Titel: Nutzen und Gewinnung der Schweinsborsten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 130/Miszelle 9 (S. 399–400)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj130/mi130mi05_9

Nutzen und Gewinnung der Schweinsborsten.

Die Nützlichkeit der Haare oder Borsten des Schweins zu verschiedenen Zwecken und darum der Werth dieses Stoffes, wird bei uns im allgemeinen nicht genügend erkannt. Der werthvollste Theil der Borsten des Schweins sind die sogenannten Kammborsten, welche auf dem Rücken des Thiers wachsen; sie sind am längsten, stärksten, haben die meiste Elasticität und werden daher von Bürstenmachern, Schuhmachern u.s.w. besonders gesucht und bezahlt. Aber auch die Borsten vom übrigen Theile des Thiers (die Bürstenmacher nennen diese gewöhnlich Haare) sind ein Handelsartikel. Würde sie der Bürstenmacher nicht brauchen, so wäre die Verwendung der Schweinshaare zum Ausstopfen von Polstern statt Roßhaaren oder Seegras noch Grund genug, sie sorgfältig zu sammeln. Sogar die schlechtesten Schweinshaare kann der Maurer oder Tüncher noch unter Lehm- oder Kalkverputz brauchen. Die Schweinshaare sind zwar etwas weniger weich als die Roßhaare, aber in der Elasticität sind beide ziemlich gleich. Um dieselben als Ersatzmittel der Pferdehaare zu verwenden, werden sie zunächst gewaschen und getrocknet, alsdann klopft man sie, um sie gehörig aufzulockern und von noch anhängenden Unreinigkeiten zu befreien. Darauf werden sie mit Wollkratzen auseinander gezogen und in Stricke gesponnen, die man in Wasser anhaltend kocht, im Backofen dörrt und dann nochmals kratzt.

Man gewinnt die Borsten gewöhnlich durch Ausraufen nach dem Brühen der geschlachteten Schweine; dieses ist die schlechteste Art, denn die Borsten verlieren durch das Brühen an Elasticität und ungebrühte Borsten werden deßhalb theurer bezahlt. Ein besseres Verfahren ist es daher schon, die Borsten vor dem Brühen auszuraufen oder sie dem lebenden Thiere abzuschneiden. Im letzteren Falle verliert man aber an der Länge und bekommt eigentlich nur kurze Kammborsten. Am besten (die größte Länge und Elasticität vereinigend) sind die Borsten reif und im Zustande der Reife sind sie zugleich am leichtesten zu gewinnen. Das Schwein härt sich nämlich im Junius, Julius (es wirft die reifen Haare ab). Zu dieser Zeit ist es eine Wohlthat für die Thiere, ihnen die Borsten abzunehmen (auszuraufen, abzukämmen); |400| diese gehen leicht aus und werden, wenn man sie nicht abnimmt, vom Thiere selbst abgerieben, wobei man neben dem Verluste der Borsten den Nachtheil hat, daß sie in den Dünger kommen, dann Jahrelang auf dem Felde sich finden und so das Futter u.s.w. verunreinigen.

Je älter das Schwein, desto besser die Borsten. Zuchtschweine liefern daher zur Zeit der Haarung das beste Material. Es ist dabei zugleich zu bemerken, daß Mutterschweine, denen man die reifen Borsten abnimmt, gezähmter werden.

Welchen Werth die zubereiteten Borsten haben, mag man aus folgender Mittheilung aus dem amtlichen Berichte über die Industrieausstellung in London entnehmen; es heißt dort im ersten Theile, S. 448:

Der Bürstenmacher G. Föse zu Halle hatte sächsische Schweinshaare in 13 Sorten ausgestellt, nämlich: reingezupfte für Matratzen, der Centner zu 18 1/3 Thlr.; graue und falbe Borsten für grobe Arbeit, der Centner zu 40 1/3 Thlr.; für Pinselmacher 5 Sorten zu 91 2/3 Thlr.; schwarze und weiße für feine Arbeiten, 4 Sorten zu 64, 91 2/3, 110 und 220 Thlr.; Schuhmacherborsten, der Centner zu 275 Thlr. u.s.w.

Kann man sich auch nicht in jeder Haushaltung mit der Zubereitung und Verwendung der Schweinshaare befassen, so kann man sie doch auf die geeignetste Axt sammeln, und es kann sich manche Familie, welche Borsten zusammenkauft, reinigt und sortirt, schon vom Wiederverkauf ernähren, abgesehen davon, daß dann die inländische Bürstenmachern besser als bisher mit ihrem Bedarfe versehen wird. Noch ist es vielleicht der Erwähnung werth, daß die noch so häufig gebräuchlichen Laubsäcke, die nur Ungeziefer beherbergen, zweckmäßig durch Matratzen ersetzt werden könnten, welche mit (wie oben angegeben) gereinigtem Schweinshaar gefüllt werden.

(Gewerbl. f. d. Schwarzwald, 1853, S. 119.)

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