Titel: Krappfarben von J. H. Weiß in Mülhausen in Thüringen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1854, Band 131/Miszelle 6 (S. 462–465)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj131/mi131mi06_6

Krappfarben von J. H. Weiß in Mülhausen in Thüringen.

Für Lieferung der schönsten Krapplacke,“ heißt es in dem Berichte der Preisrichter für die Weltausstellung in London (Reports by the Juries S. 50) „wird I. H. Weiß in Mülhausen die Preismedaille zuerkannt.“ Wer da weiß, welche Mächte in London behufs der Preiserringung in Bewegung gesetzt wurden, der wird die Bedeutung der Ertheilung des Preises an einen zurückgezogenen Greis von 67 Jahren, welcher in der alten Reichsstadt Mülhausen in Thüringen nur seiner Kunst lebt, zu würdigen wissen. Die Sache hat sich durch sich selbst Geltung verschafft! Die Weiß'schen Krappfarben haben auf der ersten allgemeinen Thüringer |463| Gewerbeausstellung in Gotha dann auch den ersten Preis verdienter Weise erhalten. Wir wollen nun Einiges über diese Farben hier anführen.

Es ist nicht leicht, das Pigment der Krappwurzel in voller Reinheit für die Farbenbereitung so auszuziehen, daß man dadurch Farben erhält, für welche man Preise erzielen kann gleich denen der Pariser Fabricanten für ihre wahrhaft prachtvollen mit Cochenille und Fernambuk vertieften Farbensorten unter dem Namen „Krappcarmin.“ Verschiedene Krappsorten, ja verschiedene Jahrgänge erzeugen verschiedene Töne. Es gehört die sorgsamste Umsicht des Fabricanten dazu, um durch Anwendung besonderer Beizen Gleichmäßigkeit der Töne zu erzielen.

Hr. Weiß begründete, um obengedachte Gleichförmigkeit der Töne mehr und mehr in die Gewalt zu bekommen, mit dem Jahre 1837 einen eigenen Krappbau in Thüringen, und wirklich hat er von 1838 bis zum Jahr 1852 seine sämmtlichen Farben aus selbst gebautem Krapp bereitet. Im Jahre 1848 wurde dieser Anbau jedoch unterbrochen, in Folge der bedeutenden Aufregung unter den Arbeitern überhaupt, und konnte im Jahr 1853 noch nicht wieder aufgenommen werden. Bei den Erkundigungen, die Hr. Weiß in Folge der eingetretenen Verhältnisse über holländische Krappe anstellte, und aus deßfallsigen Versuchen ergab sich der merkwürdige Umstand, daß jene über Bremen, Hamburg oder Köln bezogenen Krappe, selbst bis zu dem hohen Preise von 24 Thalern den Centner bezahlt, mindestens ein Dritttheil weniger Pigment enthielten, als die von ihm selbst erbauten Krappe, die in offenen kaum mit Tüchern zugedeckten Fässern in den Scheuern oft 2 bis 3 Jahre lagerten und trocken blieben, auch, wie guter holländischer Krapp, eine rothbraune Farbe besaßen. Jene Mindergüte des holländischen gemahlenen Krapps läßt auf Verfälschung schließen. Dieser gemahlene holländische Krapp hat eine senfgelbe Farbe, die sich in etwas feuchter Luft nach kurzer Zeit in Kastanienbraun verändert. Ein wässeriger Abguß des Pulvers schmeckt zuckersüß, während die Krappwurzel einen mehr bittern als süßen Geschmack besitzt. Reagensversuche haben im Krapppulver Zusatz von Weidenholz nachgewiesen. Dieser Zusatz thut der Erzeugung von angenehmen Rosatönen keinen Eintrag, wenn auch der Farbenfülle in einer gegebenen Menge Pulver. Die Süße desselben hat aber eine andere Wurzel, als sie der ächten Krappwurzel eigen ist. Die Leichtlöslichkeit, die bedeutende Wasserziehungskraft und der Minderrückstand beim Ausziehen des Pigments gegen guten Krapp gehalten, weisen bestimmt auf eine Beimischung anderer Stoffe zum Krapppulver hin.

Man hat uns gesagt, daß jene Eigenschaft sich durch vorsichtig getrocknete und gepulverte gelbe Zuckerrübe vortrefflich und jedenfalls sehr einträglich dem Krapppulver ertheilen lasse. Sey dem nun wie ihm wolle, so können wir doch so viel behaupten, daß jenes holländische Krapppulver kein beroofter Krapp ist. denn er ist nicht beraubt,“ sondern beschenkt, aber es ist selbst nicht die schlechteste Sorte des More Mull. Denn diese sieht nicht senfgelb, sondern braun aus. Jene holländische Windmühlenflügelei veranlaßte Hrn. Weiß, als ihm sein eigener Krapp ausging, sich schlesischer Elektoralkrappe zu bedienen, die inzwischen auch einen um 1/4 geringeren Ertrag an Lack als sein eigenes Gewächs gaben.

Avignoner und Levantischen Krapp hat unseres Wissens Hr. Weiß nicht verarbeitet, weil sie zu theuer sind.

Indem wir die Verwender von gemahlenem Krapp auf die entdeckten statthabenden Verfälschungen aufmerksam machen. gereicht es uns zugleich zum Vergnügen mittheilen zu können, daß Hr. Weiß sich entschlossen hat, in diesem Jahre wieder vier Acker mit Krapp zu bestellen, und wird mit anerkennenswerther Freigebigkeit im Jahr 1855 bereit seyn. gratis Keimlinge zum Anlegen abzugeben, dort wo man gesonnen ist, mit der Cultur des Krapps zu beginnen. Er wird mit seinen reichen Erfahrungen im Krappbau nicht hintanhalten und ist der auf Thatsachen gestützten Ansicht, daß überall da in Deutschland, wo sich die geeignete Mischung von Kalk und Lehm im Boden vorfindet, der Bau gedeihen wird. Daß man diesem in Deutschland die verdiente Aufmerksamkeit schenken möge, ist sehr zu wünschen. Die Summen oder vielmehr Arbeitskräfte, welche wir für Krapp dem Auslande bezahlen, gehen ins Ungeheure. Sein Anbau ist, gehörig und rationell betrieben, einer der einträglichsten Betriebe.

Der deutsche Krappfabrikant, der das Carminiren der Pariser Fabrikanten nicht so weg hat, hilft sich am liebsten durch die Anfertigung von „krystallisirten |464| Krapplacken.“ Das Verfahren hat aber seine Uebelstände. Denn wenn die Alaunerde in Verbindung mit dem Krapppigment mit Salmiak, kohlensaurem Kali oder kohlensaurem Natron niedergeschlagen wird, so treten schwefelsaures Ammoniak, Kali oder Natron auf. Dadurch wird aber nicht allein das Gewicht vermehrt, sondern der Lack sieht auch viel schöner und tiefer aus, als die reinen ächten Lacke von Weiß aussehen, welche letztere solchergestalt von den Kunsthandlungen und den oft unwissenden Käufern nicht vorgezogen werden.

Die Kunstmaler sind inzwischen nicht wohl berathen, wenn sie jene Krystalllacke in Gebrauch nehmen. Die Salze sind es, die jenen Krapplacken eine vermehrte Deckkraft in der Lasur der Gemälde verleihen, welche den Lacken von Weiß nicht innewohnt. Inzwischen eine einsichtige vorurtheilsfreie Prüfung muß ergeben, daß jene Salze, deren Anwesenheit von jedem Chemiker leicht nachgewiesen werden kann, auf Metallfarben zersetzend wirken. Die Krystalllacke springen auf den Gemälden und geben Risse, während dieß bei reinen Lacken von Weiß nie der Fall ist. Derselbe lieferte eine Nachbildung des sehr empfohlenen Bettkaber (?) Lacks, der das Loth 1 1/2 Thaler kostet, für 12 Sgr. das Loth eben so schön, aber haltbarer.

Die sogenannte Carmination der Krapplacke, d.h. die Versetzung mit zwar blendenden aber nicht haltbaren rothen Farbstoffen, wie Cochenille, Fernambuk, wird oft sehr weit getrieben. So z.B. bei einer Smyrnaer Krapplack benannten Farbe. Eine angestellte Prüfung ergab bei dieser, daß sie eine große Menge ungehöriger Stoffe mit sich führte, so Faserstoffe wie Salze, und zwar bis zu einem Grade, daß das Gewicht jener Ungehörigkeiten ein größeres war, als das des reinen Krapplackrückstandes. Daß eine solche Verunreinigung der Krapplacke höchst nachtheilig für feine Kunstmalerei seyn muß, liegt auf der Hand, abgesehen von der Uebervortheilung des Käufers, dem eine scheinbar schönere aber unächte Farbe dafür nicht Ersatz zu bieten vermag. Weiß wendet keine Cochenille, keinen Fernambuk, keine Chemikalien an, um seine Lacke zu schönen und schwer zu machen. Und er thut Recht daran. Denn wenn seine Krapplacke, die reine Krappfabricate und nicht nur gekrappte Farbstoffe sind, auch die Tiefe jener mit Kremserweiß gemengten nicht besitzen, so übertrifft doch die klarere Lasur der Lacke von Weiß, wie wir uns selbst überzeugt haben, die anderer Lacke. Wir warnen daher die Verwender von Krappfarben, sich von dem Scheine blenden zu lassen, und namentlich die Kunstmaler, denen alles daran liegen muß, ein unverfälschtes Fabricat zu erhalten, damit ihre werthvollen Kunsterzeugnisse nicht aus Schuld schlechten Materials später unwiederbringlich zu Grunde gehen oder sich ganz anders zeigen, als sie ursprünglich geschaffen sind. Alle Künstler sollten daher ihre Krapplacke stets in natürlicher trockner Form und nicht mit Oel gemengt oder in Form von Moist und Honey colours etc.“ kaufen. Sie werden bei diesem Verfahren nicht allein sicher gehen, sondern auch viel billiger fahren.

Aber nicht allein zur Kunstmalerei eignen sich die Krapplacke van Weiß vorzugsweise vor anderen dergleichen Erzeugnissen, sondern auch mit besonderem Vortheil zur sogenannten Decorations- oder Zimmermalerei. Die von Hrn. Weiß auf der ersten allgemeinen thüringischen Gewerbeausstellung in Gotha zur Anschauung gebrachten Anstrichtafeln zeigten nicht allein dem Auge höchst wohlgefällige Farbentöne in Krapprosa, sondern bewiesen auch deren Unveränderlichkeit während eines sechswöchentlichen Auehängens im vollsten Lichte. Der zarte rosa Farbenton, der mittelst des Rosa Nro. 4 und einem Zusatz von 7 Theilen Schwerspath erzeugt ist, gibt immer noch eine liebliche Färbung und ist eben so wohlfeil, wenn nicht wohlfeiler aufzutragen als es mit einer grünlichen oder bläulichen Farbe geschehen kann. Dabei ist aber noch ganz besonders zu berücksichtigen, daß die Krappfarbe ganz unschädlich ist.

Es dürfte auffallend erscheinen, daß es erst unserer Empfehlung bedarf, um die Weiß'schen Farben mehr in Aufnahme zu bringen, da sie sich ihrer innewohnenden Vorzüglichkeit halber, besitzen sie solche wohl schon von selbst Raum machen werden. Inzwischen dürfen wir die hemmende Concurrenz von Seiten der Verbreiter schlechterer Farben von nicht zu geringem Einfluß anschlagen. Die Baumeister und Zimmerbesitzer haben selten eine Kenntniß von der inneren Güte der Anstrichfarben. Sie verlassen sich auf die Besorger von Wandverzierungen mit Anstrichen und Tapeten! Nun aber ist es klar, daß verbleichende Tapeten und verschießende Anstriche den Wechsel der Wandverzierungen befördern.

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Die geschickten Decorationsmaler aber, denen allerdings nichts daran liegt, daß die Kunstwerke ihres Pinsels vor dem strengen Antlitz der Sonne erbleichen, sind in der Regel weniger farbenprüfende Chemiker, als vertrauungsvolle Käufer in den Farbenhandlungen, von denen sehr viele die ächten Krappfarben nicht führen. Die gewöhnlichen Zimmeranstreicher aber sind nicht eben sehr geneigt, sich aus ihrem alten Schlendrian herauszuwickeln, und die allerdings etwas verschiedene Art der Zurichtung und der Behandlung beim Anstreichen, wie sie die Krappfarben erheischen, sich anzueignen.

Wir werden für diejenigen welche es angeht, jene Zurichtung und Behandlung hier näher beschreiben.

Die ächten Krappfarben, wie Weiß sie liefert, müssen, nachdem sie fein gerieben sind, mit weniger Wasser als man bei anderen Farben anwendet, aber mit etwas mehr Leimlösung angemacht werden. Diese Leimlösung erzeugt man sich am besten mit gut bindendem Flechsenleim im Verhältniß von 1 Theil Leim auf 7 Thle. Wasser. Diese 8 Pfd. Leimlösung seihet man durch ein Tuch. Nachdem man die Farbe zu dieser Lösung in einem Topfe gemischt hat, stellt man denselben in ein zweites Gefäß mit heißem Wasser, so zwar, daß die Anstrichfarbe im Topfe eine Temperatur von 35° R. beibehält. So erwärmt muß der Anstrich mit der Farbe vorgenommen werden. Denn nur in der Wärme löst sich das Krapppigment im Leimwasser ganz auf. Warmgestrichen wird daher die Farbe tiefer, voller und vertheilter. Streicht man aber kalt oder nur etwas lauwarm auf, so fängt der Leim etwas zu gerinnen an, es entstehen schmutziggraue Streifen im Anstrich, und die Farbe trägt sich nicht gleichmäßig auf. Der warme Anstrich erspart gegen den kalten Anstrich 1/4 Farbe. Ein Zusatz von Schwerspath erzeugt einen Anstrich von tieferem Ton, als der ursprüngliche Farbenton ist, was von der vollkommenen Lösung des Krapppigments in der Wärme herrührt.

Beim Anstrich der Krappfarben ist inzwischen wohl zu beachten, daß sie nicht auf Kalkwand (Leder- oder Weißkalk mit Lehm gemischt), zumal nicht auf frische Kalkwand gestrichen werden dürfen. Sie theilen diese Eigenschaft mit mancher andern Farbe. Das Rothe erhält einen bläulichen Schein. Beim Anstrich auf eine gegypste Wand tritt diese Veränderung nicht ein. Frische Kalkwände sind nach dem Trocknen mit Papier zu beziehen. Am zweckmäßigsten erscheint uns das Anfertigen von einfarbigen Tapeten behufs der Zimmerverzierung in Rosa. Nachdem diese auf die Wand geklebt sind, können die gewünschten Verzierungen mit der Hand darauf gebracht werden.

Eine Berechnung der Kosten dieses Anstrichs auf Papier ohne Ende ergibt folgendes: Mit 1 Pfund Rosa-Krapplack Nr. 4 sind 28 Ellen Papier zu bestreichen = 2 Stück Tapeten à 14 Thaler. Aus einer Mischung von 1 Pfd. Rosa Nr. 4 und 7 Pfd. Schwerspath streichen sich 10 1/2 Stück Tapeten. Das Pfund Schwerspath (nicht theurer als Schlämmkreide) zu 8 Pfennig, das Pfund Rosa Nr. 4 zu 10 Sgr., ergibt 14 Sgr. 8 Pf. oder pro Stück Tapete 1 1/4 Sgr. 4 Pfund Schwerspath mit 1 Pfund Rosa Nr. 4 streichen 6 1/2 Stück und kosten, nach obigem Fuße berechnet, 12 Sgr. 8 Pf. oder 2 1/6 Sgr. pro Stück Tapete à 14 Ellen Leipziger Maaß. (Deutsche Gewerbezeitung, 1854, S. 33.)

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