Titel: Ueber die Wirkung des schwefelsauren Kalks auf vegetabilische Substanzen (mit Bezug auf die Kartoffelkrankheit); vom Ritter Claussen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1853, Band 130/Miszelle 9 (S. 439–440)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj130/mi130mi06_9

Ueber die Wirkung des schwefelsauren Kalks auf vegetabilische Substanzen (mit Bezug auf die Kartoffelkrankheit); vom Ritter Claussen.

Vor einiger Zeit machte ich mehrere Versuche über die Wirkung des schwefelsauren Kalks auf vegetabilische Substanzen. Ich stellte einen Theil der damals von mir gebrauchten Substanzen sorgfältig bei Seite; als ich etwa zwei Wochen später zu meinen Versuchen zurückkehrte, war ich erstaunt, zu finden, daß bei denjenigen |440| Portionen der Vegetabilien, welche der Einwirkung von schwefelsaurem Kalk ausgesetzt gewesen waren, keine Zersetzung stattgefunden hatte, während die nicht so behandelten vollständig verdorben waren. Unter den angewandten Vegetabilien befand sich eine Anzahl Kartoffeln, deren jede von der herrschenden Krankheit befallen war; einige derselben sind bis jetzt gesund geblieben, die andern sind vor einiger Zeit gänzlich verfault. Ich verschaffte mir hernach mehr Kartoffeln, und auch einige Runkelrüben; jene waren, so weit ich es beurtheilen konnte, alle krank. Ich theilte die Kartoffeln in drei Portionen. Ein Loos brachte ich in ein Gefäß mit einer schwachen Auflösung von Schwefelsäure, und von diesem brachte ich sie in ein Gefäß mit Kalkwasser. Bei dem zweiten Loos wurde das Verfahren umgekehrt, nämlich die Kartoffeln zuerst in das Kalkwasser und dann in die Säure gebracht. Das dritte Loos wurde unberührt gelassen. Zehn Tage hernach untersuchte ich die Kartoffeln, und fand, wie ich erwartete, daß die nicht mit schwefelsaurem Kalk behandelten rasch verdarben. Diejenigen, welche zuerst in das Kalkwasser und dann in das Sauerwasser gebracht worden waren, zeigten sich nahezu verdorben; während diejenigen, welche auf die zuerst beschriebene Art behandelt worden waren, so gesund blieben als sie anfangs waren. Nach dem Aufschneiden zeigte es sich, daß der erkrankte Theil der Kartoffeln sich innerlich nicht ausgebreitet hatte, und der Geschmack der Wurzel hatte durch die Anwendung des Verfahrens gar nicht gelitten; auch glaube ich nicht daß der schwefelsaure Kalk ihre Keimkraft benachtheiligen kann. Auf die Runkelrüben wirkte der schwefelsaure Kalk ähnlich wie auf die Kartoffeln. Ich bemerke noch daß ich bei andern Gelegenheiten Salzsäure und andere Säuren mit gleichem Erfolg angewandt habe; es scheint nur Bedingung zu seyn, daß das angewandte Agens sehr schnell in Berührung mit den zu conservirenden Substanzen ein Salz zu erzeugen vermag. Nach den bisherigen Erfahrungen gibt es kein sicheres Mittel, um das Erkranken der Kartoffel zu verhindern, während sie sich im Boden befindet und zur Reife gelangt; es wäre daher ein sehr großer Vortheil, wenn ein Verfahren entdeckt würde, durch dessen Anwendung die Kartoffeln nach dem Herausnehmen gegen das in Folge der Krankheit eintretende Verderben geschützt werden könnten. Die Resultate, welche ich mitgetheilt habe, scheinen mir die Möglichkeit anzudeuten, diesem Verlust zu begegnen. Ich bin durch meine Geschäfte jetzt verhindert über die Anwendbarkeit dieses Verfahrens im Großen Versuche anzustellen, wobei sich keine unübersteiglichen Schwierigkeiten darbieten dürften. Die von mir angewandte Säure war sehr schwach, beläufig 1 Theil auf 200 Theile Wasser; das Kalkwasser hatte die Consistenz der Milch. Die Materialien sind also nicht kostspielig, so daß der Vorschlag gewiß berücksichtigt und geprüft zu werden verdient. (Aus dem Athenaeum durch die Chemical Gazette, 1853, Nr. 266.)

Liebig veröffentlichte schon im J. 1845 (polytechn. Journal Bd. XCVIII S. 416), daß nach seinen Versuchen aufgelöste Schwefelsäure dem Fortgang der Fäulniß der Kartoffeln sicher Einhalt thut; er empfahl, die kranken Kartoffeln – um sie leicht und mit geringen Kosten längere Zeit aufbewahren und dann verschiedenartig verwenden zu können – in etwa 1/4 Zoll dicke Scheiben zu schneiden und diese in Wasser zu tauchen, welches 2 bis 3 Procent Schwefelsäure enthält. Nach 24 bis 36 Stunden kann man die saure Flüssigkeit abziehen, und was noch davon übrig bleibt, läßt sich durch wiederholtes Eintauchen in frisches Wasser entfernen. Auf diese Art behandelt, trocknen die Kartoffeln leicht. Liebig wandte dieses Verfahren an, weil er bei Untersuchung gesunder und kranker Kartoffeln gefunden hatte, daß dieselben ein beträchtliches Quantum vegetabilischen Caseïns enthalten, welches sich durch Säuren niederschlagen läßt. Claussens Vorschlag ist im wesentlichen derselbe, denn indem er die aus der Säure genommenen Kartoffeln in Kalkwasser bringt, entfernt er die überschüssige Säure statt des Auswaschens durch Neutralisation.

Die Redact.

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