Titel: Die Eisenbahnbrücke über die Rhone zwischen Beaucaire und Tarascon.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129/Miszelle 3 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/mi129mi05_3

Die Eisenbahnbrücke über die Rhone zwischen Beaucaire und Tarascon.

Dieses schöne Werk, welches die Gesellschaft der Marseille-Avignon Eisenbahn zur Herstellung der sehr wichtigen Verbindung mit den Bahnen des Gard-Departements zwischen Beaucaire und Tarascon über die Rhone erbauen ließ, wurde am 17 Jul. vor. J. den Proben unterworfen und kurz hernach dem Verkehre übergeben. Diese Brücke oder dieser Viaduct überschreitet die Rhone auf sieben halbkreisförmigen gußeisernen Bogen, jeder von sechzig Metern (200 Fuß) Spannung, welche Bogen auf colossalen steinernen Pfeilern von 73 Fuß Höhe und 30 Fuß Dicke ruhen. Solcher Pfeiler sind sechs. Jeder einzelne Bogen, oder jedes einzelne Brückengewölbe wird gebildet durch acht eiserne Bogenrippen von 1 M. 70 C. Höhe, die unter sich je um 1,27 M. abstehen. Eine solche Rippe ist wieder aus einer Anzahl aufs genaueste gearbeiteter, untereinander fest verbolzter und verschraubter Theile zusammengesetzt. Diese Bogenrippen sind sodann auf das sorgfältigste durch Quer- und Zwischenglieder unter sich verbunden, so daß das Ganze ein mächtiges, äußerst compactes Gewölbe bildet, wo wie in einem Steingewölbe jeder einzelne Theil gleichsam solidarisch für die Haltbarkeit des Ganzen haftet. Solcher Gewölbe hat die Brücke, wie schon erwähnt, sieben. Ueber sie hinweg geht die über 9 Meter breite Fahrbahn, gebildet durch ein auf den eisernen Bogen ruhendes, durch eine dichte Blechdecke geschütztes Holzwerk, auf diesem die 2 1/2 Fuß hohe Kies- und Erdbedeckung, in welche die Schwellen der beiden über die Brücke führenden Eisenbahngeleise eingelegt sind. Die ganze Arbeit dieser Gewölbe ist eine musterhafte zu nennen. Unter den Proben, denen sie unterworfen wurden, bestand die eine darin, daß zwei Züge, jeder von fünf gekuppelten Locomotiven gebildet, gleichzeitig im Frontmarsche über die Brücke sausten, und es wurde dabei in keinem ihrer Theile eine bedeutendere Erschütterung wahrgenommen als dieß auf ganz steinernen Brücken beim Befahren mit gewöhnlichen Trains der Fall ist. Die zur Construction der Gewölbe verwendeten Gußstücke wurden sämmtlich von einer der ausgezeichneten Gießereien von Fourchambault im Nievre-Departement geliefert.

Es mögen noch einige Details über die für die Festigkeit der Brücke nicht minder wichtigen Pfeiler folgen. Sie sind aus Mauerwerk errichtet. Die Haupt-Dimensionen wurden bereits angegeben. Ihr von zwei Reihen fester Pfähle umgebenes Fundament besteht aus gehauenen Felsblöcken, von denen jeder ein Gewicht von mindestens |395| 120 Centnern hat, mit einer Unterlage von Beton. Die Umpfählung wird durch eine rings mittelst roher Felsstücke angelegte Böschung noch besonders beschirmt. Diese Fundamentirung ist bei allen Pfeilern vortrefflich gelungen. Zu ihrer Herstellung, Einrammen der Pfähle, Reinigung und Auspumpen der sogenannten Wasserstuben, Bewegung der Steinmassen wurden mächtige Dampfmaschinen angewandt. Jedweder Pfeiler erforderte 1750 Kubik-Meter behauener Steine, Granit und Kalkstein, und 1400 Kubik-Meter Mauerwerk von Bruchsteinen. Die eigentliche Ueberbrückung beigerechnet, drückt ein solcher Pfeiler mit einem Gewichte von 11,000 Tonnen auf seine Basis. Die Kosten nur eines dieser Pfeiler beliefen sich im Durchschnitte auf 350,000 Fr.; die Kosten des ganzen Baues aber werden auf fast 6 Millionen Franken berechnet; von dieser großen Summe fallen jedoch mehr als 300,000 Fr. auf Unkosten die dem Bau nicht direct zu gute kamen, sondern durch Ereignisse höherer Gewalt, wie Anwachsen des Flusses, Eisgang u.s.w. veranlaßt wurden. Die Anlage dieser prachtvollen Brücke, die sowohl durch die Kühnheit ihrer Wölbungen, wie durch die berechnete und gelungene Anwendung des Eisens in den Annalen des Brücken- und des Eisenbahnbaues Epoche zu machen bestimmt seyn möchte, wurde geleitet durch die Staats-Ingenieure Talabot und Desplaces. Ihr Bau begann im Jahr 1845 und wurde erst 1852 beendet; doch fand während länger als einem Jahre (1848/1849) eine völlige Unterbrechung der Arbeiten statt.

Won der Höhe dieser Eisenbahnbrücke erschließt sich den Blicken des Reisenden eine wundervolle Aussicht. Rechts und links die Schlösser von Beaucaire und Tarascon, zu ihren Füßen die beiden gleichgenannten Städte, das stolze Gebäude der Brücke selbst unter sich, läßt er den Blick über den mächtigen Strom, über die gedehnten schönen Gefilde da der Provence, dort des Languedoc schweifen, und sofort dringt das Auge bis zu den Gipfeln da der Seealpen, dort der Cevennen, die nach Ost und West in weiter Ferne den blauen Horizont begränzen. (Schweizerische Handels- und Gewerbe-Zeitung, 1853, Nr. 7.)

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