Titel: Ueber die Röstung des Flachses in erwärmtem Wasser; von Karl Karmarsch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 129/Miszelle 6 (S. 465–467)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj129/mi129mi06_6
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Ueber die Röstung des Flachses in erwärmtem Wasser; von Karl Karmarsch.

Dem Verfasser der in der Zeitschrift „Austria“ Nr. 153 (und in diesem Bande des polytechn. Journals S. 63) mitgetheilten Bemerkungen kann man in vielen Hinsichten Recht geben, ohne geradezu und vollständig seinen Ansichten und Schlüssen beizupflichten. Es ist ganz bestimmt wahr, daß eine Köchin die Suppe nicht auf den Küchentisch stellt, um sie zu erwärmen, sondern auf den Ofen; allein dieser Fall scheint denn doch etwas verschieden von dem durch Hrn. Reuter vorgeschlagenen Flachsrotteverfahren, bei welchem es sich nur um eine geringe Erhöhung der Wärme in dem Rottewasser handeln kann, zumal – wie ich in der Anmerkung auf Seite 98 der 64. 65. Lieferung unserer Mittheilungen ausdrücklich und mit gutem Vorbedacht erläuterte – die Erwärmung des Rottewassers zu einem ansehnlichen Theile durch den Gährungsproceß selbst erfolgen, und die von außen hinzugebrachte Wärme nur als Nachhülfe und zur gleichmäßigen Unterhaltung der nöthigen Temperatur in den Rottekufen dienen soll; was man wohl im Auge haben muß, um den Aufwand an Heizmaterial richtig zu beurtheilen und das schnelle Warmwerden des Wassers zu begreifen. Auch ist das Größenverhältniß eines Topfs mit Suppe zu der ganzen Küche ein anderes, als das einer Flachsrotte-Kufe zu einem Kämmerchen oder ähnlichen kleinen Raume. Würde daher das in vorstehendem Aufsatze scherzhaft angedeutete Verfahren beim Suppewärmen jedenfalls absurd seyn, so könnte dagegen „unter Umständen“ die von Hrn. R. vorgeschlagene Methode der Flachsrottung wohl nicht gänzlich widersinnig erscheinen. Mit den „Umständen“ meine ich namentlich: daß der Flachsbereiter seinen Verhältnissen nach einen Dampfapparat nicht anschaffen könne; daß der zu heizende Raum nicht größer als durchaus nöthig, das in die Kufen gebrachte Wasser nicht kalt sey; daß endlich ein wohlfeiles Brennmaterial (Torf oder dgl.) zu Gebote stehe. Wenigstens verdient das Verfahren des Hrn. R. eine gründlichere praktische Prüfung, als ihm bis jetzt zu Theil geworden zu seyn scheint. Wenn der mir unbekannte Verfasser des Artikels in der Austria eines Versuchs gedenkt, bei welchem man in 16 Tagen zwei Klafter Holz verbrannte, ohne doch dem Wasser die zur Rotte dienliche Temperatur (17 bis 19° R. nach Lief. 64,65 dieser Mittheilungen, S. 98) beibringen zu können, so muß ich gestehen, daß ich nicht weiß, was hierbei größer gewesen seyn mag, die Kälte des Wassers, oder der geheizte Raum, oder die Schlechtigkeit des benutzten Ofens. Meines Wissens reicht man mit etwa zwei Klafter Buchenholz aus, um ein mäßiges Wohnzimmer einen Winter hindurch bei Tage recht angenehm warm zu halten; und es ist gewiß nicht weit von der Wahrheit entfernt, wenn ich annehme, daß wenigstens zwei Monate lang mit zwei Klafter Tannen- oder Fichtenholz98) Tag und Nacht ununterbrochen die Wärme auf 17 bis 19° R. erhalten werden könnte. Fast für ein Kunststück halte ich es, in einem Stubenofen binnen 16 Tagen – noch dazu im Frühjahre – zwei Klafter zu verbrennen ohne alle lebenden Wesen darin zu braten, falls nicht etwa Thüren und Fenster stetig offen sind. Ich habe selbst einmal99) Heizversuche geleitet, bei welchen mit 45 hannover'schen Pfund Holz und 3 Pfd. Torf, zusammen = 40 Wiener Pfund, zwei kleine Zimmer, von zusammen 260 Quadratfuß Grundfläche und 12 Fuß Höhe, 24 Stunden lang von 10 oder 11° auf durchschnittlich 17 bis 20° erwärmt wurden. Setze ich das Gewicht einer Wiener Klafter weichen Brennholzes in 2 1/2 Fuß langen Scheitern = 2000 Wiener Pfund und (wie erlaubt ist) bei gleichem Gewichte die Heizkraft aller Brennhölzer gleich; so betrugen obige 40 Pfd. Holz den hundertsten Theil von zwei Klafter; mit zwei Klafter weichen Holzes hätte man also die fraglichen Räume hundert Tage lang in der Wärme erhalten können, welche zum Flachsrotten verlangt wird. Danach würde für 16 Tage kaum ein Drittel Klafter erforderlich gewesen seyn!

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Ich bin mit dieser Auseinandersetzung etwas weitläufig geworden, weil ich zeigen mußte, daß wenigstens das gegen den Vorschlag des Hrn. R. beigebrachte höchst ungünstige Versuchsresultat an sich keine Beweiskraft hat. Weitere und gründliche Untersuchungen zeigen vielleicht jenen Vorschlag als wirklich unhaltbar, und dann werde sich gewiß einer der Ersten von denen seyn, welche der Wahrheit die Ehre geben. (Mittheilungen des hannov. Gewerbev., 1853, Heft 3.)

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Solches ist in dem fraglichen Versuche vermuthlich zur Anwendung gekommen.

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Mittheilungen des hannov. Gewerbev., 1836, Lief. 10, Seite 194 ff.

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