Titel: Gerling's Briefwaagen.
Autor: Gerling,
Fundstelle: 1853, Band 130, Nr. XCVI. (S. 401–403)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj130/ar130096

XCVI. Zwei Briefwaagen, angegeben und beschrieben von Professor Gerling zu Marburg.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

Die Einführung der Post-Marken macht es auch dem Privatmann wünschenswerth, eine Zeigerwaage zu besitzen, mit welcher er, wenigstens bis zu vier Loth Zollgewicht, seine Briefe bequem selbst taxirt, denn die Anwendung einer Schalenwaage nimmt zu viel Zeit weg.

Zu den verschiedenen Einrichtungen, welche zu diesem Zweck schon theils ausgeführt, theils vorgeschlagen sind, erlaube ich mir noch folgende beide hinzuzufügen, welche, nachdem ich sie mir von dem hiesigen Universitäts-Mechanikus Schubart habe ausführen lassen, sich in nunmehr einjährigem Gebrauch als zuverlässig bewährt haben, und durch ihre Einfachheit verhältnißmäßig wohlfeil sind.

Die erste Waage,

welche Fig. 17 im Aufriß und Fig. 18 in einer Seitenansicht gezeichnet ist, besteht in ihren festen Theilen aus dem Brettchen A und den vier hölzernen Säulchen B, welche zu zwei und zwei durch dünne stählerne Achsen C (Strickstöcke) verbunden sind. – Die beweglichen Theile sind zunächst vier gleiche Winkelhebel D, C, E von Blechschienen, deren je zwei und zwei durch angelöthete Blechstreifen a zu einer festen Wand vereinigt sind, durch welche wieder die vier Achsen D, D und E, E in den Endpunkten der Hebelarme hindurchgehen. – Letztere Achsen tragen oben die beiden Blechschienen D, D, welche mittelst der aufgelöthen Blechstreifen b und eines Drahtgeflechts (wozu man zweckmäßig auch die käuflichen Drahtsiebe nehmen kann) das Tischchen bilden, welches den Brief zu tragen bestimmt ist. – Unten hängen an den Achsen zwei ähnliche Schienen E, E, |402| die auch durch Streifen c zu einem Rahmen werden, welcher zunächst als Gegengewicht gegen den Brief und seinen Tisch dient, zum Zweck leichter Regulirung bei der Verfertigung aber auch noch in seiner Mitte ein ähnliches Streifchen c mit aufgelöthetem, durch Abfeilen veränderlichen, Bleigewichtchen haben kann.

Die nach der Construction nothwendig horizontal bleibenden Schienen E, E geben nun durch ihr geringeres oder weiteres Herausschieben das Mittel ab, das Gewicht des Briefes abzulesen.

Zu dem Ende ist ein rechtwinkelig gebogener Draht d, d an jedem der vordern Säulchen B und dem Brettchen A befestigt, und ist sodann durch Auflegen von richtigen Gewichten, während A genau horizontal liegt, die Theilung auf E, E empirisch aufgetragen.

Der Umstand, daß hier zwei Schienen zur Theilung und Ablesung gebraucht werden können, läßt sich vortheilhaft benutzen, indem man die eine derselben nach Zollgewicht, die zweite nach dem, bei Briefen in das Ausland zur Anwendung kommenden cöllnischen Gewicht eintheilt.

Der Gebrauch dieser Waage erfordert nur die Vorsicht, daß man vor dem Auflegen des Briefes sich immer erst zu überzeugen hat, ob sie unbelastet genau Null zeigt, d.h. ob sie mit A genau horizontal steht, und gegentheiligen Falles dieß erst durch Verschieben von A auf dem Tisch bewerkstelligt.

Käme es auf eine fabrikmäßige Anfertigung solcher Briefwaagen an, so würde allerdings eine bloße Copie dieser ersten Ausführung nicht genügen, sondern es wären erst Dimensionen und Material nach vorläufigen Versuchen so zu wählen, daß möglichst vortheilhaft auf E, E überall 1/8 Loth mit Sicherheit abgelesen werden kann.

Bei Waagen für schwerere Gewichte nach demselben Princip, dergleichen Hr. Schubart eine für das mathematisch-physikalische Institut bis zu 12 Loth Zollgewicht angefertigt hat, ist vorzugsweise auf leichte Beweglichkeit in den Achsen Rücksicht zu nehmen.

Die zweite Waage,

Fig. 19 im Aufriß und Fig. 20 im Grundriß dargestellt, ist ein Aräometer von lackirtem Weißblech. Oben ist dasselbe durch einen einfachen Deckel geschlossen, auf welchen hochkantig gestellte Blechschienen gelöthet sind, die ein zum Tragen des Briefes bestimmtes Kreuz bilden.

Nach Abnahme dieses Deckels wirft man durch den hohlen Raum so viel Körner des feinsten Schrots in den untern Doppelkegel, bis das Aräometer, mit seinem Deckel wieder verschlossen und sonst unbelastet, bis |403| zu A ins Wasser sinkt, mit 4 Loth Zollgewicht aber beschwert bis zu B weiter sinkt; man bemerkt die Punkte A und B und theilt den Raum AB des Maaßcylinders in seine gleichen Theile.

Der Durchmesser des Maaßcylinders von 3 Centimeter, den ich für meine erste Ausführung wählte, scheint mir für die hier nöthige Empfindlichkeit zu genügen. Ein größerer Durchmesser würde die Ablesung bis 1/8 Loth kaum sicher gestatten. Wollte man aber die Empfindlichkeit durch Dünnermachen des Maaßcylinders vermehren, so müßte man zur Wahrung eines stabilen Gleichgewichts das Instrument und also auch das Glas worin das Aräometer schweben soll, noch höher machen. – Allerdings wird wohl eine solche Waage, wenn sie täglich öfters gebraucht werden soll, eine Aufstellung auf einem besonderen Schemel neben dem Schreibtisch erhalten müssen.

Es ist mir von Freunden, welche diese Waage bei mir sahen, die Frage vorgelegt, ob es nicht nöthig seyn werde, die Scale am Maaßcylinder auf einem aufgeschobenen Halsband verschiebbar zu machen, um je nach der Temperatur des Wassers den Nullpunkt zu reguliren. – Ich glaube dieß wird, wenigstens bei den vorliegenden Dimensionen, schwerlich nöthig seyn. Denn das Instrument soll doch regelmäßig in der Schreibstube gebraucht werden. Regulirt man also den Nullpunkt während die Temperatur des Zimmers z.B. 15° R. beträgt, so wird das Wasser sich zur Zeit des Gebrauchs wohl nie um mehr als 5° R. verändern. Solche 5° R. ändern aber bei diesen Dimensionen das Gewicht des Wassers, welches dem Raum AB entspricht, höchstens um 1/48 Loth, was nicht mehr in Betracht kommt. – Was aber den Nullpunkt selbst betrifft, so könnte derselbe allerdings im schlimmsten Fall wohl um 1/10 Loth geändert werden. Man wird aber auch ohne jenes künstliche Mittel sich dadurch helfen können, daß man die jedenfalls geringe sichtbare Abweichung des Nullpunkts bei den Ablesungen in Rechnung bringt, oder man wird auch ein Paar Schrotkörner herausthun oder zufügen können, welches immer ausreicht, da von dieser Art Schrot im Durchschnitt 34 Körner auf den Gramm, also 560–570 auf das Loth gehen.

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