Titel: Über Uber die Fabrication der Gestelle für Regen- und Sonnenschirme in England; von Prof. Dr. A. W. Hofmann in London.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129/Miszelle 5 (S. 316–318)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/mi129mi04_5

Über die Fabrication der Gestelle für Regen- und Sonnenschirme in England; von Prof. Dr. A. W. Hofmann in London.

Die Fabrication der Gestelle für Regen- und Sonnenschirme wird in London hauptsächlich von kleinen Meistern betrieben, die gewöhnlich einige Knaben als Gehülfen beschäftigen; das Ueberziehen hingegen wird von Frauen und Mädchen besorgt, die in ihren Wohnungen arbeiten. Der Arbeitslohn für die wohlfeilsten Gattungen von Schirmen ist so gering, daß oft die gemeinsame Anstrengung aller Mitglieder einer ganzen Familie erforderlich ist, um die Subsistenz derselben zu sichern. Das Anschrauben der Handgriffe und der Zwingen wird in der Regel von den Häusern, welche in diesem Artikel Geschäfte machen, selbst besorgt.

Um dem Leser eine Idee zu geben, wie gering der Arbeitslohn für Anfertigung der Gestelle ist, sey es uns gestattet, eine kurze Beschreibung der verschiedenen Operationen zu geben, aus denen die Arbeit des Londoner Regenschirm-Gestellmachers besteht. Derselbe muß zuvörderst eine höchst einfache Drehbank mit Kreissäge und Schablonenstahl (um die Spitzen der Rippen zu formen) und mehrere einfache Messer, Bohrer, Zangen und andere Instrumente anschaffen. Diese kosten ihm ungefähr 3–6 Pfd. Sterl. Den erforderlichen Eisendraht und das Messingblech hat er aus seinem Wochenlohne anzuschaffen, indem er nur den Stock, die Rippen, die Spanner und den inneren Schieber erhält. Der Londoner Gestellmacher beschäftigt in der Regel 2–4 Knaben, deren jedem er wöchentlich 4 Shill. bezahlt.

Anfertigung des Stockes. Derselbe besteht gewöhnlich aus gefärbtem Buchenholz, welches der Gestellmacher von dem Fabrikanten erhält und das er in Stücke von der nöthigen Länge zersägt. Der auf diese Weise erhaltene Stock wird abgedreht und das eine Ende, an welchem die Zwinge befestigt werden soll, zugespitzt. Zunächst werden nun mit der Kreissäge zwei Längenspalten zur Aufnahme der Springfedern angebracht, von welchen die eine den Schirm aufgespannt erhält, während die andere den geschlossenen Schirm am Aufgehen hindert. Diese Federn bestehen aus gewöhnlichem Eisendraht und werden durch Eintreiben des einen Endes in dem Stabe befestigt; das andere hakenförmig umgebogene Ende bewegt sich frei in der Spalte, wird aber durch einen Querstift verhindert zu weit hervorzutreten. Um diesen Querstift anzubringen, wird auf der einen Seite des Längenspaltes ein Loch gebohrt, durch welches der Arbeiter den vorn zugespitzten Draht durchsteckt, um ihn auf der anderen Seite des Spaltes einzutreiben. Die nächste Operation versieht den Stock mit einer sehr einfachen Vorrichtung, welche den Schieber verhindert, beim Aufmachen des Schirmes zu weit hinaufgedrückt zu werden. Zu dem Ende bohrt der Gestellmacher etwa ein Viertelzoll über der oberen Feder zwei Löcher, in welche die beiden Enden eines kurzen hufeisenförmig gebogenen Drahtes eingetrieben werden; das kleine aus dem Stocke hervorragende Drahtöhr setzt der Bewegung des Schiebers die Gränze, welche wir beim Aufmachen des Schirmes spüren. Um den Stock fertig zu machen, müssen jetzt noch zwei weitere Löcher näher an der Spitze gebohrt werden, welche zum Einfügen zweier ähnlicher Drahtöhre bestimmt sind und, wie wir sogleich sehen werden, die Rippen des Schirmes befestigen. Es sind demnach nicht weniger als 19 Operationen nöhig, um einen Regenschirmstock anzufertigen.

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Zubereitung der Rippen. Jede Rippe muß natürlich einzeln bearbeitet werden. Nachdem das Rohr an der einen Seite etwas zugespitzt worden, wird es geglättet und in der Richtung nach der Spitze leicht verjüngt. Dieß bewerkstelligt der Gestellmacher mittelst eines auf der Drehbank laufenden Rades, in dessen Peripherie eine mit Fischhaut überzogene Rinne eingelassen ist, in welcher die Rohre ihrer Länge nach hin und her gezogen werden, während das Rad sich mit Schnelligkeit umdreht. Zunächst wird die Spitze der Rippe gerundet. Hierzu dient ein Stahlrädchen (die Maschine), welches ebenfalls auf der Drehbank läuft und dessen Rad ein Schablonenstahl von der gewünschten Form bildet. Indem der Gestellmacher die Spitze in diese Schablone einpreßt, während sich das Rad umdreht, erlangt sie in wenigen Augenblicken die entsprechende Gestalt und kann jetzt lackirt und mit dem Loche versehen werden, mittelst dessen der Ueberzug des Schirmes befestigt werden soll. Jede Rippe erhält nunmehr die geeignete Länge, indem das entgegengesetzte Ende abgesägt wird. Dieses andere Ende heißt in der Kunstsprache der Kopf der Rippe; es muß für die Befestigung an dem Stocke vorbereitet werden. Zu dem Ende wird der Kopf mit dünnem Kupferblech überzogen, abgerundet und durchbohrt. Diese Durchbohrung ist zur Aufnahme des Kupferdrahtes bestimmt, welcher, durch die beiden oben erwähnten Oehre gehend, die Rippe an den Stock befestigt und zugleich das Aufspannen und Einziehen des Schirmes gestattet, indem derselbe die Angel bildet, in welcher sich die Rippen drehen. Noch ist indessen die Rippe nicht fertig. Ein zweiter Ueberzug von Kupferblech ist in der Mitte nöthig, welcher ebenfalls durchbohrt wird, um eine Drahtachse aufzunehmen, in deren auf beiden Seiten der Rippe hervortretenden Enden sich die Gabel des Spanners dreht. Jede Rippe hat demnach dreizehnmal durch die Hände des Gestellmachers zu gehen, und da zu einem Schirme 8 Rippen nöthig sind, so addiren sich zu den 19 Operationen, welche der Stock erheischte, weitere 104 Operationen.

Wiegen der Rippen. Wenn nicht alle Rippen gleiche Stärke haben, so nimmt der Schirm beim Aufspannen nicht nach allen Seiten gleiche Rundung an. Deßwegen müssen die Rippen gewogen werden. Dieß geschieht mittelst einer sehr einfachen Vorrichtung, welche im Wesentlichen aus einem 3 Fuß 6 Zoll langen und 2 Fuß breiten Brette besteht, welches so gegen die Wand befestigt ist, daß die lange Kante horizontal steht. Dieses Brett ist mit einer Menge von Löchern zur Aufnahme von Drahtstiften versehen. Soll eine Rippe gewogen werden, so wird sie mittelst zweier Stifte an dem Brette befestigt, indem man sie an dasselbe anlegt, und in der Nähe des Kopfes einen Stift über, in der Nähe des Spanners einen dünnen Stift unter derselben einschiebt. Alsdann wird ein kleines Bleigewicht an dem hervorstehenden Ende angehängt, und die Biegung, welche der Stärke entspricht, an einem getheilten Kreisbogen gemessen. Die Rippen von gleicher Stärke werden in Sätze sortirt. Zu den bereits angeführten Operationen kommen also acht neue hinzu.

Anheften der Rippen. Es ist bereits oben erwähnt worden, auf welche Weise die Rippen an dem Stocke befestigt werden. Allein ehe dieß geschehen kann, müssen die Spanner geöhrt und mittelst eines durch die Oehre gehenden Drahtes an dem Schieber befestigt werden. In diesem sind Kerben angebracht, durch welche die einzelnen Spanner in den bezüglichen Stellen gehalten werden, indem der Draht, an welchem sie aufgefädelt sind, in eine am oberen Theile des Schiebers eingesenkte Rinne sich einlegt. Erst jetzt kann der Kopfdraht, an dem sich die Köpfe der Rippen bewegen, durch die Drahtöhre gezogen und zugedreht werden. Bringen wir zur Ausführung dieser Arbeit nur vier weitere Manipulationen in Rechnung, so muß also das Gestell, um es zur Aufnahme des Ueberzuges fertig zu machen, im Ganzen nicht weniger als 127mal durch die Hände des Arbeiters oder seines Gehülfen gehen.

Die Bezahlung für diese gesammte Arbeit ist nicht mehr als 1/2–3/4 Penny für ein ordinäres Sonnenschirm- und 3/4–1 Penny für ein dergleichen Regenschirmgestell. Nichtsdestoweniger aber kann der Arbeiter, da er, mit Hülfe von 4 Knaben, 4 Groß der ordinären Gestelle in der Woche zu liefern im Stande ist – vorausgesetzt, daß er fortwährend hinreichende Beschäftigung hat, woran es freilich oft fehlt – sich seinen Unterhalt dadurch verdienen. Für 4 Groß erhält er nämlich 48 Shill., und es bleiben ihm davon, nach Abzug von 16 Shill. für seine Gehülfen und von 8 Shill. für Materialien, 24 Shill. wöchentlich zum eigenen Unterhalte |318| übrig. Die angeführten Preise beziehen sich jedoch nur auf Schirme von der allerordinärsten Gattung; für Fischbeingestelle erhält der Arbeiter etwas mehr, etwa 2 1/2 Pence für das Stück.

Ueberziehen der Schirme. Dieß wird nach der Verschiedenheit der Arbeit mit 1–4 Shill. fürs Dutzend bezahlt.

Die metallenen Regen- und Sonnenschirmgestelle werden fast ausschließlich in Birmingham verfertigt. Mit Ausnahme des Griffs besteht das ganze Gestell aus Metall und ihr Preis variirt von 7–10 Pence. Trotz ihres höheren Preises haben sie nun doch, da sie weniger Raum einnehmen, sowohl in England als auch im Auslande große Anerkennung und außerordentlichen Absatz gefunden. Im Laufe der letzten Jahre sind eine Menge Verbesserungen nicht nur an den Gestellen selbst, sondern auch namentlich in den Maschinen eingeführt worden, mittelst deren sie gefertigt werden. Ueberhaupt ist die Schirmfabrication in England im raschen Steigen begriffen und befindet sich in jeder Beziehung in einem blühenden Zustande. (Amtlicher Bericht über die Londoner Industrie-Ausstellung, 3ter Theil, S. 550.)

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