Titel: Pattenkofer, über die Weingeist-Fabrication aus Holz.
Autor: Pettenkofer, Max Josef
Fundstelle: 1855, Band 136, Nr. LXXXIX. (S. 387–391)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj136/ar136089

LXXXIX. Ueber die Weingeist-Fabrication aus Holz; von Professor Dr. Max Pettenkofer.

Vortrag desselben bei der Monatsversammlung des polytechnischen Vereins für Bayern am 26. Februar 1855. – Aus dem bayer. Kunst- und Gewerbeblatt, 1855, S. 136.

Dem polytechnischen Verein (in München) wurde folgende Frage vorgelegt: „In Paris errichtet eine Gesellschaft unter der Leitung von Pelouze eine Fabrik zur Bereitung von Weingeist aus Holzfaser.50) |388| Welche Aussichten hat dieser Industriezweig und welche national-ökonomische Bedeutung ist ihm beizulegen?“

Eine exacte Beantwortung dieser Frage ist uns bei der Neuheit dieses Industriezweiges, und dem Wenigen, was hierüber vorliegt, fast unmöglich; wir beschränken uns daher darzuthun, auf welche Art aus Holzfaser Weingeist gewonnen werden kann und in welchem Verhältniß diese Fabrication zur allgemein gebräuchlichen Kartoffelbranntweingewinnung steht.

Schon vor einigen Decennien war es Braconnot gelungen, aus Pflanzenfaser (Cellulose) unter Einfluß chemischer Agentien Traubenzucker darzustellen. Immer ist es nur der Traubenzucker, der uns Weingeist liefert; selbst Rohrzucker muß erst in diesen übergeführt werden, um bei der Gährung Weingeist liefern zu können, so wie das Stärkmehl der Kartoffel und das der Gerste, ersteres durch Malz, letzteres durch den Keim- und Maischproceß in Stärkegummi und Zucker verwandelt werden muß.

Wir kennen in der ganzen Natur keinen anderen Körper, der bei der Gährung Weingeist gibt, als eben den Traubenzucker; dieß ist so sicher, daß wir ihn sogar an dieser Eigenschaft erkennen und dem Gewichte nach bestimmen.

Braconnot zeigte uns in der concentrirten Schwefelsäure ein Mittel, um aus Holzfaser Zucker zu gewinnen. Uebergießt man Holzfaser (Pflanzenfaser, Papier, Leinwand) mit Schwefelsäure, so löst sich dieselbe zu einer schleimigen Flüssigkeit auf. Verdünnt man nun mit Wasser und kocht einige Stunden, so wird Traubenzucker gebildet. Man hat jetzt Zucker und verdünnte Schwefelsäure in Lösung. Letztere muß vorerst entfernt |389| werden, was durch feingestoßene Kreide erreicht wird. Es bildet sich schwefelsaurer Kalk (Gyps) der unlöslich zu Boden fällt.

Die überstehende Flüssigkeit, welche jetzt nur Zucker mit etwas Gyps enthält, wird mit Ferment versetzt und gibt eine der Zuckermenge entsprechende Quantität Weingeist. Das Verfahren, welches man gegenwärtig in Paris anwendet, dürste den Hauptoperationen nach dasselbe seyn. Was die Gewichtsverhältnisse betrifft, so braucht man auf 2 Theile Holzfaser gewiß 3 Theile concentrirte Schwefelsäure von 66° Baumé. Es ist möglich, daß unter Anwendung von Wärme die Concentration der Säure vermindert, also auch der Säureverbrauch verringert werden kann. Sicher bleibt aber, daß immer ein großer Säureüberschuß vorhanden seyn muß, um den Proceß einzuleiten, wenn anders das Verfahren gelingen soll. Es ist gewiß ein beachtenswerthes Zeichen unserer Zeit, daß die Industrie Mittel zu ersinnen bemüht ist, jene Stoffe für ihren Bedarf entbehrlich zu machen, welche zugleich Nahrungsmittel des Volkes bilden; denn bisher wurde fast aller Alkohol aus dem Stärkmehl unserer Nahrungspflanzen gezogen. – Wir wollen nun sehen, wie sich obengenannter Industriezweig in ökonomischer Beziehung (dieß kann ja nur die Hauptfrage und die allein entscheidende seyn) verhält.

Da wir sowohl bei der Holzgewinnung als beim Kartoffelbau an die organische Natur gebunden sind, so drängt sich uns sogleich die Frage auf, wie viel producirt eine gewisse Fläche Landes jährlich an Material für die Weingeistbereitung. Wir gehen zunächst von der Kartoffelernte aus. Ein bayerisches Tagwerk (= 40,000 Quadratfuß) liefert jährlich im Durchschnitt 30 Scheffel (90 Centner) Kartoffeln, welchen etwas über 14 Centner Stärkmehl entsprechen. Aus diesem gewinnt man der Erfahrung gemäß im günstigsten Falle 8 Centner absoluten Weingeist. Es ist noch anzuführen, daß man zur Ueberführung des Stärkmehls in Zucker 5 bis 10 Procent Malz anwendet, was also eine bedeutende Production von Gerste bedingt. Betrachten wir die Holzgewinnung etwas näher, so ergibt sich, daß auf 1 Tagwerk jährlich 18 Centner Holz erzielt werden. Diese Zahl setzt schon den besten Waldgrund voraus. Dieses Holz enthält aber viel Wasser, Harz und eiweißartige Körper, die für diese Fabrication keinen Werth haben. Es bleiben an trockenem Holz nur gegen 14 Centner. Um diese in Traubenzucker zu verwandeln, dürfte ein Verbrauch von 19 Centnern concentrirter Schwefelsäure nicht zu hoch angeschlagen seyn. Der Weingeistgewinn wäre dann ungefähr 7 Centner. Diese Zahl ist zunächst eine aus der Traubenzuckergewinnung berechnete, während bei dem Kartoffelweingeist uns die Erfahrung bereits das genaue |390| Resultat angegeben hat. Daß wir von einem Tagwerk Kartoffelland 8 Centner absoluten Alkohol gewinnen, ist bereits erfahrungsgemäß; daß wir aber von einem Tagwerk Waldgrund 7 Centner Alkohol wirklich erhalten werden, ist vorläufig nur eine Möglichkeit, welche eine bis zum Ideal vervollkommnete Methode voraussetzt. Aber dieses angenommen, gewinnt man von einem bayerischen Tagwerk Kartoffellandes 8 Centner, aus Holz 7 Centner absoluten Alkohol. – In Beziehung auf die Production dieses Rohmaterials ist zu bemerken, daß das Holz im Walde wächst, ohne daß wir gerade viel Mühe und Sorgfalt darauf zu verwenden haben, im Vergleich zum Kartoffelbaue. Aber die beim Holze auf das äußerste durchzuführende Verkleinerung (und darauf wird es ankommen, um günstige Resultate zu erzielen) wird viel Zeit und Arbeitskräfte in Anspruch nehmen, so daß sich oben angedeuteter Vortheil bereits hierdurch theilweise aufheben wird. Nun kommen noch die Ausgaben für Schwefelsäure und Kreide dazu. Ob der als Nebenproduct gewonnene Gyps die Kosten des Verbrauchs an Schwefelsäure in einem erheblichen Maaße decken wird, ist sehr zu bezweifeln. Das Erwärmen der Flüssigkeit erfordert auch einen bedeutenden Aufwand an Brennstoff, was bei der gegenwärtig gebräuchlichen Kartoffelbranntweinbrennerei nicht in diesem ausgedehnten Maaße der Fall ist.

Andererseits ist nicht abzusehen, daß die Kartoffelbranntweingewinnung ohne Nachtheil ganz verdrängt werden kann; denn diese steht mit der Landwirthschaft in innigem Verbande. Es ist nämlich der Rückstand, die sogenannte Kartoffelschlempe, ein für die Viehmästung so ausgezeichnet werthvolles Futter. Eine natürliche Folge unserer gegenwärtig hohen Getreide- und Kartoffelpreise ist also auch der sich immer erhöhende Werth des Weingeists und der aus ihm gewonnenen Producte.

Es ist gewiß beachtenswerth, daß, wie schon oben erwähnt wurde, das Streben, nämlich die Nahrungsmittel der directen Volksernährung zu erhalten, anstatt sie zur Erzeugung von Stoffen für die Technik zu verwenden, bereits bis zu einem gewissen Grade durchgedrungen ist und glückliche Resultate erzielt hat. Wir meinen hier namentlich die Essigsäurebereitung, die sonst allein vom Weingeist abhängig war. Die durch trockene Destillation des Holzes gewonnene rohe Holzessigsäure wird jetzt gereinigt, theils als Essigsäure, theils als Speiseessig in den Handel gebracht. Seitdem hat auch ein Nebenproduct der Holzgasfabrication seine Verwerthung erfahren, nämlich eben dieser Holzessig, aus dem man jetzt in allen Holzgasfabriken holzessigsauren Kalk darstellt und denselben vortheilhaft an Essigsäurefabriken verkauft.

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Die Fabrik der HHrn. Engelmann und Böhringer im Schwarzwald verarbeitet gegenwärtig sehr große Mengen Holzessig auf reine Essigsäure. Seit einigen Jahren verwendet man in Stuttgart in Haushaltungen mit Vortheil statt des Weingeists, wo er als Wärmequelle dient (für Thee- und Kaffeemaschinen) den sogenannten Holzgeist, eine dem Weingeist analoge Verbindung. Nur die Höhe der Weingeistpreise machte es rentabel, denselben zu gewinnen. Auch England, wo die Nahrung einen fast enormen Preis hat, war darauf bedacht, das Consumo des Weingeists durch Essigfabrication zu vermindern, und kaufte in Amerika Waldungen an, deren Holz auf Essigsäure verarbeitet wird.

Wir glauben somit in Kurzem dasjenige, was uns wichtig schien, angeführt zu haben, und ermuntern jene, deren Beruf die Weingeistfabrication insbesondere ist, passende Versuche anzustellen und zu prüfen, in wiefern dieses obenbezeichnete Verfahren das gegenwärtige theilweise zu ersetzen im Stande wäre.

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Man vergleiche polytechn. Journal Bd. CXXXIV S. 219 und 316. – Für England ließ sich der Banquier Hippolyte Bordier zu Orleans das fragliche Verfahren zur Weingeistbereitung aus Holzfaser am 5. Juni 1854 als Mittheilung patentiren. Seine Patentbeschreibung lautet nach dem Repertory of Patent-Inventions, Mai 1855, S. 436 folgendermaßen: „Ich vermische fünf Gewichtstheile Sägespäne, als feines Pulver, mit sechs Theilen Schwefelsäure von 60° Baumé. Diese Substanzen werden mittelst eines kräftigen Zerreibens so innig als möglich mit einander vereinigt, wodurch man ein teigartiges Gemisch erhält. Diesen Teig |388| läßt man 12 Stunden in Ruhe; nachher wird er mit seinem sechsfachen Gewicht Wasser verdünnt und in einen wohl befestigten hölzernen Bottich gebracht, in welchen man mittelst eines Bleirohrs Dampf leitet. Auf diese Weise unterhält man ein rasches und ununterbrochenes Kochen der Flüssigkeit während acht bis zehn Stunden, indem man besorgt ist, das verdampfte Wasser zu ersetzen. Man läßt dann die Flüssigkeit in Ruhe, damit sich die unaufgelösten Holztheilchen absetzen können. Die klare Flüssigkeit wird nachher abgezogen und mit Kreide gesättigt, welche die Schwefelsäure in Form von Gyps niederschlägt. Der so erhaltene Brei oder dicke Teig wird auf Zeugfilter gebracht, damit die Flüssigkeit abziehen kann; der Niederschlag wird auf diesen Filtern noch ausgewaschen und dann in die Presse gebracht. Die Flüssigkeiten werden hierauf vereinigt und in Ruhe gelassen. Nach dem Erkalten versetzt man sie mit einer hinreichenden Menge von Bierhefe und läßt die Gährung in einer geeigneten Localität vor sich gehen. Endlich wird in gewöhnlicher Weise der Weingeist aus der Flüssigkeit abdestillirt; derselbe hat einen angenehmen Geschmack, ist sehr gesund, und zu allen Zwecken anwendbar, wozu man den aus Wein destillirten Alkohol benutzt.“

A. d. Red.

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