Titel: Ueber das sogenannte elektrische Leuchtgas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1854, Band 131/Miszelle 3 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj131/mi131mi01_3

Ueber das sogenannte elektrische Leuchtgas.

Die Litterary Gazette vom 23 Juli v. J. enthielt einen ebenso auffallenden als unglaublichen Artikel, folgenden Hauptinhalts:

„Wir haben in dieser Woche eine der erstaunlichsten Entdeckungen anzukündigen, die Verwandlung des Wassers in ein nicht explodiren des Leuchtgas durch elektro-magnetische Zersetzung. Durch diese Entdeckung, sagt der Prospectus der Compagnie welche sich zu deren Ausbeutung bildete, kann das Wasser mit ganz unbedeutenden Kosten in Gas verwandelt werden, indem 1000 Kubikfuß Gas nicht über 6 Pence zu stehen kommen dürften. Wie bei allen auftauchenden großen Erfindungen, wurden die vorläufigen Versuche bisher nur in kleinem Maaßstab gemacht, aber Dr. Leeson, Mitglied der Royal Society, bestätigt ihre vollkommene Anwendbarkeit im Großen. Auf Einladung des interimistischen Vorstandes der Compagnie, Hrn. Shephard, haben wir uns selbst der Prüfung dieser Erfindung unterzogen. Eine magneto-elektrische Maschine von großen Dimensionen wird zur Zersetzung einer in mehreren Flaschen enthaltenen Flüssigkeit angewandt; das aus diesen Flaschen tretende Gas zieht durch eine Kohlenwasserstoff-Verbindung, welche ihm die Leuchtkraft mittheilt; man sammelt es sodann und verbrennt es sogleich in einem gewöhnlichen Brenner. Der Hauptpunkt der Entdeckung ist ein gewisses geheim gehaltenes Präparat, welches nur 2 Pence per 1000 Kubikfuß Gas kostet, und die Eigenschaft besitzt, das zu zersetzende Wasser so zu modificiren, daß die entwickelten Gase keine Explosion mehr machen können. Bekanntlich besteht das Wasser aus 88.9 Gewichtstheilen Sauerstoff und 11.1 Wasserstoff; eine Analyse des neuen Gemisches, welche Hr. Holmes, Professor der Chemie am royal Panopticon machte, ergab, daß es 12 Sauerstoff und 82 Wasserstoff enthält.“ Hr. Abbe Moigno, welcher den erwähnten Prospectus der Merkwürdigkeit wegen vollständig in seinem Cosmos vom 29 Juli v. J. mittheilte, bemerkte dabei sehr richtig, daß das Geheimniß der Entdeckung ganz einfach darin bestehen muß, dem Wasser eine Substanz zuzusetzen, welche sich des Sauerstoffs in dem Maaße bemächtigt, als er durch die Wirkung des magneto-elektrischen Stroms frei wird. Was sich dann noch entwickelt, ist Wasserstoff, den man mit Kohlenstoff verbindet und verbrennt; dieser Wasserstoff enthält eine kleine Menge Sauerstoff, ein Siebentel dem Gewichte oder 1/112tel dem Volum nach, also zu wenig um eine Explosion machen zu können.

Seitdem hatte Hr. Abbé Moigno selbst Gelegenheit einer Darstellung des elektrischen Gases beizuwohnen, von welchem in Paris sehr viel gesprochen wurde, nachdem damit Versuche vor Ihren kaiserlichen Majestäten angestellt worden waren. Hr. Moigno bemerkt im Cosmos vom 9. December v. J. nachträglich Folgendes über diese Gaserzeugung:

„Der Hergang ist ganz so, wie wir vermuthet hatten. Der Apparat ist eine magneto-elektrische Rotationsmaschine mit sieben Inductionsspiralen; das zu zersetzende Wasser ist in sieben kleinen Glasflaschen enthalten, in welche die verbundenen Elektroden münden; von diesen Flaschen gehen Röhren aus, welche sich zuletzt in einer einzigen vereinigen, durch die das erzeugte Gas austritt, um sich im Gasometer zu sammeln. Das ganze Geheimniß besteht darin, daß dem Wasser eine noch unbekannte Substanz zugesetzt wird, welche wegen ihrer starken Verwandtschaft zum Sauerstoff denselben in dem Maaße, als er sich entwickelt, größtentheils absorbirt und zugleich die Zersetzung des Wassers erleichtert, so daß der Gasometer nur Wasserstoff enthält, dem so wenig Sauerstoff beigemischt ist, daß er nicht explodiren kann, und welcher auf seinem Wege durch einen geeigneten (flüssigen) Kohlenwasserstoff |80| gekohlt worden ist. Die ganze Merkwürdigkeit des Versuchs, welchem wir beiwohnten, besteht in der Thatsache, daß die Kraft eines Mannes in einer gegebenen Zeit soviel Kohlenwasserstoffgas entwickeln kann, als erforderlich ist, um während derselben Zeit sieben gewöhnliche Brenner zu speisen. Dieß ist gewiß sehr interessant, aber bis zur Verdrängung des Steinkohlengases durch das sogenannte elektrische Gas ist noch ein ungeheurer Schritt. Die fragliche Erfindung wurde übrigens von dem bereits verstorbenen belgischen Abbe Nollet gemacht, und Hr. Shephard ist einer ihrer Haupteigenthümer. – Man versuchte dieselbe Maschine für das elektrische Licht anzuwenden. Aber die Ströme, welche sie erzeugt, haben nicht alle dieselbe Richtung, und dieser Umstand, welcher die Zersetzung des Wassers durchaus nicht verhindert, macht eine konstante und intensive Beleuchtung mittelst der Kohlenspitzen am Ende der zwei Pole ganz unmöglich.“

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