Titel: Die Messerwaaren- und Scheren-Fabrication in Sheffield und Solingen, von Hrn. Director Karmarsch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 130/Miszelle 1 (S. 233–234)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj130/mi130mi03_1

Die Messerwaaren- und Scheren-Fabrication in Sheffield und Solingen, von Hrn. Director Karmarsch.

In England ist der Hauptsitz der Fabrication der Messerschmiedwaaren zu Sheffield, und gegen den Umfang des dortigen Geschäfts ist das was London und einige andere Orte leisten, quantitativ von keiner Bedeutung; ja es wird versichert daß Londoner Messerfabricanten etc., wenn sie große Bestellungen empfangen, diese nicht durch ihre eigenen Werkstätten ausführen, sondern in Sheffield arbeiten lassen. In Sheffield selbst findet wieder ein ähnliches Verhältniß insofern statt, als von der ansehnlichen Zahl kleiner Fabricanten viele im Auftrage größerer Häuser beschäftigt sind, mit deren Firma sie die von ihnen verfertigten und abgelieferten Waaren stempeln. Man kann sich einen Begriff von der außerordentlichen Bedeutung der Messer- und Scherenfabrication in genannter Stadt machen, wenn man hört daß dort allein jährlich 140,000 bis 150,000 Pfund Elfenbein zu Messer- und Gabelheften verarbeitet werden, ungefähr 700 Arbeiter mit dem Schmieden der Tafelmesserklingen, 900 mit Schleifen derselben und 1300 mit Anfertigen und Aufsetzen der Hefte beschäftigt sind; ferner auf Federmesser und Taschenmesser jährlich für nahe 100,000 Pfd. St. Materialien von mehr als 3000 Personen (250 bis 300 Schmiede, 500 Schleifer, 2500 Männer und Knaben an der Werkbank) verarbeitet werden, 160 Arbeiter allein in dem Schmieden von Rasirmessern (zwei an jedem Amboß), 900 männliche und 200 weibliche Personen aber bei der Scherenfabrication thätig sind. Die Federmesser-Fabrication soll, merkwürdiger Weise, seit Einführung der Stahlschreibfedern nur sehr wenig zurückgekommen seyn.

Einen ähnlichen Haupt- und Centralpunkt für die Messer- und Schneidewaarenfabrication, wie Sheffield für Großbritannien ist, bietet der deutsche Zollverein auf einem Bezirke der westlichen preußischen Provinzen dar. Hier tritt vor allem das seit langer Zeit weit und breit berühmte Solingen hervor, dessen solider Ruf durch eine großartige Vereinigung von Kräften und musterhafte intelligente Betriebsamkeit aufrecht erhalten und fortwährend gehoben wird, so daß die Solinger Artikel einen fast über die ganze Welt ausgedehnten Absatz finden. Dieser wird ebenso durch die mäßigen und zum Theil sehr niedrigen Preise, wie durch die damit verbundene treffliche Qualität der Waaren in dem Maße befördert, daß nicht unbedeutende Beziehungen selbst durch englische Exporthäuser von hier gemacht werden.

In Solingen nebst seiner nächsten Umgebung (Wald, Gräfrath etc.) werden sämmtliche Gattungen der Messerschmiedwaaren angefertigt. Eigentliche Fabriken in welchen das Fabricat von Anfang bis zu Ende fertig gemacht wird, und wie solche in Sheffield zu finden sind, bestehen hier aber nicht. Die Arbeiter besorgen das Nöthige in ihrer Behausung. Doch findet, wie in England, eine vollständige Theilung der Arbeit statt. Der Schmied, der Feiler, der Schleifer etc. befassen |234| sich nur mit dem was zu ihrem Fache gehört. Die Rohmaterialien werden vom Fabrikanten dem Arbeiter geliefert. Die zu beschaffende Waare geht nun durch die verschiedenen nöthigen Hände; dem Fabrikanten wird von dem einen Arbeiter geliefert, was der andere wieder abholt, bis zuletzt die einzelnen Theile fertig sind, zusammengesetzt werden und so das vollständige Fabricat zur Vollendung kommt. Die Unternehmer bemühen sich auf eine löbliche Weise neue Einrichtungen, wo sie nöthig oder nützlich sind, ins Leben zu rufen: so sind in letzterer Zeit Dampfschleifereien in der Solinger Gegend mehrfach angelegt worden.

Einer der Hauptartikel, welcher im Zollvereine (Solingen) erheblich billiger als in England (Sheffield) angefertigt wird, sind Scheren. Nur die allerordinärsten halbrohen Gußscheren, wovon in Sheffield das Gros auf 4 Shilling (das Stück also auf 1 kr.) zu stehen kommt, können in Solingen nicht so billig geliefert werden. Alle anderen Scheren, sowohl geschmiedete als gegossene, werden am letzteren Orte zu bedeutend niedrigeren Preisen hergestellt. Je feiner die Scheren sind, desto größer wird progressiv die betreffende Preisdifferenz, welche in den feinsten Gattungen bis auf die Hälfte und darüber steigt. In diesem Artikel sind aber auch die Engländer auf allen auswärtigen Hauptmärkten von den Deutschen vollständig verdrängt worden; und abgesehen davon, daß von englischen Exporthäusern viele deutsche Scheren versandt werden, finden auch nicht unbedeutende Beziehungen für den einheimischen Bedarf in England selbst statt. Die so erhebliche Preisdifferenz zwischen englischen und deutschen Scheren hat, wie ausdrücklich bemerkt werden muß, ihren Grund nicht in einer geringern Güte oder Vollendung der letzteren, sondern das Solinger Fabricat wird auch in der höchsten Vollkommenheit geliefert.

Bei den geringeren und mittleren Gattungen der Tafel-, Taschen- und Federmesser, so wie bei den in verschiedenen überseeischen Ländern gangbaren Messern (u.a. sogenannten Küchen-, Boslemer-, Louisen-Messern etc.) findet gleichfalls eine Preisdifferenz zu Gunsten des Zollvereins statt, so daß auch in diesen Artikeln für den Export von englischen Häusern erhebliche Beziehungen aus dem Zollverein gemacht werden.

Die nach der Westküste von Afrika, nach Westindien, Mittel- und Südamerika in großen Partien begehrten sogenannten Hauer, Sackhauer oder Plantagenhauer (matchets) – große säbelartige Messer zum Abhauen des Zuckerrohrs etc. – werden in den verschiedenen Gattungen bei gleicher Qualität durchschnittlich vom Zollverein erheblich billiger als in England angefertigt, so daß auch hievon englische Exporthäuser aus Deutschland Beziehungen machen; es gehen dieser Messer jährlich vielleicht 4–5000 Kisten à 10 Dutzend von Solingen über See. (Amtl. Bericht über die Lond. Ausstellung, IIIter Thl., S. 4.)

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