiten einen Zoll breit an einander, dreht den viereckigen, dann nach unten gekehrten Kopf des crosspins einmal um seine ganze Peripherie und dreht dann den pin in der verticalen Ebene unterhalb der Stücke. Die Anzahl der crosspins richtet sich nach der Waare und dem Wetter. Taschentücher haben z.B. gewöhnlich mehr als andere glatte Gewebe.

In stürmischem Wetter werden sie gewöhnlich gar nicht angebracht, weil sie dann durch ihre Aneinanderkettung aller Stücke ein förmliches Segel bilden würden, welches durch seine bedeutende Fläche einen sehr großen Widerstand darbieten müßte und daher ein Zerreißen zu befürchten wäre. Glatte Linnen in ruhigem Wetter haben fünf bis sechs crosspins für eine Länge von 52 Yards. – Nach dem ersten Chlorbade werden die Linnen gewöhnlich ohne crosspins ausgelegt.

Einige kurze Bemerkungen über das Wasser, als einen der wichtigsten Stoffe, welche beim Bleichen Anwendung finden, möchten hier vielleicht nicht unpassend seyn. Hartes Wasser, d.h. solches, welches Kalk-, Magnesia- und manchmal Eisensalze in stärkern Quantitäten in Auflösung enthält, ist entschieden wo möglich von dem Bleicher zu vermeiden. Magnesia- und besonders Eisensalze sind zwar äußerst selten in erheblichen Quantitäten aufzufinden, aber um so mehr Kalkverbindungen. Wenn diese Stoffe nun auch nicht direct in ihren löslichen Verbindungen dem Bleichen der Linnen hinderlich seyn mögen, so werden sie doch dem Bleicher sehr kostspielige Begleiter, indem sie erstens die alkalischen Seifen zersetzen und unlösliche Seifen bilden, ferner bedeutende Quantitäten Schwefelsäure in den Sauerbädern neutralisiren.

Professor Clark in Aberdeen hat eine vergleichende Scala, deren Einheit er Grad nennt, vorgeschlagen, um den relativen Werth eines Wassers, insofern seine Härte dabei maaßgebend ist, zu bestimmen. Jeder Grad von Härte entspricht derjenigen, welche hervorgebracht werden würde, wenn man einen Gran chemisch reinen kohlensauren Kalk einem Gallon vollständig reinen, von jedem Metallsalze durch vorherige Destillation befreiten Wassers zusetzen würde (polytechn. Journal Bd. CXXV S. 32). Das Bleichwasser in Cotton-Mount, darnach untersucht, zeigt 4,5 Grad, das eines andern Bleichwerkes nahe bei Belfast, White Rock genannt, 9,1 Grad. Das Wasser von Cotton-Mount war auffallend weich, aber nicht frei von vegetabilischer Verunreinigung.

Ich halte den Einfluß des Wassers auf die Bleiche für außerordentlich groß, ja ich kann sagen, daß ich eine Bleiche mit schlechtem, unreinem Wasser, oder wo es an Wasser mangelte, niemals weiße Waare liefern |35| sah. Bei einer Bleichanlage scheint mir die Beachtung dieses Punktes von der äußersten Wichtigkeit zu seyn.

6) Das Säurebad (Sour).

Das Säuren der Linnen in verdünnter Schwefelsäure hat offenbar zwei verschiedene Zwecke. Es soll erstens, wie auch sein Vorgänger in den früher so berühmten holländischen Bleichen, das Sauermilchbad, that, die Linnenfaser von den auf anderm Wege nicht zu beseitigenden Erden und Metalloxyden oder Salzen befreien. Wenn auch die Quantitäten dieser Mineralsubstanzen unbedeutend sind, so sind dieselben dennoch in der Bekämpfung um so hartnäckiger; sie müssen aber beseitigt werden, wenigstens die gefärbten, wenn man eine vollständige Bleiche erzielen will.

