Titel: Millet, über die künstliche Befruchtung der Fische.
Autor: Millet,
Fundstelle: 1854, Band 131, Nr. CIII. (S. 386–390)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj131/ar131103

CIII. Ueber die künstliche Befruchtung der Fische; von Hrn. Millet.

Aus den Comptes rendus, Decbr. 1853, Nr. 26.

Bei der künstlichen Befruchtung der Fische sind drei Perioden zu unterscheiden: 1) die Gewinnung und Befruchtung der Eier; 2) die Bebrütung und das Auskriechen derselben; und 3) die Ernährung und Verbreitung der jungen Fische.

I. Gewinnung und Befruchtung der Eier.

Vor der Laich- oder Legezeit verlassen der Lachs und die Forelle ihre gewöhnlichen Aufenthaltsplätze, gehen stromaufwärts, um die dem Act ihrer Fortpflanzung günstigsten Umstände zu finden.

Der Lachs, die Seelachsforelle, die Lamprete, die Else (Alse) etc. verlassen das Meer, das Salzwasser, selbst das Brackwasser und begeben sich in süßes Wasser.

Als ich den Ursachen dieser Auswanderung nachforschte, mußte ich natürlich die Wirkung des Salz- oder Brackwassers auf die Fischeier ermitteln, wobei ich fand, daß die Gegenwart des Salzes, selbst in äußerst kleiner Menge, in das Ei eine solche Störung bringt, daß der Fortpflanzungsact, selbst in sehr schwachem Brackwasser, nicht beendigt werden kann.

Die Wirkung des Salzwassers auf die Lachs- und Forellen-Eier ist, selbst mit bloßem Auge, sehr leicht zu erkennen; die öligen Tropfen treten im obern Theil zu einem Haufen zusammen; das ganze System, welches in dieser Gegend des Eies einen Flecken oder einen weißlichen Knopf bildet, erleidet eine Zusammenziehung und Umwälzung, welche seine ganze Harmonie zerstören: die Kugelform des Eies ändert sich, dasselbe behält eine gelbliche Farbe und wird etwas opalisirend durchsichtig.

In dem befruchteten Ei, wo sich die ersten Elemente der Organisation schon zeigen, wird die ganze Harmonie dieser Organisation schnell zerstört.

Die Wirkung des Salzwassers auf das verdorbene, weiß oder undurchsichtig gewordene Ei, ist ebenfalls sehr merkwürdig; das Ei erhält durch dieselbe seine opalisirende Durchsichtigkeit wieder. Man kann alle Stadien dieser Erscheinungen mit bloßem Auge verfolgen: das Innere des Eies zeigt, nach Verlauf einiger Minuten, einen undurchsichtigen Kern, |387| welcher in dem Maaße als das Salzwasser in das Innere eindringt, zergeht oder vielmehr sich aufhellt.

Die Befruchtung der Eier ist nur dann möglich, wenn das Ei und die Milch ihre volle Reife erreicht haben. Das beste Mittel, Fische zu erhalten welche diese wesentliche Bedingung vereinigen, ist, sie an ihren Laichplätzen oder in deren Nähe zu nehmen. Man kann vor der Laichzeit Fische in Vorrath halten; dann ist man aber der Gefahr ausgesetzt, die Milch, und besonders die Eier, nicht immer in gutem Zustand zu finden. In den Reservoirs und überhaupt in der Gefangenschaft reifen die Eier rasch, verderben aber auch ebenso rasch; manchmal treten sie schon vor ihrer Einsammlung aus. Bei den Männchen finden diese Uebelstände nicht statt; man kann sie in einem Reservoir oder an einer durch das Maul und die Kiemen gezogenen Schnur halten.

Die Eier dürfen vor der Befruchtung nicht gewaschen werden, weil bei vielen Fischspecies dieses Waschen entweder schädlich oder unthunlich ist, und bei andern die Befruchtung minder wahrscheinlich macht.

Man nehme die Befruchtung wo möglich an Ort und Stelle vor, um die Verluste, welche das Wegtragen der Eier zur Folge hat, zu vermeiden.

Wo es nothwendig wird, die befruchteten Eier zu transportiren, muß dieses sogleich nach ihrer Befruchtung geschehen; jede Verzögerung ist nachtheilig und verursacht Verlust.

In der Praxis thut man am besten, dasselbe Wasser anzuwenden, in welchem der Fisch laicht.

II. Die Bebrütung und das Auskriechen der Eier.

In der Natur verläßt das befruchtete Ei niemals die Stelle wo es gelegt wurde. Gewisse Species legen ihre Eier in die Zwischenräume der Kieselsteine oder des Kieses und bedecken diese Eier (Lachs und Forelle); andere lassen die Eier so fallen, daß sie sich den umgebenden Körpern, wie Steinen, Pflanzen, Kräutern etc. anhängen oder daran kleben bleiben (Barbe, Karpfe etc.)

Die Lachs- und Forellen-Eier bleiben frei, sind aber vor den Bewegungen und Schwankungen des Wassers geschützt, weil sie mit Kies oder Kieselsteinen bedeckt sind.

Die Vorrichtungen zur Bebrütung müssen daher der Art seyn, daß die Eier, besonders während der ersten Hälfte der Bebrütungszeit, nicht auf irgend eine Weise verrückt werden können.

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In seiner normalen Lage zeigt das Ei in der oberen Gegend einen weißlichen Flecken oder Knopf, welcher von der Gruppe öliger Tropfen umhüllt ist. Welche Stellung man dem Ei auch geben mag, so nimmt dieser Flecken, mit den öligen Tropfen, immer wieder seine Stelle ein. Wird daher ein Ei bewegt, durch zu starken Lauf des Wassers, oder rührt man mit einem Pinsel, einer Feder um, so wird dadurch eine Störung hervorgebracht, durch die sehr oft das Ei Schaden leidet oder zu Grunde geht. Diese Fälle treten in der ersten Hälfte der Bebrütung häufig ein, besonders gegen Ende dieses Zeitraumes, zu der Zeit wo der weiße Flecken sich auflöst, verlängert und zu einer kleinen Gabel mit zwei etwas gegeneinander gebogenen Zacken wird.

Zu dieser Zeit ist die Sterblichkeit am größten, welche dann ebenso stufenweise abnimmt, wie sie vorher zunahm.

Man muß sich daher hüten die Eier zu bewegen und umzurühren; hauptsächlich dürfen sie, so lange die Spuren des Embryo für das bloße Auge oder unter der Loupe nicht deutlich wahrnehmbar sind, nicht transportirt oder aus dem Wasser genommen werden. Man hat in dieser Hinsicht ein untrügliches Zeichen: das Vorhandenseyn eines oder zweier schwärzlichen Punkte, welche die Rudimente der Augen sind.

Der Transport darf also erst dann geschehen, wann die Befruchtung des Eies eben bewerkstelligt ist, oder wann dieses Ei mehr als die Hälfte der Bebrütungszeit überstanden hat.

Ich habe oben gesagt, daß die Eier manchmal einen weißen Flecken oder Punkt bekommen, und daß salziges Wasser die Eigenschaft hat denselben verschwinden zu machen. Als ich diese Eier mit einem schwach salzigen Wasser (von einigen Zehnteln eines Grades am Baumé'schen Aräometer) behandelte, sah ich den Flecken verschwinden, ohne Nachtheil für die Entwicklung des jungen Fisches, dessen Augen vollständig vorhanden und dessen Blut gefärbt war. Es wäre interessant zu ermitteln ob salziges Wasser die Entwickelung des weißen Fleckens aufhalten und selbst dessen Folgen aufheben kann.

Bei den zahlreichen Beobachtungen welche ich seit fünf Jahren gemacht habe, fand ich: 1) daß das Weißwerden der Lacks und Forellen-Eier im Wasser von niedriger Temperatur (unter 8° R.) nicht so häufig stattfindet, als im Wasser von mittlerer Temperatur (über 8° R.); 2) daß die weißen Eier in gefrorenem Wasser eine opalisirende Durchsichtigkeit annehmen; 3) daß die weißen Eier durch freiwilliges Austrocknen außer dem Wasser wieder durchsichtig werden; 4) daß das Weißwerden der Eier oft durch Wechseln des Wassers, durch Bewegung und Verrückung der Eier, durch Eindringen von Luft in das Wasser hervorgebracht |389| wird, daß hingegen 5) die Bebrütung und das Auskriechen in einem Medium, wo das Ei in Ruhe bleibt, gehörig vor sich gehen; 6) daß in Wasser von niedriger Temperatur der Byssus (Flockenpilz, Schwindelschimmel) selten vorhanden ist, und daß dessen Entwickelung in dem Maaße abnimmt, als die Temperatur sich dem Gefrierpunkt nähert.

III. Ernährung und Verbreitung der jungen Fische.

Alle Versuche welche ich gemacht habe, um den jungen Fisch, nachdem das Nabelbläschen resorbirt ist, zu ernähren, haben mir bewiesen, daß dieß nicht nöthig und es vorzuziehen ist, die Fische einige Tage nach dem Verschwinden dieses Bläschens in den Gewässern zu verbreiten.

Auch habe ich mich überzeugt, daß der Transport der jungen Fische, namentlich derjenigen welche in Quellwassern leben, sehr schwierig, und daß es weit vorzuziehen ist, die Eier in demselben Wasser, worin der junge Fisch aufgezogen werden soll, auch auskriechen zu lassen.

Gegenbemerkungen von Hrn. Chabot, Director der Anstalt für künstliche Fischzucht zu Enghien.

Mehrere in vorstehender Abhandlung mitgetheilte Beobachtungen stimmen mit meinen Erfahrungen nicht überein:

1) Hr. Millet empfiehlt in dem Falle, wo es nöthig wird die befruchteten Eier zu transportiren, diesen Transport unmittelbar nach der Befruchtung vorzunehmen, weil jede Verzögerung nachtheilige Folgen habe und Verlust veranlasse.

Diesem Rath entsprechend, habe ich mehrmals von den Ufern der Meuse aus beiläufig 100,000 Lachseier versendet, mit allen erforderlichen Vorsichtsmaßregeln, damit sie wohlerhalten am Ort ihrer Bestimmung anlangen, und fast alle waren verdorben als sie dort ankamen. Und doch war ihre Befruchtung nach den Vorschriften des Hrn. Millet, dessen Mitarbeiter an der Anstalt zu Enghien ich im Jahr 1853 war, bewerkstelligt worden. Ich kann dieses Mißlingen nur der Störung zuschreiben, welche eine zu sehr übereilte Versendung nothwendig in der Periode der Entwickelung, welche auf das Einsaugen der befruchtenden Molecüle folgt, veranlassen muß.

2) Hr. Millet ist der Ansicht, daß zur regelmäßigen Entwickelung der Eier absolute Unbeweglichkeit erforderlich sey, und daß ihnen jede Bewegung während der Bebrütung schädlich werde.

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Meine Versuche mit einigen Species aus der Familie der Lachse bestätigen diese Ansicht nicht. Die Eier der Lachse, Forellen, Asche kann man, wie ich mich überzeugte, mittelst der Hand oder verschiedener Instrumente sehr oft verrücken, ohne daß ihre Entwickelung dadurch benachtheiligt wird; wenn sie wirklich befruchtet sind, kommen sie ebenso gut, wie die nicht in gleicher Weise bewegten, zum Auskriechen. Es läßt sich hier auch nicht sagen, daß die Verschiedenheit der Resultate von den verschiedenartigen Umständen herrührt, unter welchen man operirt; denn in beiden Fällen wurden die Versuche in Coste's Vorrichtung zum Ausbrüten der Eier gemacht, welche man gegenwärtig überall anwendet, wo man sich mit künstlicher Fischzucht beschäftigt (m. s. Seite 377 der vorhergehenden Abhandlung). (Comptes rendus, Februar 1854, Nr. 6).

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