Titel: Ueber die Fabrication von Schnupftabaksdosen in Schottland, von Prof. Dr. A. W. Hofmann in London.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129/Miszelle 5 (S. 396–397)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/mi129mi05_5

Ueber die Fabrication von Schnupftabaksdosen in Schottland, von Prof. Dr. A. W. Hofmann in London.

Die bekannten schottischen, aus Holz geschnittenen Schnupftabaksdosen sind ursprünglich von einem Fabrikanten Stiven in dem Dorfe Lawrencekirk verfertigt worden, dessen Sohn und Nachfolger in der Londoner Ausstellung vertreten war. Die Kunst scheint sich jedoch schnell über andere Theile Schottlands verbreitet zu haben, und nach einem vor uns liegenden Berichte76) finden wir im Jahre 1845 in der Stadt Mauchline eine ziemlich beträchtliche Fabrik hölzerner Schnupftabaksdosen und ähnlicher Artikel, welche nicht weniger als 60 Arbeiter beschäftigte. Im Augenblicke wird dieselbe Fabrication von mehreren Anstalten daselbst betrieben. Nach den |397| Einsendungen der beiden Orte zur Weltausstellung zu urtheilen, scheint in der That Mauchline gegenwärtig der Hauptsitz dieser Industrie zu seyn. Dieselbe ist, wie bereits bemerkt, schon längst nicht mehr auf die Verfertigung von Schnupftabaksdosen beschränkt, sondern hat allmählich eine Reihe von anderen verwandten Gegenständen in ihren Kreis gezogen. Fast alle Aussteller schottischer Schnupftabaksdosen hatten nebenbei Decken für Bücher und Portefeuilles, Papiermesser, Bücherzeichen, Kästchen für Karten und Spielmarken, Brillengehäuse, Nadeletuis, Zwirnrollen, Häkel- und Strickkästchen, überhaupt Arbeitskästchen, Etuis für Rasirmesser und Streichriemen, Toiletten, Theekästchen, Leuchter u.s.w. eingesendet, welche sämmtlich nach Art der wohlbekannten Dosen fabricirt und ornamentirt sind. Um einen Begriff von den en gros-Preisen dieser Artikel zu geben, führen wir nur die folgenden an: Cigarrendosen 42 Shill. das Dutzend, Schnupftabaksdosen von 22–168 Shill. das Dutzend, Papiermesser je nach der Größe von 10–17 Shill., Strickkästchen 5 Shill. das Dutzend.

Die schottische Schnupftabaksdose, welche ihres fein gearbeiteten Scharniers und genau schließenden Deckels halber mit Recht berühmt ist, wird in der Regel aus dem festen Holze der Sykamore geschnitzt. Das Aushöhlen der Dose geschieht einfach dadurch, daß man in den Block77), dem man mit der Säge bereits annähernd die gewünschte Form gegeben hat, mittelst eines in der Drehbank laufenden Bohrers dicht neben einander eine Reihe von Löchern von der Tiefe der Höhlung einsenkt. Die dünnen Holzwände, welche die einzelnen Löcher trennen, werden alsdann herausgebrochen und die so erhaltene rohe Höhle mit dem Meißel nachgearbeitet. Alsdann kommt das Scharnier an die Reihe, dessen in einander greifende Theile bekanntlich theilweise aus dem Deckel, und theilweise aus dem unteren Theile der Dose geschnitten werden. In der sorgfältigen Ausführung dieses Scharniers und dem genauen Aufpassen des Deckels besteht die Hauptstärke der schottischen Dosenschneider. Nachdem diese Theile vollendet sind, wird die Dose von außen und innen mit Feilen bearbeitet und endlich mit Glaspapier geglättet. Sie erhält alsdann innen eine Bekleidung von starker Zinnfolie und außen mehrfache Farbenüberzüge, in der Weise jedoch, daß jeder Ueberzug, ehe ein neuer aufgetragen wird, sorgfältig mit feinem Glaspapier geglättet wird. Die Dose ist jetzt so weit fertig, um die eigenthümliche Ornamentirung zu erhalten, welche diese Artikel auszeichnet und welche theilweise aus freier Hand, theilweise mittelst mechanischer Vorrichtungen aufgetragen wird. Diese Ornamentirung besteht fast nur aus den verschiedenen Mustern der den schottischen Clans eigenthümlichen Tartans, deren Linien, wenn die Dose ebene oder leicht gekrümmte Flächen hat, mittelst einer Art Liniirmaschine gezogen werden. Für cylindrische Flächen bediente man sich früher einer Art Guillochirmaschine; allein man findet es jetzt vortheilhafter, das Muster zuerst auf Papier zu zeichnen und alsdann nach der gewöhnlichen Methode auf das Holz überzutragen. Ein anderer Styl von Ornamenten, der sogenannte schottisch-russische (Scoto-Russian), hat neuerdings vielfach Eingang gefunden. Er imitirt bis zu einem gewissen Grade die schönen emaillirten (Niello-Dosen) Silberdosen (Tuladosen), welche in so ausgezeichneter Güte in Rußland verfertigt werden. Dosen, welche in diesem Style decorirt werden sollen, erhalten zuerst einen äußeren Ueberzug von starker Zinnfolie, welche alsdann mehrmals vollständig übermalt wird. In diesem Farbengrunde werden nunmehr entweder aus freier Hand, oder mittelst der Liniirmaschine, Muster verschiedener Art eingezeichnet. Das Instrument, welches die Zeichnung hervorbringt, entfernt den Farbenüberzug und legt die leicht geritzte Folie bloß, welche unter einem starken Firnißüberzuge ihren Glanz behält und den Effect von eingelegtem Silber hervorbringt. (Amtlicher Bericht über die Londoner Industrie-Ausstellung, 3ter Theil, S. 586.)

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The new statistical account of Scotland, Vol. XI, p. 144.

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Aus einem Holzblocke, der etwa 25 Shill. kostet, lassen sich Dosen im Werthe von 3000 Pfd. Sterl. schneiden.

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