Titel: Ueber Sarrat's Gegenlenker.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129, Nr. LXXII. (S. 329–331)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/ar129072

LXXII. Ueber einen neuen Gegenlenker von Hrn. Sarrat.

Nach den Comptes rendus, Juni 1853, Nr. 24 und 26.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

Wenn man aus fünf unveränderlichen Gliedern A, B, C, D, E in der Art ein veränderliches System construirt, daß man sie je zwei durch eine gemeinschaftliche bewegliche Achse, um welche beide ohne zu gleiten sich drehen können, verbindet, und sich die beiden äußern Glieder A und E um feste Achsen drehen läßt, so kann man dem mittleren Gliede C dadurch eine genaue geradlinige Bewegung sichern, daß man sich durch die Richtung dieser geradlinigen Bewegung zwei Ebenen, am einfachsten senkrecht zu einander, gelegt denkt, und eine der festen Achsen zu der einen, die andere zu der zweiten Ebene senkrecht legt, und die Verbindungsachsen der Glieder A und B, B und C mit der ersten, die Verbindungsachsen der Glieder C und D, D und E mit der zweiten festen Achse parallel richtet. Das mittlere Glied C, welches auf diese Weise zwei unter sich rechtwinklige Achsen erhält, muß dann sowohl in der einen als in der andern jener beiden Ebenen bleiben und sich demnach in der Durchschnittslinie derselben bewegen.

Ein solches System ist z.B. das Schwungrad A, Fig. 7, welches sich um die feste Achse a, a bewegt, mit der Kurbel a, b, der Bleuelstange B, der Kolbenstange C einer Pumpe oder einer Dampfmaschine, und den beiden Gliedern D und E des Gegenlenkers Fig. 7 und 8, von denen das letztere wieder um eine feste Achse e, e beweglich ist. Man wird sich mittelst der Skizze Fig. 7 leicht überzeugen, daß der Kopf der Kolbenstange C sich in einer verticalen Geraden bewegen muß, wenn die festen |330| Achsen a und e horizontal und senkrecht zu einander sind (geometrisch genügt es, daß sie beide horizontal und nicht parallel sind), und wenn die Verbindungsachsen von A und B (die Krummzapfen-Warze b) und von B und C zu der festen Achse a, die Verbindungsachsen von C und D, D und E dagegen zu der festen Achse e parallel bleiben.

Ueber dieses neue Princip für die Umwandlung einer abwechselnden geradlinigen Bewegung in eine Kreisbewegung und umgekehrt, spricht sich der Bericht der von der französischen Akademie ernannten Commission folgendermaßen aus:

„Man kennt von dieser Aufgabe der Bewegungslehre eine große Anzahl, mitunter sehr alter Auflösungen, unter welchen sich auch das gegliederte Parallelogramm befindet, welches Watt an dem Balancier seiner Dampfmaschinen angebracht hat. Man weiß indessen, daß auch diese letztere Construction, wie andere ähnliche, nicht streng genau ist, daß vielmehr der Kopf der Kolbenstange immer noch geringe Ablenkungen von der geometrischen Achse des Dampfcylinders erleidet, welche, wenn auch nur wenig wahrnehmbar, doch auf den Gang großer Maschinen einen störenden Einfluß äußern, den selbst die mathematischen Untersuchungen von Prony, Vincent, Willis u.a. nicht zu beseitigen vermochten. Man weiß auch, daß diese Uebelstände in der letzten Zeit sowohl in Frankreich, als in England, die Erfindung anderer, nicht weniger beachtenswerthen Constructionen, aber von einer ganz andern Natur, veranlaßen, durch welche eine wechselnde geradlinige Bewegung ohne Anwendung des Balancier in eine fortgehende Kreisbewegung umgewandelt wird. Wie groß aber auch die Vortheile dieser Constructionen für die Vereinfachung der großen Maschinen seyn mögen, so ist es nicht weniger wahr, daß in dem alten System noch eine wahre mathematische, von den Uebelständen der bisherigen Constructionen freie Auflösung zu finden war, und gerade dieß ist die wesentliche Eigenschaft der von Hrn. Sarrat vorgelegten Construction.“

„Das Princip dieser Umwandlung ist sehr allgemein und einfach, und begreift als besondern Fall den der oscillirenden Cylinder. Man sieht ein, daß diese Auflösung, auf ein System von entsprechender Gliederung ausgedehnt, wie es der Erfinder schon bemerkt hat, ein Mittel darbieten kann, um den leitenden Punkt eines Maschinentheiles eine krumme Linie beschreiben zu machen, dadurch daß man diese Linie als den Durchschnitt zweier leichter zu erhaltenden krummen Flächen betrachtet.“

Ohne das Verdienst des Hrn. Sarrat schmälern zu wollen, erlauben wir uns diesem Berichte die Bemerkung beizufügen, daß sich bereits in Hülsse's Maschinen-Encyklopädie eine streng mathematische |331| Auflösung des fraglichen Problems angegeben findet. Diese gründet sich auf den bekannten Satz der analytischen Geometrie, daß der Mittelpunkt einer Geraden, deren Endpunkte auf den beiden Schenkeln eines rechten Winkels gleiten, einen Kreisbogen beschreibt, welcher den Scheitel des rechten Winkels zum Mittelpunkt hat; denn daraus folgt umgekehrt, daß wenn der Mittelpunkt C einer Geraden AB, Fig. 9, in einem Kreisbogen CC, und der eine Endpunkt A derselben in einer durch den Mittelpunkt O dieses Bogens gelegten horizontalen Geraden AO geführt wird, der andere Endpunkt B sich in einer durch denselben Mittelpunkt O gehenden verticalen Geraden BB bewegen muß.

G. D.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Tafeln


Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: