Titel: Poggiale, über das für die Truppen der europäischen Staaten bestimmte Commißbrod.
Autor: Poggiale,
Fundstelle: 1854, Band 131, Nr. LXXX. (S. 286–295)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj131/ar131080

LXXX. Ueber das für die Truppen der europäischen Staaten bestimmte Commißbrod und die chemische Zusammensetzung der Kleie; von Professor Poggiale in Paris.34)

Aus dem Journal de Chimie médicale, Sept. 1853, S. 529.

Gegen Ende des Jahres 1850 wurde eine Commission, deren Mitglied der Verfasser war, mit der Untersuchung des Commißbrodes beauftragt, und war daher veranlaßt, Versuche über die Brodbildung anzustellen |287| und sowohl das für die Truppen der verschiedenen europäischen Staaten bestimmte Commißbrod, als das Brod der Civilversorgungshäuser von Paris, das Commißmehl und die käuflichen Mehlsorten zu analysiren. Die Resultate dieser, seit zwei Jahren fortgesetzten und ergänzten Untersuchungen bilden den Gegenstand dieser Abhandlung.

Die ziemlich schwierige Analyse des Brodes wurde mit aller Sorgfalt auf folgende Weise ausgeführt.

Das Gewicht der anorganischen Bestandtheile wurde durch Verbrennen einer Quantität Brod im Platintiegel und Abwägen des Rückstandes bestimmt, welcher gewöhnlich aus kohlensaurem Kalk, kohlensaurer Talkerde, schwefelsaurem Kalk, kohlensaurem Kali, Kieselerde, Eisenoxyd, Thonerde und Chloriden bestand.

Die Menge des Wassers wurde durch Austrocknen von 50 Grammen Brod in einem auf 120° C. (96° R.) erhitzten Luftstrom bestimmt; das Austrocknen wurde so lange fortgesetzt, bis der Rückstand ein constantes Gewicht zeigte. Das Gewicht der Fettsubstanzen wurde durch Behandlung des völlig ausgetrockneten Brods im Verdrängungsapparat mit rectificirtem Aether ermittelt.

Um das Mengenverhältniß des Klebers oder der stickstoffhaltigen Substanz zu bestimmen, digerirte man das im Wasserbad bei 60° C. (48° R.) ausgetrocknete Brod mit Diastas, bis alles Stärkmehl zerstört war; der Kleber wurde dann auf einem Tuche gesammelt und nach mehrmaligem Auswaschen getrocknet. Man erhielt so eine in Wasser unlösliche, etwas elastische, durchscheinende, spröde, in Aetzkali und in Salpetersäure lösliche Substanz. Der Kleber vom Weizenbrod hatte eine graulichweiße Farbe, während derjenige von Roggen- und Mangkornbrod eine braune Farbe und einen eigenthümlichen Geruch hatte. Manchmal wurde der Kleber vom Fibrin und dem Pflanzenalbumin mittelst Essigsäure getrennt; da diese Trennung aber kein praktisches Interesse darbot, so wurde sie nicht bei allen Analysen vorgenommen. Bei vielen Versuchen wurde das Mengenverhältniß der stickstoffhaltigen Substanzen nach ihrem Stickstoffgehalt berechnet.

Das Stärkmehl wurde im Zustand von Zucker mittelst weinsteinsauren Kupferoxydkalis bestimmt.

Bei einem andern Versuche bestimmte Hr. Poggiale die Menge des Traubenzuckers und des Dextrins dadurch, daß er das in Pulver verwandelte Brod in Wasser maceriren ließ; die so erhaltene Flüssigkeit enthielt nur Spuren von Albumin. Die Menge des Zuckers wurde durch weinsteinsaures Kupferoxydkali bestimmt. Die Kleie wurde auf einem dichten Sieb gesammelt.

|288|

Nach dem beschriebenen Verfahren wurden Proben des Commißbrodes von Belgien, den Niederlanden, Baden, Piemont, Preußen, Frankfurt a. M., Bayern, Württemberg, Spanien, Oesterreich und von Paris analysirt.

Wenn man die Resultate dieser Analysen vergleicht, so beträgt der größte Gehalt an stickstoffhaltigen Substanzen (Kleber und Eiweißstoff) 8,95 Procent, und der geringste 4,85. Das französische Brod enthält am meisten Kleber und das preußische am wenigsten. Das französische Brod übertrifft überdieß die andern im schönen Aussehen, im Geschmack und der Farbe. Da die zur Analyse verwendeten ausländischen Brode schon seit langer Zeit gebacken und daher großentheils ausgetrocknet waren, so berechnete Hr. Poggiale später die Nahrhaftigkeit dieser verschiedenen Brode mittelst ihres Stickstoffgehalts.

Bei mehreren Versuchen wurde das, vorher bei 120° C. (96° R.) getrocknete Brod in einer Röhre verbrannt und die Verbrennungsproducte in einer graduirten Glocke gesammelt, welche concentrirte Aetzkalilösung enthielt, um die Kohlensäure vom Stickstoff zu trennen. Statt einer Glasröhre benutzte der Verfasser eine lange kupferne Röhre, welche die Operation bequemer und sicherer macht. In die Röhre wurde eine hinreichende Menge doppelt-kohlensauren Natrons gebracht, um die im Apparat enthaltene Luft mitzureißen, und nach beendigter Verbrennung allen Stickstoff in die Glocke zu ziehen. Das Volum des Stickstoffs, auf 0° Temperatur und 760 Millimeter Luftdruck reducirt, gestattete sein Gewicht zu bestimmen.

Folgende Tabelle enthält das Resultat dieser Analysen; das Commißbrod der verschiedenen europäischen Staaten ist darin nach seinem Gehalt an stickstoffhaltigen Substanzen und an Stickstoff classificirt.

100 Th. bei 96° R.
ausgetrokneten
Brides enthalten
an Stickstoff
Stickstoffhaltige
Substanzen,
berechnet
Commißbrod von Paris 2,26 14,69
„ „ Baden 2,24 14,56
„ „ Piemont 2,19 14,23
„ „ Belgien 2,08 13,52
„ „ Holland 2,07 13,45
„ „ Württemberg 2,06 13,39
„ „ Oesterreich 1,58 10,27
„ „ Spanien 1,57 10,20
„ „ Frankfurt a. M. 1,44 9,36
„ „ Bayern 1,32 8,73
„ „ Preußen 1,12 7,28
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Das Mengenverhältniß der stickstoffhaltigen Substanz wurde berechnet, indem man das Gewicht des gefundenen Stickstoffs mit 6,5 multiplicirte.

Wie man sieht, hat Hr. Poggiale bei seinen Analysen hauptsächlich das Mengenverhältniß des Klebers und des Stickstoffs bestimmt; es wird nämlich heutzutage von den Chemikern und Physiologen angenommen, daß dem Gehalt an stickstoffhaltiger Substanz die Nahrhaftigkeit des Brods und des Mehls entspreche. Indessen muß man beim Brod auch die Art seiner Bereitung berücksichtigen; gewiß ist, daß die kleberreichsten Mehle zur Nahrung des Menschen die geeignetsten sind. Der Unterschied zwischen den Mehlen aus Weizen, Roggen, Hafer etc. erklärt sich durch das Mengenverhältniß, vielleicht auch durch die Natur des Klebers, der in seiner Zusammensetzung und in dem Verhältniß seiner Elemente bedeutende Verschiedenheiten darbietet.

Nach obigen Versuchen war es von Interesse, das Verhältniß des Klebers und Stickstoffs im Brod erster und zweiter Qualität der Civilbäckerei und der Pariser Versorgungshäuser, sowie in den käuflichen Mehlsorten zu ermitteln. Aus der von Hrn. Poggiale deßhalb angestellten zweiten Reihe von Versuchen geht hervor, daß das Commißbrod und Commißmehl an stickstoffhaltigen Substanzen weniger enthält, als das Brod und Mehl erster Qualität, hingegen mehr als das Brod und Mehl zweiter Qualität. Dieselben Resultate hatte übrigens Hr. Payen mit den Mehlen allein erhalten und daraus geschlossen, daß das Commißmehl nahrhafter sey, als die Mehle zweiter Qualität. In der That enthalten letztere nicht, wie das Commißmehl, alle Bestandtheile des Getreides, denn sie sind die geringeren Sorten welche man nach Absonderung der Grütze und des feinsten Mehls erhält. Diese, auf unbestreitbaren chemischen Analysen beruhende Ansicht, theilen auch erfahrene Bäcker. Wir müssen jedoch beifügen, daß das Commißbrod eine kleine Menge stickstoffhaltiger Substanz enthält, welche nach den Versuchen des Verfassers nicht assimilirbar ist.

Mehrere Commissionen überzeugten sich, daß das mit Commißmehl bereitete Brod nahrhafter ist, als das Brod zweiter Qualität der Civilbäckerei. Die Gegner des Commißbrodes werfen ihm mit Unrecht vor, daß es minder nahrhaft sey als das Weißbrod zweiter Qualität. Diese irrige Ansicht wurde besonders von der im Jahr 1850 ernannten Commission unterstützt.

Chemische Zusammensetzung der Kleie. – Schon seit mehreren Jahren haben sich die Chemiker und Praktiker viel mit der |290| Zusammensetzung, dem Nahrungswerth der Kleie und mit der Rolle beschäftigt, welche sie bei der Brodbildung spielt. Bekanntlich wird dieses Product von den einen als eine besonders nahrhafte Substanz betrachtet, weil es mehr Kleber enthält als der Weizen, von den andern hingegen als ein schädlicher Bestandtheil des Brods. Von den letztern wird der Kleie hauptsächlich vorgeworfen, daß sie ein beträchtliches Verhältniß von Wasser verschluckt und zurückhält, daß sie sehr starke Sauerteige erheischt, daß sie dem Brod eine braune Farbe und einen sauren Geschmack ertheilt, daß sie dessen Conservirung verhindert, die Bildung der Keimkörner verschiedener Pilzarten begünstigt, endlich für die Ernährung des Menschen ohne Nutzen ist.

Hr. Poggiale unternahm es, diese Widersprüche durch Versuche aufzuhellen.

Ist der Kleber- und Stärkmehlgehalt der Kleie so groß, wie in der neuesten Zeit angenommen wurde? Darf man alles als Nahrungsstoff betrachten, was durch die Säuren, die Alkalien und die Auflösungsmittel, welche man zur Darstellung der reinen Cellulose anwendet, der Kleie entzogen wird? Kann man alle im Mehl enthaltene Kleie ohne Anstand im Brod lassen? Dieß waren die Fragen, welche der Verfasser studiren mußte, um die verlangten Aufschlüsse liefern zu können.

Die Analyse der Kleie von dem zu 15 Proc. gebeutelten Commißmehl ergab folgende Resultate:

Wasser 12,65
in kochendem Wasser auflösliche Substanzen 30,82
in mit ihrem 20fachen Gewicht Wasser verdünnter
Salzsäure lösliche Substanzen

34,37
in Aetzkalilösung von 10 Proc. Kaligehalt lösliche
Substanzen

12,74
unlösliche Cellulose 9,42
–––––––
100,00

Als man die Kleie mehrmals mit den Säuren und den Alkalien behandelte, betrug die widerstehende Cellulose nur 5,73 statt 9,42 Proc., und bei Anwendung concentrirter Lösungen betrug der Rückstand nur noch 4,53; dann schien aber die Cellulose angegriffen zu seyn.

Da die Kleie nach Einwirkung dieser Auflösungsmittel nur 5,73 Procent Cellulose zurückläßt, so nimmt man an, daß sie sehr reich an nahrhaften und brodbildenden Substanzen ist, und daß die aufgelösten Stoffe ihren Gehalt an nahrhafter Substanz repräsentiren.

Diese Folgerung, sagt der Verfasser, scheint mir nicht gegründet zu seyn, weil die wenig zusammenhängende Cellulose, wie diejenige im Innern des Korns, wie ich mich überzeugt habe, von den Alkalien und den |291| Säuren aufgelöst wird, und, wenn ihre Organisation noch nicht vorgeschritten ist, sogar das Wasser sie zertheilt. Ueberdieß enthält der Holzstoff der Kleie noch andere, nicht nahrhafte Substanzen, z.B. Farbstoffe, extractive, harzige, schleimige Substanzen etc., welche aber beim Abscheiden der Cellulose aufgelöst werden.

Der Verfasser kann in Folge seiner Untersuchungen behaupten, daß das Verhältniß der nicht assimilirbaren Stoffe in der Kleie ein sehr bedeutendes ist.

20 Gramme Kleie von dem zu 15 Procent gebeutelten Commißmehl wurden in einen Glaskolben von 2 Liter Inhalt gebracht, 1000 Gramme Wasser zugesetzt und die Mischung einige Minuten lang gekocht. Nach ihrem Erkalten wurde 1 Gramm Diastas zugesetzt und bei einer Temperatur von 60° C. (48° R.) damit in Berührung gelassen, bis die Flüssigkeit von einer wässerigen Jodlösung nicht mehr blau oder violett gefärbt wurde. Der Rückstand zeigte unter dem Mikroskop nur noch Zellen, theils weiße, theils mehr oder weniger braune, und eine ziemliche Anzahl fettichter, runder, durchscheinender Kügelchen mit dunkelm Rande, von verschiedener Größe, welche in Aether löslich sind. Die Stärkmehlkörnchen waren vollständig verschwunden.

20 Gramme Kleie gaben bei dieser Behandlung mit Diastas folgende Resultate:

Wasser 2,55
Traubenzucker 6,26
unlöslicher Rückstand 11,19
–––––
20,00

Die Quantität Traubenzucker, welche durch diese Behandlung mit Diastas erhalten wird, gibt genau das Verhältniß von Dextrin, sowie den in der Kleie enthaltenen Traubenzucker. Der Rückstand besteht offenbar aus Holzstoff, Fettsubstanz und Salzen, deren Gewicht durch directe Versuche bestimmt wurde. Man findet, daß die Kleie ungefähr 35 Procent Holzstoff enthält.

Die stickstoffhaltige Substanz in derselben Kleie wurde quantitativ bestimmt und drei Analysen gaben durchschnittlich:

Stickstoff 2,062 in 100 Kleie
stickstoffhaltige Substanz 13,403 –

Es wird aber nicht aller Stickstoff von einer assimilirbaren stickstoffhaltigen Substanz geliefert, wie folgende Versuche beweisen:

A. Ein Hund wurde während mehrerer Tage mit einem Gemenge von Fleischbrühe und Kleie gefüttert; die gesammelten Excremente bestunden |292| fast gänzlich aus Kleie, welche durch Auswaschen derselben auf einem Seidensieb leicht abgesondert werden konnte, worauf man dieselbe nacheinander mit Wasser, Alkohol und Aether auskochte, damit sie keine fremdartige Substanz zurückhielt, und sie zuletzt bei 120° C. (96° R.) austrocknete.

Diese Kleie gab bei der Analyse:

Stickstoff 1,123 Procent
stickstoffhaltige Substanzen 7,299 –

B. Bei einem andern Versuche wurde Kleie analysirt, welche nacheinander zweien Hunden gegeben worden war, und die bei der Analyse erhaltenen Zahlen waren ganz identisch.

C. Dieselbe Kleie, welche schon durch die Verdauungswege zweier Hunde gegangen war, wurde einem Huhn gegeben, und der Stickstoffgehalt blieb unverändert.

Diese Versuche sind entscheidend und beweisen, daß die Kleie eine nicht assimilirbare stickstoffhaltige Substanz enthält, deren Mengenverhältniß 3,516 Proc. erreicht, und eine assimilirbare stickstoffhaltige Substanz, deren Gewicht 9,877 Proc. beträgt.

Dieses Resultat kann nicht befremden. Wenn nämlich der Nahrungswerth im allgemeinen mit dem Mengenverhältniß der in den Nahrungsmitteln enthaltenen stickstoffhaltigen Substanzen zunimmt, so muß man doch auch zugeben, daß nicht alle stickstoffhaltigen Substanzen als den Menschen nährend betrachtet werden können. So enthalten nach den Versuchen von Payen und Boussingault das Stroh des Weizens, des Roggens, der Gerste, des Hafers, der Erbsen, die Weizenbälge, das Holz etc. von 2 bis 17 Proc. Stickstoff, und doch hat noch niemand behauptet, daß diese Stoffe für den Menschen und für alle Thiere nahrhaft seyen. Sie widerstehen, wie der Holzstoff der Kleie, der Wirkung der Verdauungsorgane gewisser Thierspecies.

D. Wenn man die stärkmehlhaltigen Substanzen der Kleie mittelst Diastas abtrennt und den Rückstand nach dem Auswaschen mit verdünnter Salzsäure behandelt, so findet man daß 100 Theile Kleie durch ein lange genug dauerndes Kochen 59,563 Traubenzucker geben. Dieser Zucker kann aber nur durch die Umwandlung der Celluse mittelst Salzsäure entstanden seyn.

Es gelang dem Verfasser sogar, indem er immer concentrirte saure Flüssigkeiten nacheinander anwandte, zuerst das Dextrin und das Stärkmehl ziemlich genau abzuscheiden und dann mit der in der Kleie enthaltenen Cellulose, welche allein Zucker geben kann, Traubenzucker zu bilden. |293| Dagegen wird, wenn man 25 Gramme Kleie mit einer Mischung von 200 Grammen Wasser und 7 Grammen rauchender Salzsäure einige Minuten lang kochen läßt, die Cellulose kaum angegriffen, während das Stärkmehl und der Zucker in Traubenzucker umgewandelt werden.

E. Kleie, welche vorher die Verdauungsorgane von Hunden und Hühnern passirt hatte, ließ man einige Minuten lang mit destillirtem Wasser kochen, dem auf 15 Theile 1 Theil rauchender Salzsäure zugesetzt war; der Rückstand wurde ausgewaschen und der in der filtrirten Flüssigkeit enthaltene Traubenzucker durch weinsteinsaures Kupferoxydkali quantitativ bestimmt. 100 Theile dieser Kleie verloren 40,501 an Gewicht und lieferten 21,258 Traubenzucker.

Der Rückstand dieser Operation wurde mit Aetzkalilösung von 10 Procent Gehalt in der Wärme behandelt, und verlor dadurch 37,552 Procent an seinem Gewicht.

Nach diesen beiden Behandlungen erhielt man auf dem Filter eine gelblichweiße Substanz, die sich durch Aetzkali und durch Salzsäure noch färbte und welche 21,947 Proc. betrug.

Aus diesem Versuch geht hervor, daß die nicht verdaute Kleie noch 80 Procent nahrhafter Substanz enthalten müßte, wenn man annehmen wollte daß die von den verdünnten Säuren und Alkalien aufgelösten Substanzen assimilirbar sind.

F. Einem Hunde wurde während vier Tagen ein Gemisch von Fleischbrühe und 56 Grammen Kleie gegeben, die ausgetrocknet und mittelst Diastas von stärkmehlartigen Substanzen befreit war; die Excremente wurden sorgfältig gesammelt und die Kleie durch wiederholtes Auswaschen auf einem Seidensiebe von einigen sie begleitenden Substanzen getrennt. Der Rückstand, hernach bei 120° C. (96° R.) getrocknet, wog 42,053; er hatte sonach durch den Verdauungsact nur ungefähr 13 Gramme verloren, welche aus Kleber und Fettsubstanz bestunden, und enthielt noch Stickstoff.

Dieser Versuch, mit 100 Grammen gewöhnlicher Kleie wiederholt, gab nahezu dieselben Resultate.

G. Man behandelte 10 Gramme, vorher durch die Verdauungswege gegangener Kleie, mit 15 Gr. concentrirter Schwefelsäure, welche, um Erhitzung zu vermeiden, in kleinen Portionen zugesetzt wurde. Nach Verlauf von 48 Stunden setzte man dann viel Wasser zu und ließ das Gemisch mehrere Stunden kochen. Nachdem die saure Flüssigkeit mit Kreide gesättigt worden war, filtrirte man, und mittelst weinsteinsauren Kupferoxydkali's und des Saccharimeters fand man 4,15 Traubenzucker. |294| Ein ähnlicher Versuch, mit reiner Cellulose angestellt, gab 4,17 Traubenzucker für 10 Gr. Cellulose.

H. Endlich hat der Verf. noch folgende physiologische Untersuchungen angestellt.

Er fütterte zwei Hunde, den einen mit einem Gemenge von Fleischbrühe und Weißbrod erster Qualität; den andern mit einem Gemenge von Fleischbrühe und Kleie. Die Menge der Fleischbrühe war genau dieselbe; hinsichtlich des Brods und der Kleie mußte aber deren Wassergehalt berücksichtigt werden. (Für 138 Theile Brod, welches 38 Procent Wasser enthält, gab man 125 Theile Kleie.) Der mit dem Kleienbrei gefütterte Hund, welcher 5 Kilogr. und 250 Gr. wog, verlor innerhalb acht Tagen 870 Gramme und war so geschwächt, daß dieser Versuch nicht ohne Gefahr hätte fortgesetzt werden können.

Der andere Hund wog 5 Kil. und 240 Gr., und nahm in derselben Zeit um 320 Gramme an Gewicht ab. Diese Gewichtabnahme wurde aber nicht durch die Art, sondern durch die Unzulänglichkeit des Futters veranlaßt; denn dieser Hund fraß mit Widerwillen das ihm gereichte Aequivalent von Fleischbrühe und Kleie.

Als hierauf dem anfangs mit Brod gefütterten Hund Fleischbrühe und Kleie gegeben wurde, war das Resultat dasselbe.

Bei einem dritten Versuch wurde einem Hunde beliebig Kleie und Fleischbrühe, einem andern Hunde Brod und Fleischbrühe ebenfalls in beliebiger Menge gegeben. Die Fleischbrühe betrug für beide gleich viel. Der erste Hund, welcher 5 Kil. und 360 Gr. wog, verlor in acht Tagen 455 Gr.; der andere, welcher 4 Kil. und 975 Gr. wog, nahm um 210 Gr. zu.

Dieselben Versuche wurden mit Hühnern wiederholt und die Resultate waren gleich; die mit Kleie gefütterten verloren constant an Gewicht.

Aus diesen Thatsachen erhellt, daß die Kleie viel von Cellulose und nicht assimilirbaren Substanzen enthält.

Es muß sonach zur Bestimmung des in der Kleie enthaltenen Antheils nahrhaften Substanz ein anderer Weg eingeschlagen werden.

Der Verf. schritt daher zu einer neuen Analyse, aus welcher hervorgeht, daß die Kleie 44 Proc. assimilirbare Stoffe enthält und 56 Proc. Substanzen welche nicht zur Ernährung dienen können.

Dieses große Verhältniß von Substanzen welche der Wirkung der Verdauungsorgane widerstehen, rechtfertigt also die Ausscheidung der Kleie aus dem Mehle und den Verlust beim Beuteln des Mehls. Ueberdieß läßt sich nicht läugnen, daß das mit rohem Mehl bereitete Brod im Allgemeinen braun, schlecht gegangen, von nicht sehr appetitlichem Aussehen, saurem Geschmack und oft schwer verdaulich ist. |295| Geschickte Bäcker haben beobachtet, daß das Mehl von rohem Weizen mehr Wasser verschluckt und mehr Brod liefert als das weiße Mehl. Man hat andererseits beobachtet, daß die Kleie 1,240 ihres Gewichts Wasser absorbirt und das Kleienmehl nur 0,998.

Das zu 15 Proc. (d.h. mit Absonderung von 15 Proc. Kleie) gebeutelte Weizenmehl gibt ein sehr gutes und nahrhaftes Commißbrod. Die darin zurückgelassene Kleie ist vielleicht nützlich, insofern sie die assimilirbaren Stoffe länger in den Verdauungsorganen zurückhält. Nach der Annahme vieler Physiologen steigt nämlich die Nahrhaftigkeit nicht in geradem Verhältniß mit dem Gehalt der Nahrungsmittel an assimilirbaren Bestandtheilen, und die nährenden Stoffe müssen, um gut verdaut zu werden, mit solchen die einen größern Widerstand leisten, gemengt seyn. Dieses wäre die Rolle der Kleie, wenn sie in geeignetem Verhältniß im Commißbrod enthalten ist. Mit einem zu leichten, die Verdauungswege zu leicht passirenden Brode würden kräftige junge Leute der angestrengten Mannschaft nicht so gut genährt werden, wie mit dem Commißbrod. Doch wünscht Hr. Poggiale eine noch weitere Verminderung des Kleiengehalts.

Einige Praktiker haben vorgeschlagen, das Getreide zu mahlen, die Kleie abzusondern, letztere wieder zu mahlen und dann das Mehl auf den vorschriftsmäßigen Gehalt zu beuteln; sie behaupten, daß man durch dieses Mittel sehr schönes Brod erhalte. Seit einigen Jahren ließ die Kriegsverwaltung zahlreiche Versuche anstellen, um zu ermitteln ob es von Nutzen sey, die Kleie ein zweitesmal zu mahlen; dabei ergab sich, daß das Commißbrod welches mit Mehl bereitet ist, wovon ein Theil noch einmal gemahlen wurde und worin die Kleie mehr zertheilt ist, eine grauere Farbe hat, als das auf gewöhnliche Art bereitete Commißbrod. Der Vorschlag, die Kleie noch einmal zu mahlen, was überdieß kostspielig wäre, wurde auch von der Commission einstimmig verworfen.

Die gänzliche Absonderung der nahrhaften Substanz von der Kleie, ohne zu große Kosten, ist also ein noch zu lösendes Problem, und wohl nur auf mechanischem Wege durch Verbesserung der Mahlvorrichtungen zu erreichen.

Wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes lassen wir dem im polytechn. Journal Bd. CXXIX S. 376 mitgetheilten kurzen Auszug dieser Abhandlung den ausführlicheren Bericht nachfolgen.

A. d. Red.

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