Titel: Ueber die Einwirkung des Kupfers und des Messings auf Zinnober; von K. Karmarsch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 136/Miszelle 4 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj136/mi136mi02_4

Ueber die Einwirkung des Kupfers und des Messings auf Zinnober; von K. Karmarsch.

Es ist öfters bemerkt worden, daß von Kupferstichen mit Zinnober selten schön rothe Abdrücke sich herstellen lassen, weßhalb man für diesen Zweck rothen Lack vorzieht. Diese Erfahrung, welche wenig Aufmerksamkeit erweckt zu haben scheint, weil nicht häufig Veranlassung ist Kupferstiche roth abzudrucken, wurde mir neuerlich durch ein paar verwandte Mittheilungen befreundeter Techniker wieder ins Gedächtniß gerufen.

Zuerst schrieb mir vor etwas mehr als einem Jahre der Besitzer einer großen auswärtigen Buchdruckerei: „Ich habe bei den galvanoplastischen Kupferplatten (Reliefs zum Druck in der Buchdruckerpresse) die Erfahrung gemacht, daß Zinnober und alle damit zusammengesetzten Farben sich nach drei bis vier Abdrücken gänzlich verändern, der Platte selbst einen schwärzlichen Ton geben und dieselbe sehr bald unbrauchbar machen. Wenn mit Zinnober gedruckt wird, so ist der erste Abdruck ganz schön roth; der zweite hat schon einen bräunlichen Ton, und der vierte Druck ist ganz braun; die Platte erscheint dann beinahe schwarz: nach einigen hundert Abdrücken fängt das galvanoplastische Kupfer an sich zu oxydiren.17) Braune Farben, welche nur einen geringen Zusatz von Zinnober enthalten, bringen dieselbe Wirkung auf das Kupfer hervor.“

Kürzlich erfuhr ich ferner, daß einem Spielkartenfabrikanten in Oesterreich, welcher den Versuch gemacht hatte, zum Malen der Steine oder Augen statt der gewöhnlichen aus Pappe gemachten Schablonen solche weit dauerhaftere von dünnem Messingblech anzuwenden, sich mit der rothen Farbe (Zinnober) eine der vorstehenden ganz gleiche Erfahrung darbot. Die rothe Farbe wird nämlich durch den Einfluß des Messings zuerst bräunlich, dann aber – und zwar sehr bald – dunkelbraun, ganz unbrauchbar.

Die in den angeführten Fällen auftretenden Erscheinungen weisen auf eine Bildung von Schwefelkupfer hin, wozu der Zinnober den Schwefel hergeben muß. Daraus folgt indessen noch keineswegs eine Zersetzung des Zinnobers (Schwefelquecksilbers) durch die Einwirkung des Kupfers. Eine solche Zersetzung ist unter den hier vorhandenen Umständen (bei gewöhnlicher Temperatur) überhaupt höchst unwahrscheinlich, und die chemischen Handbücher enthalten in der That keine entsprechend |154| auszulegende Andeutung. Es bleibt daher zunächst nur die Vermuthung übrig, daß der Zinnober eine geringe Menge überflüssigen Schwefels oder irgend einer Schwefelverbindung enthalten möge, worauf das Kupfer einwirken kann um sich in Schwefelkupfer zu verwandeln. Den Gegenstand näher zu untersuchen, schien mir jedenfalls interessant, zumal denkbarer Weise die Aufklärung desselben zu einem Mittel führen konnte, den Zinnober für den Kupferdruck tauglich zu machen.

Mein erstes Bestreben zielte darauf ab, die Erscheinung an sich mit eigenen Augen kennen zu lernen. Ich legte zu diesem Zwecke blanke Kupferstücke in eine zu deren Bedeckung eben nur hinreichende Menge dünnen Breies, den ich aus Zinnober und Wasser angemacht hatte. Eine Veränderung der Farbe zeigte sich bald und nahm allmählich zu, bis nach 24 Stunden die herausgenommenen und abgewaschenen Kupferstücke mit einer glatten, fest anhängenden graubraunen Bronzirung (ohne Zweifel Schwefelkupfer) überzogen erschienen; der Zinnober hatte nun eine schmutzig rothbraune Farbe.

Ich kochte ferner blanke Messingblechschnitzel eine Stunde lang mit Wasser und Zinnober. Das Messing zeigte sich hiernach auf seiner ganzen Oberfläche schwarz angelaufen; der Zinnober hatte an Schönheit der Farbe verloren, jedoch nicht sehr auffallend, weil dessen Menge verhältnißmäßig groß war.

Daß die Veränderung schneller und auffallender beim Drucken mit Zinnober oder beim Hindurchbürsten desselben durch Schablonen stattfindet, kann nicht überraschen, da in diesen Fällen stets eine kleine Menge Zinnober mit beziehungsweise großen Kupfer- oder Messingoberflächen in Berührung kommt, und theilweise auch die mechanische Gewalt (des Druckes oder des Reibens mit der Bürste) eine Einmengung des entstandenen Schwefelkupfers in den Zinnober befördern mag.

War meine Vermuthung – daß eine Verunreinigung des Zinnobers mit überflüssigem Schwefel oder irgend einer fremden Schwefelverbindung dem Erfolg zu Grunde liege – richtig, so ließen sich ohne weiteres drei Folgerungen ableiten, welche durch Experiment zu bekräftigen waren:

1) Die Einwirkung des Kupfers oder Messings auf dieselbe Portion Zinnober muß sehr bald ihr Ende erreichen; und bringt man dann neues Metall hinzu, so kann dieses keine Veränderung (kein Schwarzwerden) mehr erleiden.

2) Entzieht man dem Zinnober durch eine vorläufige Behandlung die vorausgesetzte Verunreinigung, so muß schon das erste hinzugebrachte Metall unangegriffen und der Zinnober selbst unverändert bleiben.

3) Unter den käuflichen Zinnober-Sorten müssen sich – da sie naturgemäß von verschiedenen Graden der Reinheit sind – auch wohl solche finden, welche das Kupfer und Messing nicht angreifen, an sich selbst also durch diese Metalle nicht verändert (gebräunt) werden.

Die folgenden Versuche wurden mit Hinsicht auf diese drei Sätze angestellt.

1) In den Zinnoberbrei, welcher zuerst die hineingelegten Kupferstücke stark braun bronzirt hatte, wurde ein neues blankes Stück Kupfer gebracht; dieses zeigte sich nach 24 Stunden nur sehr schwach, und nur auf einem Theile seiner Oberfläche bräunlichgrau angelaufen, hatte im Uebrigen Metallfarbe und Metallglanz unverändert beibehalten. – Zum drittenmal wurde nun ein blankes Kupferstück in denselben Brei gelegt; dieses ging nach 24 Stunden völlig unangegriffen daraus hervor.

Der mit Messingschnitzeln versetzte Zinnober, welcher alle diese Schnitzel schwarz gefärbt hatte, wurde mit neuen blanken Stückchen Messingblech und Wasser mehrere Stunden lang abermals gekocht; das Messing verlor aber hierbei durchaus nichts von seiner gelben Metallfarbe und seinem Glanze.

2) Um den Zinnober zu reinigen, kochte ich ihn mit einer Auflösung von kohlensaurem Kali (gereinigter Potasche), wusch ihn dann mit Wasser auf das sorgfältigste aus. – Die nach dem Kochen über dem Zinnober stehende Flüssigkeit zeigte eine starke hellgelbe Farbe (wie von einer geringen Menge darin enthaltenen Schwefelkaliums); der gewaschene Zinnober, nun mit reinem Wasser und Messingblech gekocht, veränderte letzteres durchaus nicht.

3) Hr. Dr. Heeren hatte auf mein Ersuchen die Gefälligkeit, sechs Sorten Zinnober verschiedenen Ursprungs auf ihr Verhalten bei fünf Minuten langem Kochen |155| mit kohlensaurem Kali, und zum Theil beim Zusammenbringen mit Wasser und blankem Kupfer zu prüfen; nämlich:

A. Ordinärer Zinnober, sicher auf trockenem Wege bereitet;

B. Chinesischer Zinnober;

C. Karminfarbiger Zinnober, von Sattler in Schweinfurt;

D. Auf nassem Wege bereiteter Zinnober, von Desmoulins in Paris, bezeichnet: Clair;

E. Eben solcher, bezeichnet: F;

F. Ebensolcher, bezeichnet FF (schönste Sorte).

Die Ergebnisse waren folgende:

Sorte. Verhalten mit kohlensaurem Kali. Verhalten zum Kupfer.
A Flüssigkeit stark gelb gefärbt. Kupfer ziemlich stark angelaufen.
B „ völlig farblos.
C „ deßgleichen. Das Kupfer blieb ganz rein.
D „ etwas gelb. Das Kupfer schwach angelaufen.
E „ schwächer gelb.
F „ noch schwächer gelb. Die untere Seite des Kupfers deutlich braun gefärbt.

Es leuchtet hieraus hervor, daß die Stärke der Einwirkung auf das Kupfer im geraden Verhältnisse mit der Färbung steht, welche der Auflösung des kohlensauren Kali mitgetheilt wird; und dieß mußte erwartet werden, da beide Erscheinungen offenbar von derselben Ursache herrühren.

Als Endresultat der ganzen Untersuchung glaube ich Folgendes hinstellen zu dürfen:

I. Viele, vielleicht die meisten, aber nicht alle im Handel vorkommenden Zinnobersorten schwärzen Kupfer und Messing, und büßen dabei die Schönheit ihrer Farbe ein.

II. Diese Erscheinung hat ihren Grund in einer Bildung von Schwefelkupfer.

III. Der an das Kupfer tretende Schwefel stammt nicht aus dem Zinnober als solchem, sondern von einer Verunreinigung desselben her.

IV. Durch vorläufiges Kochen mit einer Auflösung von kohlensaurem Kali (welche sich dabei färbt), und darauf folgendes sorgfältiges Auswaschen, kann die verunreinigende Schwefelverbindung entfernt, der Zinnober also gegen Kupfer und Messing unempfindlich gemacht werden.

V. Zu denjenigen technischen Anwendungen, wobei der Zinnober mit Kupfer oder Messing in Berührung kommt, muß man entweder die unter IV. erwähnte Reinigung desselben vornehmen18), oder aber einen solchen Zinnober auswählen, welcher beim Kochen mit Wasser und kohlensaurem Kali dieser Flüssigkeit keine gelbliche Färbung ertheilt. (Mittheilungen des hannov. Gewerbevereins, 1854, Heft 6.)

|153|

Die stattfindende chemische Veränderung des Kupfers ist keine Oxydation, der Ausdruck bezeichnet daher nur den Charakter des äußern Ansehens.

K.

|155|

In Betreff der Reinigung durch Auskochen mit kohlensaurem Kali muß ich die Bemerkung hinzufügen, daß sie nicht in allen Fällen anwendbar ist. Ich fand nämlich, daß der von mir zu den Versuchen angewendete Zinnober durch die Behandlung mit kohlensaurem Kali seine schöne Farbe verlor und stark bräunlich wurde. Dagegen veränderten die von Hrn. Dr. Heeren mit kohlensaurem Kali gekochten Zinnober-Sorten sämmtlich ihre Farbe nicht.

K.

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