Titel: Welcker's Zahlenmikrometer.
Autor: Welcker, Hermann
Fundstelle: 1853, Band 130, Nr. LXIV. (S. 267–271)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj130/ar130064

LXIV. Zahlenmikrometer, eine neue Form der auf Glas getheilten Gitter; von Dr. Hermann Welcker in Gießen.

Mit Abbildungen auf Tab. IV.

Zunächst behufs der Zählung von Blutkörperchen wurde von mir ein auf Glas geritztes Gitter angegeben33), welches die leichteste Orientirung in dem großen, oft schwer übersichtlichen Bilde gewährt, das durch die Verschiebungen des dem Mikroskope untergelegten Objectträgers, in einzelne Sehfelder zerstreut, zur Anschauung kommt. Mögen Zahl und Gruppen der auf das Gitter gebrachten mikroskopischen Körperchen noch so reichlich und verwirrend seyn: die Einrichtung dieses Gitters erlaubt die rascheste Durchforschung des ganzen Präparates, ohne Gefahr, irgend ein Gebiet zu übergehen oder doppelt zu durchsuchen, während andererseits jede Stelle, jedes einzelne Körperchen mit größter Leichtigkeit und Sicherheit wieder aufgesucht wird.

Die zu besprechende Vorrichtung vermag in der Mikroskopie offenbar einem weit umfassenderen Bedürfnisse, als dem ursprünglich ins Auge gefaßten, zu dienen. Es finden sich in sehr verschiedenen Capiteln der theoretischen wie der angewandten Naturwissenschaft mancherlei Fragen, welche durch mikroskopische Zählanalysen zu lösen sind; vielleicht vermag die Bequemlichkeit des hier vorgeschlagenen Verfahrens zur Aufnahme dieser letzteren Einiges beizutragen.

Das Zahlenmikrometer, eine Glastafel von 1 1/2 Par.'' Länge und 1'' Höhe, enthält, in Abständen von je 0,23 Par.''', 31 senkrecht stehende, 9''' lange Theilstriche, welche von 241 eben so langen, aber achtmal enger stehenden horizontalen Linien gekreuzt werden. Das Mikrometer besitzt mithin 30 senkrecht stehende, breitere Bahnen, deren jede in 240 oblonge Feldchen zerfällt. Diese Feldchen bedecken einen quadratförmigen Raum von nicht ganz 7 Par.''' in Seite, dessen Gränzen durch mehrere gedrängt stehende Linien, die einen deutlichen Rahmen bilden, genugsam markirt sind. (Fig. 21 zeigt in f, g, h, i das auf dem Mikroskoptische a, a liegende Mikrometer; die getheilte Stelle ist mit einem Deckgläschen belegt, k, l, m, n, |268| dem Träger des Objectes r, r. Fig. 22 stellt eine Ecke des Gitters in zehnfacher Vergrößerung dar.)

Jede einzelne der erwähnten 30 Bahnen ist beziffert, es findet sich an einer bestimmten Stelle jeder Bahn, und zwar an derjenigen Stelle, von wo aus die Untersuchung oder Durchzählung am passendsten begonnen wird, die Nummer der Bahn. Da auch diese Ziffern mittelst der Theilmaschine gearbeitet werden mußten, so konnten keine der gebräuchlichen Zeichen verwendet werden. Ich habe indessen eine Bezifferung gewählt, welche mit der römischen nahe übereinstimmt und leicht verständlich ist. I, II und III werden durch eben so viele einzeln stehende Striche angedeutet; statt „V“ zwei einander sehr nahe Parallelstriche; statt „X“ ein längerer Strich, so daß „|| | | |“ 8 bedeutet, „│ | ||“ = 14, │││ = 30 (siehe in Fig. 22 die Ziffern der 1sten bis 14ten Bahn, sowie Fig. 21 die punktirte Linie op). Um innerhalb der 240 Abschnitte jeder einzelnen Bahn einen Ruhepunkt zu finden, wurde der mittelste der horizontalen Striche doppelt gezogen; das Gitter zerfällt mithin in 60 Hauptabtheilungen, von denen jede einzelne gewiß leichter gemerkt und wiedererkannt wird, als etwa durch länger ausgezogene fünfte und zehnte Linien irgend möglich gewesen seyn würde.

Die Größe der Felder sowie die Stärke der einzelnen Striche sind für eine 150 bis 300 fache Linearvergrößerung berechnet (welches bekanntlich für die meisten Zwecke die geeignetsten Grade sind). Es wird sich wohl immer eine solche Kombination der Linsen wählen lassen, daß der Durchmesser des Sehfeldes den Querdurchmesser der Mikrometerbahnen mindestens um etwas übertrifft, so daß beim Durchrücken einer Bahn durch das Sehfeld stets eine genügende Zahl von Feldchen gleichzeitig überblickt wird (vergl. Fig. 22 das in die 4te Bahn eingezeichnete Sehfeld).

In vielen Fällen ist es ausreichend, die Durchführung der Bahnen durch das Sehfeld mittelst der freien Hand vorzunehmen; die Arbeit wird jedoch wesentlich erleichtert durch einen besonderen Verschiebungsapparat. Eine sehr einfache Vorrichtung der Art, die ich zunächst für Oberhäuser's weitverbreitetes Microscope coudé construirte und die vor den gebräuchlichen Objectschiebern den Vorzug größter Wohlfeilheit voraus hat, ist Fig. 21 in Wirkung dargestellt. b, b zeigt den horizontalen Durchschnitt des knieförmigen Bügels des Mikroskops, der durch eine 10 Par.''' lange Mikrometerschraube c durchbohrt ist. Ein in dem Längendurchmesser des Mikroskoptisches liegendes Messingstäbchen d, d wird von der Schraube vorwärts geschoben und schiebt seinerseits das auf dem |269| Mikroskoptische liegende Glasmikrometer. Zwei rückwärts gerichtete glatte Arme e, e des Messingstäbchens, welche durch zwei seitliche Löcher des Bügels gehen, bewirken eine gleichmäßige Führung, so daß eine ganze Bahn des Gitters durch das Sehfeld hindurchgeführt werden kann, ohne merklich nach rechts oder links abzuweichen.34) In der Abbildung Fig. 21 hat die Zahlenreihe das Sehfeld q bereits passirt; liegt nach Zurückschraubung der Schraube c das Messingstäbchen d, d im Bügel des Mikroskopes an, so bietet das mit seinem Rande h, i an das Messingstäbchen angesetzte Gläschen dem Sehfelde stets irgend eine seiner Ziffern dar; jede zu durchsuchende Bahn kann mithin aufs rascheste eingestellt werden. Im Oculare findet sich ein die Mitte des Sehfeldes horizontal schneidender (die Bahnen kreuzender) Spinnwebfaden; das unterhalb des Fadens liegende Oblongum ist dasjenige, in welchem gezählt wird. Ein Finger der linken Hand führt die Schraube des Schiebapparates, die rechte notirt die gefundenen Zahlen. Liegen die Objecte sehr gedrängt, so durchzähle man Feld für Feld; liegen sie vereinzelter, so ist es bequem, zu thun, als ob die horizontalen Striche gar nicht vorhanden seyen und in einem fort Alles zu zählen, was den Faden passirt, der dann ganz eigentlich den Zählinder abgibt. Die Arbeit geht so rasch von statten, daß ich schon im ersten Versuche die directe Zählung von 18000 Blutkörperchen in nicht ganz sechs Stunden vollendete; in der Folge zählte ich in einer Reihe von Versuchen je 5000 Stück in weniger als einer Stunde. Soll eine Zählung unterbrochen werden, so hält man an der betreffenden Stelle unter dem Spinnwebfaden; fällt ein Irrthum vor oder wurde das Gläschen vorübergehend vom Mikroskoptische entfernt, so macht die Bezifferung der Bahnen es leicht, die Arbeit genau an der betreffenden Stelle wieder aufzunehmen.

Die Art und Weise, wie man das Untersuchungsobject auf das Gitter bringt, hängt theils von dem Zweck der Untersuchung, vorzüglich aber von der Beschaffenheit des Objectes ab. In vielen Fällen |270| wird eine besondere Mikrovolumetrie des zur Untersuchung gelangenden Stoffes vorausgehen müssen. – Kleine, trockene Partikelchen können zur Zählung einfach über das Gitter ausgestreut werden und, falls sie das Gitter nicht ritzen, durch Bewegungen eines darüber gelegten Deckgläschens gleichmäßiger vertheilt werden, wodurch die Zählung wesentlich erleichtert wird. Befindet sich das Zählobject in einer Flüssigkeit, so trägt dieß in der Regel sehr zu einer gleichen Vertheilung im Sehfelde bei; doch schadet die durch die Flüssigkeit veränderte Lichtbrechung zuweilen der Deutlichkeit der Theilstriche. Ein vorzüglich geeignetes, stabiles und übersichtliches Zählobject erhält man, wenn es erlaubt ist, die Körperchen mit Gummischleim zusammenzurühren und hiervon auf einem Deckgläschen eine dünne Schichte, die alsbald eine Kruste bildet, aufzutragen. Es gelingt dieß bei den allermeisten Objecten noch viel leichter, als bei den immerhin etwas zarten Blutkörperchen (k, l, m, n, Fig. 21, zeigt das mit einer solchen Kruste r, r versehene, mit der Präparatseite aufs Gitter geheftete Deckgläschen). Die Vertheilung der Körperchen in der Gummikruste ist meist eine wunderbar gleichmäßige35). Die Größe, welche man dem Gummiflecke oder dem zu durchzählenden Terrain am besten gibt, richtet sich nach der Reichlichkeit der zu erwartenden Zählelemente; doch liegt im Ganzen kein Vortheil darin, den Flecken nicht groß zu machen: 4 Felder mit je 5 Körperchen sind rascher und sorgenloser durchzählt, als ein einziges von 10 Körperchen. Als Anhaltspunkte hier folgende Notizen. Ein Fleck von 2 Par.''' Durchmesser berührt 370 Feldchen meines Gitters) ein Fleck von 4''' Durchmesser berührt 1900 Feldchen; Flecke von 5 und 6''' Durchmesser berühren 3024 und 4320 Feldchen. Es können mithin, ohne Ueberfüllung des Gitters, sehr umfängliche Zählungen ausgeführt werden.

Die Einzeichnung mikroskopischer Ziffern auf Glas dürfte möglicherweise auch zu anderweiten Anwendungen geeignet seyn; die Ausführung geradliniger Zeichen ist äußerst einfach, und ganz nach Analogie der oben gebrauchten Ziffern würde sich bis zu 100 schreiben lassen.

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In besonderen Fällen könnte leicht eine andere Form oder andere Proportionen des Zählgitters, als die oben gewählten, wünschenswerth erscheinen; für die große Mehrzahl der Fälle scheint jene Form auszureichen. Jedenfalls möchten die oblongen Felder vor einem quadrirten Netze den Vorzug verdienen, indem der Inhalt eines Oblongums eine überwiegend größere Uebersichtlichkeit besitzt, als der eines Quadrates von gleichem Flächeninhalte. Die auf 30 Bahnen vertheilten 7200 Oblonga sind leicht zu übersehen; zerfiele ein jedes derselben in 8 quadratförmige Stücke, so würde das Gitter statt seiner übersichtlichen Bahnen ein Gewirr von 57600 Feldchen besitzen und für Zählungen wenig brauchbar seyn.

Ich habe von dem beschriebenen Gitter eine Anzahl von Exemplaren angefertigt und erbiete mich zur Einzelabgabe, das Stück zu 6 Rthlr.

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„Methoden zur quantitativen Bestimmung der Blutkörperchen“ (Fechner's Centralblatt, Jahrg. 1853, S. 218). „Ueber Blutkörperchenzählung“ (Archiv für wissenschaftliche Heilkunde, Bd. I, 2 S. 164).

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Wird die Schraube wieder rückwärts gedreht, so bringt sie das Messingstäbchen nicht wieder mit sich zurück; die nur nach Einer Richtung gehende Wirkung des Schiebapparates ist indessen kein Mißstand, indem es doch nur zu Irrthümern Veranlassung geben könnte, wollte man abwechselnd die eine Bahn von unten nach oben, die folgende von oben nach unten hin durchzählen. – Den beschriebenen Apparat habe ich mit geringen Modificationen auch für Mikroskope ganz abweichender Bauart, z.B. für das Schieck'sche Mikroskop, anfertigen lassen; die Schraube c durchsetzte, statt des hier fehlenden Bügels, ein besonderes Messingstück, welches unter Benutzung zweier auf dem Mikroskoptische vorhandenen Bohrlöcher seine Befestigung fand.

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So besitzt ein von mir aufbewahrtes Präparat in 3275 Feldern des Gitters 18535 Blutkörperchen, d. i. 5 bis 6 Stück als Durchschnittszahl eines Feldchens. Leere Felder – fast ausschließlich am Rande des Präparates – finden sich 200mal; die Zahl 1 kommt 192mal vor, 2 = 246mal, 3 = 318mal, 4 = 336mal, 5 = 412mal, 6 = 336mal, 7 = 304mal, 8 = 261mal, 9 = 201mal, 10 = 146mal, 11 = 110mal, 12 = 74mal, 13 = 48mal, 14 = 32mal, 15 = 29mal, 16 = 11mal, 17 = 9mal, 18 = 6mal, 19 einmal, 20 einmal, 21 = 2mal. In einem zweiten (18795 Körperchen haltenden) Präparate jenes Versuchs sind ebenfalls 4, 5 und 6 die häufigsten Zahlen; Felder mit 19, 20, 21 und 24 Körperchen finden sich je einmal.

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