Titel: Anwendung der Elektricität bei dem Jacquard-Webstuhl.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 130/Miszelle 1 (S. 74–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj130/mi130mi01_1

Anwendung der Elektricität bei dem Jacquard-Webstuhl.

Hr. Bonelli, Director der sardinischen Telegraphen, skizzirt in der Gazette de Savoie eine von ihm gemachte Erfindung, welche für die Musterweberei von großer Bedeutung werden kann; er vereinfacht nämlich den Jacquardstuhl durch Anwendung des galvanischen Stromes, so daß die nach Anweisung des Dessins durchlöcherten Karten oder Pappen entbehrlich werden. Er sagt:

„Eine sehr bedeutende Ausgabe verursachen bei dem Jacquardstuhl die Pappen, da für manches Muster bis 60,000 davon erforderlich sind, und man für ein wenig complicirtes farbiges Muster gewöhnlich schon 15,000 Pappen braucht, wovon das Hundert beiläufig 15 Franken kostet. Dazu kommen noch mancherlei Uebelstände. Der Messerkasten verursacht bei dem kraftvollen Herabfallen, welches zum Zurückdrängen der Platinen nöthig ist, ein solches Geräusch, daß man die Jacquardstühle nicht überall aufstellen kann, wenigstens nicht in den belebten Straßen der Städte. Ihr hohes Gestell und der zum Aufhängen der Musterpappen-Kette nöthige Raum nehmen viel Platz weg, und das Arbeitslocal muß überdieß eine sehr hohe Decke haben. Die große Menge der schraubenförmigen Drahtfedern, deren jede Nadel Eine besitzt, verursacht beständig Störungen, indem entweder solche Federn brechen, oder sich biegen und dann nicht mehr die erforderliche Kraft zum Zurückdrängen der Platinen besitzen.“

„Alle diese Uebelstände verschwinden bei Anwendung der Elektricität, deren kräftige Wirkung eben so leicht in Thätigkeit gesetzt als gänzlich aufgehoben werden kann. Dabei fällt der complicirte Mechanismus weg, man braucht keine Pappen und Drahtfedern mehr; das Pedal des Webers hebt die Litzen in die Höhe, wie es gegenwärtig der Fall ist, bringt ihre Köpfe in Berührung mit eben so vielen Stücken weichen Eisens, welche mit Kupferdrähten umgeben sind, die ein elektrischer Strom nach Belieben magnetisirt oder entmagnetisirt; einige Litzen bleiben erhoben und andere gehen herab, je nachdem man den Strom früher in einem Sinne als in einem andern durchgehen läßt. Der Jacquardstuhl wird dadurch so vereinfacht, daß er nicht mehr Platz als eine gewöhnliche Leinwandmaschine erfordert.“

|75|

„Von einer Reihe Spitzen, welche wie die Zähne eines Kammes in derselben Linie angebracht sind, communicirt jede mit einem Elektromagnet. Man braucht nun bloß das Muster, welches mit Firniß auf einem mit der Batterie verbundenen metallenen Cylinder oder Blech gezeichnet ist, unter diesen Spitzen fortzuschieben. Der Strom wird bloß da durchgehen, wo der Firniß fehlt, es bleiben daher nur die entsprechenden Litzen erhoben und erzeugen dadurch das Muster mit aller Genauigkeit. Für die complicirtesten Dessins wird man fast drei Viertel der bisherigen Kosten und für die andern wenigstens die Hälfte ersparen; man kann überdieß durch einige Pinselstriche die Muster corrigiren und verändern.“

„Sobald die nachgesuchten Erfindungspatente in Europa und Amerika sämmtlich ertheilt sind, wird man zu Turin einen elektrischen Webstuhl neben einem Jacquardstuhl öffentlich aufstellen und zur Vergleichung durch beide denselben gemusterten Stoff darstellen lassen.“ (Moniteur industriel, 1853, Nr. 1795.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: