Titel: Bericht über einen im October 1853 unternommenen Besuch der kais. französischen Anstalt für künstliche Fischzucht bei Hüningen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1854, Band 131/Miszelle 11 (S. 158–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj131/mi131mi02_11
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Bericht über einen im October 1853 unternommenen Besuch der kais. französischen Anstalt für künstliche Fischzucht bei Hüningen.

Hr. Detzem, Ingenieur am Rhone-Rheincanal, der die Anstalt bei Hüningen ins Leben rief und mit der unmittelbaren Oberleitung derselben betraut ist, sofort nach meiner Ankunft zu Basel von meinem Wunsche, diese Anstalt in allen ihren Beziehungen kennen zu lernen, benachrichtigt, hatte die Güte am 14 October von Mühlhausen hereinzukommen und mir zum belehrenden Führer zu dienen.

Am frühen Morgen besuchten wir den Fischer Glasser zu Kleinbasel, der Tags zuvor 150 Zuchtforellen aus dem Schwarzwalde für die Anstalt erhalten hatte und unter denen sich ein Weibchen mit bereits reifen Eiern vorfand. Diese günstige Gelegenheit benutzte Hr. Detzem, um mir die künstliche Befruchtung in ihren Einzelheiten u.s.w. zu zeigen, worauf er die befruchteten Eier zu meiner Verfügung stellte. Leider konnte ich, weil ich die Vorbereitungen versäumt, noch keinen Gebrauch davon machen, daher sie an Hrn. Coste nach Paris gesendet wurden.

Von da fuhren wir über St. Louis längs den Häusern von La Chaussée nach der Schleuße Nr. 4 des Canals, in ziemlicher Entfernung von Hüningen, wo im ehemaligen Bette des Rheins – im Löchelbrunnen, einem Zuflusse des Stichmühlbaches – die ersten Versuche mit der künstlichen Fischzucht gemacht worden waren. Die Gegend ist hierzu ganz geeignet. Das Wasser des Baches ausgezeichnet. Hier untersuchte ich vor allem die Art und Weise, wie die befruchteten Fischeier bis zum Ausschlüpfen der Fischchen behandelt werden. Sie werden in Kästen gebracht, auf eine zwei Zoll hohe Schicht von Sand und Kies ausgebreitet, und in den Bach so tief gestellt, daß das Wasser anderthalb Zoll hoch gleichförmig darüber hinfließt. Solcher Kästen sind etwa 140 vorhanden, von 3 Fuß Länge, 1 Fuß Breite und 9 bis 10 Zoll Höhe, vorne und hinten mit Drahtgitter versehen, damit das Wasser ein- und ausfließen kann; sie werden der Länge nach 3 bis 4 nebeneinander, auf schmalen Querbohlen in den Bach gebracht, und damit man jeden einzelnen bequem zu übersehen vermag, führt zwischen je zwei Reihen ein Steg von einem Ufer zum andern. Die Blechbüchsen haben sich als ungeeignet erwiesen und werden hier nicht gebraucht, wobei ich noch bemerken will, daß die Urtheile über Haxo's Schrift, und über Gehin nicht weniger als günstig lauten.

Dieß gesehen, gingen wir zu den nahgelegenen Weihern, die sich an den beiden Seiten des Canals hinziehen und in welchen theils die Zuchtfische aufbewahrt, theils die aus der künstlichen Befruchtung hervorgegangenen Fischchen gebracht und gefüttert werden. Sie sind durch Bretter oder durch Weidengebüsch geschützt, werden vom Canal gespeist; der Damm des Canals schützt sie, sowie den Löchelbrunnen und Stichmühlbach gegen die Ueberschwemmung des Rheins.

Hr. Detzem, der die Zuvorkommenheit gehabt hatte sein Dienstpersonal überall, wo wir hinkamen in Bereitschaft zu stellen, ließ aus diesen Weihern aus künstlicher Befruchtung hervorgegangene Fische fangen – so Forellen, Huchen Karpfen u.a.m. und mir vorzeigen; ebenso mehrere Welse, die aus dem Federsee hieher gebracht worden waren, um mit ihren Eiern und Samen die künstliche Befruchtung vornehmen zu können. –

Diese erste, ursprüngliche Anstalt, die drei Jahre besteht, wird inzwischen bald eingehen, da man näher gegen Basel hin bei der Schleuße Nr. 2 auf einer Strecke von 40 Hektaren eine zweite großartige, allen Anforderungen und Bedürfnissen entsprechende zu gründen angefangen hat. Bereits sind die Wasserbauten hier der Hauptsache nach vollendet; von den nöthigen Gebäuden sieht man dagegen kaum mehr als das Gerippe. Die Ausführung derselben, so wie noch manche andere Vorrichtung fordert wenigstens noch die Summe von 150,000 Franken.

Der Stichmühlbach liefert hier allein das nöthige Wasser; er fließt nahe am Ufer des alten Rheines dahin.

In dieser Anstalt sollen nicht bloß in Frankreich bereits einheimische Fische künstlich vermehrt, sondern es soll auch versucht werden, die Fische aller andern Länder und Zonen auf dieselbe Weise zu vermehren, zu akklimatisiren und zu erziehen, um mit ihnen die Flüsse, Seen und Canäle Frankreichs bevölkern zu können.

Die wesentliche Einrichtung derselben, der wir den Nachmittag widmeten, besteht in Folgendem:

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In Weihern, deren gegenwärtig fünf vorhanden sind, und die sämmtlich aus dem Stichmühlbach gespeist, jedoch einzeln genau abgeschlossen werden können, werden die verschiedenen Zuchtfische gesammelt und aufbewahrt.

Der Abfluß aus diesen Weihern, so wie das übrige Wasser des Stichmühlbaches sammelt sich in einem mit Backsteinen ummauerten Bassin.

Von diesem Bassin gehen parallel nebeneinanderlaufend 7 Canäle aus, etwa 21 Zoll breit, eben so tief, über 100 Fuß lang, auf beiden Seiten von Bohlen umschlossen und durch schmale Pfade getrennt. Die Schicht Wasser, welches über Kiesgerölle in gleichmäßigem Falle diese Canäle durchfließt, hat eine Tiefe von 4 bis 5 Zoll. Sie sind zum Ausbrüten der verschiedenen Fischeier bestimmt, was in besonderen kleinen flachen Kästchen, welche einige Tausend Eier fassen, geschieht.

Jeder dieser Canäle theilt sich am Ende in zwei halbmondförmig auslaufende Bäche, deren also 14 vorhanden sind. Sie können in ihrem Anfange und Ende genau durch Drahtgitter geschlossen werden, so daß bloß dem Wasser der Durchfluß gestattet ist. Der Abfluß sämmtlicher bildet die Fortsetzung des Stichmühlbaches. Durch Dämme, die mit geeigneten Gebüschen bepflanzt sind, werden sie von einander getrennt. Jeder Canal theilt sich deßwegen in zwei Bäche, damit der erste Bach die durch künstliche Befruchtung gewonnenen Fischchen des ersten Jahres aufnehme, während der zweite Bach die des zweiten Jahres aufnimmt; denn zwei Jahre müssen die Fischchen ganz abgesondert für sich gepflegt werden, sollen sie nicht größeren Fischen zur Beute werden, oder sonst zu Grunde gehen. Nach dem zweiten Jahre können sie aber ohne allen Nachtheil den Bächen, Flüssen und Seen übergeben werden.

Hr. Detzem hatte auch hier die Güte, mir aus diesen Bächen 1 und 2 Jahre alte durch künstliche Befruchtung gewonnene Fischchen fangen und vorzeigen zu lassen, so Lachse, Forellen, Huchen, Aeschen, insbesondere Bastarde von Forellen und Lachsen.

Ueber dem Bassin und über die obere Hälfte der Canäle erhebt sich ein umfangreiches Gebäude – als Wohnung für das Wart und Pflegepersonale, vorzüglich auch dazu bestimmt, um die verschiedenen Verrichtungen, welche die künstliche Fischzucht erfordert, mit aller Ruhe und Bequemlichkeit, geschützt gegen den Einfluß der Witterung vornehmen zu können, als: die Befruchtung der Fischeier, die Versendung derselben, das Auspacken anderswoher bezogener Fische und Eier, das Ordnen dieser in die Brutkästen, die Fütterung der jungen Fischchen, ihre Verschickung u.s.w. Gleichzeitig dient es zum Schutze des Bassins und der Canäle gegen die Einwirkung strenger Kälte.

Es bedarf kaum der besondern Erwähnung, daß bei dieser Gelegenheit die wesentlichen Punkte über künstliche Fischzucht nach allen Seiten hin besprochen wurden, wie denn Hr. Detzem seine seither gewonnenen Erfahrungen ohne Rückhalt mittheilte.

Die Vornahme der künstlichen Befruchtung selbst unterliegt weniger Schwierigkeit; die Schwierigkeit beginnt erst, wenn die Fischchen den Eiern entschlüpft sind. Denn sie müssen in geeignetes Wasser gebracht, von allen Raubfischen fern gehalten und gegen sonstige Feinde und Nachtheile geschützt werden, was zwei Jahre hindurch nöthig ist. Hierzu kommt ein anderer wichtiger Punkt – die Fütterung; eine zweckmäßige Fütterung hat den entschiedensten Einfluß auf das Gedeihen und Wachsen der Fische – namentlich der Huchen, Lachse, Forellen, Aeschen u. dergl. – Ueber diesen Punkt hoffe ich im nächsten Jahre aus eigener Erfahrung mittheilen zu können. Dr. Balling, k. Brunnenarzt zu Kissingen. (Würzburger gemeinnützige Wochenschrift, 1853, Nr. 51.)

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