Titel: Pyrogallussäure im Holzessig.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129/Miszelle 9 (S. 399)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/mi129mi05_9

Pyrogallussäure im Holzessig.

Professor Pettenkofer hat die Beobachtung gemacht, daß der etwas eisenhaltige Holzessig aus dem Condensationsapparate der Holzleuchtgasanstalten an der Luft eine grüne Farbe annimmt, die durch Zusatz eines Eisenoxydsalzes noch erhöht wird. Gießt man von diesem eisenhaltigen Holzessig einige Tropfen in 1 oder 2 Quart kalkhaltigen Brunnenwassers (es muß so viel kohlensauren Kalk enthalten, daß die freie Säure neutralisirt wird), so färbt sich nach einigen Minuten die Flüssigkeit blau, welche Farbe sich auf Zusatz von Ammoniak in violettroth umwandelt. Der mit etwas Eisenoxydsalz versetzte Holzessig gibt mit Ammoniak eine tiefviolettrothe Flüssigkeit. Die Substanz, welcher diese Farbenreactionen angehören, ist in neutralen Lösungen durch essigsaures Blei fällbar. Hr. August Pauli, Assistent bei Prof. Pettenkofer, hat aus dessen Veranlassung und unter dessen Leitung eine Untersuchung unternommen, und es ist ihm gelungen, den fraglichen Körper zu isoliren. Derselbe ist weiß, krystallisirt in feinen Nadeln, ist sehr leicht löslich in Wasser, Weingeist und Aether, reagirt sehr schwach sauer, reducirt bei gewöhnlicher Temperatur mit größter Leichtigkeit Silbersalze; auf dem Platinbleche erhitzt schmilzt er, verbreitet unter theilweiser Sublimation den Geruch nach frisch sublimirter Pyrogallussäure und gesteht beim Abkühlen wieder zu einer krystallinisch strahligen Masse; er verbrennt mit stark leuchtender Flamme und bietet auch im Uebrigen alle Reactionen der Pyrogallussäure dar. Hr. Pauli wird die Darstellung und Analyse dieses merkwürdigen Bestandtheiles des Holzessigs in Bälde in diesen Annalen veröffentlichen. Bei der großen Bedeutung der Pyrogallussäure für die Photographie ist diese neue Quelle dafür (roher Holzessig enthält etwa 2 pCt. davon) von größtem Interesse. Aus der näheren Untersuchung wird sich auch ergeben, daß der Gehalt des Holzessigs an Pyrogallussäure die Ursache ist, warum bisher in der Färberei die Beize mit holzessigsaurem Eisen nicht durch gewöhnliches essigsaures Eisen ersetzt werden konnte. J. Liebig. (Annalen der Chemie und Pharmacie, August 1853, S. 256.)

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