Titel: Ueber die Fabrication von Spazierstöcken; von Prof. Dr. A. W. Hofmann in London.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129/Miszelle 4 (S. 313–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/mi129mi04_4

Ueber die Fabrication von Spazierstöcken; von Prof. Dr. A. W. Hofmann in London.

Die geringe Wichtigkeit, die wir in der Regel einem so unbedeutenden Gegenstande, als einem Spazierstocke, beilegen, dürfte uns leicht zu der Annahme verleiten, daß die Fabrication dieses Artikels ein verhältnißmäßig nur untergeordnetes Interesse beanspruchen könne; wenn wir aber den allgemeinen Gebrauch desselben in Betracht ziehen, und namentlich wenn wir genauere Erkundigungen über die Massen der verschiedensten Materialien einziehen, die jährlich zu Spazierstöcken verarbeitet werden, so werden wir bald gewahr, daß wir es hier mit einem sehr wichtigen und ausgebreiteten Industriezweige zu thun haben. Das Material für diese Fabrication wird zum größten Theile von dem Pflanzenreiche geliefert; doch erinnert uns die häufige Anwendung des Fischbeins und Elfenbeins und der gewöhnlichen sowohl, als kostbaren Metalle, daß in vielen Fällen auch die anderen Naturreiche in Contribution gesetzt werden, um den Spazierstock den Erfordernissen der wechselnden Mode und des herrschenden Geschmackes gemäß herzustellen.

Die Materialien vegetabilischen Ursprungs anlangend, so läßt sich wohl behaupten, daß kaum irgend ein Rohr, Strauch oder Baum vorhanden seyn mag, der nicht schon zur Herstellung eines Reise- oder Spazierstockes gedient hätte, vorausgesetzt, daß ihm die nöthige Elasticität und Stärke nicht mangelt. In der Regel ist es jedoch eine nur geringe Anzahl von Holzsorten, welche zu dieser Fabrication verwendet werden. Unter den europäischen Holzarten gibt der Stockfabrikant dem Schwarzdorn, dem wilden Aepfeldorn, namentlich der sogenannten warzigen Varietät, |314| dem Ahorn, der Esche, der Eiche, besonders der jungen, der Buche, dem Orangenbaum, dem Kirschbaum, dem Ginsterstrauch, dem Korkbaum und dem spanischen Rohr (Arundo Donax) in den meisten Fällen entschieden den Vorzug. Diese Hölzer werden gewöhnlich im Spätherbste ausgeschnitten, besonders wenn die Rinde daran bleiben soll. Der Stockfabrikant ist jedoch keineswegs auf Europa allein angewiesen. Westindien liefert ihm eine reichliche Zufuhr der besten Materialien für seine Zwecke in den Weinreben, Nelkenpfefferrohre (Eugenia Pimenta), Kohlpalmen, im Orangen- und Citronenholze, dem Kaffeebaum und dem indianischen Hagedorn. Er bezieht ferner eine große Anzahl von Artikeln aus China und Indien (Singapore und Java), aus welchen Ländern ihm die verschiedensten Rohre, Schlingpflanzen aller Art und namentlich die gigantischen Schilfgräser zugeführt werden. Die hauptsächlichsten Sorten sind Rattanrohr63) Drachenrohr, Penanglawyers (der Stengel einer Art Calamus oder klimmenden Palme), weiße und schwarze Bambus, geriefter Bambus, Whangees, Jambees und sogenanntes Hundsklopfrohr (eine Art von Bambusrohr, welches nicht selten die Höhe von 50–60 Fuß erreicht und vorzugsweise von China importirt wird), Malakkarohr (von Singapore) und endlich Junglebambus von Calcutta, sowie eine besondere Art Rohr von Manilla.

Im unverarbeiteten Zustande haben diese Materialien nur geringe Aehnlichkeit mit den eleganten Artikeln, zu welchen sie sich in der Hand des Fabrikanten gestalten. Durchwandert man in den weitläufigen Lagerhäusern von B. Meyer in London die langen Reihen der in Haufen aufgeschichteten noch unverarbeiteten Hölzer und Rohre, die, um gehörig auszutrocknen, in der Regel längere Zeit hindurch aufbewahrt werden, so glaubt man sich in einem Brennholzmagazine zu befinden, so unscheinbar sehen diese Materialien aus, in denen nichtsdestoweniger der Werth von vielen Tausenden von Pfunden Sterling steckt. Man erstaunt jetzt nicht mehr, wenn man erfährt, daß selbst der einfachste Spazierstock wohl zwanzigmal durch die Hand des Arbeiters gehen muß, ehe er ein nur einigermaßen anständiges Ansehen erhält; bessere Sorten von Stöcken verlangen natürlich eine noch viel größere Reihe von Operationen. Diese sind mannichfacher Art. Der Verf., welchem von der Zollvereins-Commission die Berichterstattung über den betreffenden Theil der Londoner Ausstellung übertragen wurde, gibt nun über diese weniger bekannte Fabrication folgende Skizze:

