Titel: Die unterseeische Telegraphen-Leitung durch das mittelländische Meer.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1854, Band 134/Miszelle 1 (S. 154–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj134/mi134mi02_1

Die unterseeische Telegraphen-Leitung durch das mittelländische Meer.

(Hierzu Fig. 10 u. 11 auf Tab. II.)

Wir haben bereits (polytechn. Journal Bd. CXXXIII S. 74) Nachricht gegeben von einer beabsichtigten Telegraphen-Leitung, welche von Spezzia aus theils unter Wasser, theils über Land über die Inseln Corsika und Sardinien nach der Nordküste von Afrika führen soll. Diese Linie ist gegenwärtig, unter persönlicher Leitung des Hrn. J. Watkins Brett, des Urhebers des Projectes, in rascher Ausführung begriffen; von den drei unterseeischen Strecken, offenbar den schwierigsten Theilen des Werkes, sind zwei, nämlich die Strecke von Spezzia zur Nordspitze von Corsika und die durch die Meerenge von St. Bonifacio, vor einigen Wochen glücklich hergestellt worden, und sobald die ebenfalls in Bau begriffenen Landleitungen auf den Inseln Corsika und Sardinien vollendet seyn werden, wird man zwischen Spezzia und Cagliari, an der Südspitze dieser letzteren Insel – in gerader Linie etwa 400 engl. Meilen Entfernung – correspondiren können.

Die Leitungstaue für jene beiden unterseeischen Strecken sind in London angefertigt worden; die HHrn. Tupper und Carr daselbst haben die Lieferung derselben, sowie des für den dritten Meeresübergang (von der Südspitze Sardiniens nach der afrikanischen Kuste) noch erforderlichen Taues übernommen, und deren Anfertigung den HHrn. Kuper u. Comp., ebenfalls in London, übertragen. Die Isolirung der Kupferdrähte mittelst eines Gutta-percha-Ueberzuges wird in den unter Leitung des Hrn. S. Statham stehenden Werken der Gutta-percha-Compagnie in London, Wharf Road, ausgeführt.

Dieses Tau, von welchem dem Verfasser eine Probe vorliegt, enthält 6 Leitungsdrähte und hat einen äußeren Durchmesser von 1 1/2 Zoll preuß. Die 6 Leitungsdrähte, vom besten Kupfer angefertigt, haben schwach 1/16 preuß. Zoll Durchmesser. Ihr Gutta-percha-Ueberzug ist ziemlich stark; die überzogenen Adern haben über 1/4 Zoll Durchmesser. Der Kern zwischen den Gutta-percha-Adern ist durch eine Trense aus Hanf, der stark in Theer getränkt ist, ausgefüllt und mit eben solchem getheerten Hanfe ist das ganze Bündel der 6 Leitungsdrähte ziemlich dick umsponnen. Die äußere schützende und zugleich beschwerende Hülle bilden 12 starke Eisendrähte oder vielmehr dünne Eisenstangen von 5/16 preuß. Zoll Durchmesser, welche, eng an einander schließend, in steilen Schraubenwindungen um das Leitungstau laufen; bei unserer Probe sind diese Eisendrähte nicht mit Zink überzogen (galvanisirt), wie von anderen Seiten angegeben wird. Fig. 10 auf Tab. II zeigt einen Querschnitt und Fig. 11 eine Seitenansicht dieses Taues in natürlicher Größe; g, g, g sind die kupfernen Leitungsdrähte; k, k, k der Gutta-percha-Ueberzug; h, h, h, h ist der Kern und die Umspinnung von getheertem Hanf, und e, e, e sind die 12 Eisendrähte der äußeren Seilhülle.

Einigen Nachrichten zufolge sollen bei diesem Seile die Leitungsdrähte nicht geradlinig und der Achse des Seiles parallel laufen, sondern schraubenförmig um einander gewunden seyn, weil Hr. Brett hierdurch denselben eine größere Elasticität |155| zu verleihen hoffe, damit sie auch bei starken Biegungen, die das Seil, den Uebenheiten des Meeresbodens folgend, etwa annehmen muß, nicht gesprengt werden könnten. Unser Probestück des Seiles ist zu kurz, um die Richtigkeit dieser Angabe zu constatiren; ob die angedeutete Construction dem beabsichtigten Zwecke entsprechen würde, mag hier unerörtert bleiben.

