Titel: Ein russisches Sculptur-Werkzeug.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129/Miszelle 3 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/mi129mi03_3

Ein russisches Sculptur-Werkzeug.

Hätte man ein Werkzeug, welches die Arbeit des Meißels und der Feile auf mechanische Weise andauernd, unaufhaltsam verrichtete, dabei aber nicht unbeweglich und in seinen Wirkungen so beschränkt wie der Drehstuhl wäre, sondern nach dem Belieben des Arbeiters oder des Künstlers, ohne Verrückung des zu bearbeitenden Körpers, und an jedem von dessen Theilen, oben, unten, in der Mitte in Anwendung gebracht werden könnte – so wäre dieß gewiß ein höchst sinnreiches Instrument zu nennen, ein Mittelding zwischen Werkzeug und Werkzeugmaschine. Es gewährte die leichte Handhabung des erstern, unter Benützung einer mechanischen Kraft wie bei der Werkzeugmaschine. Ein solches Instrument existirt, und es ist zu verwundern, daß demselben nicht schon größere Beachtung zu Theil wurde. So einfach es an sich selbst ist, so kann es doch als neues Zeugniß gelten von dem Scharfsinne, den in solchen Dingen der Russe an den Tag legt. Es ist nämlich eine russische Erfindung. Man findet dieses Werkzeug, oder Instrument, besonders in den Steinschleifereien am Ufer des Iset im Ural im Gebrauche. Man stelle sich eine etwa 3 Fuß lange, 1 Zoll dicke, abgedrehte eiserne Achse vor, an deren einem Ende eine kleine Fräse aufgeschraubt ist. Jeder weiß, was eine Fräse ist – eine stählerne, auf der Peripherie gezahnte Scheibe, im kürzesten Ausdrucke eine runde Feile oder Säge. Die erwähnte Achse nun ruht auf zwei genau umschließenden Zapfenlagern in einer Kapsel von Kupferblech, doch so, daß das mit der Fräse versehene Ende um etwa einen Fuß frei aus der Kapsel hervorragt. Diese selbst ist rund, an den Enden eng zulaufend, so daß sie an diesen Stellen mit der Hand umfaßt werden kann; gegen die Mitte wölbt sie sich bauchig. Man begreift, daß wenn obige Achse eine anhaltende rasche Drehung erhielte, jeder Arbeiter, versehen mit diesem leicht zu manipulirenden Apparate, mittelst der rotirenden Fräse, gleich wie mit der Feile und Meißel, auf den zu bearbeitenden Gegenstand, sey er von Stein oder Metall, wirken könnte. Diese Bewegung wird auf sehr einfache Weise hervorgebracht. Die erwähnte metallene Kapsel hat in ihrer Mitte zwei Oeffnungen. Durch dieselben, und die inwendige zu diesem Ende mit einigen festen hölzernen Rollen versehene Achse umschlingend, zieht sich eine Schnur ohne Ende, welche von einer in geeigneter Entfernung befindlichen, durch Wasser- oder andere Kraft in Bewegung gesetzten Welle herkömmt und zu derselben zurückkehrt. Wie am Spinnstuhl von dem Spindeltambour aus eine Saite oder Schnur der Spindel die rascheste Drehung mittheilt, so auch hier. Nur muß hier die Möglichkeit noch gegeben seyn, daß der Arbeiter mit seinem Werkzeuge die Stellung verändern, dasselbe nähern, entfernen, drehen, kurz in den verschiedensten Richtungen anwenden, möglichste Beweglichkeit gewinnen kann. Wer nur etwas Einsicht in diese Dinge hat, begreift, daß dieses möglich, indem die Schnur ohne Ende durch eine oder mehrere mit Gewichten verbundene bewegliche Rollen, über welche sie zu laufen hat, zwar in steter Spannung erhalten wird, doch so, daß sie einem durch den Arbeiter auf sie ausgeübten Drucke nachgeben, sich somit, in ununterbrochener Fortdauer der Bewegung, verlängern oder verkürzen kann.

Wir haben nun, wie man sieht, ein recht eigenthümliches sinnreiches Werkzeug, eine tragbare, durch mechanische Kraft rotirende Achse, an deren Kopf eine feilende, meißelnde Scheibe in beliebigen Dimensionen. Der Mensch kann damit gleich wie |236| mit einem Bossirholze an dem zu behandelnden Körper herumarbeiten. Das Instrument läßt, immer in dem Bereiche der bewegenden Schnur, die verschiedensten Orts- und Lagenveränderungen zu. Wie gesagt, und wie man auch in Ermann's Reise um die Erde“ bestätigt findet, wird dieses Werkzeug in den Steinschleifereien im Ural häufig angewendet. Dort werden solche großartige Säulen, Capitäle und Vasen aus den härtesten Gesteinen verfertigt – man denke nur an die prachtvollen zu London ausgestellt gewesenen Malachit-Vasen – wie sie an künstlicher Vollendung kaum von antiken Bildwerken übertroffen werden. Reliefs von mannichfach gestalteten Umrissen, Henkel, feines Laubwerk an kolossalen Vasen, Hohlkehlen an Säulen und Capitälen werden mit dem beschriebenen Werkzeug ausgearbeitet. (Schweizerische Handels- und Gewerbezeitung 1853, Nr. 16.)

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