Titel: Der chinesische Yam, ein Ersatz für die Kartoffel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 136/Miszelle 13 (S. 78–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj136/mi136mi01_13

Der chinesische Yam, ein Ersatz für die Kartoffel.

Pariser Blätter berichten: Mitte April v. J. hat Hr. Decaisne chinesischen Yam (Dioscorea Batatas) gepflanzt, Stücke von Knollen und drei ganze Knollen. Sie wurden in lockerem Boden in ebene Rabatten eingelegt, 50 Cent. (1 1/2 Fuß) nach allen Richtungen von einander; die Erfahrung hat bewiesen daß sie weit näher aneinander hätten seyn müssen. Die Pflanzen schossen in regelmäßiger Weise auf. Die langen rankenartigen Stengel entwickelten sich kräftig und mit dichten Blättern bedeckt, sie trieben Anfangs August eine Wenge Blüthen, im September wuchsen |79| sie nicht mehr und sie nahmen eine gelbe Farbe an, das Zeichen der nahen Reife der Knollen. Sie waren in drei Loose getheilt. Zwei dieser Loose waren mit starken Stangen von 3 und mehr Meter, das dritte mit Stangen von ungefähr 2 Meter Höhe gestäbelt. Die Yamstengel rankten sich so regelmäßig wie die Bohnen um die Stangen, und reichten bald über sie hinaus. In dem dritten Loose wurden die Pflanzen sich selbst überlassen; ihre Stengel schlangen sich in einander, und breiteten sich am Boden aus ohne dort Wurzel zu schlagen; sie waren nicht völlig so lang wie die gestäbelten. Nirgends wurden die Pflanzen gehäufelt oder gejätet. Am 6 Nov. nahm man sie heraus, und das Ergebniß war folgendes: Die ganz eingelegten Knollen wogen durchschnittlich 300 Gramme. Die bemerkenswerth kräftigen Pflanzen welche sie hervorbrachten, hatten jede eine neue Knolle, zwei dieser Knollen waren sehr groß, und wogen, als man sie herausnahm, 1 Kil. 350 Gr. und 1 Kil. 360 Gr. Decaisne hält diese Legungsart indeß für fehlerhaft. Was die gelegten Knollenstücke betrifft, so gaben die mit Stangen von ungefähr 3 Meter gestäbelten Pflanzen jede eine Knolle im durchschnittlichen Gewicht von 281 Grammen 56 Cent. Die mit Stangen von ungefähr 2 Meter gestäbelten Pflanzen hatten jede eine Knolle im Gewicht von 345 Grammen 18 Cent. Die nicht gestäbelten Pflanzen endlich zeigten jede eine Knolle von 311 Grammen 23 Cent. durchschnittlich im Gewicht. Als Durchschnitt der drei Loose ergibt sich deßhalb 303 Gramme auf die Knolle. Decaisne rechnet nun aber daß jeder Quadratmeter Erde durchschnittlich 20 Fuß Yam zu nähren vermag, was einen Total-Ertrag von 60,000 Kilogrammen Knollen auf die Hektare macht, also zweimal mehr als durchschnittlich die Kartoffel auf derselben Fläche ergibt. „Dieser sehr starke Ertrag,“ sagt Decaisne, „ist allerdings durchaus hypothetisch und auf die günstigsten Boden- und Temperaturbedingungen wenigstens in dem Klima von Paris calculirt; das gesammte Terrain war außerdem gleichförmig bearbeitet. Nach allen Abzügen aber und trotz der höheren Kosten des Einsetzens, das mit den Händen zu geschehen hat, habe ich allen Grund zu der Annahme daß der Ertrag der Dioscorea Batatas weit größer seyn wird als der der Kartoffel, und daß die größere Schwierigkeit des Ausnehmens der Knollen mehr als aufgewogen wird durch das stärkere Verhältniß ihres Nahrungsstoffes. Um die Arbeit des Ausnehmens zu erleichtern, dürfte sich übrigens das Ziehen des Yam an kurz abgeschnittenen Weinreben (billons) empfehlen.“ Das Ausnehmen der Knollen ist in der That die einzige Schwierigkeit welche der Yambau bietet. Bei der steigenden Vervollkommnung der Ackerbaugeräthe indeß darf man annehmen daß diese Schwierigkeit alsbald sich verringern lassen wird.

„Ich nehme,“ sagt Decaisne weiter, „keinen Anstand, meine Ansicht dahin auszusprechen daß der Yam an Qualität weit über der Kartoffel steht. Ich habe freilich noch kein Ergebniß vergleichender Analysen zwischen den beiden Knollen, aber ich glaube daß der Yam an Nahrungsstoff viel reicher ist. Seine Wurzeln sind inwendig weiß wie Schnee, sie haben keine holzigen Fasern, und wenn sie in Wasser gekocht werden, so werden sie so weich daß ein leichtes Pressen genügt einen Teig aus ihnen zu machen wie das schönste Weizenmehl, so daß sie zu Suppen besonders geeignet seyn dürften. Mit Dampf oder in der Asche gekocht, sehen sie aus und schmecken so wie die beste Kartoffel. Vor allen Dingen verdient aber die Schnelligkeit hervorgehoben zu werden mit der sie gahr kochen. Zwei Knollenstücke, das eine von Yam, das andere von weißer Batate von der Größe eines Hühnereies, die gleichzeitig mit einer eben so großen holländischen Kartoffel in siedendes Wasser gelegt wurden, waren das erste und zweite in 10, die Kartoffel erst in 20 Min. gahr. Der Yam kocht also um so viel schneller als die Kartoffeln, wie die Kartoffeln schneller als die mehlhaltigen Körner, selbst die abgeschälten. Man darf nicht vergessen daß gerade das schnelle Gahrwerden zu der Verbreitung der Kartoffel wesentlich beigetragen hat; der Vortheil beim Yam ist aber noch weit größer.“ Decaisne macht endlich darauf aufmerksam, daß der Yam sich mit Leichtigkeit bis zum nächsten Jahr, und selbst noch länger conservirt, während es bekanntlich nicht gelingt die Kartoffelknollen über den Winter hinaus zu bringen. Die Kartoffel schlägt im Frühjahr auch im Keller aus, der Yam wird weder von Kälte noch von Hitze afficirt, er kann sogar Nässe ertragen. Läßt man ihn in der Erde, so halten sich die Knollen den ganzen Winter unversehrt. (Allgemeine Zeitung, 1855, Nr. 11.)

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