Das Seil wurde in der Fabrik in einem zusammenhängenden Ende von der Länge wie es für die beiden ersten unterseeischen Strecken von Spezzia nach Corsika und durch die Meerenge von St. Bonifacio, zusammengenommen nöthig war, angefertigt, so daß es an Ort und Stelle nur ins Meer gesenkt zu werden brauchte. Diese Länge betrug nicht weniger als 110 englische Meilen; die Entfernung zwischen Spezzia und der Nordspitze von Corsika mißt in gerader Linie nach früheren Nachrichten, die mit den besten Karten in Einklang stehen, etwa 80 englische Meilen, die Breite der Straße von St. Bonifacio etwa 8 Meilen, beide Strecken zusammen also in runder Zahl beiläufig 90 englische Meilen; durch frühere Erfahrungen belehrt, hat indeß Hr. Brett weitere 20 Meilen auf die hier nicht unbeträchtliche Tiefe des Meeres, auf die durch Unebenheiten des Meeresbodens bedingten Krümmungen des Leitungstaues, und auf die durch die Beschaffenheit des Meeresbodens in solchen Fällen stets mehrfach gebotenen Abweichungen von der geraden Richtung gerechnet. Es ist dieß das längste Leitungstau für untermeerische Telegraphenleitungen, welches bis jetzt ausgeführt worden; und auch hinsichtlich seines Durchmessers, der Stärke der umhüllenden Eisendrähte und hinsichtlich seines Gewichtes übertrifft es die ähnlichen früheren Leitungen; sein Gesammtgewicht betrug gegen 800 Tonnen (= 15,791 preuß. Centner = 16,248 Zoll Centner); von dem enormen Volumen dieses Taues wird man eine Anschauung gewinnen aus der von technischen Zeitschriften mitgetheilten Notiz, daß es auf dem Hofe der Fabrik, in gewöhnlicher Weise zusammengelegt, einen Ring bildete, dessen äußerer Durchmesser 75 englische Fuß. dessen Breite 24 Fuß und dessen Höhe 5 Fuß betrug.

Das englische Schraubendampfschiff the Persian war bestimmt, das Leitungstau nach Spezzia zu bringen und an gehöriger Stelle auf den Meeresboden nieder zu legen. Das Einladen und Verpacken des Taues in den Schiffsraum nahm mehrere Wochen in Anspruch. In der letzten Woche des Juni endlich konnte das Schiff in See gehen. Am 19. Juli langte es mit seiner Ladung glücklich in Genua an, und es wurden nun sofort unter lebhaftester Theilnahme und Beihülfe der sardinischeu Regierung die Vorbereitungen zur Einsenkung des Taues getroffen. Am 20. Juli Abends begab sich der „Persian“ nach Spezzia, begleitet von der sardinischen Dampffregatte „Constitution“ an deren Bord sich der Prinz v. Carignan, der Kriegsminister, der Minister der öffentlichen Arbeiten, die Gesandten Englands und Frankreichs und mehrere Notabilitäten des Parlaments, der Armee und der Verwaltung befanden, die dem Beginn der Einsenkung des Drahtes beiwohnen wollten. Gegen 4 Uhr des folgenden Morgens trafen beide Schiffe im Golfe von Spezzia ein, wo sich ihnen die königl. sardinischen Kriegsdampfschiffe Malfatano und Tripoli anschlossen, welche hei dem Unternehmen mitwirken sollten. Um 6 Uhr wurde mit der Operation begonnen. Man hatte ein kleines am Eingange des Golfes, an dessen östlicher Seite und nahe bei der Mündung des Flusses Magra gelegenes Fort, die batteria Santa Croce genannt, zum Ausgangspunkte der Linie ausersehen. Hier wurde zunächst das Ende des Taues vom „Persian“ etwa 100 Meter weit aufs Land gebracht; dieß nahm über 3 Stunden in Anspruch. Nachdem darauf die Enden der Leitungsdrahte in die Station Santa Croce eingeführt worden, feuerte der Prinz v. Carignan von hier aus, um 10 Uhr, mittelst des galvanischen Stromes durch das ganze, 110 engl. Meilen lange, im Schiffsraume des „Persian“ liegende Leitungstau hindurch eine der Kanonen dieses Schiffes ab; der Schuß erfolgte augenblicklich unter lautem Jubel der Anwesenden und war das Signal zum Beginne der eigentlichen Einsenkung des Leitungstaues. Der „Persian“ setzte sich sogleich in Bewegung, das langsam sich abwickelnde Tau hinter sich in die Tiefe des Meeres gleiten lassend, und steuerte in der Richtung auf Corsika hin, während die königlichen Kriegsdampfer als Eclaireure vorausgingen. Das Wetter war, sowie auch an den nächstfolgenden Tagen, der Operation ungemein günstig; es war fast windstill, die See war vollkommen ruhig. Hr. Brett hatte gehofft die Legung des Taues in etwa 1 1/2 Tagen zu bewirken, es traten indeß mancherlei Störungen und Hindernisse ein, welche die Ausführung verzögerten.