Abschälen der Rinde. In den meisten Fällen muß von den Hölzern, die zu Stöcken verarbeitet werden sollen, vor Allem die Rinde entfernt werden; dieß ist namentlich immer der Fall, wenn man sie Poliren will. Bisweilen wird jedoch auch die Rinde auf dem Holze gelassen. Das Abschälen der Rinde scheint auf den ersten Blick eine höchst schwierige Manipulation zu seyn, besonders wenn man es mit Hölzern wie der wilde Apfelbaum zu thun hat, dessen unzählige warzenähnliche Auswüchse, bekanntlich durch den Stich eines Insects hervorgebracht, sich nach allen Seiten wie Berg und Thal durchkreuzen. Und doch läßt sich diese scheinbar so schwierige Operation mit großer Schnelligkeit ausführen, und trägt dem damit beschäftigten Arbeiter selbst im Falle des schwierigsten Exemplars nicht mehr als einen halben Penny ein. Das Räthsel löst sich aber, wenn man sieht, welche einfache Mittel die Praxis an die Hand gegeben, um dieses langwierige Geschäft zu erleichtern. Der Stock wird nämlich ganz einfach einige Stunden lang in heißem Wasser gekocht; die Rinde kann dann leicht mit den Fingernägeln abgeschält werden.

Biegen des Hakens oder Handgriffes und Strecken des Stockes. Nur eine sehr geringe Anzahl Aeste, sowohl von Bäumen als auch von Sträuchern, |315| ja selbst nur ganz wenige Rohre sind gerade genug, um ohne Weiteres als Spazierstöcke brauchbar zu seyn, und nur höchst selten liefert die Natur solche Auswüchse oder Krümmungen, wie sie der Stockfabrikant zur Herstellung seiner Krückenhaken und Handgriffe überhaupt bedarf. Bei den meisten sind hierzu zwei Operationen nöthig, die eben so einfach als sinnreich sind. Um am oberen Ende einen Haken anzubringen, wird das Rohr oder der Stock mit heißem feuchtem Sand bedeckt. Hierdurch wird er weich und elastisch, und läßt sich dann, ohne zu zerbrechen, in die gewünschte Form biegen, die er beim Erkalten beibehält. Die einzige Schwierigkeit bei dieser Operation ist die, für jede der verschiedenen Holzarten die geeignete Temperatur zu finden, und nur durch lange Uebung bekommt der Arbeiter die Fertigkeit, den rechten Hitzegrad einzuhalten. Wenn daher eine neue Holzart in die Stockfabrication eingeführt wird, so bedarf es immer einiger Versuche, um in dieser Beziehung die nöthigen Aufschlüsse zu erhalten. Das Strecken der Stöcke wird in ähnlicher Weise bewerkstelligt, nur daß man zum Erweichen trocknen Sand anwendet, den man auf einer eisernen Platte erhitzt. Nachdem der Stock durch dieses Verfahren so weich wie rothglühendes Eisen geworden ist, wird er herausgenommen und so lange, erst in der einen, dann in der anderen Richtung, durch eine in einen starken Pfosten eingeschnittene Kerbe gezogen, bis er ganz gerade geworden ist. Der gedachte Pfosten ist 3 Zoll stark, ungefähr 6 Fuß lang und 1 Fuß breit, und neigt sich von dem Arbeiter, der an einem Ende steht, in einem Winkel von 30 Graden nach dem Boden, in welchem das andere Ende befestigt ist.