Der Vollständigkeit wegen füge ich eine Analyse von geschwungenem Flachse bester Qualität von Dr. Hodges, dem Chemiker der hiesigen chemischlandwirthschaftlichen Gesellschaft angestellt, bei. 100 Theile dieses trocknen Flachses gaben 0,54 Asche, so daß 2 1/2 Cntr. etwas mehr als 1 1/2 Pfd. anorganische Substanzen enthalten. Die Zusammensetzung der Asche war folgende:

Kohlensaurer Kalk 62,00
Schwefelsaurer Kalk 7,15
Phosphorsaurer Kalk 13,66
Eisenoxyd 3,99
Kohlensäure Magnesia mit Spuren von Chlornatrium 2,00
Kieselerde 11,20
––––––
100,00

Das Eisenoxyd kann in dem Säurebade, nach dem Gebrauche, nachgewiesen werden. Außerdem widersteht allen andern Bleichagentien eine gewisse Art vegetabilischer Substanz, welche die Farbe des Gewebes sehr beeinträchtigt und in Schwefelsäure löslich zu seyn scheint.

Die zweite Hauptaufgabe der Schwefelsäure ist, die aus den Chlorbädern kommenden Linnen, nachdem sie gewaschen sind, von den letzten ihnen anhaftenden Spuren von Chlor, die in der Folge sehr gefährlich für die Dauerhaftigkeit des Linnens werden können, zu reinigen, und die Wirkung des Chlorbades zugleich zu vervollständigen, indem sie sonst verlorne Quantitäten von Chlor in Freiheit setzt und nutzbar macht. Wie schwer, ich möchte sagen unmöglich, es ist, die Faser von diesem Chlor (in welcher Verbindung es sich dort befindet, ist mir unbekannt, aber ich muß von der auf mechanischem Wege unausführlichen Befreiung des Gewebes |36| auf eine innigere Verbindung, als durch Adhäsion, schließen) ohne nachfolgendes Säurebad zu befreien, mag aus Folgendem erhellen. Halbgebleichte Garne werden manchmal aus dem Chlorbade gewaschen, dann getrocknet und zum Weben verbraucht. Die davon gewobenen Linnen haben nach dem Weben und selbst nach dem Gähren einen sogar in einiger Entfernung unverkennbaren Chlorgeruch, dessen Ursprung ich anfänglich gar nicht ausfinden konnte, bis ich die Sache näher untersuchte. Es gibt aber kein billigeres, sichereres und besseres „Antichlor“ als die Schwefelsäure, so sehr auch Charlatane bemüht sind, ihren verschiedenartigen, unter obigem Namen gangbaren Artikeln Abgang zu verschaffen. Nach einem selbst sehr schwachen Schwefelsäurebade konnte ich nie die geringste Spur von Chlorgeruch entdecken.

Die Säurebäder, wie sie hier in Anwendung sind, haben eine Stärke, daß sie am Twaddelschen Aräometer 1 1/2 bis 3° zeigen ( = 1,0075 bis 1,015 sp. Gew.). Das Vorsäuren (vor den Chlorbädern) geschah gewöhnlich in etwas stärkerer Säure, als das den Chlorbädern nachfolgende Säuren. Uebrigens entschied die Qualität des Gewebes, die Jahreszeit, die Dauer des Bades und der Grad des Vorangeschrittenseyns im Bleichprocesse über die Stärke. Schwere Linnen erhielten stärkere Bäder als leichtere. Im Winter waren die Bäder 1/2 bis 1° Tw. stärker als im Sommer. Wenn die Linnen über Nacht im Bade blieben, wurde die Säure 1/2° schwächer gemacht, als es sonst der Fall gewesen seyn würde. Die Vorsäure (brown sour) zeigte gewöhnlich 2 1/2° Tw.; die folgenden Bäder nahmen regelmäßig an Stärke ab, so daß das letzte gewöhnlich nur noch 1° Grad stark war. Es ist nicht möglich, mit Bestimmtheit Zahlen anzugeben, indem ich kaum je 2 Partien Linnen, eine genau wie die andere, bleichen sah. Verhältnissen muß immer in umfassendster Weise Rechnung getragen werden, und zwar beim Bleichen vielleicht mehr, als in irgend einer andern Industrie, erstens weil die zu behandelnde Waare so sehr verschieden in Material, Arbeit und Bestimmung ist, dann aber, weil die Arbeiten des Bleichres von äußern Einflüssen, über die er nicht gebieten kann, leider gar sehr abhängig sind.

Die Säurebehälter waren in den Bragg'schen Anstalten theilweise aus Holz gefertigt, theilweise aus Sandstein construirt. Letztere waren sehr schlecht, fortwährend in Reparatur, wie das auch ganz natürlich ist, indem die, wenn auch beinahe aus reiner Kieselerde bestehenden Steine, doch mit Eisenklammern und Mörtel verbunden waren, die durch den Einfluß der Säure immer zerstört wurden. Hätte man die Behälter mit Bleiplatten belegen wollen, dann wäre allem abgeholfen, aber auch das ist eine kostspielige |37| und wenig zu empfehlende Praxis, indem die dünnen Bleiplatten sehr bald unter den Stößen der nicht immer sehr vorsichtigen Arbeiter beim Niederdrücken der Linnen leiden.

Tannenholz ist das billigste, beste und dauerhafteste Material. Die Säure präservirt das Holz, statt es zu verderben. Ich habe in Cotton-Mount die ersten dort gemachten Säurebehälter, für das Bleichen der Baumwollenwaaren bestimmt, welche nun mehr als 20 Jahre im täglichen Gebrauche sind, unverändert vorgefunden; hierbei kann natürlich die mechanische Abnutzung, welcher sie unterworfen sind, nicht mit auf Rechnung der Säure gesetzt werden. Die Dimensionen der Behälter sind: 6 Fuß lang, 6 Fuß breit und 5 Fuß tief. Die gewöhnliche Dauer eines Säurebades ist 3 Stunden, manchmal über Nacht.

7) Das Behandeln in der Seifmaschine (Rubbing).

Diese mechanische Bearbeitung der Linnen in den sogenannten rubbing boards ist eine vervollkommnete methodische Nachahmung dessen, was jede Waschfrau vornimmt, wenn sie ihre Wäsche einseift und reibt. Die Maschine verrichtet diese Arbeit so vollständig, daß eine Beaufsichtigung kaum mehr nöthig wäre, wenn nicht um Arbeitsmaterial zu- und abzuführen. Der Hauptzweck dieser Maschine ist, die allen chemischen Einwirkungen ohne merkliche Veränderung widerstehenden dunkelbraunen und schwarzen Streifen in den Geweben auf mechanischem Wege zu entfernen. Es sind diese so überaus lästigen Plagen des Bleichers gewöhnlich strohige Theile, welche durch schlechte Reinigung der Flachsfaser im Garne anhangen und einen besonders großen Gehalt an erdigen Verbindungen oder Metalloxyd haben, welche mit der äußersten Härtnäckigkeit allen angewandten Mitteln, dieselben zu bleichen, widerstehen. Die einzige Möglichkeit sich derselben zu entledigen ist daher, sie mechanisch herauszuarbeiten unter dem Einflusse einer die Faser geschmeidig machenden Substanz, wie Seife, welche in ihrem Schaume zugleich die abgelösten Strohpartikelchen einhüllt und von dem Schauplatze der Bearbeitung entfernt. Die von Maschinengarn gearbeiteten Linnen geben daher auch mit viel weniger Mühe, besonders mit Anwendung eines viel geringern Theiles von mechanischer Arbeit, ein weit besseres Resultat in der Bleiche, eben weil im Spinnen des Garnes auf der Maschine alle der Faser fremden strohigen Theile besser abgesondert und entfernt werden, oder aber das, was die Maschine an solcher fremdartiger Substanz in den Garnen, besonders in den geringern Sorten von |38| Werg- und Leingarnen zurückläßt, durch die gleichmäßige Bearbeitung der Fiber durch die Hechel- und Spinnmaschinen so aufgelockert und zerkleinert ist, daß es bei weitem leichter und mit Anwendung viel geringeren Kraftaufwandes entfernt werden kann.

Für die Wahrheit dieser meiner Ansicht spricht auch noch die Thatsache, daß nach der Schenck'schen Warmwasserröste bereiteter Flach, auf der Maschine geschwungen, gehechelt und gesponnen und dann zu Linnen verwebt, sich viel leichter bleicht, als anderer in den Röstgruben gerösteter Flachs. Nichts trägt aber mehr dazu bei, ein reines und gutes Garn zu ermöglichen, als eine gute, methodische, sichere und vollständige Röste. Dadurch ist der Schwingmaschine die Arbeit halb gethan und der Hechel- und Spinnmaschine werden große unnöthige Abfälle erspart. Besonders wird bei sorgfältig nach Schenck'schem Verfahren bereitetem und nachher gut behandeltem Flachse für den Bleicher der mechanische Theil seiner Arbeit außerordentlich verkürzt, indem die streifigen Verunreinigungen kaum vorkommen.

Betrachten wir das Gegenstück. In Westphalen, wo der Flachs oft in 1/2 und 1/4 Morgen gebauet und diese Ernte auch für sich allein geröstet, gehechelt, nachher mit der Hand gesponnen dem Weber verkauft wird, sind alle nur erdenklichen Uebelstände vereinigt. Erstens wird der Flachs nicht nach den rationellsten landwirthschaftlichen Grundsätzen gebauet, dann wird derselbe in einer Gott weiß was für mineralische und vegetabilische Verunreinigungen enthaltenden Röstgrube, gewöhnlich mit sehr hartem Wasser geröstet, von einem Manne, der den passenden Zeitpunkt, wann die Röste beendigt ist, bald aus Fahrlässigkeit, bald aus Unkunde nicht beachtet, dann gebrochen und gehechelt nach den traditionellen Grundsätzen vorigen Jahrhunderts, die dem westphälischen Spinner unverbesserlich zu seyn scheinen, dann von der nach der Quantität des gesponnenen Garnes ihr Mahl abmessenden hungrigen Familie desselben gesponnen, deren Fertigkeit und Geschicklichkeit, wenn sie unter günstigen Umständen arbeiten, ich fern bin zu kritisiren; endlich wird er verwebt. Wie solches Gewebe nachher gebleicht wird, mit welchem enormen Aufwande von mechanischer Kraft und mit wie schlechtem Erfolge nach aller Mühe, das will ich die westphälischen Bleicher und Linnenhändler selbst beantworten lassen.

Aber das sind auch Uebelstände, an deren Besiegung selbst irisches Klima und Bleichkunst erfolglos arbeiten. Noch in diesen Tagen sprach ich über diesen Punkt mit Hrn. Charley von Seymourhill, dessen Bleiche hier in Belfast den Ruf hat, besonders weiße Linnen zu liefern, und von |39| dem ich wußte, daß er mehreremale westphälische Linnen bleichte. „Wir bleichten sie so schön als die irischen, sagte er, nur konnten wir die schwarzen Streifen, besonders in der Kette, nicht beseitigen, ohne die Haltbarkeit des Gewebes in Frage zu stellen.“

Gut geleitete Röstanstalten und Spinnereien thun des Bleichers schwerste Arbeit. Man sehe nur die geringen Sorten westphälischen Handgespinnstlinnens mit den langen, besonders in der Kette oft durch das halbe Stück laufenden, dicken schwarzen Fäden mit den stellenweise dicken und noch dunklern Knoten, und man wird, wenn man die fruchtlose Arbeit des leichten irischen rubbing boards auf solches Fabricat erst versucht hat, den durch seine gefährliche Schwere und Art zu arbeiten sehr gefürchteten deutschen Handhobel wenigstens entschuldigen. Ob derselbe aber nicht, so lange wir noch mit den Uebelständen einer schlechten Flachsbereitung zu kämpfen haben, schon jetzt ersetzt werden könnte, ist eine Frage, deren Beantwortung ich mir für spätere Zeit vorbehalte.

Wie oft ein Stück gerubbt wird, hängt ganz von der Qualität desselben ab, wobei jedoch stets von dem Principe ausgegangen wird, daß ein Minimum am vortheilhaftesten, indem eine klare und offne Appretur nach mehrmaligem Rubben nicht mehr möglich ist. Taschentücher und Schleiertücher werden daher immer ohne Rubben gebleicht. Das Stampfen der Stampfkalander (beetling engines), geschickt geleitet, kann theilweise die verursachten Uebelstände der rubbing boards verbessern, welche den Faden durch das Uebereinanderreiben wollig und ineinandergefilzt erscheinen lassen, indem durch den ersten Theil der Arbeit der Stampfkalander das Gewebe, wie man es nennt, erst geschlossen wird, wodurch die wolligen Fusseln und Unregelmäßigkeiten niedergeschlagen werden, so daß sie später beim Auftrocknen nicht wieder erscheinen und so der Faden, nachdem er durch ein zweites kürzeres Stampfen die nöthige Appretur und den Glanz erhalten, in dem soft finish rund und rein erscheint, wie es gewünscht wird.

Das Material, mit dem die Linnen befeuchtet werden, wenn sie durch die rubbing boards gehen, ist je nach dem Stadium ihrer Weiße grüne Schmier-, braune Palmöl-, oder weiße Stangenseife, welches sie aufsaugen, indem sie durch einen mit Dampf geheizten steinernen Trog gehen, worin die in etwas Lauge und Wasser gelöste Seife sich befindet. Dieß erhellt am besten aus der Zeichnung. Die Geschwindigkeit des Krummzapfens, der die 4 Läufer treibt, ist 70 bis 75 Umdrehungen in der Minute. 4 Läufer an einem Krummzapfen ist nicht die in den hiesigen Anstalten gewöhnliche Anzahl, sondern 3. In Cotton-Mount waren jedoch alle |40| boards mit 4 Läufern und arbeiteten sehr gut, so daß ich wirklich keinen Grund einsehe, warum der mit sehr wenig Kosten hinzugefügte vierte Läufer weggelassen werden sollte.

Ehe die Linnen zu den rubbing boards gebracht werden, werden sie immer zwischen 2 hölzernen Walzen mit verschiebbaren Hebelgewichten zum Beschweren der Achse der obern Walze durchgelassen. Die untere Walze wird unmittelbar bewegt. Die beiden Walzen haben jede 16 Zoll Durchmesser. Es ist dadurch beabsichtigt, das Wasser aus den Linnen zu quetschen (daher heißt der Apparat auch squeezer), und dadurch der Seife eine freiere und intensivere Wirkung zu gestatten. Die Werkführer behaupteten immer, daß, wenn die Ausführung dieser vorbereitenden Operation vernachlässigt würde, die Wirkung der Seifmaschine nicht so vollständig sey; man verliere zugleich große Quantitäten Seife. Ich sehe einen Grund für die erste Hälfte der Behauptung, die letztere fand ich durch die Erfahrung nicht bestätigt. Ich schreibe aber die ganze Sache nieder, weil mir die so oft gehörte Einstimmigkeit der Behauptung auffiel.

Erklärung der Abbildungen auf Tab. I.

Nur durchschnittene Gegenstände sind schraffirt und zwar: Schmiedeisen gradlinig hell, Gußeisen gradlinig dunkel, Holz bogenförmig hell, Stein oder Mauwerk in punktirten Linien.

Fig. 1 Bäuchkessel im Verticalschnitt nach no.

Fig. 2 Bäuchkessel im Grundrisse, ohne Deckel.

a Dampfzuflußrohr, in einer im Kessel eingegossenen Vertiefung liegend.

b Entleerungsrinne.

c Rohr, durch welches die siedende Lauge in ihrer Circulation aufsteigt.

d Vertiefungen in der Kesselwand, um viereckige eiserne Stangen zum Niederhalten des Linnens während der Bäuche anzubringen. (Wurden in Cotton-Mount nicht benutzt.)

e Wasser- und Laugeeinfluß. – f Sicherheitsventil.

g Vorrichtung zum Anschrauben des Deckels auf den Kesselrand; 12 Stück für jeden Kessel.

h dient zum Aufheben und Niederlassen des Deckels.

i regenschirmartiger Ansatz zum Ausbreiten der Lauge.

k Handhaben zum Aufheben des Kessels.

l Deckelhänge.

m Fuß zum Anschrauben des Rohres c und Auflegen des oberen Bodens.

p durchlöcherter oberer Boden.

Fig. 3 vordere Ansicht des Rubbing boards, Durchschnitt nach cd.

Fig. 4 horizontaler Durchschnitt des Rubbing boards nach ab.

|41|

Fig. 5 Theil der arbeitenden Fläche des Rubbing boards in natürlicher Größe.

e Krummzapfen, welcher die 4 Läufer treibt.

f Schraube ohne Ende, welche die Bewegung an ein durch sie getriebenes

Rad gibt, welches auf derselben Achse wie g sitzt.

g und h eingreifende Räder.

i canellirte Walzen, sie dienen die Linnen zwischen den gerippten Arbeitsflächen durchzuziehen. Die untere Walze hat mit h gemeinschaftliche Achse; die obere, in losen Lagern liegend, wird durch das Eingreifen der untern bewegt.

k Befestigung der Zugstangen an dem Krummzapfen.

l Verbindung der Zugstange mit dem Läufer.

m und n dreizöllige Wellen, um die Linnen zu und von den Oeffnungen

z zu geleiten.

o beweglicher Läufer, – p Dampfrohr. – q Wasserrohr.

r, r messingene Zapfen, um die Stücke vor dem Durcheinanderwinden zu bewahren.

s steinerner Behälter, um das Bad zu bereiten, durch welches die Linnen gehen, ehe sie unter die Maschine kommen.

t hölzernes Gestell, um die Stücke darüber zu legen, nachdem sie gerubbt.

u flacher steinerner Behälter, um die Linnen nach dem Rubben vor dem Beschmutzen zu bewahren.

v ebenfalls ein solcher Behälter zum Einbringen der Stücke, ehe sie durch den Behälter s gehen.

w und x conische Räder, um die Bewegung an den Krummzapfen zu geben.

y dient zum Aus- und Einhängen der Maschine.

z Oeffnungen an beiden Seiten der boards zum Ein- und Ausgehen der Linnen zu und von den boards.

a lose Welle, um welche die Linnen im Seifbade gehen.

Fig. 6 Verticaldurchschnitt des Waschrades nach ik.

Fig. 7 vordere Ansicht des Waschrades.

Fig. 8 hintere Ansicht des Waschrades mit der Uebertragung der Bewegung.

Fig. 9 Seitenansicht des Waschrades, Durchschnitt nach lm.

a Stange, um das Rad aus- oder einzuhängen.

b Stange zum Oeffnen oder Schließen des Wasserhahnes z.

c Wasserrohr. – d Triebwelle.

e ringförmige Oeffnung in der Wand des Rades zum Einspritzen von Wasser durch das Rohr f.

f Rohr zum Einspritzen von Wasser.

g, g Oeffnungen zum Abfließen des Wassers.

h Oeffnungen zum Einbringen der zu waschenden Linnen.

n Oeffnungen zum Abfließen des Wassers.

o eiserne Reife um das Rad.

p zollbreite Einschnitte in den innern Abtheilungswänden des Rades.

z Wasserhahn.

Fig. 10 vordere Ansicht der Waschhämmer, Durchschnitt nach gh.

Fig. 11 Durchschnitt nach ef.

|42|

a und b Holzverbindungen des Hammers mit dem Punkte, um welchen er sich bewegt.

c Holz, um welches der Hammer schwingt.

d, e, f Holzconstruction, den Aufhängepunkt des Hammers tragend.

g Nase zum Einhängen des Seiles t.

h Nase zum Einhängen der Stange i, welche dient, um den Hammer k aus dem Bereiche der Daumenwelle m zu heben, wenn die einzelnen Hämmer ausgehangen sind.

i Hebel um v drehbar. – k Hammer aus Tannen- oder Birkenholz.

m Daumenwelle mit Daumen. – n Träger der Maschine.

o Wasserrohr. – p Wasserhahn.

q Wasserbehälter, um durch die Oeffnungen x Wasser über die Linnen stetig fließen zu lassen, welche sich in dem Waschbehälter u befinden.

r Schuh, aus dem Holze des wilden Feigenbaumes (sycamore) gefertigt.

s eiserner Haken, um den Hammer zu fassen, wenn das vordere Ende der Stange i auf seinem höchsten Punkte steht; wird dann dieser Punkt, im Kreisbogen um v sich bewegend, niedergedrückt, so wird der Hammer dadurch aus dem Wirkungskreise von m gehoben.

t Seil zur Hebung von s. – u Waschbehälter aus Tannenholz (timber).

v schmiedeeiserne Stange. – x Wasserzuflußöffnung. – y Wasserabflußöffnung.

(Der Schluß folgt im nächsten Heft.)

|26|

35 Imp. yards = nahezu 48 pr. Ellen.

|26|

31 Imperial gallons = nahezu 123 pr. Quart.

|26|

65 pounds avoir dupois = nahezu 63 pr. Pfund.

|29|

Beschreibung des irischen Bäuchverfahrens im angeführten Werke S. 236.

|30|

Davy nimmt an, daß 4 Quadratzoll Rasen in 8 Tagen 30 Kubikzoll Sauerstoffgas geben. Dann gibt ein preußischer Morgen 2025 Kubikfuß in 24 Stunden. – 60 Stücke, 60 pr. Ellen lange, 6/4 Ellen breite Linnen bedecken, wenn sie ausgelegt sind, einen Morgen Rasenfläche. – Die Gewichtsmenge der unterchlorigsauren Salze, welche nöthig ist, um 300 Stücken Linnen obiger Dimensionen ein frisches Chlorbad zu geben, ist so groß, daß etwa 140 Kubikfuß Sauerstoffgas in Freiheit gesetzt werden.

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