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Schon wenige Meilen vom Ausgangspunkte fand sich, daß einer der Eisendrähte der Seilhülle gebrochen war und sich auf einer ziemlichen Strecke abgewickelt hatte. Diese, zwar an sich so unbedeutende und so leicht zu reparirende Beschädigung veranlaßte dock einen beträchtlichen Aufenthalt; Hr. Brett mochte das Seil in diesem Zustande nicht einsenken, aber es gelang nur mit großer Mühe, der Abwickelung desselben Einhalt zu thun, um die gebrochenen Drähte zusammenlöthen zu können, da die Kraft der Dampfmaschine den gewaltigen Gewichte des ablaufenden Seiles kaum gewachsen war. Auch die große Tiefe des Meeres, welche an einigen Stellen bis 348 Brassen (rund 2000 Fuß) betrug, erschwerte das Unternehmen sehr. Es war mehrfach darauf gedrungen worden, die Leitung über die Insel Gorgona zu führen, welche nur wenig aus dem Wege liegt, weil hierdurch ein Ruhepunkt gewonnen wird, und auch das Wasser auf dieser Linie seichter ist; der Hr. Unternehmer hatte es aber entschieden vorgezogen, die Leitung in möglichst tiefes Wasser zu legen, um sie der Gefahr der Beschädigung durch Schiffsanker u. dgl. m. möglichst zu entrücken.

Am 24. Juli, Abends 6 1/2 Uhr, erreichte man Corsika und verband das Ende des Taues mit der Station auf Cap Corse. Die Einsenkung des Taues selbst hat nur 34 Stunden in Anspruch genommen; die übrige Zeit mußte das Schiff wegen verschiedener Ausbesserungen am Tau und an den zu schwachen Maschinen anhalten; während 40 Stunden lag es ruhig an einer Stelle ohne anderen Anker als das Drahtseil selbst, welches an dieser Stelle in 250 Faden Tiefe den Meeresboden berührte.

Die Legung der zweiten unterseeischen Strecke, zwischen Corsika und Sardinien soll seitdem von Hrn. Brett auch glücklich bewirkt worden seyn. Das für die dritte und längste Strecke, von Cap Teulada an der Südspitze von Sardinien nach der afrikanischen Küste bei Bona, bestimmte Tau sott ebenfalls schon nahezu vollendet seyn; es erhält eine Länge von 140 englischen Meilen, und wird in derselben Weise ausgeführt, wie die ersten Theile der Leitung. Die Seile zu diesen drei unter Wasser geführten Strecken werden zusammen also eine Länge von 250 engl. Meilen und ein Gewicht von nicht weniger als 1970 Tonnen ( = 38,885 preuß. Centner = 40,012 Zoll-Centner) besitzen.

Nach Legung dieses dritten Seiles, welche angeblich noch im Laufe dieses Herbstes zu gewärtigen steht, wird dann eine Verbindung zwischen dem europäischen Telegraphen-Netze und den französischen Telegraphen-Linien in Algier hergestellt seyn,

da bis dahin ohne Zweifel auch die Landleitungen auf den Inseln Corsika und Sardinien und die Leitung von Genua nach Spezzia vollendet seyn werden. In Paris fühlt man sich nicht wenig befriedigt von dem Gedanken, daß alsdann Nachrichten aus Algier in kürzerer Zeit dorthin gelangen werden, als jetzt aus Batignolles. (Zeitschrift des deutsch-österreichischen Telegraphen-Vereins, Juli 154, S. 174.)

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