Façonniren des Stockes. Knotige Auswüchse, bambusartige Ansätze und spiralförmige Windungen gelten, je nach den Anforderungen einer launenhaften Mode, in den Augen des Publicums für schön. Diese Formen, welche nur in einigen Fällen Naturbildungen sind, werden zum großen Theile durch Raspeln und Feilen hervorgebracht. Eben so verschiedenartige Ansprüche werden an die Stockknöpfe gestellt, welche mit den mannichfaltigsten Schnitzereien verziert seyn müssen, um dem Geschmacke des Publicums zu entsprechen. Die Londoner Ausstellung brachte alle möglichen Sorten von Thier- und Menschenköpfen, von Pferdefüßen und Vogelklauen u.s.w., die nicht selten bedeutende Kunstfertigkeit verriethen. Namentlich zeichneten sich in dieser Beziehung die Erzeugnisse der deutschen Fabrikanten aus, die nebenbei nicht selten den köstlichsten Humor bekundeten. Wir können diesen kleinen Kunstwerken unsere Anerkennung um so weniger versagen, wenn wir hören, daß sie, selbst in größeren Stockfabriken, aus den Händen von nur wenigen, in der Regel von drei bis vier Arbeitern hervorgehen, die, ohne irgend welche künstlerische Vorbildung zu besitzen, die Formen von Menschen und Thieren, und selbst den verschiedensten Ausdruck und Charakter in den Physiognomien, mit seltener Wahrheit und oft mit vielem Geschick wiederzugeben verstehen.

Färben des Stockes. Nachdem die Stöcke in der beschriebenen Art gestreckt und façonnirt worden, muß die Oberfläche in vielen Fällen noch durch Schmirgelpapier oder Fischhaut geglättet und in verschiedenen Tinten gefärbt werden, ehe schließlich der Firniß oder Lack aufgetragen werden kann. Manchmal wird die Oberfläche theilweise verkohlt und die Kohle wieder hier und da abgeschabt, wodurch man ein eigenthümlich geflecktes Ansehen erzielt; in anderen Fällen werden die Stöcke mit lithographirten Mustern bedruckt; namentlich ist dieß auf dem Continente üblich, wo die Handarbeit nicht so theuer ist als in England. Die spanischen Rohre, wenn sie nicht lang genug sind zwischen zwei Knoten, werden öfters an dem dickeren Ende abgedreht, und alsdann muß diesem Theile die natürliche Farbe des Rohres wiedergeben werden. Dieß geschieht mit solcher Geschicklichkeit, daß es unmöglich ist, den gefärbten Theil des Stockes von demjenigen, der seine natürliche Farbe behalten hat, zu unterscheiden.

Wir haben bis jetzt ausschließlich von Stöcken vegetabilischen Ursprungs geredet, aber auch Substanzen, welche aus dem Thierreiche stammen, wie z.B. Fischbein, Schildpatt, Widderhorn, Rhinoceroshorn und Rhinoceroshaut, werden häufig und Wallfischknochen, Haifischrückgrat, Narwalhorn und Elfenbein zuweilen für die Zwecke dieser Industrie verwendet. Das Horn wird durch Hitze erweicht und vermittelst besonderer mechanischer Vorrichtungen in lange Cylinder ausgezogen und selbst Raspelspäne von Schildpatt, durch Hitze und Druck zu consistenter Masse vereinigt, lassen sich ohne Schwierigkeit zu langen Stäben formen. Die Rhinoceroshaut ist eine durchsichtige hornartige Masse, deren Elasticität und Dichtigkeit sie im |316| hohen Grade zur Fabrication von Spazierstöcken eignet. Die Hirschkalbfüße, die man nicht selten zu Handgriffen verwendet sieht, werden einer mäßigen Hitze ausgesetzt, und halten sich dann, ohne die geringste Veränderung zu erleiden. Auch Elfenbein, Horn und Knochen werden häufig zur Verfertigung der Stockgriffe benutzt, und eine große Anzahl Arbeiter findet in der Vorbereitung dieser Stoffe für den gedachten Zweck Beschäftigung. Metalle werden weniger zur Herstellung ganzer Stöcke, als zur Fabrication einzelner Theile, namentlich der Handgriffe und Zwingen, benutzt. Doch findet man auch zuweilen im Handel hohle eiserne Stöcke, die wie Holz oder Rohr angestrichen sind. (Amtlicher Bericht über die Londoner Industrie-Ausstellung, 3ter Theil, S. 561.)

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Rattanrohr wird weniger zur Fabrication von Stöcken, als für Anfertigung der Regenschirmrippen benutzt. Für diesen Zweck wird es sortirt, auf den Seiten abgehobelt und alsdann mit Eisenvitriol und Brasilienholz gefärbt. Dieses Rohr dient ferner den Putzmacherinnen und Corsetmachern als Surrogat für Fischbein; es wird endlich in großer Menge bei der Anfertigung der Rohrstühle verwendet. Zu letzterem Zwecke wird dasselbe mittelst brennenden Schwefels (schwefliger Säure) gebleicht.

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