Titel: Ueber eine Schwefelbildung in der neuesten Zeit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1854, Band 131/Miszelle 4 (S. 461–462)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj131/mi131mi06_4

Ueber eine Schwefelbildung in der neuesten Zeit.

Ueber diesen Gegenstand hielt Hr. Dr. Zimmermann aus Hamburg bei der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Wiesbaden, im September 1852, einen Vortrag folgenden wesentlichen Inhalts:

„Am südwestlichen Rande der Stadt Hamburg ist bei Gelegenheit eines Siehlbaues ein Lager natürlichen Schwefels entdeckt worden, das augenscheinlich erst in den letzten Jahrhunderten entstanden ist. Hinter der Kehrwieder-Straße nämlich, zwischen dieser und dem Wall befand sich ein Canal, Fleeth genannt, in welchen sich viele Kloaken aus den Wohnungen des Kehrwieders ergießen, und der, weil er häufig einen üblen Geruch verbreitete, jetzt zugeworfen wird. Um aber den Kloaken wieder Abfluß zu verschaffen, ward parallel dem Canale auf dem Wall ein gemauertes Siehl angelegt. Als der hiezu gegrabene Stollen bis 18 Fuß Tiefe eröffnet war, entwickelte sich aus dem Boden eine so große Menge Schwefelwasserstoffgas, daß die Arbeiter erkrankten, Schwindel und Augenentzündung bekamen, und ihre silbernen Uhren, ihr Geld geschwärzt wurden, und sie deßhalb halbstündlich abgelöst werden mußten Die Baubehörde ersuchte daher den Apotheker Ulex, das Siehl zu untersuchen, um wo möglich die Ursache der schädlichen Gasentwickelung zu erforschen. Ulex fand nun, daß das Gas sich aus einer grauen Erdschichte entwickelte, welche in der Tiefe von 18 Fuß ein 3 Fuß mächtiges Lager bildete, das an zwei Stellen des Walles, jedesmal in der Länge von 150 Fuß, durchschnitten war. Er erkannte diese Erdschichte sogleich als eine Schwefelerde, die aus einem innigen Gemenge von Schwefel und Gyps bestand, und worin sich eine große Menge kleiner Schwefel-Rhomboeder auskrystallisirt fanden.

Der ursprüngliche Boden dieser Localität, ein Theil des Grasbrooks, ist Marschland, worin sich aufeinanderfolgend Holz- und Muschelschichten finden. Der Wall besteht aus aufgefahrener Erde, die einst aus einem Canal gewonnen wurde. Außerdem ward beim Graben des Siehles eine so große Menge Knochen herausgefordert, daß wochenlang täglich an 1000 Pfd. fortgeschafft wurden Der Canal hatte seit Jahrhunderten jeglichen Abraum in sich aufgenommen und dadurch fortdauernd einen Herd für die Bildung von Schwefelwasserstoff abgegeben, der in die lockere Erde des |462| Walls eingedrungen, dort zur Absetzung des Schwefels Veranlassung gab. Außerdem ward auch aus der Schwefelerde mit Hülfe von siedendem absolutem Alkohol Leichenfett (adiposir) ausgezogen, und dadurch bewiesen, daß hier Fleisch, welches wahrscheinlich den Knochen angehangen, in Verwesung übergegangen war Unter den Knochen fanden sich nämlich auch menschliche Knochen, und nach einer Sage wurden hier, bevor der Wall aufgeworfen war, Tausende von Seeräubern hingerichtet und eingescharrt. An eine Verschüttung des Schwefels ist nicht zu denken; denn 1) ist die Masse desselben zu groß und zu weit ausgedehnt; 2) kommt der Schwefel in jener Form im Handel gar nicht vor, und 3) haben die niedlichen kleinen Krystallgruppen, die theils die leeren Räume ausfüllen, theils durch die ganze Masse zu Millionen vertheilt sind, ganz den Charakter der Bildung an Ort und Stelle.

Schwefelwasserstoff war also genügend vorhanden, um Schwefel und jene Krystalle zu erzeugen; denn theils entwickelte er sich aus der faulen Gährung im Boden selbst, theils lieferte die parallel daneben liegende Kloake, der Canal, denselben in hinreichender Menge. Luft blieb im lockern Boden nicht ausgeschlossen, und so zersetzte sich der Schwefelwasserstoff auf doppelte Weise, theils Schwefel und Wasser bildend, theils zu Schwefelsäure sich oxydirend, die, vom Kalk der Knochen aufgenommen, Gyps bildete.“ (Aus dem Amtlichen Bericht über die 29te Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte. Wiesbaden 1853.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: